Equal Care Day 2017

Wir leben Equal Care! Zusammen mit unserer einjährigen Tochter wohnen wir in einer gemütlichen 60qm Wohnung in Krefeld. Schon bevor sie auf die Welt kam war uns klar, dass wir nicht das klassische Rollenmodell leben werden. Die ersten 14 Monate der Elternzeit haben wir daher gerecht aufgeteilt, um eine gute Beziehung zu unserer Tochter aufzubauen. Gleichzeitig sind wir Familienmenschen und setzen alles daran, dass wir auch in Zukunft die gemeinsame Qualitätszeit über die berufliche Karriere stellen.

Im Rahmen des Equal Care Day 2017 haben wir den Fragebogen von Almut Schnerring und Sascha Verlan beantwortet.

equalcareday.de: Wie ist die CareArbeit bei euch zuhause auf die Erwachsenen verteilt? Gibt es feste Zuständigkeiten?

Heiner: „Corinna verlässt um kurz vor 8 Uhr das Haus, dann beginnt meine Papazeit. Neben den täglichen Care Pflichten nutzen wir die freie Zeit und besuchen den Zoo oder gehen spazieren. Wird die Kleine müde, bringe ich sie ins Bett. Kurz bevor Corinna nach Hause kommt, bleibt noch Zeit zum Kochen.“

Corinna: „Ab 14 Uhr beginnen meine Momente mit der Kleinen. Gleichzeitg versuche ich Heiner etwas zu entlasten. Es wird erledigt, was anfällt, doch einer von uns ist stets für unsere Tochter eingeplant. Wenn mittwochs die Oma und donnerstags der Opa für ein paar Stunden kommen, können wir auch schon mal etwas zusammen unternehmen. Letzte Woche haben wir es zum Beispiel endlich geschafft den Keller aufzuräumen.“

Heiner: „Gegen 19 Uhr, wenn die Kleine schläft, haben wir den Abend für uns. Jeden Dienstag gehen wir mit Freunden Bowling spielen. In dieser Zeit übernimmt der Opa die CareArbeit. Gleichzeitig gestehen wir uns jeweils einen Nachmittag freie Zeit pro Woche zu, damit die eigenen Bedürfnisse nicht auf der Strecke bleiben.“

equalcareday.de: Warum teilt ihr euch anfallende CareArbeit untereinander auf? Welche Vorteile habt ihr dadurch?

Corinna: „Es ist abwechslungsreicher und jeder kann ausreichend Zeit mit unserem Baby verbringen. Eigentlich ist es doch das Normalste von der Welt. Für mich gibt es kein anderes Modell und ehrlich gesagt sehe ich diese Gendergeschichte gar nicht. Wir sind alle Menschen und ich finde, das Geschlecht ist egal für die Aufteilung. Es gibt keine Grundlage, warum eine Frau etwas besser oder schlechter im Haushalt macht als ein Mann.“

Heiner: „Gegenfrage: Warum sollten wir uns die CareArbeit nicht aufteilen? Mit welcher Berechtigung steht es mir als Mann denn zu, mich aus den CareAufgaben herauszuziehen oder warum sollte meine Frau sich aus der Erziehung raushalten? Wieso soll es mir als Mann generell zustehen, Karriere zu machen und meiner Frau nicht?“

Corinna: „Na, es fühlt sich gut an, es ist fair und wir stehen uns näher. Ich kann ein besseres Verständnis für meinen Mann aufbringen, wenn wir die gleichen Aufgaben zu erledigen haben. Zum Beispiel fühle ich erst jetzt seine Gewissenskonflikte aufgrund der Arbeit zu wenig Zeit zu haben für das eigene Kind.“

Heiner: „Außerdem stehen wir immer in Kontakt miteinander und sind uns sehr nahe. Sobald etwas nicht richtig läuft oder wir unsere Bedürfnisse nicht äußern, bekommen wir ein Feedback vom anderen. Das ist nicht immer schön und angenehm, doch hält uns stets zusammen. Wir behalten den Bezug zu unseren eigenen Gefühlen und denen des anderen. Das schafft ein tiefes Vertrauen und eine enge Verbundenheit, auch zu unserer Tochter.“

equalcareday.de: Welche Nachteile und Schwierigkeiten gibt es, welche Hürden?

