Eine Reise nach New Work

Eine Reise nach New Work

In der klinischen Psychologie gibt es viele Krankheitsbilder. Zu den bekanntesten gehören Depressionen. Die Heilungschancen nach einer einzelnen Episode sind gut. Zur einfachen Erklärung der Erfolgsaussichten wird die ⅓-Regel herangezogen. Diese Regel lässt sich prima auf andere Bereich übertragen.

Bei Depressionen besagt die ⅓-Regel grob, dass 33% der Betroffenen nach einer Therapie als geheilt gelten. Es sind keine weiteren depressiven Episoden zu erwarten. Bei weiteren 33% der Betroffenen kehrt die Depression in Abständen wieder auf und beim restlichen Drittel manifestiert sich die Krankheit. Das sind natürlich keine wissenschaftlich fundierten Zahlen und Beschreibungen, aber für eine vereinfachte Darstellung der Heilungschancen allemal anwendbar. Doch was hat das Krankheitsbild der Depression mit »New Work« zu tun und was hat es mit der ⅓-Regel auf sich?
»New Work« hat nichts mit einer Krankheit und auch nichts mit einer Stadt zu tun. Der Begriff geht vielmehr auf den Sozialphilosophen Frithjof Bergmann zurück und beschreibt ein Arbeitsmodell, das den klassischen Begriff von Arbeit ersetzen soll. Bergmann entwickelte es als ein alternatives Modell zur Lohnarbeit im kapitalistischen Wirtschaftssystem. Dieses Modell nannte er »Neue Arbeit« und begründete damit eine Bewegung, die bis heute unter diesem Namen bekannt ist.

Nach Bergmann soll die klassische Erwerbsarbeit durch ein Beschäftigungsmodell ersetzt werden, bei dem der Einzelne zu ⅓ klassischer Erwerbsarbeit nachgeht, zu ⅓ Arbeit verrichtet, die er wirklich will und zu ⅓ »High-Tech-Eigen-Produktion« betreibt.
Hackl, B. et al. (2017): New Work: Auf dem Weg zur neuen Arbeitswelt.

Nachdem ich 2010 meinen alten Beruf als Medienberater und Print-Produktioner in Hamburg an den Nagel gehängt hatte, weil mir die »Arbeit« zu viel wurde, habe ich eine Auszeit in Italien auf einem Bergbauernhof genommen. Anschließend studierte ich Soziale Arbeit und Gesundheitsmanagement. Für mich war klar, dass ich nicht erneut in das Hamsterrad der Lohnarbeit zurückkehren werde. Was liegt da näher, als »New Work« auszuprobieren!

⅓ klassische Erwerbsarbeit

Meine klassische Erwerbsarbeit im Sozialdienst eines Krankenhauses ist traditionell in eine starke Hierarchie eingebettet, ähnlich wie bei der Bundeswehr oder der Polizei. Morgens um kurz vor 8.00 Uhr verlasse ich die Wohnung und kehre um 11.30 Uhr wieder nach Hause zurück. Die Strukturen sind wenig innovativ, weil sich der medizinische Dienst und der Sozialdienst in seinen Arbeitsabläufen wenig verändert hat. Der digitale Wandel macht natürlich auch vor dem Krankenhaus nicht halt, hier geht es mir aber um die Arbeitsmethoden, die (noch) nicht vollständig durch Roboter oder digitale Prozesse ersetzt ist. Innovationen werden im Krankenhaus eher auf oberster Ebene entwickelt. Die unteren Ebenen können Vorschläge machen, aber nicht mitdiskutieren. Jedenfalls gibt es keine mir bekannten Settings dafür. Abläufe und Anweisungen werden nach unten delegiert: „Scheiße fällt von oben nach unten!“ sagt man auch.

