Emotionale Abhängigkeit: Der größte Fehler überhaupt!

Damals dachte ich noch, ich müsste Karriere machen. Als medienaffiner Teenager, der von seinem Vater schon mit 12 Jahren einen Macintosh Performa 5200 sein Eigen nennen durfte, habe ich sehr schnell gelernt, mich in der digitalen Welt zurecht zu finden. Mein Vater, der frühe Held.

Die Beziehung zu meinem Vater war nicht immer einfach. Früher war er viel unterwegs und obwohl er irgendwann sein Büro zu Hause hatte, sah ich ihn oft erst spät abends und am Wochenende. War damals so. Als junger Stöpsel habe ich allerdings eine Identitätsperson gebraucht. Lange wusste ich nicht, wer ich bin und was ich vom Leben erwarten sollte. Ich war ständig und permanent auf der Suche nach Akzeptanz und Anerkennung. Bekommen habe ich das primär von meiner Mutter, doch gebraucht hätte ich es von meinem Vater. Aber keine Angst, das soll kein Vater bashing werden!

Emotionale Abhängigkeit und Vorbilder

Mein Vater arbeitete damals als Wirtschaftsprüfer und Controller in einer großen Fullservice Werbeagentur, glaube ich jedenfalls. Da ich damals nicht wusste, wohin sich mein Leben beruflich einmal entwickeln sollte, nutze ich die Möglichkeit, das Schulpraktikum dort zu absolvieren. Wenig Aufwand und viel Spaß. Als Kind lag Düsseldorf am anderen Ende der Welt und war entsprechend mega spannend für mich. Das Kind vom Dorf in der Großstadt. Für mich tat sich eine völlig neue Welt auf, überall standen die neusten Macs und riesige Digitaldrucker und die Mitarbeiter waren die coolsten Menschen, die ich bis dahin kennengelernt hatte. Ein Paradies. Ich durfte sogar mein bescheidenes Können in Photoshop unter Beweis stellen und habe ein Autoradio in ein neues Bildmotiv hinein retuschiert. Yay, ich war infiziert von dieser Welt.

Die mahnenden Worte des angestellten Produktioners habe ich noch in den Ohren: „Mach alles, aber geh 1. nicht in die Werbung und werde 2. kein Produktioner.“ Mein neues Vorbild war gefunden. Bei mir kam nämlich nur an: „Geh’ in die Werbung und werde Produktioner!“

Nach Abitur und Bundeswehr ging ich also mit Anfang 20 nach Hamburg und heuerte bei einer Produktionsagentur an: Ich wurde Produktioner. Im schnellen Sportwagen fuhr ich damals hin und wieder die 500km nach Hause zu meiner Familie. Dabei trug ich natürlich die besten Klamotten und teure Schuhe. Ich wollte vor allem meinem Vater zeigen, was ich erreicht hatte. Schau her, sieh mich an und sag mir, dass du stolz auf mich bist. Mein inneres Kind schrie förmlich danach. Ich war emotional abhängig. Ein emotional verarmtes Kind, gefangen im Körper eines Erwachsenen. Doch jetzt sollte sich das endlich ändern! Immerhin arbeite ich mit Macs, bin in einer Werbeagentur und arbeite als Produktioner. Voll im Karrieremodus:

„Hej Papa, bist du stolz auf mich?“

Der größte Fehler überhaupt

Emotionale Abhängigkeit nennt man dieses Phänomen, das ich gerade beschreibe. Es ist tatsächlich so passiert und ich glaube, es ergeht vielen Erwachsenen so. Liebe & Anerkennung ist das, was wir uns von der Ur-Familie wünschen, was wir brauchen, um zu wachsen und selbstständige starke Menschen zu werden. Ich war emotional abhängig von ihm und konnte mich nicht lösen. Ständig war ich auf der Suche nach Gelegenheiten, um Zuneigung und Anerkennung zu erhaschen. Nie hat er mir gesagt: „Ich bin stolz auf dich!“ In den Arm genommen, hat er mich auch nie. Mich hat das damals innerlich aufgefressen. Als HSP ist das eine besondere Qual, es hat mich ständig aufgewühlt und beschäftigt.

Erst als ich nicht mehr konnte und aus dem Job ausbrechen musste, habe ich gelernt, mit meiner emotionalen Abhängigkeit umzugehen. Das ist leider ein Prozess, der lange dauert. Die Früchte der Erkenntnis reifen langsam und schmecken zunächst bitter. Dafür braucht es nämlich immer wieder Situationen, die weh tun und schmerzen. Nach der Zeit in Hamburg bin ich für 3 Monate nach Südtirol auf einen Bergbauernhof gegangen und habe mich dort „wiedergefunden“. Auch dort war ich in einer emotionalen Abhängigkeit, aber zu einer richtig tollen und liebenswerten Familie. Von meinem Bergbauern Luis sollte ich wieder geerdet werden und die Schönheit und Faszination des Lebens lernen. Ab jetzt arbeite ich mit Vorbildern und nicht mehr mit emotional Abhängigen.