Corinna: „Es ist aufwändiger alles abzusprechen, wer wann welche Aufgabe übernimmt und wie es gemacht wird. Wenn ich allein für die Erziehung oder für das Baby zuständig wäre, müsste ich mich nicht erklären. Andererseits gibt uns die gemeinsame Aufteilung die Möglichkeit der regelmäßigen Reflexion. Das machen wir meistens am Abend, wenn wir den Tag besprechen.“

Heiner: „Eine Schwierigkeit war die Vereinbarkeit mit meinem bisherigen Job. Ich habe viel am Wochenende und nach Feierabend gearbeitet und habe meine Familie in den ersten 6 Monaten nach der Geburt unserer Kleinen kaum gesehen. Daher haben wir uns entschieden, dass ich kündige und mir einen Teilzeitjob suche, der möglichst hier in der Umgebung liegt. Aber erst einmal bleibe ich zu Hause.“

equalcareday.de: Wäre es nicht praktischer, eine Person würde sich alleine darum kümmern und so auch den Überblick und die Verantwortung behalten?

Corinna: „Es wäre einfacher, ja. Jeder würde sein Ding durchziehen ohne miteinander in Kommunikation treten zu müssen. Wenn etwas falsch laufen würde, wäre der Verantwortliche schnell gefunden. Bei Equal Care ist eine gewisse Toleranz Voraussetzung, denn jeder macht die Dinge anders im Haushalt.“

Heiner: „Stimmt! Mir ist beispielsweise das sorgfältige Aufhängen der Wäsche super wichtig. Daher übernehme ich auch gerne diese Aufgabe und bin Corinna nicht böse, wenn sie es auf ihre Art macht. Wichtig ist letztendlich, dass die Wäsche trocknet.“

Corinna: „Andererseits stört es mich nicht, wenn ich abends die Spielsachen vom Tag wegräume, bevor wir es uns gemütlich machen, da bin ich dann ordentlicher. Die Toleranz besteht darin, nicht die eigenen Gefühle und Bedürfnisse in den anderen hinein zu interpretieren und den eigenen Ordnungssinn als selbstverständlich anzunehmen. Man entwickelt eine Haltung und trägt sie auch nach außen in die Welt.“

Heiner: „Daher sprechen wir sämtliche Themen des täglichen Lebens an und überprüfen unsere Erwartungen dem anderen gegenüber. Das ist nicht immer leicht, ergibt aber für uns einen tiefen Sinn.“

Corinna: „Bei uns ist nicht eine Person für die Erziehung und die andere Person für das Gehalt zuständig, sondern durch die Aufteilung der Aufgaben sind wir alle für unser gemeinsames Glück verantwortlich.“

equalcareday.de: Wann stoßt ihr an Grenzen der fairen Aufteilung?

Corinna: „Die größte Herausforderung ist das Stillen: Nachts stille ich die Kleine und muss dennoch früh morgens zur Arbeit raus. Da ist die Biologie nicht auszutricksen. Das geht im Normalfall gut, doch wenn die Kleine wach bleibt, muss Heiner ran. Wenn wir in unserem Familienbett mehrere schlaflose Nächte hatten und es darum geht, sich zum Kraft auftanken zurückzuziehen, müssen wir uns absprechen, wer wann wie viel Schlaf nachholen kann.“