⅓ Arbeit, die ich wirklich will

Ein weitere Teil der »New Work« ist für mich die Care-Arbeit. Traditionell wird sie noch von Frauen ausgeführt, doch Männer übernehmen immer mehr. Zu diesen Männern zähle auch ich mich. Aus vollstem Herzen habe ich mich nach all den Erfahrungen entschieden, dass ich einen Teil der »Arbeit« zu Hause verbringen möchte. Meine Kinder möchte ich aktiv begleiten und groß werden sehen. Sämtliche Tätigkeiten, die damit in Verbindung stehen, gehören für mich wie selbstverständlich dazu. Von der Geburt an möchte ich ein stabiler Wegbegleiter sein, der seinen Kindern Selbstbestimmtheit und kritisches Denken ermöglicht. Sie sollen glücklich und mit Handwerkzeug ausgestattet werden, mit dem sie in der wandelbaren Welt zurecht kommen. Dazu gehört aber auch in Beziehung gehen und bleiben. Mit meiner Frau, meinen Kindern und meinem familiären Umfeld. All das gehört für mich zu Care-Arbeit.

⅓ High-Tech-Eigen-Produktion

Mit diesem Begriff interpretiere ich etwas mit Zauber, Visionen und Dingen, die weit entfernt liegen und doch so nah sind. Sie liegen hinter der Komfortzone. Das sind Dinge, ich ich schon immer mal machen wollte, mich aber nie getraut habe. Ich stelle mir so etwas wie eine Spielwiese für Experimente vor. Muss nicht zünden, darf aber einschlagen wie eine Bombe. Alles kann, nichts muss. Hier darf ich scheitern, wieder aufstehen, Krone richten und noch einmal versuchen. Mit dem Institut für Prävention und Gesundheit probiere ich mich gerade im Bereich Stressprävention aus. Damit habe ich schon während des Studiums angefangen und die Ideen konkretisiert. Nach einigen Fort- und Weiterbildungen bin ich Krankenkassen zertifiziert und darf im Rahmen der Prävention nach §20 SGB V Gesundheitskurse anbieten. Ob das jetzt aber der Weisheit letzter Schluss ist, weiß ich noch nicht. Das wird sich zeigen. Und wenn ich keine Lust mehr dazu habe, werden neue Ideen umgesetzt. An Ideen mangelt es nicht.
In den Medien lese ich häufig von der »Work-Life-Balance«. Dieser Begriff ist der totale Schwachsinn und wird von so vielen Menschen unreflektiert nachgeplappert. Es gibt keine Trennung von Arbeit und Leben. Die Arbeit ist Teil des Lebens und wo Arbeit aufhört fängt nicht das Leben an und umgekehrt. Arbeit muss vielmehr als sinnstiftender Teil des Lebens wahrgenommen werden. Die Umdeutung davon kann ich meinen Augen durch den »New Work« Ansatz gelingen. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich mit diesem Ansatz sehr viel mehr Zufriedenheit erreichen lässt. Die ⅓-Regel ist so einfach wie genial. Vielleicht ist es auch ein bisschen wie bei der Behandlung von Depression: Man muss es wollen.
Was ist mit dir? Kannst du dir vorstellen, nach der ⅓-Regel zu leben? Vielleicht tust du es schon und wusstest nur nicht, dass es einen Begriff dafür gibt. Schreib mir in den Kommentaren, was du davon hältst. Ich bin gespannt und freue mich auf Feedback!

#familyfirst – It's all about expenses

#familyfirst – It's all about expenses

Neulich beim Friseur spreche ich mal wieder über meine Themen. Care-Arbeit, Familie, Beruf und Geld. Miro hat selber Kinder und kennt sich mit Vorurteilen und Stereotypen bestens aus. Es entwickelt sich ein Gespräch über die Rolle als Vater und was das Können mit dem Wollen zu tun hat.

Miro mag ich sehr. Er ist ein liebevoller Typ, bodenständig und hat immer einen guten Spruch parat. Ne ehrliche Haut. Die Gespräche gehen mal in die Tiefe, mal über Fußball und sehr oft über unsere Kinder. Wir sprechen auch über unsere Rolle als Vater, Geschlechterstereotypen und die gesellschaftlichen Normen und Werte. Er kennt unser Modell mit Familienbett, meiner 20 Stunden-Stelle und die Begleitung meiner Kinder. In diesem Zusammenhang sprechen wir heute auch über den einen Satz, der mich immer wieder triggert. Miro muss schmunzeln, er kennt ihn nur zu gut.