Emotionale Abhängigkeit und Privat und Beruf

Aber auch in Paarbeziehungen habe ich immer wieder in emotionalen Abhängigkeiten festgesteckt. So war ich mit einer Frau zusammen, die mich energetisch ausgesaugt hat. Nach 3 Jahren habe ich mich getrennt – die wahrscheinlich beste Entscheidung meines Lebens, denn es war eine pure Befreiung. Mir wurde oft gesagt, dass ich mit meiner eigenen Mutter zusammen gewesen sei, was auch irgendwie gestimmt hat, also im übertragenen Sinne. Die Befreiung aus dieser Beziehung war auch eine Befreiung von meiner Mutter. Den Konflikt, den wir vor ihrem Tod ausgetragen hatten, konnten wir nie lösen. Dafür sollte diese Beziehung herhalten, aber das ist eine andere Geschichte.

Das System Familie und Beziehung war geklärt. Das System Beruf und Job noch nicht. Auch im Beruf gibt es diese emotionalen Abhängigkeiten. Hier hatte ich Vorbilder, die mich gefördert und protegiert haben. Lob und Anerkennung waren wichtige Bestandteile, die ich eingefordert habe und die mir zugesprochen wurden. Kreativität und Motivation waren mein Antrieb, doch als HSP ist das ein Teufelskreis. Mehr Lob steigerte meine Motivation, was wieder mehr Lob einforderte. Gleichzeitg sollte ich es so machen, wie meine Vorbilder. Sobald ich meine Vorstellung vom Leben Ausdruck verliehen hatte, ist die Beziehung zusammengebrochen. Aufgrund der emotionalen Abhängigkeit spürte ich Enttäuschung und Distanz, was mich innerlich aufgewühlt, verletzt und sehr beschäftigt hat.

Der Wandel

Vor drei Jahren konnte ich nun endlich meinem Vater in die Augen sehen und ihm ohne Groll oder Vorwürfe sagen, dass ich die emotionale Abhängigkeit zu ihm nicht mehr benötige. Wir haben ein sehr langes und ausgiebiges Gespräch geführt, sind spazieren gegangen und haben den Tag genossen, ein Eis gegessen und mussten uns vor dem Regen in Sicherheit bringen. Ein schöner Tag, an dessen Ende die absolute Befreiung stand. Ein glücklicher und befreiender Moment in meinem Leben. Nun war ein großes Hindernis aus dem Weg geräumt und der Weg frei für neue Beziehungen und neue Erkenntnisse. Schon kurz danach sollte ich meine jetzige Frau kennen- und lieben lernen.

Als ich nun vor einem Jahr Vater wurde und konsequent meine Vorstellung vom Leben umsetze, entfernte ich mich mehr und mehr von meinen alten Vorbildern. Ja, sie haben es anders gemacht und ja, ich mache es anders als sie. Nur die emotionale Abhängigkeit war noch da und sollte eine große Hürde werden, an dessen Ende die Kündigung stand. Im beruflichen System war es nicht mehr möglich, die Unterschiede zu überwinden. Genau wie damals in der Produktionsagentur musste ich auch hier selber kündigen, um mich aus der emotionalen Abhängigkeit zu befreien. Nur brauche ich jetzt keinen Bergbauernhof mehr, um bei mir zu sein. Meine Familie, die vielen Gespräche und letztendlich die Loslösung von den Vorbildern haben mich befreit.

Jetzt darf ich Vorbild sein: für meine Kinder.

Nun darf ich die Früchte ernten, sowohl im Privaten mit meiner Familie, als auch im Beruflichen. Die Fühler sind so fein eingestellt, dass ich hoffe und mir wünsche, nie wieder in eine emotionale Abhängigkeit zu rutschen. Meinen Kindern möchte ich eine bedürfnisorientierte Entwicklung ermöglichen, die nicht von Abhängigkeiten lebt. Sie sollen bestärkt aber nicht überbehütet groß werden und dennoch zu starken Menschen heranwachsen. Mit stark meine ich hier, dass sie sich stets bewusst sind, wer sie sind, woher sie kommen und wohin sie gehen. Ich möchte meinen Kindern eine Orientierung geben, dass sie selbständig sind und glücklich ihr Leben leben.

Was sind deine Gedanken zum Thema emotionale Abhängigkeit? Kennst du das selber von dir? Schreibe mir in den Kommentaren, was du darüber denkst.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: