5 Dinge mit denen ich bei anderen anecke

In meinen Seminaren zum Thema Burnout geht es sehr häufig um Lebensziele, Lebenseinstellungen und Denkweisen. Zwischen gesunden und krankmachenden Verhaltensweisen liegen sehr oft große Distanzen. „Mach das, was dich glücklich macht“, hat meine Mutter immer gesagt. Aber wie geht das? Das zu tun, was mich glücklich macht, ist gerade in meiner Vaterrolle nicht immer einfach. Anscheinend mache ich viele Dinge anders, als sie von mir erwartet werden.

1. Sieben Monate Elternzeit nehmen

Von Anfang an war mir klar, dass ich Zeit mit meiner Familie verbringen möchte. Ich möchte ein Daddy sein, der mehr als 2 Monate Elternzeit nimmt. Aus meinem 50 Stunden Job raus und rein in die Elternzeit. Einen Monat nehmen wir uns gemeinsam Zeit fürs Kennenlernen nach der Geburt, anschließend nimmt meine Frau sechs weitere Monate, ehe ich die restlichen sechs Monate nehme. Für uns die perfekte Kombination. Neun Monate nach der Geburt (meine Frau hat ihren Jahresurlaub und Überstunden hinten dran gehängt) ist sie wieder 30 Stunden arbeiten gegangen. Konnten auch viele Menschen nicht verstehen. „Was, du arbeitest wieder? Und wo lässt du dein Kind?“ – „Die Kleine ist bei meinem Mann zu Hause, er hat Elternzeit.“ – „WAS? Bei deinem Mann? Naja, muss ja jeder selber wissen.“ Das war so das Krasseste, was wir zu hören bekommen haben. Die 60er haben angerufen, sie wollen ihre konservativen Werte zurück. Oh man.

https://twitter.com/vaterwelten/status/984335234459107328

Ja, es gibt Väter, die sich liebevoll um ihr Baby kümmern. Die Mama geht 30 Stunden pro Woche arbeiten und Papa wickelt, gibt die Flasche und spielt mit dem Wurm. Du baust eine enge Bindung zu deinem Kind auf und deine Frau kann zurück in ihren Job, perfekt. Ok, das klingt jetzt nicht für jeden Vater verlockend. Mann verzichtet auf Einkommen und natürlich Karriere. „WHAAAAAT“, bekomme ich dann zu hören oder „naja, wenn ihr es euch leisten könnt“. Womit wir beim nächsten Punkt angelangt wären.

2. Teilzeit statt Vollzeit

Der neue Job ist ganz bewusst nur eine Teilzeitstelle. Karriere im Job? Das dürfen gerne andere machen, wenn ich dafür Zeit mit meiner Familie verbringen darf! Vormittags arbeitet ich und nachmittags betreue ich die Kleine. Meine Frau betreut vormittags die Kleine und arbeitet nachmittags. Zusammen kommen wir so auf ganz viel gemeinsame Care-Arbeit, 50 Stunden Wochenarbeit und bringen ein Gehalt nach Hause, von dem wir gut leben können. Ok, große Sprünge sind da jetzt nicht drin, aber wir sehen beide unser Kind, verbringen viel Zeit miteinander und kennen jeden Entwicklungsschritt – und sei er noch so klein.

Kinder bekommen, damit ich sie mit einem Jahr in die KiTa gebe und wieder beide arbeiten gehen, das ist nicht mein Bild von Familie. Auch nicht, dass die Frau zu Hause bei den Kindern bleibt. Es gibt Konstellationen, da geht es nicht anders. Allerdings bin ich fest davon überzeugt, dass viele Männer nicht reduzieren wollen. Ok, ich hatte auch Sorge um meine berufliche Laufbahn. Aber der Stress und die Unzufriedenheit auf der Arbeit haben mir gezeigt, wie wichtig die Familie ist. Dann hat meine Karriere als Sozialarbeiter gerne einen Knick. Na und? Ich lebe nur einmal und möchte mitbekommen, wie meine Kinder groß werden. Ach, eins noch: Ja, wir können uns das leisten, weil wir es uns leisten wollen!

3. Familienbett

Wir schlafen mit der ganzen Familie in einem Bett. Vorweg sei gesagt: Nein, unser Liebesleben leidet nicht darunter. Jedenfalls nicht mehr als bei anderen Eltern auch. Keine Ahnung wie es dazu kam, dass wir entschieden haben, ein Familienbett zu bauen. Es war jedenfalls eine gemeinsame Entscheidung und ist ein schönes Gefühl. Einfach zu wissen, dass meine Frau genau den selben Impuls verspürte, als es um die „Bett-Frage“ ging und wir beiden sagten „Na dann ein Familienbett“. Mittlerweile schlafen wir im Familienbett 2.0. Es misst 3x2m und besteht aus einer 1,40m und 1,60m breiten Matratze.

„Boah krass, dann werden ja immer alle wach, wenn einer schreit“. Ja, das kommt vor und nein, das ist nicht die Regel. Unser Kind ist immer bei uns, wir können kuscheln und müssen nicht aufstehen, um das Kind aus seinem Bett zu holen. Wir können lange schlafen, weil das Kind schon da ist und wenn doch mal jemand schreit, dann wechseln wir uns eben ab. Wenn es gar nicht geht, gibt es noch die Schlafcouch. Das ist so selten, dass wir die Nächte an einer Hand abzählen können. Wie die Nächte allerdings mit einem Säugling und einem Kleinkind sein werden, wissen wir noch nicht. Wir sehen aber nur die Vorteile. Enge Bindung und ein starkes Familiengefühl.