„Das ist ja alles schön und gut, aber muss man sich auch leisten können!“

Dieser Satz geht mir mittlerweile richtig auf den Keks. Meistens kommt er im Gespräch über meine bewusst reduzierte Tätigkeit im Beruf und dass meine Frau ebenfalls nur in Teilzeit arbeitet. Welche Aussage steckt in diesem Satz?

  • Ein Appell, ich solle mehr arbeiten gehen?
  • Ein Beziehungsaspekt, jemand macht sich Sorgen, ich könne mir diese Lebenseinstellung nicht leisten?
  • Ein Sachaspekt, dass jemand tatsächlich Bescheid weiß über meine Finanzen?
  • Oder doch eine Selbstoffenbarung, dass man sich selber diesen Lebensstil nicht leisten will?

„Kann ich nicht gibt’s nicht!“

Das geht natürlich nur, wenn ich mir über meine Einnahmen und Ausgaben Gedanken mache. Ich kann nicht mehr ausgeben, als ich zur Verfügung habe. Wenn am Ende vom Geld noch viel Monat übrig ist, dann habe ich etwas falsch gemacht! Mehrmals im Monat setze ich mich hin und habe unsere Ein- und Ausgaben im Blick. In einer Excel-Tabelle führe ich Buch, eine Pivot-Tabelle zeigt mir die Defizite auf. Die werden dann regelmäßig korrigiert. Wenn mir jemand sagt „…muss man sich auch leisten können…“ dann steckt da in meinen Augen eine andere Botschaft hinter. „Ich möchte meinen Lebensstil nicht verändern.“ Oder anders ausgedrückt. Die Person hat es sich in ihrer Komfortzone so bequem gemacht, dass jede Veränderung viel Arbeit bedeutet.

Von dem Geld dass wir nicht haben, kaufen wir Dinge, die wir nicht brauchen, um Leuten zu imponieren, die wir nicht mögen.
aus dem Film »Fight Club«

Der Lebensstil, wie ihn die Gesellschaft ihn propagiert – also Konsum, Wohlstand, Reichtum – kostet Geld. Wenn wir dieses Geld nicht haben, dann leihen wir es uns bei der Bank. Dann nehmen wir eine Hypothek oder einen Kredit auf. Genau so gut können wir aber auch die Ausgaben reduzieren, weniger Arbeiten und mehr Zeit für die Familie verbringen. Diese Transformation habe ich 2010 durchgemacht. Ein sicherer und gut bezahlter Job, regelmäßiges Gehalt, hohe Ausgaben für Dinge, die mir das Gefühl geben sollten, etwas Wert zu sein. Ich habe von der Hand in den Mund gelebt und kenne den Lebensstil, mehr haben zu wollen, weil ich es mir irgendwie leisten kann. Weniger zu arbeiten kam für mich damals nicht in Frage. Ging auch gar nicht, ich war auf das Einkommen angewiesen. Meine Ausgaben waren zu hoch.

Leben um zu arbeiten?

Natürlich ist mir die gegenwärtige Situation in Deutschland bekannt. Geringe Löhne, wenig Investitionen und gerade prekär Beschäftigte müssen sehen, wo die Kohle bleibt. Da bleibt in Sachen Rücklagen nicht viel übrig. Versteht mich nicht falsch, es geht mir hier mehr um Konsumkritik. Vor allem kritisiere ich Vätern, die zu viel arbeiten, sich aus der Care-Verantwortung stehlen und denen es wichtiger ist, dass die Frau wieder arbeiten geht, als Zeit mit dem Kind zu verbringen. Oh je, jetzt fahre ich richtig hoch. Es sind immer noch zu wenige Väter bereit, Stunden zu reduzieren bei gleichzeitiger Rückkehr der Frauen in den Beruf. Das geht doch so nicht.

