Wer bin ich und wer möchte ich sein? Eine Überprüfung

Wer bin ich und wer möchte ich sein? Eine Überprüfung

Mittlerweile bin ich 33 Jahre alt, verheiratet und Vater einer 11 Monate jungen Tochter. Angetriggert duch einen Beitrag auf dem Blog von Leen und einem inspirierenden Interview mit dem bekannten Hirnforscher Gerald Hüther ist es an der Zeit, das bisherige (kinderlose) Leben einmal zu überprüfen. Immerhin sind nun gut 1/3 des Lebens verlebt. Will ich die nächsten Jahre so weiterleben, wie bisher?

Ein Blick zurück

Meine Kindheit und Jugend war vom klassischen Stil der 90er Jahre geprägt. Bloß nicht auffallen, schön mitlaufen, funktionieren und natürlich Karriere machen. Dann passiert dir schon nichts. Irgendwie durch die Schule kommen, Lehre machen, Haus, Frau, Kind, Hund und Auto. Aha. Anders sein war nicht erlaubt. Danke, dass ich auch gefragt werde. Wurde ich vielleicht auch, doch viele äußere Umstände und mein „nicht wissen, wer ich überhaupt bin“ standen mir im Weg. Dass ich hochsensibel bin, wusste ich schon, wollte es nur nicht akzeptieren. Dass ich eine Familie gründen wollte und Vater sein wollte, das wusste ich ebenfalls schon sehr früh.
Es hat lange gedauert, bis ich mich auf den langen Weg zu mir selbst gemacht habe. Selbstbestimmt durchs Leben gehen und den gesellschaftlichen Anreizen und Verlockungen widerstehen. Gleichzeitig mein Leben leben. Doch welche Ideale und welche Ziele, ja Visionen und Werte habe ich überhaupt? Und kann ich mich so akzeptieren, wie ich bin? Ohne anderen nachzulaufen oder selbst Trendsetter sein zu wollen?

Start in Südtirol

Gefangen im Hamsterrad, habe ich lange Zeit gedacht, dass ich eine Karriereleiter hinaufsteigen müsse. In einem mittelständischen Unternehmen habe ich eine Ausbildung begonnen und sollte anschließend im Vertrieb arbeiten. Wie sich an meinen damaligen Mitstreitern zeigt, stand mir eine steile Karriere bevor. Erst ein tragisches Ereignis in meiner Familie hat mich dazu bewogen, einmal aus dem Hamsterrad auszusteigen und eine Auszeit zu nehmen. Das war bis zu diesem Zeitpunkt die wohl beste Entscheidung in meinem Leben. Auf dem Bergbauernhof in Südtirol habe ich 3 Monate als Erntehelfer gearbeitet und mich auf den Weg zu mir selbst gemacht. Überschrift: „Auf der Suche nach dem unglaublichen Ich.“

Bei Luis Thaler auf dem leiterhof in Südtirol habe ich 3 Monate als Erntehelfer gearbeitet.

Mein Leben war immer bestimmt durch andere. Schlechten Vorbildern und Leitfiguren bin ich meist unreflektiert gefolgt. „Die haben bestimmt das, was ich brauche: Liebe und Anerkennung.“ Leider nein, leider gar nicht! Erst im Studium habe ich allen Mut zusammen genommen und im Grunde meine Jugend nachgeholt. Neue Freunde, neue Erfahrungen, neue Ziele und Visionen. Hier kennt mich ja keiner, ich kann von vorne anfangen! Auf den Bachelor folgte der Master sowie ein Weiterbildungsstudium. Mir wurde nicht langweilig. Ich fühlte mich, wie Mitte 20, war allerdings schon Anfang 30. Es folgte ein verlockendes Angebot aus NRW, dem ich nicht widerstehen konnte.

Zurück zu den Wurzeln, fast

Nach 7 Jahren im Norden, ganz weit weg von der Heimat, zog es mich also wieder dorthin zurück. Zwar ist das Ruhrgebiet und nun der Niederrhein nicht das heimatliche Münsterland, doch die Familie ist schnell zu erreichen. Aber irgendwie habe ich stark gezweifelt. Zurück ist doch immer ein Rückschritt, oder?

„Hej, sieh es doch als Chance. Du hast dich verändert, hast dich weiterentwickelt. Und vielleicht triffst du ja deine Traumfrau, bekommst Kinder, ihr heiratet, das wär doch was! Nur Mut!“

Danke, liebe Sandra, für deine tollen Worte, die mir so viel Energie und Zuversicht gegeben haben, das Richtige zu tun. Dafür bin ich dir unendlich dankbar!

Werte, die mir wichtig sind

Meine Schatzkiste an positiven Erfahrungen ist reich gefüllt. Liebe, Wertschätzung und Anerkennung sind auch dabei. Ständig überprüfe ich mein Tun und Handeln, frage mich, ob das jetzt der richtige Weg ist und was diese oder jene Entscheidung mit mir und meinem Leben macht. Ich bin ein Bauchmensch, ein Gefühlsmensch und ein Atmosphärentyp. Meine persönlichen Top 10 an Werten, die mir in meinem Leben zurzeit wichtig sind, lauten:
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  • Familie
  • Selbstbestimmung
  • Entdecken
  • Ehrgeiz
  • Natur

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  • Freiheit
  • Entwicklung
  • Kreativität
  • Rebellion
  • Ausgeglichenheit

