Wie ich meine Hochsensibilität erkannt habe und mein Leben gestalte

Von Natur aus bin ich ein Mensch, der sich immer viele Gedanken macht. Das wissen meine Freunde und meine Familie. Das weiß auch ich. Als Vater in Elternzeit habe ich zwar nicht viel Zeit dafür, doch gerade beim Spielen mit Töchterchen blitzen hier und da Verbindungen, Erfahrungen und eben Gedanken an die eigene Kindheit auf. Das hat mich veranlasst, meine Hochsensibilität genauer unter die Lupe zu nehmen.

Hochsensibilität und ihre Ausdrucksformen

Mit Bezug auf Hochsensibiliät (HSP = High Sensitive Person) stolpere ich immer wieder über skurrile Charakter- oder Persönlichkeitseigenschaften. Und zwar nicht die von anderen, sondern über meine eigenen. Warum bin ich zum Beispiel so vergesslich? Es zeichnete sich schon als kleiner Junge ab. Wenn meine Mutter mich zum Sachen holen in den Keller schickte, habe ich mir nur 3 Dinge merken können. „Bringst du mir bitte Mehl, Kartoffeln und Zwiebel aus dem Keller und schaltest die Waschmaschine aus?“ Klaro, nichts leichter als das. Denkste. Die Waschmaschine habe ich ausgeschaltet, aber Mehl habe ich vergessen. Das ging teilweise soweit, dass ich unten im Keller stand und sämtliche Regale durchsucht habe, um zu finden, was ich vergessen habe.

Auf dem Fahrradweg zur Schule muss ich meinen Nachbarn und Kumpel Frank wohl ziemlich auf die Nerven gegangen sein. Ständig musste er sich mein Gefasel von der schönen Natur, den Erlebnissen am Flugplatz, den Begegnungen mit Vögeln und den tollen Wolkenbildern anhören. Gleichzeitig fluchte ich über das regnerische Wetter oder freute mich sehr über den Sonnenschein. Meistens holte er mich ab, weil ich mich mal wieder verspätet hatte. Die Nacht schlug ich mir oft mit dem Schreiben von Internetseiten um die Ohren. Entsprechend schlecht kam ich aus dem Bett. Ich kann verstehen, wenn unsere Freundschaft nicht über die Schulzeit hinaus bestand hatte.

Achtung Ironie

Zeige mir einen Fettnapf und ich springe sofort hinein. Ehrlich jetzt, Ironie, Sarkasmus und Witze verstehe ich nicht. Das mag an meinem Gutglauben liegen aber sicherlich nicht an meinem IQ. In einer Vorlesung hat mich ein Dozent mal richtig vorgeführt, ohne dass ich davon etwas mitbekommen habe. Erst hinterher kamen Kommilitonen auf mich zu und meinten, dass ich mir das Verhalten doch nicht bieten lassen solle. Mir war nichts aufgefallen. Gleiches gilt für erfundene Geschichten. Einmal haben wir mit der Familie ein Gesellschaftsspiel (Erwischt) gespielt. Mit der Schwiegermutter kam ich nebenbei ins Gespräch und merkte nicht, wie sie mir einen Bären aufband. Mit dieser Falle hatte ich das Spiel verloren und den Spott auf meiner Seite.

Viele Emotionen und körperliche Reaktionen

Gleichzeitig bin ich emotional unheimlich überwältigt von kleinen Freuden oder traurigen Ereignissen im Alltag. So richtig klar geworden ist mir das erst, als wir als Familie einmal eine Serie geschaut hatten. In einer Szene starb jemand, was mich so unendlich ergriffen hat, dass ich Rotz und Wasser geheult habe. Alle waren mega irritiert darüber, es war ja nichts vorgefallen. Meine Schwester hat mich dann in den Arm genommen, was die Situation nicht besser gemacht hat. Das ist seitdem immer wieder Thema. Und selbst heute noch kullern mir riesige Krokodilstränen aus den Augen, wenn ich solche Szenen im TV oder Kino sehe. Dabei zieht sich mein Magen so derbe zusammen, als wenn ich live bei einer Beerdigung dabei wäre. Über Horrorfilme fange ich gar nicht erst an zu schreiben.

Aber es gibt noch andere Eigenschaften. Lange war ich in Behandlung wegen möglicher Allergien, ohne dass eine festgestellt werden konnte. Doch meine Haut, mein Körper reagiert überempfindlich auf äußere Reize. Schon geringer Lärm schmerzt meine Ohren, Wärme lässt meine Haut fleckig werden, Kälte ist schmerzhaft und Düfte nehme ich übertrieben stark wahr, oft als erster. Scharfe Soßen kann ich nicht essen, selbst milder Senf ist mir zu scharf. Gleichzeitig mag ich es nicht, wenn mich jemand berührt, von dem ich es nicht will. Vor zwei Jahren war ich auf einem Konzert von Kraftklub. Meine Frau zog mich nach ganz vorne. Ich bekam Herzrasen und Herzklopfen. Mir war das zu viel. Zu laut, zu viele Menschen, einfach zu viel. Mein Körper schrie nach Ruhe.

Konflikte als Herausforderung

Darüber hinaus kann ich Spannungen und Konflikte nur sehr schwer aushalten. Schon als junger Mann habe ich mich nicht mit gleichaltrigen Rivalen geprügelt. Ging es um ein schönes Mädchen, habe ich den Vortritt gegeben. Debatten führe ich gerne, wenn sie wertschätzend sind und auf Augenhöhe geschehen. Als Rekrut war ich 9 Monate bei der Bundeswehr und habe mir keine Freunde gemacht. Zu verschieden waren die Ansichten von Menschenführung und Wertschätzung. Heute würde ich Zivildienst leisten. Ich mag Experte sein in Konfliktmanagement und Mediation, doch nehme ich in Konflikten eher die Vermittlerrolle ein, als die provokante Rolle. Man könnte auch sagen, dass ich harmoniebedürftig bin. Eine Freundin sagte mal über mich, ich sei ein „Atmosphären-Typ“. Mir gefällt der Ausdruck.

Perfektionismus und Sinn für Harmonie

Ärgern kann man mich nicht nur mit ironischen Äußerungen, sondern besonders in Kombination mit meinem Perfektionismus. Das hat teilweise schon autistische Züge, grenzt sich aber auch hier klar davon ab. Ich habe es gerne harmonisch, besonders, wenn es kreativ wird. Gerade Linien, Sinn für Ordnung (im künstlerischen Bereich) bzw. kreativem Chaos. Gerne rücke ich im Alltag Stifte parallel nebeneinander oder hänge Bilder wieder zurecht. Wenn ich das nicht mache, stört mich die Unordnung so dermaßen, dass ich keinem Gespräch mehr folgen kann und mein Wahrnehmungsfilter nur darauf fixiert ist. Meine Frau bringt gerne meine Harmonie durcheinander, indem sie provokant den Stift um ein paar Grad versetzt. Ist das jetzt Ironie, Sarkasmus oder einfach nur witzig? Ich weiß es nicht.

70% sind introvertiert, 30% sind extravertiert

Begeisterungsfähigkeit und Sprunghaftigkeit sind ebenfalls Anzeichen meiner Persönlichkeit. Ich bin ein extravertierter Mann, der gerne vor vielen Menschen steht, ohne jedoch im Mittelpunkt zu stehen. Auch komplizierte Sachverhalte kann ich vor Publikum wiedergeben. Doch wenn es zu viele Reize gibt, dann bin ich überflutet und brauche Rückzug und Stille, Ruhe und Einkehr. Krasse Gegensätze, oder? Sprunghaftigkeit habe ich gleichgesetzt mit Begeisterungsfähigkeit, weil ich sehr kreativ und ideenreich bin und alles sofort umsetzen möchte. Mit der Zeit habe ich gelernt, konstruktiv mit einem Plan an Dinge herauszugehen. Da wo Kreativität gefragt ist, kann ich glänzen.

Bei vielen Entscheidungen verlasse ich mich auf meinen Bauch, bzw. auf meine Intuition. Ich werde zur Diva, wenn ich hungrig bin, bzw. sacke gerne mal zusammen, wenn Energie fehlt. Stress ist für mich ein inneres Durcheinander, sodass ich ein Piepen auf den Ohren bekomme oder den Pulsschlag im Ohr hören kann. Klingt komisch, ist aber so. Gleichzeitig betrachte ich gerne komplexe Zusammenhänge aus der Meta-Ebene heraus und beteilige mich an Diskussionen oder Projekten aus dem Hintergrund. Und auch erst dann, wenn es kompliziert wird.

Hochsensibilität ist keine Krankheit

Hochsensibilität ist übrigens keine Krankheit und lässt sich somit sehr gut von Persönlichkeitsstörungen wie Borderline oder Narzissmus abgrenzen. Eine schöne Auflistung gibt übrigens das Buch von Sylvia Harke, das HSP sehr gut beschreibt und in dem ich viele Gemeinsamkeiten gefunden habe. Doch nicht alls HSPs haben identische Kanäle, auf den sie wahrnehmen. Folgende Punkte stammen von http://www.zartbesaitet.net

  • Sensorisch sensible Menschen haben besonders feine Sinneswahrnehmungen: Geräusche, Gerüche, Licht und Farben wirken auf sie besonders stark. Oft haben sie in diesen Bereichen eine Begabung: musisch, künstlerisch, ästhetisch. ev. Nachteile: oft besonders lärmempfindlich, leicht irritiert, von vielen Sinneseindrücken schneller überlastet.
  • Emotional sensible Menschen nehmen besonders die Feinheiten in zwischenmenschlichen Bereichen auf. Sie sind mitfühlend, hilfsbereit, empathisch, oft besonders genaue Zuhörer mit starker Intuition. Herausforderungen: fühlen sich oft überfordert von der Last all dessen, was sie wahrnehmen.Oft reagieren sie in Gesprächen auf die Untertöne stärker als auf die ausgesprochene Botschaft des Gesprächspartners.
  • Kognitiv sensible Menschen haben ein starkes ‚Gefühl‘ für Logik, für ‚Wahr oder Falsch‘, und denken in sehr komplexen Zusammenhängen. Haben oft besondere Begabungen auf wissenschaftlichem oder technischen Gebiet.
    Probleme können sich ergeben, wenn das komplexe Denken die Kommunikation im Alltag behindert.

Generell kann man sagen, dass die Wahrnehmungsfilter von hochsensiblen Menschen viel ausgeprägter sind, als die von nicht hochsensiblen Menschen. Das kann Fluch oder Segen sein, je nachdem, ob man die Gabe annimmt und akzeptiert oder nicht. Und das Annehmen und Akzeptieren ist gar nicht so einfach.

Mein Persönlichkeitstypus

Dieses Anderssein ist eine große Herausforderung für mich. Früher habe ich immer gedacht, ich sei schwul, weil ich ja anders bin als die anderen. Dann werde ich gerne als arrogant, besserwisserisch oder hochnäsig bezeichnet. Das hat mich eine Zeit lang sehr verletzt, was zu inneren Konflikten führte. Mich hat das alles sehr aufgewühlt.

Nach Sylvia Harke kann ich folgende Persönlichkeitseigenschaften an mir feststellen:

  • Intuition und Aufschnappen von Stimmungen (Atmosphärentyp)
  • Gerechtigkeitssinn und Einsatz für Schwächere (Hej, ich bin Sozialpädagoge)
  • Sinnsuche und tiefes Verarbeiten von Ereignissen (Warum ist das jetzt so? Gerne in der Meta-Ebene)
  • Naturerlebnisse haben einen großen Einfluss (Ruhe, Entspannung, Energie tanken, Ausgleich)
  • ausgeprägte Kreativität und Analysefähigkeit (Innovationsbereitschaft)
  • Scanner-Persönlichkeit (siehe unten)
  • hohe Verbundenheit zu Familie, Freunden, Tieren und Natur

Ja, ich ticke anders, aber das wird meine Familie und werden meine Freunde schon wissen. Doch jetzt habe ich endlich den Schlüssel dazu gefunden. Keine Depression, kein Narzissmuss, kein Borderline oder gar Autismus. Nein. Der Schlüssel heißt: Hochsensibilität. Als ich zu dieser Erkenntnis kam, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Richtig geil. Endlich habe ich das Puzzle-Teil gefunden, wonach ich immer gesucht habe. Denn Zeit meines Lebens habe ich mich gefragt, warum ich schon so viele Stationen in meinem Leben, egal ob beruflich, im Ehrenamt oder privat, durchlebt habe und nie wirklich „angekommen“ bin. Nun, das beschreibt die Scanner-Persönlichkeit ganz gut.

Scanner-Persönlichkeit

Anders als bei Hochbegabten, die Super-Genies z.B. in einem mathematisch-naturwissenschaftlichen Gebiet sind, haben Scanner-Persönlichkeiten so vielfältige Begabungen und Interessen, dass ihnen schnell langweilig wird, wenn sie sich eine gewisse Zeit „nur“ auf ein Themengebiet konzentrieren müssen. Menschen, denen es nicht so geht, sind entweder Super-Genies oder Normal (jedenfalls keine HSPs). Damit ist übrigens nicht der IQ gemeint, sondern die Persönlichkeit. Ich sehe mich nicht als hochbegabt an, sondern als hochsensibel. Wenn mich etwas langweilt, dann will ich weg. Herbert Grönemeyer sang mal „[…] Stillstand ist der Tod […]“ was 100% zu mir passt. Wenn ich aber immer wieder Veränderung habe, dann bin ich innovativ. Oder anders herum. Ich bin innovativ und lebe Veränderung. Aber auch nur in vertrauter Umgebung und Atmosphäre. Ihr seht, ein Teufelskreis.

Hach, es tut so gut darüber zu schreiben. Wenn du auch mal so einen HSP-Test machen möchtest, dann schau dir den hier oder diesen an. Es gibt noch viele andere, die in Foren und Büchern beschrieben sind. Zum Einstieg sind die beiden aber nicht schlecht.

Wie es weitergeht

Ich bin unglaublich neugierig, ob HSP vererbt wird. Sicherlich wird sich unsere Kleine einige Dinge abschauen, aber es sind doch eher die emotionalen Eigenschaften, die HSP ausmachen. Jedenfalls bei mir. Unsere Tochter wird in einer HSP-sensiblen Umgebung aufwachsen. Wir werden beobachten, was sie braucht und was sie nicht braucht. Dabei hilft der Attachment Parenting Ansatz sehr gut. Und natürlich unsere Intuition und die regelmäßigen Gespräche. Ich bin meiner Frau so von Herzen dankbar, dass sie mich so nimmt, wie ich bin. Auch wenn sie sich hin und wieder einen Spaß draus macht, sind wir tief miteinander verbunden. Danke Süße!

Was ist mit dir? Kennst du hochsensible Menschen oder bist du selber hochsensibel? Hast du womöglich hochsensible Kinder? Ich bin gespannt auf dein Feedback!

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