Meine Hochsensibilität, Teil 1 – Heute: Selbstwahrnehmung von hochsensiblen Menschen

Viele von euch haben schon von hochsensiblen Personen (HSP) gehört, aber sicherlich wissen die wenigsten von euch, was das „Besondere“ oder das „Ungewöhnliche“ an ihnen ist. Mit dieser Serie möchte ich dich einladen, einen tieferen Blick in mein Inneres zu werfen, das Innere eines HSPs. Die Serie nennt sich „Meine Hochsensibilität“. Einen kurzen Einblick habe ich bereits an anderer Stelle gewährt und sicherlich wird sich einiges auch überschneiden.

Heute: Selbstwahrnehmung

Die Selbstwahrnehmug ist bei Hochsensiblen anders, als bei Nichthochsensiblen. Das kann man gar nicht in einem Satz beschreiben, denn wir (HSPs) nehmen auf vielen Kanälen verstärkter wahr: Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken und Riechen. Und weil das so ist, haben HSPs oft eine verzerrte Selbst- und Fremdwahrnehmung. Bei mir hat es lange gedauert, bis ich verstanden habe, was es braucht, um die innere Mitte zu finden. Doch nun die 3 Punkte, um die es heute gehen wird. Wahrnehmung, Gefühlsleben und Gesellschaft.

1. Wahrnehmung

Als ich in unsere gemeinsame Wohnung gezoge bin, sind mir gleich ein paar akustische Dinge aufgefallen, die mich teilweise nerven, weil mein Wahrnehmungsfilter gestört ist. Eigentlich rechnet das Gehirn nicht relevante Geräusche aus unserer Wahrnehmung heraus, eben weil sie nicht relevant sind. Das ist bei mir allerdings anders, da wird wenig rausgerechnet. So kommt es, dass ich bei uns in der Küche stets das Ticken der Uhr wahrnehme oder das Piepen der Fußgängerampel einige hundert Meter entfernt. Bei geschlossenem Fenster versteht sich. In der Natur lausche ich eher den Geräuschen der Vögel als den Gesprächen (es sei denn, die Gespräche haben Tiefgang). Lärm im Allgemeinen tut meinen Ohren weh. Wenn der zu lange andauert, dann höre ich ein Pulsieren und Rauschen in meinem Ohr… bobob bobob bobob… aaaaah…

Stimmungen und Probleme nehme ich nicht nur schneller wahr als andere, sie belasten mich auch. Meine Grundhaltung anderen Menschen gegenüber ist stets positiv und wertschätzend, sodass ich unterbewusst davon ausgehe, dass die Stimmung in einem Raum auch positiv ist. Wahrscheinlich nehme ich daher auch negative Stimmungen stärker wahr, als andere. Mein Wahrnehmungskanal ist so feinfühlig eingestellt, dass ich bisher seltenst enttäuscht wurde. HSPs, die diese Eigenschaften haben, besitzen eine so genannte Scanner-Persönlichkeit.

Sehr schön finde ich auch den Gedanken an das Kind im eigenen Körper. Ich kann von mir behaupten, dass ich ein kleines Kind, gefangen im Körper eines Erwachsenen bin. Tatsächlich gibt es wenig Situationen, in denen ich mein inneres Kind herauslassen kann. Das Umfeld ist dann immer irritiert, wenn so ein großer erwachsener Mann skurrile Dinge tut, die eigentlich Kinder machen. Ich gebe es zu! Ja, ich springe gerne in Pfützen, lache unheimlich laut und bin ganz ungehalten, wenn tolle Ereignisse stattfinden. Wenn ich mich freue, dann drehen die Pferde teilweise mit mir durch.

Zusammenfassend stelle ich fest, dass ich beim Thema Wahrnehmung wie ein Seismograph funktioniere. Kleinste Stimmungsschwankungen bekomme ich mit und schwingen innerlich mit. Je gezwungener und intensiver die Begegnung ist, umso mehr schlägt das Pendel aus. Ich fühle mich in die Situation ein und spiegel die Gefühlswelt nach innen. Das bringt mich immer total durcheinander und wühlt mich innerlich auf. Dann denke ich, dass die Gefühle, die im Raum sind, durch mich verursacht wurden. Anders sieht es mit der professionellen Brille aus. Hier kann ich sehr wohl die Gefühle verbalisieren, spiegeln und eine Distanz zum Inhalt aufbauen. Als systemischer Berater musste ich das auch erst lernen.