Heiner: „Die eigene Freizeit ist nicht immer fair verteilt. Wie kann man ein wöchentliches Volleyballtraining von zwei Stunden mit einem kompletten Tag am Flugplatz fürs Segelfliegen aufwiegen? Wir zählen nicht Stunden sondern Bedürfnisse, damit wir ein Gefühl von Gerechtigkeit haben. Immerhin können wir eine gemeinsame Fahrradtour zum Flugplatz machen, wenn ich Fluglehrerdienst habe. So wird das eigene Bedürfnis dann doch zur Familienzeit.“

Corinna: „Meine Eltern passen zwar auch gerne auf unsere Tochter auf, wir wollen sie aber auch nicht zu sehr in Beschlag nehmen. So haben wir auch schon mal eine Feier im Freundeskreis nacheinander besucht: Ich bin bis 23 Uhr auf die Party geblieben und war pünktlich zum ersten nächtlichen Stillen wieder zu Hause. Heiner konnte ab dann Zeit mit den Freunden verbringen.“

equalcareday.de: Hat sich die Verteilung der CareArbeit verändert im Vergleich zur Zeit ohne Kinder?

Corinna: „Durch die Betreuung unserer Tochter sind deutlich mehr Aufgaben hinzugekommen. Wir haben aber auch vorher schon die CareArbeit aufgeteilt. Jeder darf mal kochen, jeder musste mal sauber machen. Wir zählen nicht mit, wer wie oft was macht, es muss eine gefühlte Gerechtigkeit geben.“

Heiner: „Ja, es ist mehr geworden aber auch hier geht nichts ohne Absprachen und Kommunikation. Schon in der Schwangerschaft sind wir beide zu den Vorsorgeuntersuchungen beim Frauenarzt gegangen. Mitlerweile ist es der Kinderarzt, zu dem wir als Familie gehen. Die gemeinsamen Termine sind mehr geworden. Unsere Einstellung hat sich nicht geändert.“

equalcareday.de: Welche Reaktionen bekommst du von anderen?

Corinna: „Jede erdenkliche Reaktion ist schon vorgekommen. Von Zuspruch über Neugierde bishin zu Unverständnis. Die wenigsten machen es so wie wir.“

Heiner: „Wenn ich vormittags mit der Kleinen im Tragetuch durch die Straßen gehe, dann lächeln mich vor allem die älteren Frauen an, was ich schon sehr schön finde. Mit anderen Müttern komme ich schwer ins Gespräch, keine Ahnung warum, vielleicht sollte ich mal die Initiative ergreifen und nachfragen. Im Familien- und Freundeskreis gibt es unterschiedliche Modelle von Care. Wir sprechen uns die Rollen nicht ab und leben unser Ding. Was ich persönlich stark finde, ist der positive Zuspruch von meinen Schwiegereltern, die damals auch eine verteilte CareArbeit hatten. Damals gab es noch eine Omi im Haushalt, die ebenfalls unterstützt hat. Das kenne ich so nicht.“

equalcareday.de: Erzähle von einer Situation oder einem Gespräch, wo du eine positive und eine negative Reaktion erfahren hast.

Heiner: „Die negative Situation halte ich lieber anonym. Neid und Mißgunst sind mir ein paar Mal begegnet. Solche Situationen wühlen mich für einen kurzen Moment innerlich auf und irritieren mich. Dabei offenbaren diese Menschen ihr eigentliches Denken und ihre Haltung gegenüber den neuen Rollen- und Familienmodellen. Sie geben sich modern und offen, doch sind weiterhin auf Karriere aus und beschweren sich, wenn ihre Frau aus dem goldenen Käfig ausbrechen will. Dann denke ich mir oft, dass diese Männer es sicherlich auch anders machen würden, aber letztendlich immer einen vorgeschobenen Grund finden, es doch nicht zu tun. Positiv sind mir vor allem andere moderne Eltern begegnet, die sich riesig über meine Entscheidung freuen. Richtig bestärkt hat mich eine Sprachnachricht eines Freundes, die ich per WhatsApp erhalte habe. Das war eine richtig schöne Überraschung!“

