Meine Hochsensibilität, Teil 2 – Ich weine!

Sicherlich hast du schon von hochsensiblen Personen (HSP) gehört und weißt noch nicht so richtig, was das „Besondere“ oder das „Ungewöhnliche“ an ihnen ist. Mit dieser Serie möchte ich dich einladen, einen tieferen Blick in mein Inneres zu werfen, das Innere eines HSPs. Die Serie nennt sich „Meine Hochsensibilität“. Einen kurzen Einblick habe ich bereits an anderer Stelle gewährt und sicherlich wird sich einiges auch überschneiden.

Was ich für nichts auf der Welt tauschen möchte

Bei mir als HSP geht es immer um Emotionen, um Wahrnehmung und um Eindrücke, die auf besondere Art und Weise verarbeitet werden. Traurige wie Schöne. HSPs nehmen auf vielen Kanälen wahr und reagieren auf eben solchen Kanälen sensibel und stark. Neulich habe ich im Krankenhaus eine Krebsberatung bei einem Patienten durchgeführt. Es ging um seine soziale und finanzielle Absicherung, Rehabilitationsmaßnahmen, Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen. Wir sprachen über sein Leben und über die Ängste, die ihn begleiteten. Nach mehr als einer halben Stunde fasste ich das Gespräch noch einmal zusammen und fragte ihn, ob er noch Fragen hätte: „Nein, aber ich möchte mich bei Ihnen bedanken. Danke für das schöne Gespräch und die Informationen, die Sie mir gegeben haben. Endlich jemand, der mir richtig zuhört und mir weiterhilft.”

Wow, da war ich baff. Meine dritte Krebsberatung und dann diese Antwort. Zwar blieb ich stets professionell und wiegelte ab „sehr gerne, dafür bin ich da“, doch innerlich rührte mich diese Aussage zu Tränen, die dann auch direkt aus den Augen schossen. Ja, da war sie wieder, diese Situation, die ich nicht kontrollieren kann. Sobald mich Menschen berühren, Schicksale ergreifen oder Emotionen durchrütteln kommen sie, die Tränen. Dabei macht mein Körper keinen Unterschied, ob es sich um positive oder negative Emotionen handelt. Sobald meine Seele berührt wird, ist es um mich geschehen und ich beginne zu weinen. Kein Schluchzen, kein Jaulen, kein Stöhnen, einfach nur Weinen.

Auch nach klärenden Gesprächen, die mich emotional so sehr aufgewühlt haben, weine ich anschließend wie ein Wasserfall. Diese Situationen kommen nicht oft vor, doch wenn sie vorkommen, fühle ich mich ausgeliefert. Es ist, als wenn mein inneres Kind tief getroffen und verletzt daliegt und sich vor Schmerzen krümmt. Gleichzeitig ist das Weinen eine innere Reinigung vom Schmerz und eine Erleichterung. Meine innere Stimme ballt dann die Faust und schreit „YAY“, geschafft. Das Gefühl lässt sich mit einem tiefen Durchatmen nach einer Stunde Joggen beschreiben, das ganz tief in den Bauch geht und lösend wirkt. Das ist mein Moment, meine Stärke und mein Ich. Da bin ich ganz bei mir, emotional und körperlich.

Als ich das Patientenzimmer verlasse, kneife ich nur kurz die Augen zusammen und lächle dabei. Mittlerweile ist es mir egal, ob ich verweint aussehe, wenn mich jemand sieht. Das bin ich und dazu stehe ich. Lange Zeit hatte ich versucht, das Weinen zu unterdrücken und zu verbergen. Es sei nicht professionell, habe ich mir gesagt. Erst als meine Geschwister wie selbstverständlich meinten, dass dieser Charakterzug zu mir gehörte, habe ich verstanden. Das Weinen gehört zu mir und zeichnet mich aus. Es ist die ehrlichste Emotion, die ich zulassen darf, ich muss mir nur die Erlaubnis geben. Es lebt sich so viel leichter damit, denn was auf den ersten Blick als Schwäche ausgelegt werden kann, ist in Wirklichkeit eine Stärke: Wahre Emotionen zeigen, denn Professionalität lebt von Authentizität!

Das sind meine persönlichen Einblicke in die Welt eines HSP. Wie sieht es bei dir aus? Was denkst du darüber? Findest du dich darin wieder, oder kannst du mit den Gedanken gar nichts anfangen. Ich bin gespannt auf deine Kommentare!

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