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Elternzeit als besondere Reflexionszeit

Werte, die mir wichtig sind, müssen verteidigt werden. Droht also Gefahr von außen oder innen, dann werde ich krank. Als hochsensibler Mensch ist meine Reizschwelle schnell erreicht, denn mein Wahrnehmungsfilter ist sehr sensibel. Und ja, was soll ich sagen. Mein Leben hat so rasant an Fahrt aufgenommen, dass ich wieder in diesen Strudel geraten wäre. Meine Werte waren bedroht, meine innere Mitte lag im Ungleichgewicht. Eine Entscheidung musste her! Eine Entscheidung für meine Werte, für mich, für meine Familie.
Als erstes habe ich also meinen Job gekündigt, um Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Und weil ich ein HSP bin, hat der Prozess über ein Jahr gedauert (warum das so ist, werde ich noch mal näher beschreiben). Aber diese Entscheidung, diese Erkenntnis hat mich wieder zu meiner Selbstbestimmung gebracht. Gleichzeitig entdecke ich jeden Tag etwas Neues und bin nach wie vor ehrgeizig auf dem Weg zu mir selbst. Dafür brauche ich Familie, Natur und Freiheit, die mir erst die Entwicklung ermöglichen. Kreativität kann ich erst durch Rebellion entwicklen. Das „Anders sein“ leben und immer mit einem kritischen Blick reflektieren. Das alles macht mich erst ausgeglichen. Angekommen bin ich noch nicht. Aber auf einem guten Weg.

Auf zu neuen Abenteuern

Die letzten Jahre haben mich geeicht. Meine Grenzen sind justiert, ich weiß, bis wohin ich gehen kann. Jetzt heißt es, neues Land zu entdecken und neue Abenteuer zu bestreiten. Die Elternzeit ist, denke ich, eine tolle Möglichkeit dazu. Unsere Kleine krabbelt und wird bald das Laufen lernen. Der Frühling steht vor der Tür und die nächsten Urlaube sind in Aussicht. Jetzt bin ich Papa und genieße die Zeit mit meiner Tochter, mit meiner Frau und mit mir.
Was ist mit dir? In Anlehnung an Richard David Precht: Wer bist du und wenn ja, wie viele?

Hier noch das Video „Die sanfte (R)evolution – Veit Lindau im Gespräch mit Gerald Hüther

Wie handlungsbegleitetes Sprechen den Alltag erleichtert

Wie handlungsbegleitetes Sprechen den Alltag erleichtert

Heute möchte ich euch über eine Erkenntnis berichten. Es geht um Babysprache und Nicht-Babysprache, um Kommunikation und wie ich die Sprache meiner Tochter gelernt habe. Kurzum: Es geht um handlungsbegleitetes Sprechen.

Kommunikation mit dem Baby

Was um Himmels Willen möchte dieses Baby von mir? Dieses Baby, das ist mein Baby. Und dieser verzweifelte Typ vor diesem Baby bin ich. Es geht mal wieder um unsere Kommunikation. Quengelei hier, Quengelei da, nögel nörgel meck meck meck. Spontane Weinanfälle inklusive. Schon vor der Elternzeit habe ich mich in solchen Momenten immer gefragt, warum die Kleine jetzt schreit, quengelt oder so derbe unruhig auf meinem Arm ist. Schwer auszuhalten, schwer zu beruhigen und irgendwie kräftezehrend. Bei uns beiden. Dann ging es auf Ursachensuche: Volle Windel? Hunger, Durst oder doch nur müde? Deutliche Signale kamen meist von mir und nicht von ihr. Ha! Denkste!

Wir haben ein Empfänger-Problem

Deutliche Signale zeigt das Baby, nur nehme ich sie nicht wahr. Ein „lödelö“ kann alles und nichts bedeuten. Ich muss den Kontext beachten. Weinen ist oft das letztes Mittel, um mir zu signalisieren „ey Alter, checkste nich? Ich hab Hunger! Idiot!“ Doch wie kommuniziere ich mit dem Baby? Und wie baue ich einen guten, wertschätzenden Draht zu ihr auf? Ich stelle fest, dass ich hier das Problem bin. „Du sag‘ mal, wieso klappt das mit euch beiden so super, bei mir aber irgendwie nicht?“ Ich suche Rat bei meiner Frau. „Können doch nicht nur die Mutterinstinkte sein, oder?“ Als Sprach- und Schlucktherapeutin auf Intensivstation hat sie schließlich auch mit den ganz harten Fällen zu tun. Aphasiepatienten behandelt sie täglich. Schon kurz nach einem Schlaganfall bekommen die Patienten Therapie. Vielleicht hat sie ja einen Tipp.