Corinna: „Mir sind andere Mütter begegnet, die mich erstaunt angeschaut haben und meinten »Wie, du möchtest schon nach 7 Monaten wieder arbeiten? Und dann direkt 30 Stunden? Das schaffst du nie!« Die dachten wohl, dass es da keinen Mann im Hintergrund gibt und ich das Baby in die Kita geben muss. Zu wissen, dass Heiner mit der Kleinen zu Hause ist, macht es mir leicht, die 6 Stunden täglich auf der Arbeit zu sein. Die Nachmittage und die gemeinsamen Nächte im Familienbett sowie die Wochenenden erlebe ich nun bewusster als intensive Zeit, auch mit meiner Tochter.“

equalcareday.de: Was würdest du deinem jüngeren Ich mit auf den Weg geben, das weder Kinder hat noch in einer Partnerschaft lebt, wie es mit dazu beitragen kann, dass Equal Care gelingen kann?

Corinna: „Equal Care lebt genauso wie eine ausgeglichene, wertschätzende Beziehung: Kommunikation ist alles, Zeit ist die Voraussetzung.“

Heiner: „Es geht vor allem um Rollenbilder im Kopf. Die bestehenden Klischees setzen sich zwischen den Ohren fest, dabei muss mit dem Herzen gehört und gelebt werden. Niemand möchte in einem goldenen Käfig sitzen und sein Leben nur träumen. Daher ist es doch auch eine Haltung, die viel mit Wertschätzung zu tun hat. Also würde ich dem jungen Heiner sagen, sei wertschätzend, kritisch und mach es anders.“

equalcareday.de: Was wünschst du dir von Politiker*innen?

Heiner: „Führt das Bedingungslose Grundeinkommen ein und setzt damit den Menschen wieder in den Mittelpunkt des Lebens. Wir leben nur das eine Leben und wollen glücklich und selbstbestimmt sein. Besteuert endlich die hohen Einkommen der Reichen und entlastet die Mitte. Beschließt die Finanztransaktionssteuer! Und wenn ihr schon dabei seid, dann nicht mit 0,01-0,05% sondern mit 1-5%!“

Corinna: „Eine 30 Stundenwoche würde es vielen Familien erleichtern, Equal Care zu leben und die typische Rollenverteilung aufzuweichen. Dazu müssten die Löhne und Renten angepasst werden. Außerdem würde es dann, wenn beide arbeiten gehen könnten, ein gleiches Lohnniveau bei Frauen und Männern geben. Die Ausrede, dass die Frau schwanger wird und wegen Kindererziehung ausfällt, zählt nicht.“

equalcareday.de: Was wünschst du dir konkret für deinen Alltag anlässlich des Equal Care Day 2017?

Corinna: „Die Bestärkung, dass sich dieses alternative Familienmodell richtig anfühlt und vielleicht auch andere Paare ermutigt, die klassischen Rollenbilder zu überdenken.“

Heiner: „Wenn die Omi für ein paar Stunden unsere Kleine aufpasst, dann werde ich sicherlich für einen kurzen Moment Zeit haben und an die Entscheidung denken, den Job gekündigt zu haben. Es fühlt sich nach wie vor richtig an. Und wer weiß, vielleicht wird dieses alternative Familienmodell ja ein verbreitetes und gesellschaftlich anerkanntes Familienmodell.“

Almut Schnerring und Sascha Verlan haben den Equal Care Day 2016 ins Leben gerufen. Die beiden arbeiten als freiberufliches Journalist_innen- und Autor_innen-Team mit Wort und Klang, für Presse und Hörfunk, geben Seminare und Fortbildungen und versuchen immer wieder neu, sich die Arbeiten rund um ihre drei Kinder, um Küche, Krankheit und Kloputz genauso fair aufzuteilen wie ihre Erwerbsarbeit.

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