2. Gefühlsleben

Wobei wir auch schon beim Gefühlsleben wären. Meine innere Stimme ist sehr stark ausgeprägt und ruft immer wieder neue Charaktere auf die Bühne. Ich stehe so eng in Kontakt zu mir selbst, dass ich keine Langeweile spüre. Meine innere Stimme warnt mich vor Dingen und stellt den Kontakt zu meinem Körper her. Bin ich aufgeregt, dann sagt sie mir, dass etwas nicht stimmt und ich die Situation verändern sollte. Meine innere Stimme sorgt also dafür, dass ich im Reinen bin, also Körper, Geist und Seele zusammen eins ergeben. Das klappt nicht immer, denn bei Folgendem bin ich nach wie vor gehemmt.

Gefühle vereinnahmen mich. Gefühle vereinnahmen mich so sehr, dass sie mich zuerst überwältigen, dann vereinnahmen und dann Kraft rauben. Beispiel: Wir schauen einen Film, in dem der Protagonist stirbt. In herzzerreißenden Szenen wird die Tragödie dargestellt, untermalt mit passender Musik. Wenn du bei der Szene weinst, dann heule ich wie ein Schloßhund, mein Magen verkrampft sich so derbe, dass ich starke Bauchschmerzen haben. Ich bin von dem Gefühl so sehr vereinnahmt, dass es mir nicht mal mehr gelingt, das Gefühl richtig zu beschreiben. Anschließend brauche ich nich nur einige Taschentücher, sondern auch viel Zeit, um mich zu erholen.

3. Gesellschaft

Ich bin eine Rampensau und stehe gerne vor Gruppen, vor vielen Menschen und unterrichte auch gerne. Wenn allerdings das Seminar vorüber ist, dann brauche ich Rückzug und zwar von jetzt auf gleich. Da kann kommen, was will, ich brauche Ruhe. Bei HSPs gibt es introvertierte und extravertierte Personen. Ich gehöre zu den wenigen extravertierten HSP, die aber sofort Rückzug brauchen. Kennt ihr die Leute, die auf Partys sagen „Ey, ich bin nur eben auf’m Klo!“ und dann abzischen? That’s me! Ehrlich jetzt! Ich habe in einem Wohnheim gewohnt und brauchte Ruhe! Wenn ich aber mal mit auf Party war, dann war ich voll dabei! Allerdings auch nur so lange, bis es mir zu viel wurde!

In meiner Jugend war ich immer in der Außenseiterrolle. Ich war anders und verhielt mich komisch. Das führte soweit, dass es mir schwer fiel, eine peer group zu finden. In meiner Schulklasse wurde ich gemobbt und als schwul bezeichnet. Typisch HSP habe ich lange nachgedacht, ob das stimmen könne. Nein, ich war nicht schwul, nur anders. Heute weiß ich, dass ich autistische Züge habe und hin und wieder in meine Gedankenwelt abdrifte. Dann fühle ich mich wohl, bin im flow und irritiere meine Umwelt. Ich war der klassische Außenseiter, der nicht in die gesellschaftlichen Normen passte. Damals wollte ich passen. Heute will ich unangepasst sein und spiele mit Klischees und Schubladendenken.

Denn Anpassung ist kraftraubend und nervig zugleich. Immer diese oberflächlichen Gespräche und das Lächeln, die Missgunst und Heuchlerei. Boah, das geht mir so derbe auf die Nerven. Sorry, aber für mich müssen Gespräche Tiefgang haben und sind gerne auch mal philosophisch angehaucht. Ja, das mag vielleicht überheblich wirken und arrogant, aber was soll ich machen? Gespräche, die keinen Tiefgang haben und nicht in der Meta-Ebene stattfinden, langweilen mich. Mir ist Qualitätszeit wichtig!

Was will ich ändern?

