Lackierte Nägel und rosa Handys stehen für wahre Männlichkeit

Kurz vor unserer Hochzeit hat meine Frau mich ernsthaft gefragt, ob ich schwul sei. „Mh, lass mich überlegen…“ Oke, man sollte ehrlich sein vor so einem wichtigen Moment im Leben. Ich gehe kurz in mich und überprüfe meine Männlichkeit.

Schon früher war ich anders als andere Kinder. Habe keine Computerspiele gespielt und mich nie für schnelle Autos interessiert oder gar bei Schlägereien mitgemacht. Außerdem war ich mit mehr Frauen als Männern befreundet. Mein bester Freund war eine Frau und musikalisch steh ich total auf Robbie Williams. „Wie meinst du das?“ frage ich sie leicht irritiert.

Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft, sind offen für Andersheit und Diversity. Wir haben nichts gegen Schwule, Lesben oder Bisexuelle. Wir wollen, dass unsere Kinder mit offenen Augen und offenem Herzen groß werden, die gesellschaftlichen Schubladen sprengen und die Welt als einen großen Platz der Vielfalt und Andersheit ansehen. Wir leben im Hedonismus, im Postmateralismus und wollen alle irgendwie anders, besonders und vor allem indivuell sein. Weil wir individuell sind!

Doch schaut man z.B. in Modekataloge, dann sieht man die typischen Stereotypen: Blau gleich männlich und Rosa gleich weiblich. „Also wir ziehen unser Kind ja bunt an!“ – Ja und warum hat dann euer Mädchen nur rosa Klamotten an und der Junge dahinten nur blaue Sachen an? Mensch Kinners, was leben wir denn da vor? Natürlich gibt all das uns Sicherheit, aber wir drücken unsere Kinder doch in die selben Schubladen, in die wir gedrückt wurden. Wer sagt denn, dass Männer statt Grau und Schwarz nicht Rosa tragen dürfen oder Händchen halten können? Dieses »das geht nicht« findet in unseren Köpfen statt! Soetwas ist in unserer Gesellschaft verpönt.

Kann auch sein, dass ich mit meinem roségoldenen Smartphone das Weltbild mancher Menschen durcheinander bringe. „Ey, hast du dich beim Bestellen verklickt?“ oder „Warste besoffen, ne?“ und auch gerne „Wette verloren, scheiße, wa?“ sind da noch harmlos. Aber hej, gern geschehen. Wenn ich dich damit irritieren kann, dann habe ich das gerne gemacht. „Also wir ziehen unseren Jungen auch manchmal rosa an.“ und dann folgt oft: „Wieso hast du ein rosa Handy?“ Oke, ich muss jetzt etwas klarstellen! Erstens, das Handy ist roségold, zweitens, verwechsel Vorbild nicht mit Vorurteil!

Voller Überzeugung antworte ich meiner Frau also nach kurzer Überlegung: „Alles gut, ich bin nicht schwul, nur anders.“ Sie weiß, dass ich Ironie nicht verstehe und zieht mich damit auf. Sie kennt und liebt mich so wie ich bin. Das mit der Ironie werde ich allerdings wohl nie verstehen. Ich freue mich jedenfalls auf die Zeit, wenn ich mit lackierten Nägeln auf die Arbeit komme. Natürlich in Roségold.

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