Handlungsbegleitetes Sprechen

„Versuch doch mal alles was du tust, zu beschreiben.“ Aha, toller Tipp. Wie soll das aussehen? „Mit der rechten Hand greife ich zum Nutellaglas, mit der linken Hand drehe ich den weißen Deckel vorsichtig ab…“ so etwa? Sie lächelt und erklärt mir, was sie meint. Handlungsbegleitetes Sprechen bedeutet, dass jede Handlung verbalisiert wird. In der Therapie gibt die Therapeutin dem Patienten dadurch Sicherheit und Kontrolle. Falls ihm etwas nicht gefällt, kann er sofort ein Signal geben, obwohl er nicht sprechen kann. Sicherheit bekommt er, weil er immer weiß, was gerade passiert. Klingt logisch. Auch Vermutungen werden geäußert. Ich erinnere mich an meine Weiterbildung zum systemischen Berater. Eine Methode heißt „lautes Denken“. Alles, was uns durch den Kopf geht, wird sofort geäußert. Ui ui ui, ob das gut geht?
Seit ein paar Wochen artikuliere ich also nahezu alles, was ich mache. Das fängt morgens schon beim Aufstehen an. „Guten Morgen, hast du gut geschlafen? Komm, wir gehen jetzt in die Küche und frühstücken. Ach, wir wollen ja vorher die Windel wechsel, mal schauen, ob die wieder so schwer ist, wie letzte Nacht…“ Und, was soll ich sagen. Es klappt. Und mittlerweile so gut, dass ich erkenne, wann sie die Windeln gewechselt haben möchte, wann sie etwas essen möchte und wann sie müde wird. Es braucht keine Uhr, keine feuchten Bodys oder knurrende Mägen. Sie krabbelt zum Wickeltisch, sie fängt an zu schmatzen und wenn sie müde wird, dann möchte sie auf den Arm und legt ihren Kopf auf meine Schulter. Das ist richtig schön.

Es wirkt

Seitdem ist es richtig entspannt bei uns beiden. Wahrscheinlich sind wir uns auch deshalb so nahe. Zwar habe ich nach wie vor keine Zeit für mich, aber die Tage sind stressfrei. Aufstehen, Essen, Wickeln und Schlafen gehen klappen so reibungslos, wie ich es mir immer gewünscht habe. Gleichzeitig denke ich nicht, dass ich etwas verpasse oder unsere Tochter „verziehe“. Vielmehr unterstützt die Art der Kommunikation eine bedürfnisorientierte Erziehung (ich mag das Wort nicht, aber mir fällt grad nicht besseres ein. Begleitung vielleicht). Für mich eine so tolle Erkenntnis und ein absolutes Highlight in den letzten Wochen.

Das erste Mal Papa werden – wie Fliegen (nur anders)

Das erste Mal Papa werden – wie Fliegen (nur anders)

Damals war ich erst 13 Jahre alt, im Sommerlager 1997 auf dem Flugplatz in Stadtlohn-Vreden. Mein Fluglehrer stieg nach einem Checkflug nicht wieder ein. „So Heiner, das machst du dann jetzt allein. Keine Sorge, du kannst das. Einfach dran denken, oben geblieben ist noch keiner,“ grinste er mich an. Viele Jahre später nehme ich an einem Geburtsvorbereitungskurs teil und fühle mich irgendwie an das erste Mal zurück erinnert. Ich bin jetzt 32 Jahre alt und werde bald das erste Mal Papa. Liebevoll gibt uns die Hebamme die warmen Worte mit auf den Weg: „Keine Angst liebe Männer. Egal, was passiert. Es ist noch kein Baby drin geblieben.“

Das erste Mal im Flugzeug

Endlich, ja endlich ist es soweit. Was für ein großartiger Moment. Doch jetzt heißt es Konzentration. So viel habe ich in den letzten Tagen gelernt und immer wieder geübt. Es beginnt beim Startcheck, alle Ruder werden überprüft und die Instrumente gecheckt. Die Wetterverhältnisse, der Luftraum und natürlich meine körperliche Verfassung. Alle Sicherheitsgeräte dabei? Fallschirm angezogen und fest angeschnallt. Die Verfahren bei einer Startunterbrechung sind mir bekannt. Abhängig von der Höhe und den Wetterverhältnissen geradeaus landen oder eine verkürzte Platzrunde fliegen. Ich gebe dem Starthelfer das Kommando: „Startklar, es kann eingeklingt werden!“ Mein Puls steigt.
Das Seil wird eingeklingt und im nächten Moment von der Winde angezogen, bis es stramm ist. „Seil straff, fertig“ teilt die Person am Telefon dem Windenfahrer auf der gegenüberliegenden Flugplatzseite mit. Kurze Stille. Doch plötzlich reißt mich das dünne Stahlseil ruckartig in den Himmel. Wow, was für ein Gefühl. Das Flugzeug hebt wie ein Ballon vom Boden ab und steigt auf 400 m Höhe. Nach etwa einigen Sekunden löst sich das Seil automatisch. Die Verbindung zum sicheren Boden ist gelöst. Jetzt bin ich wirklich frei.

Das erste Mal im Kreissaal

Februar 2016 um 4 Uhr nachts. Unsere Kleine hat entschieden, dass ich an diesem Montag nicht zur Arbeit fahren muss. Schnell sind die Sachen gepackt, wie wir es im Vorbereitungskurs gelernt haben. Alles dabei? Im Kopf gehe ich noch einmal die wichtigsten Punkte des Geburtsvorberitungskurses durch. Klamotten: check. Wickeltasche: check. Frau: check. Mit dem Auto fahren wir die kurze Strecke zur Klinik. Wir gehen noch mal alles durch. Nach kurzem Überlegen stelle ich fest, dass nicht viel vom Geburtsvorbereitungskurs hängen geblieben ist. Wir Männer haben uns damals hauptsächlich über unsere Frauen unterhalten. Thema: „Gegenwärtige Herausforderungen beim Netzbau-Trieb und was das mit der Beziehung macht.“ Egal, wird schon. Klingeln am Eingang zum Kreissaal, Aufnahme, Wehenschreiber, Pressen, Kind da. Ganz einfach.
Die Startvorbereitungen sind soweit abgeschlossen. Wenn etwas schief gehen sollte, wissen wir, dass direkt nebenan die Kinderambulanz ist mit Vollversorgung. Das beruhigt. Es fehlt nur noch das Kommando vom Baby. Das lässt aber einige Stunden auf sich warten. Erst kurz nach 20 Uhr ist es dann endlich soweit, „Seil straff, fertig.“ Die Fruchtblase platzt, es geht los. Für einen kurzen Moment schießen mir Freudentränen in die Augen. Doch meine Frau spürt die Wehen jetzt noch schmerzhafter. Schlechter Zeitpunkt für Emotionen, jetzt muss ich supporten. Unter der liebevollen Anleitung der Hebamme kommt unsere Kleine schließlich nach einigen Stunden zur Welt. Ich trenne die sichere Verbindung zwischen Baby und Mutter. Jetzt bist du wirklich da. Willkommen Kleine Maus.