Eine Sorge hatte ich nie. Dass die Kinder immer in unserem Bett bleiben wollen und nicht in ihr eigenes Bett gehen. Wir haben nicht das Ziel, unsere Kinder schnell in ihr eigenes Bett zu „verlegen“. Für uns stellt sich die Frage erst gar nicht. Es ist doch schließlich ein Familienbett. Und wenn die Kinder irgendwann in einem eigenen Bett schlafen wollen, dann ist das auch in Ordnung. Es wird trotzdem ein Familienbett bleiben.

4. Attachment Parenting

Ok, jetzt kommt ein Hammer Begriff, der immer wieder für Streit und Shitstorms sorgt. Ich halte mich auch nicht an dem Begriff fest und definiere ihn teilweise anders. Das versteht nicht jede_r und will vielleicht auch nicht jede_r verstehen. Shitstorm eben. Mir ist die Beziehung und die Bindung zu meinem Kind und zu meiner Frau einfach wichtiger, als zu allem anderen. Wir schlafen im Familienbett, verbringen viel Zeit zusammen und begleiten unser Kind in der Entwicklung. Am Körper tragen anstatt im Kinderwagen schieben. Nähe statt Distanz. Wärme statt Kälte. Hinzu kommt, dass ich mich aufgrund meiner Hochsensibilität anders in die Gefühlslage meiner Tochter hineinversetzen kann.

Jetzt mögen andere sagen, dass die Kinder uns auf der Nase herumtanzen. Das bedeutet Attachment Parenting nicht. Vielmehr ist es der Grundstein für eine sichere Bindung und einem liebevollem Aufwachsen, in einem geborgenen Umfeld. An dieser Stelle sei der Blog von Susanne Mierau empfohlen. Eine Welt voller liebevollen Momenten ab der Schwangerschaft. Auch für Männer lesenswert!

5. Vaterrolle

Hin und wieder bekomme ich einen Spruch gedrückt. „Ach guck an, der Super Papa.“ Oder „Ah. Ganz toll. Ich arbeite auch Teilzeit. Von acht bis acht!“. Meine Vaterrolle wird von Frauen gelobt und dem Großteil der Vätern belächelt. Ich weiß nicht, was genau hinter den Sprüchen steckt. Es ist komisch und manchmal auch anstrengend, sich gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen zu behaupten, denn unser Familienmodel ist äußerst selten. Janni Orfanidis von ichbindeinvater.de hat in der Deutschlandfunk Sendung „Lebenszeit“ vom 24.03.2017 die Ergebnisse aus dem Sozialbericht für Deutschland dargestellt.

Paarfamilien nach Vollzeit-/Teilzeittätigkeit der Partner 2014 — in Prozent. Quelle: Datenreport 2016: Sozialbericht für Deutschland, Kapitel 2: Familie, Lebensformen und Kinder

Demnach gehören wir zu den wenigen 3% der Paarfamilien, in denen beide Elternteile in Teilzeit arbeiten. Soziologisch zählen wir also zur Randgruppe der Familien-Gesellschaft. Mehrheitlich geht der Vater in Vollzeit arbeiten und die Mutter in Teilzeit (75%). Die anderen Werte könnt ihr aus der Grafik oben ablesen.

Mein Fazit

Ich fühle mich wohl in dieser Nische und kann mir kein besseres Familienmodell vorstellen. Auch wenn hin und wieder die Kommentare nerven, so bleiben wir uns treu und ziehen unser Ding durch. „Ich möchte Zeit mit meiner Familie verbringen“ antworte ich dann. Doch das wird leider oft falsch verstanden. Spiegel vorhalten und so. Dabei ist das nicht meine Absicht. Ich erzähle aus meiner Perspektive. Jede Familie muss ihren eigenen „richtigen“ und sinnvollen Weg finden. Die Frage ist doch, gehe ich wertschätzend mit den Entscheidungen anderer Menschen um. Bleibe ich bei mir und erzähle ich aus der Ich-Perspektive ohne zu verurteilen und anzugreifen.

Das versuche ich und es gelingt mir auch nicht immer. Also, das sind meine Gedanken und meine Sichtweisen. Vielleicht hast du eine andere, vielleicht aber auch eine ähnliche. Ich bin gespannt und freue mich auf Kommentare. Letztendlich aber haben Mamas doch immer recht. „Mach das, was dich glücklich macht“, hat sie immer gesagt. Das werde ich. Ich denke an dich und winke dir zu, wie du auf deiner Wolke sitzt und uns von oben beobachtest. Hab dich lieb und danke!

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Wow! Unglaublich schöner Beitrag! Er spricht mir in so vielen Punkten aus der Seele. Vor allem den zweiten Punkt könnte ich selbst geschrieben haben. Sollen sie doch ihre Karrieren machen! 😉

    Besonders toll finde ich deine Einstellung dazu, wie du das kommunizierst, ohne andere zu bewerten.

    Lass dich weiterhin nicht beirren und mach weiter so! Is ja auch schön in dieser Nische. 🙂

  2. Danke Bernhard 🙂 Ich mag die Nische auch sehr und weiß, dass ich damit provoziere. Es fällt mir nicht immer leicht, Projektionsfläche von anderer Väter Befindlichkeiten zu sein und beschimpft zu werden, nur weil die ihr Leben vielleicht doch anders wollen, sich aber nicht trauen oder nicht können oder nicht wollen. Das irritiert mich dann, obwohl ich weiß, dass nicht ich das Problem bin, sondern mein Gegenüber das Problem in sich trägt.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: