Eine Reise nach New Work

In der klinischen Psychologie gibt es viele Krankheitsbilder. Zu den bekanntesten gehören Depressionen. Die Heilungschancen nach einer einzelnen Episode sind gut. Zur einfachen Erklärung der Erfolgsaussichten wird die ⅓-Regel herangezogen. Diese Regel lässt sich prima auf andere Bereich übertragen.

Bei Depressionen besagt die ⅓-Regel grob, dass 33% der Betroffenen nach einer Therapie als geheilt gelten. Es sind keine weiteren depressiven Episoden zu erwarten. Bei weiteren 33% der Betroffenen kehrt die Depression in Abständen wieder auf und beim restlichen Drittel manifestiert sich die Krankheit. Das sind natürlich keine wissenschaftlich fundierten Zahlen und Beschreibungen, aber für eine vereinfachte Darstellung der Heilungschancen allemal anwendbar. Doch was hat das Krankheitsbild der Depression mit »New Work« zu tun und was hat es mit der ⅓-Regel auf sich?

»New Work« hat nichts mit einer Krankheit und auch nichts mit einer Stadt zu tun. Der Begriff geht vielmehr auf den Sozialphilosophen Frithjof Bergmann zurück und beschreibt ein Arbeitsmodell, das den klassischen Begriff von Arbeit ersetzen soll. Bergmann entwickelte es als ein alternatives Modell zur Lohnarbeit im kapitalistischen Wirtschaftssystem. Dieses Modell nannte er »Neue Arbeit« und begründete damit eine Bewegung, die bis heute unter diesem Namen bekannt ist.

Nach Bergmann soll die klassische Erwerbsarbeit durch ein Beschäftigungsmodell ersetzt werden, bei dem der Einzelne zu ⅓ klassischer Erwerbsarbeit nachgeht, zu ⅓ Arbeit verrichtet, die er wirklich will und zu ⅓ »High-Tech-Eigen-Produktion« betreibt.
Hackl, B. et al. (2017): New Work: Auf dem Weg zur neuen Arbeitswelt.

Nachdem ich 2010 meinen alten Beruf als Medienberater und Print-Produktioner in Hamburg an den Nagel gehängt hatte, weil mir die »Arbeit« zu viel wurde, habe ich eine Auszeit in Italien auf einem Bergbauernhof genommen. Anschließend studierte ich Soziale Arbeit und Gesundheitsmanagement. Für mich war klar, dass ich nicht erneut in das Hamsterrad der Lohnarbeit zurückkehren werde. Was liegt da näher, als »New Work« auszuprobieren!

⅓ klassische Erwerbsarbeit

Meine klassische Erwerbsarbeit im Sozialdienst eines Krankenhauses ist traditionell in eine starke Hierarchie eingebettet, ähnlich wie bei der Bundeswehr oder der Polizei. Morgens um kurz vor 8.00 Uhr verlasse ich die Wohnung und kehre um 11.30 Uhr wieder nach Hause zurück. Die Strukturen sind wenig innovativ, weil sich der medizinische Dienst und der Sozialdienst in seinen Arbeitsabläufen wenig verändert hat. Der digitale Wandel macht natürlich auch vor dem Krankenhaus nicht halt, hier geht es mir aber um die Arbeitsmethoden, die (noch) nicht vollständig durch Roboter oder digitale Prozesse ersetzt ist. Innovationen werden im Krankenhaus eher auf oberster Ebene entwickelt. Die unteren Ebenen können Vorschläge machen, aber nicht mitdiskutieren. Jedenfalls gibt es keine mir bekannten Settings dafür. Abläufe und Anweisungen werden nach unten delegiert: „Scheiße fällt von oben nach unten!“ sagt man auch.

⅓ Arbeit, die ich wirklich will

Ein weitere Teil der »New Work« ist für mich die Care-Arbeit. Traditionell wird sie noch von Frauen ausgeführt, doch Männer übernehmen immer mehr. Zu diesen Männern zähle auch ich mich. Aus vollstem Herzen habe ich mich nach all den Erfahrungen entschieden, dass ich einen Teil der »Arbeit« zu Hause verbringen möchte. Meine Kinder möchte ich aktiv begleiten und groß werden sehen. Sämtliche Tätigkeiten, die damit in Verbindung stehen, gehören für mich wie selbstverständlich dazu. Von der Geburt an möchte ich ein stabiler Wegbegleiter sein, der seinen Kindern Selbstbestimmtheit und kritisches Denken ermöglicht. Sie sollen glücklich und mit Handwerkzeug ausgestattet werden, mit dem sie in der wandelbaren Welt zurecht kommen. Dazu gehört aber auch in Beziehung gehen und bleiben. Mit meiner Frau, meinen Kindern und meinem familiären Umfeld. All das gehört für mich zu Care-Arbeit.

⅓ High-Tech-Eigen-Produktion

Mit diesem Begriff interpretiere ich etwas mit Zauber, Visionen und Dingen, die weit entfernt liegen und doch so nah sind. Sie liegen hinter der Komfortzone. Das sind Dinge, ich ich schon immer mal machen wollte, mich aber nie getraut habe. Ich stelle mir so etwas wie eine Spielwiese für Experimente vor. Muss nicht zünden, darf aber einschlagen wie eine Bombe. Alles kann, nichts muss. Hier darf ich scheitern, wieder aufstehen, Krone richten und noch einmal versuchen. Mit dem Institut für Prävention und Gesundheit probiere ich mich gerade im Bereich Stressprävention aus. Damit habe ich schon während des Studiums angefangen und die Ideen konkretisiert. Nach einigen Fort- und Weiterbildungen bin ich Krankenkassen zertifiziert und darf im Rahmen der Prävention nach §20 SGB V Gesundheitskurse anbieten. Ob das jetzt aber der Weisheit letzter Schluss ist, weiß ich noch nicht. Das wird sich zeigen. Und wenn ich keine Lust mehr dazu habe, werden neue Ideen umgesetzt. An Ideen mangelt es nicht.

In den Medien lese ich häufig von der »Work-Life-Balance«. Dieser Begriff ist der totale Schwachsinn und wird von so vielen Menschen unreflektiert nachgeplappert. Es gibt keine Trennung von Arbeit und Leben. Die Arbeit ist Teil des Lebens und wo Arbeit aufhört fängt nicht das Leben an und umgekehrt. Arbeit muss vielmehr als sinnstiftender Teil des Lebens wahrgenommen werden. Die Umdeutung davon kann ich meinen Augen durch den »New Work« Ansatz gelingen. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich mit diesem Ansatz sehr viel mehr Zufriedenheit erreichen lässt. Die ⅓-Regel ist so einfach wie genial. Vielleicht ist es auch ein bisschen wie bei der Behandlung von Depression: Man muss es wollen.

Was ist mit dir? Kannst du dir vorstellen, nach der ⅓-Regel zu leben? Vielleicht tust du es schon und wusstest nur nicht, dass es einen Begriff dafür gibt. Schreib mir in den Kommentaren, was du davon hältst. Ich bin gespannt und freue mich auf Feedback!

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