Alle Male sind besondere Male

Das erste Mal Sex, das erste Mal Autofahren, das erste Mal einen Job beginnen oder das erste Mal Papa werden. Jedes dieser ersten Male war und ist etwas besonderes. Bisher habe ich auf die Frage, was mich emotional am stärksten berührt hat, geantwortet: Das erste Mal alleine Fliegen. Seit der Geburt meiner Tochter hat sich das geändert. Und dabei ist es doch egal, ob es die erste Geburt oder die zweite Geburt ist. Es ist immer irgendwie das erste Mal.

Ein Ritual, das zusammen führt

Es ist eine lang gehegte Tradition im Luftsport, dass die „Freiflieger“ nach der dritten Landung einen Blumenstrauß überreicht bekommen. Bei uns am Flugplatz werden die Flugschüler noch zusätzlich in die Niers geworfen. Wie das aussieht und warum das so ist, steht hier im Blog des Vereins. Die Blumen beim so genannten „Freiflug“ pieksen und zwicken, denn er besteht hauptsächlich aus Disteln. Das soll Symbol für eine feinfühlige Hand am Steuerknüppel sein. Zur Geburt kamen auch viele Menschen und überreichten uns Blumen, allerdings ohne Disteln. Das ist auch Tradition. Als Ritual wurde das Baby herumgereicht. Oma, Opas, Onkeln und Tanten. Herzlich willkommen in deiner Familie.

Wie war dein erstes Mal als Papa? Wie siehst du das? Nicht immer geht alles glatt, auch das ist ein erstes Mal. Hat sich deine Perspektive verändert? Ich bin gespannt auf deine Erfahrungen.

Wie ich meine Hochsensibilität erkannt habe und mein Leben gestalte

Wie ich meine Hochsensibilität erkannt habe und mein Leben gestalte

Von Natur aus bin ich ein Mensch, der sich immer viele Gedanken macht. Das wissen meine Freunde und meine Familie. Das weiß auch ich. Als Vater in Elternzeit habe ich zwar nicht viel Zeit dafür, doch gerade beim Spielen mit Töchterchen blitzen hier und da Verbindungen, Erfahrungen und eben Gedanken an die eigene Kindheit auf. Das hat mich veranlasst, meine Hochsensibilität genauer unter die Lupe zu nehmen.

Hochsensibilität und ihre Ausdrucksformen

Mit Bezug auf Hochsensibiliät (HSP = High Sensitive Person) stolpere ich immer wieder über skurrile Charakter- oder Persönlichkeitseigenschaften. Und zwar nicht die von anderen, sondern über meine eigenen. Warum bin ich zum Beispiel so vergesslich? Es zeichnete sich schon als kleiner Junge ab. Wenn meine Mutter mich zum Sachen holen in den Keller schickte, habe ich mir nur 3 Dinge merken können. „Bringst du mir bitte Mehl, Kartoffeln und Zwiebel aus dem Keller und schaltest die Waschmaschine aus?“ Klaro, nichts leichter als das. Denkste. Die Waschmaschine habe ich ausgeschaltet, aber Mehl habe ich vergessen. Das ging teilweise soweit, dass ich unten im Keller stand und sämtliche Regale durchsucht habe, um zu finden, was ich vergessen habe.
Auf dem Fahrradweg zur Schule muss ich meinen Nachbarn und Kumpel Frank wohl ziemlich auf die Nerven gegangen sein. Ständig musste er sich mein Gefasel von der schönen Natur, den Erlebnissen am Flugplatz, den Begegnungen mit Vögeln und den tollen Wolkenbildern anhören. Gleichzeitig fluchte ich über das regnerische Wetter oder freute mich sehr über den Sonnenschein. Meistens holte er mich ab, weil ich mich mal wieder verspätet hatte. Die Nacht schlug ich mir oft mit dem Schreiben von Internetseiten um die Ohren. Entsprechend schlecht kam ich aus dem Bett. Ich kann verstehen, wenn unsere Freundschaft nicht über die Schulzeit hinaus bestand hatte.

Achtung Ironie

Zeige mir einen Fettnapf und ich springe sofort hinein. Ehrlich jetzt, Ironie, Sarkasmus und Witze verstehe ich nicht. Das mag an meinem Gutglauben liegen aber sicherlich nicht an meinem IQ. In einer Vorlesung hat mich ein Dozent mal richtig vorgeführt, ohne dass ich davon etwas mitbekommen habe. Erst hinterher kamen Kommilitonen auf mich zu und meinten, dass ich mir das Verhalten doch nicht bieten lassen solle. Mir war nichts aufgefallen. Gleiches gilt für erfundene Geschichten. Einmal haben wir mit der Familie ein Gesellschaftsspiel (Erwischt) gespielt. Mit der Schwiegermutter kam ich nebenbei ins Gespräch und merkte nicht, wie sie mir einen Bären aufband. Mit dieser Falle hatte ich das Spiel verloren und den Spott auf meiner Seite.

Viele Emotionen und körperliche Reaktionen

Gleichzeitig bin ich emotional unheimlich überwältigt von kleinen Freuden oder traurigen Ereignissen im Alltag. So richtig klar geworden ist mir das erst, als wir als Familie einmal eine Serie geschaut hatten. In einer Szene starb jemand, was mich so unendlich ergriffen hat, dass ich Rotz und Wasser geheult habe. Alle waren mega irritiert darüber, es war ja nichts vorgefallen. Meine Schwester hat mich dann in den Arm genommen, was die Situation nicht besser gemacht hat. Das ist seitdem immer wieder Thema. Und selbst heute noch kullern mir riesige Krokodilstränen aus den Augen, wenn ich solche Szenen im TV oder Kino sehe. Dabei zieht sich mein Magen so derbe zusammen, als wenn ich live bei einer Beerdigung dabei wäre. Über Horrorfilme fange ich gar nicht erst an zu schreiben.
Aber es gibt noch andere Eigenschaften. Lange war ich in Behandlung wegen möglicher Allergien, ohne dass eine festgestellt werden konnte. Doch meine Haut, mein Körper reagiert überempfindlich auf äußere Reize. Schon geringer Lärm schmerzt meine Ohren, Wärme lässt meine Haut fleckig werden, Kälte ist schmerzhaft und Düfte nehme ich übertrieben stark wahr, oft als erster. Scharfe Soßen kann ich nicht essen, selbst milder Senf ist mir zu scharf. Gleichzeitig mag ich es nicht, wenn mich jemand berührt, von dem ich es nicht will. Vor zwei Jahren war ich auf einem Konzert von Kraftklub. Meine Frau zog mich nach ganz vorne. Ich bekam Herzrasen und Herzklopfen. Mir war das zu viel. Zu laut, zu viele Menschen, einfach zu viel. Mein Körper schrie nach Ruhe.

Konflikte als Herausforderung

Darüber hinaus kann ich Spannungen und Konflikte nur sehr schwer aushalten. Schon als junger Mann habe ich mich nicht mit gleichaltrigen Rivalen geprügelt. Ging es um ein schönes Mädchen, habe ich den Vortritt gegeben. Debatten führe ich gerne, wenn sie wertschätzend sind und auf Augenhöhe geschehen. Als Rekrut war ich 9 Monate bei der Bundeswehr und habe mir keine Freunde gemacht. Zu verschieden waren die Ansichten von Menschenführung und Wertschätzung. Heute würde ich Zivildienst leisten. Ich mag Experte sein in Konfliktmanagement und Mediation, doch nehme ich in Konflikten eher die Vermittlerrolle ein, als die provokante Rolle. Man könnte auch sagen, dass ich harmoniebedürftig bin. Eine Freundin sagte mal über mich, ich sei ein „Atmosphären-Typ“. Mir gefällt der Ausdruck.

Perfektionismus und Sinn für Harmonie

Ärgern kann man mich nicht nur mit ironischen Äußerungen, sondern besonders in Kombination mit meinem Perfektionismus. Das hat teilweise schon autistische Züge, grenzt sich aber auch hier klar davon ab. Ich habe es gerne harmonisch, besonders, wenn es kreativ wird. Gerade Linien, Sinn für Ordnung (im künstlerischen Bereich) bzw. kreativem Chaos. Gerne rücke ich im Alltag Stifte parallel nebeneinander oder hänge Bilder wieder zurecht. Wenn ich das nicht mache, stört mich die Unordnung so dermaßen, dass ich keinem Gespräch mehr folgen kann und mein Wahrnehmungsfilter nur darauf fixiert ist. Meine Frau bringt gerne meine Harmonie durcheinander, indem sie provokant den Stift um ein paar Grad versetzt. Ist das jetzt Ironie, Sarkasmus oder einfach nur witzig? Ich weiß es nicht.

70% sind introvertiert, 30% sind extravertiert

Begeisterungsfähigkeit und Sprunghaftigkeit sind ebenfalls Anzeichen meiner Persönlichkeit. Ich bin ein extravertierter Mann, der gerne vor vielen Menschen steht, ohne jedoch im Mittelpunkt zu stehen. Auch komplizierte Sachverhalte kann ich vor Publikum wiedergeben. Doch wenn es zu viele Reize gibt, dann bin ich überflutet und brauche Rückzug und Stille, Ruhe und Einkehr. Krasse Gegensätze, oder? Sprunghaftigkeit habe ich gleichgesetzt mit Begeisterungsfähigkeit, weil ich sehr kreativ und ideenreich bin und alles sofort umsetzen möchte. Mit der Zeit habe ich gelernt, konstruktiv mit einem Plan an Dinge herauszugehen. Da wo Kreativität gefragt ist, kann ich glänzen.
Bei vielen Entscheidungen verlasse ich mich auf meinen Bauch, bzw. auf meine Intuition. Ich werde zur Diva, wenn ich hungrig bin, bzw. sacke gerne mal zusammen, wenn Energie fehlt. Stress ist für mich ein inneres Durcheinander, sodass ich ein Piepen auf den Ohren bekomme oder den Pulsschlag im Ohr hören kann. Klingt komisch, ist aber so. Gleichzeitig betrachte ich gerne komplexe Zusammenhänge aus der Meta-Ebene heraus und beteilige mich an Diskussionen oder Projekten aus dem Hintergrund. Und auch erst dann, wenn es kompliziert wird.