Wie können wir uns das denn leisten? It’s all about expenses und halten die Ausgaben so gering wie möglich! Wir leisten wir uns keine teuren Autos, gehen viel zu Fuß, haben keine teuren Abos (Fitnessstudio, Netflix, Spotify, Prime o.ä.), keine neuen Smartphones und arbeiten, um zu leben. Anfang des Jahres habe ich meine Mitgliedschaft im Sportverein in den Status »passiv« setzen lassen. So spare ich einige hundert Euro im Jahr (Luftsport ist teuer!). Mit unserem VW-Bus Fiete fahren wir nur in den (seltenen) Urlaub: Campingplatz, Nebensaison. Mit dem Bollerwagen gehen wir einkaufen. Wir sind extra in die Nähe der Arbeit umgezogen, sodass wir sie zu Fuß erreichen können. Wir müssen uns das nicht leisten, aber wir wollen es uns leisten!

„Will ich nicht liegt auf dem Friedhof!“

Es geht um Konsum. Für mich der zentrale Punkt, um den es sich in der Frage um Care-Arbeit dreht. Bin ich als Vater bereit, Care-Arbeit zu übernehmen? Im Bewusstsein, weniger Geld zu verdienen? Ich denke, dass viele Väter das nicht wollen und sich hinter dem Pseudo-Argument „…muss man sich ja auch leisten können…“ verstecken. Eigentlich sagen sie nämlich „…ich will es mir nicht leisten…“. Warum? Weil sie ihren gesellschaftlich hart erarbeiteten Lebensstil nicht aufgeben wollen. Sie stehen in Konkurrenz zu anderen Vätern. Weil es gesellschaftlich von einem Mann erwartet wird, in Vollzeit zu arbeiten! Weil Care-Arbeit in den Augen der Männer immer noch Aufgabe der Frauen ist!

Als ich mich so richtig in Rage geredet hatte und Miro nur noch grinsend zuhören konnte, kam seine Kollegin vorbei, legte die Werkzeuge bei Seite und umarmte mich mit den Worten „Hab alles mitbekommen! Komm mal her Papa, richtig schön, dass es junge Väter gibt, die so denken wie du und die Familie in den Mittelpunkt stellen!“ – Huch, was war das denn? Ich habe die Kollegin schon ein paar Mal gesehen und auch nett gegrüßt, aber mehr auch nicht. Ich war sehr perplex, habe mich aber im nächsten Moment riesig gefreut und bestärkt gefühlt. Vielleicht gibt es da draußen ja eine schweigende Masse, die ähnlich tickt, sich aber bisher kein Gehör verschafft hat.

Spontanität ist das, was einem auf dem Nach-Hause-Weg einfällt. War ich zu fordernd? War ich zu direkt? Habe ich womöglich jemanden verletzt? Diese und weitere Gedanken schießen mir in den Kopf. Ich mache mir Sorgen, will niemanden verletzen und auch nicht arrogant rüber kommen. Denn das wird mir oft unterstellt. Dabei will ich für neue Rollenmodelle kämpfen, mich für Väterrechte einsetzen und – natürlich auch – Vätern den Spiegel vorhalten. Letztendlich habe ich meine Meinung gesagt. Die Frage ist jetzt, was die Väter draus machen.

Für weitere Diskussionen und Gespräch wünsche ich mir mehr Ehrlichkeit und Akzeptanz. Statt zu sagen „Muss man sich auch leisten können“ sagt doch bitte „Das kann ich mir nicht vorstellen und möchte ich mir nicht leisten“. Liebe Männer, aber dann möchte ich auch keine Beschwerden hören, dass ihr zu wenig Zeit mit euren Kindern verbringt. Mir ist natürlich klar, dass es Situationen, Familienmodelle und Menschen gibt, die es sich nicht leisten können. Das respektiere ich. Meine Kritik bezieht sich auf die Väter, die es sich leisten könnten, aber nicht wollen und sich hinter solchen Pseudo-Argumente verstecken.