Das erste Stichwort heißt: Fokussieren. Ich muss mich auf bestimmte Dinge fokussieren. Eigentlich würde man sagen „konzentrieren“, aber das geht bei HSP nicht, weil die Dinge unterbewusst stattfinden. Man kann aber den Fokus verändern. Zum Beispiel durch Achtsamkeitsübungen oder Meditation.

Das zweite Stichwort heißt: Kanalisieren.Vor allem bei den Gefühlen muss ich lernen, sie raus zu lassen und sie nicht in das Korsett der Gesellschaft zu zwängen. Wenn ich heulen muss, dann heule ich! Und wenn ich mich freue, dann freue ich mich. Auch wenn die Leute dann mein Lachen nachmachen oder sich über mich lustig machen. Das ist bestimmt nur der Neid. Gleiches gilt für die Gefühle, die in mir aufkommen, wenn schlechte Stimmung herrscht. Ich muss lernen, die Gefühle zu kanalisieren, bzw. die Stimmung zu kanalisieren.

Das sind meine persönlichen Einblicke in die Welt eines HSP. Wie sieht es bei dir aus? Was denkst du darüber? Findest du dich darin wieder, oder kannst du mit den Gedanken gar nichts anfangen. Ich bin gespannt auf deine Kommentare!

4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

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  2. Lieber Heiner,
    das Thema ist sehr spannend und je mehr ich darüber lese, meine ich, auch hochsensibel zu sein. Habe jetzt noch ein Trauma was Strumpfhosen angeht. Ich habe das Gefühl auf der Haut als Kind gehasst, Schreikrämpfe bekommen und wollte die partout nicht anziehen, aber meine Mutter bestand darauf. Es war schlicht und ergreifend unsagbar unangenehm. Kann dieses Gefühl heute noch nachempfinden und mag keine anziehen. Nasse Haare auf dem Rücken ist auch so etwas, wo´s mir kalt den Rücken runterläuft.

    Letztens habe ich im Zirkus meine Augen zugemacht, um zu gucken bzw. zu hören, wie´s einem Blinden wohl gehen muss, mit den vielen Stimmen. Ich konnte das echt schwer ertragen, da ich gedacht habe, die sitzen alle in meinem Kopf und das war so unglaublich laut, dass ich ruckartig die Augen aufmachte und dieses Gefühl trotzdem nicht los wurde. War echt ´ne saublöde Idee. Und ich hatte das plötzliche Gefühl sofort aus dem Raum raus zu müssen, was nur schwer ging und ich mich selbst beruhigt habe, in dem ich dachte, denk an´s Atmen, ein- aus… Also, Blind werden, möchte ich ganz und gar nicht.

    Und wie´s aussieht scheint Hochsensibilität wohl auch vererbbar… denn eines meiner Kinder zeigt ähnliche Auffälligkeiten.
    Tja, wenn mein Umfeld und ich davon früher gewußt hätten, wäre vielleicht einiges anders gelaufen.
    Nun werde ich mich, aufgrund des Kindes, mit dem Thema näher befassen.
    Dank´Dir für Deinen ehrlichen Blick auf Dich selbst.
    Ahoi,
    Sara

    • Liebe Sara,

      vielen Dank für deinen schönen Kommentar und deine Offenheit! Ja, mit den kratzenden Klamotten sprichst du echt etwas an, was mir sehr bekannt vor kommt. Ich habe die selbst gestrickten Pullover früher auch immer gehasst, weil sie so gekratzt haben: durchs T-Shirt durch!

      Dein Zirkus war mein Kraftklub-Konzert Erlebnis. Meine Frau zog mich nach ganz vorne und ich habe schon gemerkt, oje, das wird nicht gut gehen. Nach 10 Minuten hat mein Herz so stark gepocht, dass ich es kaum noch aushalten konnte. Gleichzeitig habe ich einen starken Druck auf der Brust verspürt. Erst als wir kurz den Saal verließen, war alles wieder gut. So stark hatte ich das noch nie erlebt.