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Hochsensibilität ist keine Krankheit

Hochsensibilität ist übrigens keine Krankheit und lässt sich somit sehr gut von Persönlichkeitsstörungen wie Borderline oder Narzissmus abgrenzen. Eine schöne Auflistung gibt übrigens das Buch von Sylvia Harke, das HSP sehr gut beschreibt und in dem ich viele Gemeinsamkeiten gefunden habe. Doch nicht alls HSPs haben identische Kanäle, auf den sie wahrnehmen. Folgende Punkte stammen von http://www.zartbesaitet.net

  • Sensorisch sensible Menschen haben besonders feine Sinneswahrnehmungen: Geräusche, Gerüche, Licht und Farben wirken auf sie besonders stark. Oft haben sie in diesen Bereichen eine Begabung: musisch, künstlerisch, ästhetisch. ev. Nachteile: oft besonders lärmempfindlich, leicht irritiert, von vielen Sinneseindrücken schneller überlastet.
  • Emotional sensible Menschen nehmen besonders die Feinheiten in zwischenmenschlichen Bereichen auf. Sie sind mitfühlend, hilfsbereit, empathisch, oft besonders genaue Zuhörer mit starker Intuition. Herausforderungen: fühlen sich oft überfordert von der Last all dessen, was sie wahrnehmen.Oft reagieren sie in Gesprächen auf die Untertöne stärker als auf die ausgesprochene Botschaft des Gesprächspartners.
  • Kognitiv sensible Menschen haben ein starkes ‚Gefühl‘ für Logik, für ‚Wahr oder Falsch‘, und denken in sehr komplexen Zusammenhängen. Haben oft besondere Begabungen auf wissenschaftlichem oder technischen Gebiet.
    Probleme können sich ergeben, wenn das komplexe Denken die Kommunikation im Alltag behindert.

Generell kann man sagen, dass die Wahrnehmungsfilter von hochsensiblen Menschen viel ausgeprägter sind, als die von nicht hochsensiblen Menschen. Das kann Fluch oder Segen sein, je nachdem, ob man die Gabe annimmt und akzeptiert oder nicht. Und das Annehmen und Akzeptieren ist gar nicht so einfach.

Mein Persönlichkeitstypus

Dieses Anderssein ist eine große Herausforderung für mich. Früher habe ich immer gedacht, ich sei schwul, weil ich ja anders bin als die anderen. Dann werde ich gerne als arrogant, besserwisserisch oder hochnäsig bezeichnet. Das hat mich eine Zeit lang sehr verletzt, was zu inneren Konflikten führte. Mich hat das alles sehr aufgewühlt.
Nach Sylvia Harke kann ich folgende Persönlichkeitseigenschaften an mir feststellen:

  • Intuition und Aufschnappen von Stimmungen (Atmosphärentyp)
  • Gerechtigkeitssinn und Einsatz für Schwächere (Hej, ich bin Sozialpädagoge)
  • Sinnsuche und tiefes Verarbeiten von Ereignissen (Warum ist das jetzt so? Gerne in der Meta-Ebene)
  • Naturerlebnisse haben einen großen Einfluss (Ruhe, Entspannung, Energie tanken, Ausgleich)
  • ausgeprägte Kreativität und Analysefähigkeit (Innovationsbereitschaft)
  • Scanner-Persönlichkeit (siehe unten)
  • hohe Verbundenheit zu Familie, Freunden, Tieren und Natur

Ja, ich ticke anders, aber das wird meine Familie und werden meine Freunde schon wissen. Doch jetzt habe ich endlich den Schlüssel dazu gefunden. Keine Depression, kein Narzissmuss, kein Borderline oder gar Autismus. Nein. Der Schlüssel heißt: Hochsensibilität. Als ich zu dieser Erkenntnis kam, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Richtig geil. Endlich habe ich das Puzzle-Teil gefunden, wonach ich immer gesucht habe. Denn Zeit meines Lebens habe ich mich gefragt, warum ich schon so viele Stationen in meinem Leben, egal ob beruflich, im Ehrenamt oder privat, durchlebt habe und nie wirklich „angekommen“ bin. Nun, das beschreibt die Scanner-Persönlichkeit ganz gut.

Scanner-Persönlichkeit

Anders als bei Hochbegabten, die Super-Genies z.B. in einem mathematisch-naturwissenschaftlichen Gebiet sind, haben Scanner-Persönlichkeiten so vielfältige Begabungen und Interessen, dass ihnen schnell langweilig wird, wenn sie sich eine gewisse Zeit „nur“ auf ein Themengebiet konzentrieren müssen. Menschen, denen es nicht so geht, sind entweder Super-Genies oder Normal (jedenfalls keine HSPs). Damit ist übrigens nicht der IQ gemeint, sondern die Persönlichkeit. Ich sehe mich nicht als hochbegabt an, sondern als hochsensibel. Wenn mich etwas langweilt, dann will ich weg. Herbert Grönemeyer sang mal „[…] Stillstand ist der Tod […]“ was 100% zu mir passt. Wenn ich aber immer wieder Veränderung habe, dann bin ich innovativ. Oder anders herum. Ich bin innovativ und lebe Veränderung. Aber auch nur in vertrauter Umgebung und Atmosphäre. Ihr seht, ein Teufelskreis.
Hach, es tut so gut darüber zu schreiben. Wenn du auch mal so einen HSP-Test machen möchtest, dann schau dir den hier oder diesen an. Es gibt noch viele andere, die in Foren und Büchern beschrieben sind. Zum Einstieg sind die beiden aber nicht schlecht.

Wie es weitergeht

Ich bin unglaublich neugierig, ob HSP vererbt wird. Sicherlich wird sich unsere Kleine einige Dinge abschauen, aber es sind doch eher die emotionalen Eigenschaften, die HSP ausmachen. Jedenfalls bei mir. Unsere Tochter wird in einer HSP-sensiblen Umgebung aufwachsen. Wir werden beobachten, was sie braucht und was sie nicht braucht. Dabei hilft der Attachment Parenting Ansatz sehr gut. Und natürlich unsere Intuition und die regelmäßigen Gespräche. Ich bin meiner Frau so von Herzen dankbar, dass sie mich so nimmt, wie ich bin. Auch wenn sie sich hin und wieder einen Spaß draus macht, sind wir tief miteinander verbunden. Danke Süße!
Hochsensibilität Heiner
Was ist mit dir? Kennst du hochsensible Menschen oder bist du selber hochsensibel? Hast du womöglich hochsensible Kinder? Ich bin gespannt auf dein Feedback!

Auf dem Weg zur Bindung und mir selbst

Auf dem Weg zur Bindung und mir selbst

Vor genau einem Jahr habe ich bei meinem Arbeitgeber Elternzeit beantragt angemeldet. Wow, wie die Zeit vergeht. Meine Frau war zu dieser Zeit schon im Berufsverbot und konnte sich intensiv mit ihren Erwartungen und Befürchtungen auseinander setzten. So richtig vorbereitet auf das, was kommt, war ich ich nicht. 7 Monate Elternzeit. 1 Monat ab Geburt, 6 Monate ab September. Hoffentlich kann ich eine stabile Bindung zu meiner Tochter aufbauen.

Kopf voller Arbeit

Vielleicht erging es mir wie anderen Männern auch. Der Kopf war voller Arbeit, der Kalender voller Termine und die Laune der Frau im Keller. Das Baby habe ich bis zum Beginn meiner 6-monatigen Elternzeit selten gesehen. Auch nicht am Wochenende. Denn als Bildungsreferent arbeite ich viel an Wochenenden. Plus Überstunden in der Woche. Der Job ist super, wenn man Single ist. Doch sobald du Familie hast, möchtest du die Zeit gerne mit ihr verbringen, auch am Wochenende. Hinzu kommt, dass wir direkt zu Beginn der Elternzeit eine mehrmonatige Reise starten wollten. Die Planungen hat dann meine Frau komplett alleine übernommen. Ja, sie macht es gerne und ja, ich habe ein schlechtes Gewissen. Gerne hätte ich sie bei der Planung unterstützt.
Ich gebe es zu, mein Kopf war so voller anderer Gedanken über Projekte, Events, Arbeit, Stress, Konflikten und noch mehr Arbeit, dass ich ich mich wenig freuen konnte auf das, was kommt. 6 Monate Elternzeit. Eine große Herausforderung. Nicht mal das Herunterzählen im Kalender hat so wirklich Freude bereitet. Vielmehr stieg in mir die Sorge, die Angst, kein toller Papa zu sein. Wahrscheinlich kriegen wir nicht mal eine stabile Bindung hin. Oje, die Kleine wird ja auch immer älter, wird in der kommenden Zeit krabbeln lernen und möchte die Welt entdecken. Meine Frau geht ab Dezember (2016) wieder arbeiten, ich bin mit dem Baby zu Hause… oje oje, ob das gut geht?

Was sagt mein Herz?

Ich möchte ein Papa sein, der seine Tochter einfühlsam, feinfühlig und liebevoll begleitet. Dabei möchte ich mit ihr spielen, singen, tanzen, Blödsinn machen und auch die Welt erkunden. Doch unter welchen Voraussetzungen? Ich bin gestresst, hab den Kopf nicht frei, bin dünnhäutig und leicht gereizt. Meine Frau hat eine enge Bindung zu der Kleinen aufgebaut und weiß die Signale zu lesen. Hat sie Hunger, hat sie die Windeln voll, hat sie Bauchweh, ist sie müde und so weiter. Das alles kenne ich nicht, oder zumindest nur aus Erzählungen. Und noch mehr. Beim Einschlafen gibt es Rituale, die ich kaum beherrsche. Bin ja nie da oder komme erst spät nach Hause. Mich ärgert das.
In den ersten Wochen unserer gemeinsamen Elternzeit hatte ich also Zeit, die Kleine, meine Frau und mich besser kennenzulernen. Letzteres war so nicht beabsichtigt. Mehr dazu in einem späteren Beitrag. Im Grunde habe ich mir das ja immer gewünscht. Papa und Hausmann zu sein. Eine tolle Vorstellung. Vorher machen wir eine Reise durch Frankreich und Spanien, wow. Ein Traum für den wir uns extra einen VW Bus gekauft haben. Doch mein Kopf leert sich nur sehr mühsam. Es ist fast so, wie vor einem Jahr, als wir eine Rundreise durch die USA gemacht haben. Dort habe ich auch den Groll von der Arbeit mit mir herumgetragen und konnte die Reise kaum genießen. Das soll so nicht noch einmal vorkommen!

Sinn und Unsinn

Meine Frau muss während der Reise sehr geduldig mit mir gewesen sein. Viele wiederkehrende Gespräche über Job, Karriere und gesellschaftliche Vorurteile prägen die gemeinsamen Abende. Nur langsam sortiert sich mein Kopf. Viele Dinge beginnen sich zu relativieren und verlieren an Bedeutung. Je länger ich Zeit mit meiner Frau und unserer Tochter verbinge, umso mehr werden wir zu einem richtig gut funktionierenden Team. Man sagt ja immer, dass Struktur und geregelte Abläufe für Kinder wichtig sind. Ich glaube, auch für uns Erwachsene sind sie wichtig. Aufgaben sollten Sinn haben und Sinn ergeben. Erst dann sind wir glücklich. Ich brauche noch etwas Zeit.
An einen Abend fing unsere Kleine im Schlaf plötzlich laut an zu schreien. Als ich zu ihr in den VW Bus stieg, um sie zu beruhigen, rief sie zum ersten Mal lautstark „MAAAAAAMAAAAA“. Ui, was ist das jetzt? Mama? Na toll. Und was ist mit Papa? „Deine Zeit kommt noch,“ ermutigt mich meine Frau und klettert zur Kleinen ins Bett. Klar. Für Liebe und Fürsorge ist schließlich meine Frau zuständig. Gar nicht so einfach mit der Bindung. Immerhin lässt sich die Kleine von mir tragen, von mir füttern (immerhin) und spielen ist auch kein Problem. Doch beruhigen und zum Einschlafen bringen, das klappt auf der Reise gar nicht. Und es soll noch einige Wochen andauern.

Das Jahr fängt ja gut an!

Es ist kurz vor Silvester und mittlerweile sind wir seit zwei Monaten wieder zu Hause. Meine Frau geht seit einigen Wochen wieder arbeiten und ich verbringe die Tage mit der Kleinen. Inklusive Mittagsschlaf. Das war am Anfang mehr als hart. Für 1,5 Stunden Mittagsschlaf habe ich manchmal 3 Stunden Zeit gebraucht. Einmal kam meine Frau im Nachmittag von der Arbeit nach Hause und die Kleine schlief immer noch. „Willst du sie nicht wach machen?“ fragt sie erstaunt. „Ne, sie schläft erst seit einer Viertelstunde.“ Begeisterung pur. Bei allen Beteiligten. Entsprechend ausgelaugt ist mein Körper. Von den Kratzspuren im Gesicht mal ganz zu schweigen. Die Nägel müssten auch mal wieder geschnitten werden. Meine Rückenschmerzen vom Tragen sind zu stark, dass ich bei einer Osteopathin in Behandlung bin. Mein Schlafmangel so hoch, dass ich mittags beim Spielen wegnicke, während die Kleine unsere Wohnung unsicher macht.
Doch hej, was soll ich sagen. Seit ein paar Tagen sind wir bffbest friends forever – yeha! Leute, es ist so der Hammer. Die Kleine krabbelt zum Wickeltisch wenn die Windel voll ist. Sie umklammert mich ganz doll, wenn sie müde ist und schmatzt, wenn sie Hunger hat. Vorbei die Zeit, dass ich nicht wusste, was sie hat oder was sie will. Alle schreien nach „bedürfnisorientierter Erziehung Begleitung“ doch das zu leben, ist mehr als hart! Aber wir haben es gemeinsam geschafft! Wenn Mama das Haus verlässt, winkt die Kleine und spielt anschließend mit mir im Wohnzimmer. „Wow“ werdet ihr jetzt sicher denken. Ganz großes Kino. Ja, aber hej, ich bin angekommen. Ich verspüre bedingungslose Liebe und pures Vertrauen. Das macht mich zum glücklichsten Papa überhaupt. Uns verbindet ein so enges Band, das selbst das Ins-Bett-geh-Ritual ein Kinderspiel ist. Jalousie runter, Flasche vorbereiten, Buch vorlesen, kuscheln, einschlafen, fertig. Irre, oder?

Freie Wochenenden und eine starke Bindung!

All die Erfahrung der letzten Monate haben meinen Entschluss bekräftigt, dass ich nach meiner Elternzeit nicht mehr in meinen alten Job zurückgehen werde. Die gemeinsame Zeit mit der Kleinen hat mir gezeigt, was im Leben wichtig ist. Es ist nicht das Geld, sondern vielmehr gemeinsame Zeit. Qualitätszeit. Ich möchte die Zeit mit meiner Tochter sinnvoll genießen. Deswegen habe ich meinen Job gekündigt. Nein, einen neuen habe ich noch nicht. Das werden einige nicht verstehen und andere nicht akzeptieren, doch für mich ist es eine innere Überzeugung. In meinem nächsten Job verbringe ich dann die Wochenenden zu Hause und muss hoffentlich in der Woche nicht allzulange arbeiten. Falls das doch mal passieren sollte, krame ich diesen Beitrag heraus und vergewissere mich, ob ich auf dem richtigen Weg bin.
 

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