      Es gibt eine Reihe schöner Blogs, die über High Need Kids (oder so ähnlich) schreiben. Werde meine Blogliste diesbezüglich noch erweitern oder selber mal einen Beitrag dazu schreiben. Ja, wir werden anders groß und haben geschärfte Sinne für die Entwicklung unserer Kinder. Vielleicht ergeht es ihnen anders, als es uns ergangen ist.

      Alles Gute dir und weiterhin viel Kraft und Freude bei der Suche und Recherche!

      Heiner

  3. Hallo Heiner,

    ach, was kann ich dir das gut nachempfinden …. ich bin nicht nur hoch sensibel, sondern gehöre dazu noch zu den introvertierten Menschen. Ich hatte lange das Gefühl (obwohl ich das gar nicht wollte), ich müsste anders sein …. aktiver irgendwie, lauter, geselliger, sozialer – extravertierter. Ich habe recht spät erkannt, dass das nichts ist, was ich will, sondern nur zu wollen meine, weil unsere ganze Gesellschaft danach ausgerichtet ist. Mit dem Thema Hochsensibilität bin ich vor einigen Jahren zum ersten Mal in Kontakt gekommen und war geradezu selig, dass es dafür einen Namen gibt :-). Ich habe im Laufe meines Lebens gelernt, mich ganz gut anzupassen bis zu einem gewissen Grad, nur ist es jetzt so, dass mich Leute belächeln, wenn ich anmerke, dass ich sensibel und introvertiert bin, weil ich nach außen hin ganz anders wirke und mir das niemand glaubt. Nichtsdestotrotz ist es so und ich fühle mich mittlerweile sehr wohl damit. Dass Leute mich ansehen wie ein Auto, wenn ich ihnen erzähle, dass ich in drei Wochen Urlaub nichts anderes gemacht habe, als auf meinem Balkon ein Buch nach dem anderen zu lesen und mit niemandem gesprochen und niemanden gesehen habe, amüsiert mich mittlerweile ;-). Den Zustand der Überforderung kenne ich nur zu gut und mir wird heute noch richtiggehend übel, wenn ich an gewisse Situationen aus meiner Kindheit zurückdenke, in denen ich mich derart genötigt gefühlt habe, dass ich gar nicht wusste, wohin mit meiner Angst und Überforderung … das tat richtig körperlich weh. Und ich habe mich immer grenzenlos missverstanden gefühlt. Dementsprechend habe ich mein Leben auch so gestaltet, dass ich sehr viel Zeit alleine verbringen kann und ab und an habe ich regelrechte Rückzugsphasen, in denen ich meine Introvertiertheit richtiggehend zelebriere und ich die ganze Welt rund um mich komplett ausblende. Ich bin auch extrem geräuschempfindlich, ich höre stellenweise Dinge, die andere nicht mal ansatzweise wahrnehmen, und mich treiben die aber fast in den Wahnsinn, weil ich diese Geräusche dann nicht ausblenden kann. Im Sommer laufe ich sogar in meiner Wohnung meistens mit Ohropax rum, wenn alle in der Wohnanlage Fenster und Terrassentüren offen haben, weil ich schon diesen „normalen“ Alltagslärm kaum aushalte. Als es bei uns in der Firma hieß, dass wir in Großraumbüros übersiedeln müssen, hätte ich fast gekotzt, weil sich mir derart der Magen zusammengezogen hat alleine bei dem Gedanken daran … Gott sei Dank konnte ich das abwenden und in einem Büro bleiben, sonst hätte ich wahrscheinlich schon gekündigt. Ich fühle mich ehrlich gesagt als HSP und Introvertierte oft ziemlich diskriminiert, vor allem in der Berufswelt. Man darf nicht laut sagen, dass man nicht in einem Großraumbüro sitzen möchte, sonst ist man sofort als unsozial abgestempelt. Man darf nicht laut sagen, dass man lieber und vor allem besser alleine arbeitet als in einem Team, denn dann gilt man sofort als teamunfähig. Die großartigen Potentiale, die HSP haben, werden in unserer heutigen Berufswelt zum größten Teil nicht mal ansatzweise berücksichtigt, es sei denn, man hat das Glück, in einem Job zu landen, in dem man sein Potential tatsächlich entfalten kann. Das ist sehr schade finde ich.

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