Und wenn ich wieder ins Grübeln komme, dann denke ich an die wichtigste Kommunikationsregel: „Der Empfänger entscheidet, wie eine Botschaft ankommt.“

Im Herbst, wenn der Nebel kommt – Ein Geburtsbericht aus Vatersicht

Im Herbst, wenn der Nebel kommt – Ein Geburtsbericht aus Vatersicht

Seit einem Jahr wohnen wir nun schon in unserer gemütlichen 3 Zimmer Wohnung. Hinterm Haus kann man die Hochschule und dahinter die örtliche Brauerei sehen. Eines morgens hing der Tag im Nebel. Keines der Gebäude war mehr zu erkennen. „Wann kommt das Baby?“ war eine der häufigsten Fragen der letzten Monate. „Im Herbst, wenn der Nebel kommt!“

Die Arbeitswoche endet mit vielen Patienten, die noch versorgt werden wollen. Hier ein ambulanter Pflegedienst für eine Wundversorgung, dort ein drogenabhängiger junger Mann nach einem Schlaganfall und Enterostoma (künstlicher Darmausgang), der eine neurologische Reha benötigt. Business as usual soweit. Und doch ist da ein Gefühl, dass es bald losgehen könnte. Die Geburt unseres zweiten Kindes. Ich weiß nicht genau warum, aber es schlich mich ein Gefühl, dass es am Wochenende soweit sein könnte. „Bitte dokumentiere gut,“ sagte meine Chefin, „damit deine Kollegin nicht ins kalte Wasser geworfen wird!“ Zur Not komme ich runter und mache die Übergabe mündlich, dachte ich mir. Denn schließlich entbinden wir hier im Krankenhaus.

Seit Juli haben wir uns intensiv mit Hypnobirthing beschäftigt und auch einen vierwöchigen Kurs belegt. Die Geburt von K1 verlief nicht so, wie wir es uns erhofft hatten. Statt einer natürlichen Geburt gab es eine PDA und statt Vorbereitung gab es einen Crashkurs, der eher ein „Welche Schmerzmittel gebe ich wann“-Aufklärungskurs war. Ach ja, die Männer wurden separiert und durften sich über „Die Macken meiner Frau seit sie schwanger ist“ unterhalten. Bei dieser Geburt wollten wir besser vorbereitet sein. Zumal wir, wie ihr hier und hier lesen könnt, eine CMV Diagnose aufs Auge gedrückt bekommen haben, die uns psychisch sehr durcheinander gebracht hat. Das Gedanken-Karussell darf gerne mal Pause machen. Wir erhofften uns von dem Hypnobirthing-Kurs mehr Entspannung und die Freude zurück an die Geburt.

Parallel zu uns sind Freunde mit ihrem vierten Kind schwanger. Errechneter Termin ist einen Tag nach unserem. Die beiden machen ebenfalls einen Hypnobirthing-Kurs und bekommen auch das vierte Kind wieder zu Hause. Welch schöner Gedanke! Wären wir nicht schon soweit mit unserer Schwangerschaft und wären die ganzen Diagnosen nicht im Mutterpass, dann käme eine Hausgeburt für uns auf jeden Fall in Frage. Nur haben wir so kurz vor Entbindung (es war Juli und Termin Anfang September) keine Hebamme mehr gefunden, die uns begleiten würde. Außerdem war der Geburtspool bereits bei den Freunden und entsprechend nicht mehr verfügbar. Zu viel Stress so kurz vor Entbindung, das wollten wir dann alles nicht. Wir konzentrierten uns also auf die Geburt im Krankenhaus.

Ein Trauma, das uns begleitet hat

In diesem Krankenhaus arbeiten wir und haben auch unsere Tochter (K1) zur Welt gebracht. Einen Fehler werden wir vorab nicht mehr machen (wir lernen ja). In den Wehen haben wir unsere Kollegen besucht und stolz von der nahenden Niederkunft berichtet. Dies hatte uns voll aus dem Geburtsprozess gebracht, denn die Konzentration, die Entspannung und die Verbindung zum Kind waren auf einmal weg. Zudem sind wir viel zu früh ins Klinikum gefahren und haben viele unnötige Untersuchungen (Manipulation der Gebärmutter) über uns ergehen lassen. Wir waren naiv, unwissend und fühlten uns unvorbereitet. Das sollte uns nicht noch einmal passieren. Also auf zum Hypnobirthing.

Letztendlich ist es egal, wie die Methode heißt und wer es erfunden hat. Es darf kein Dogma bzw. kein Allheilmittel sein oder ein Versprechen als Allheilmittel abgeben. Für mich war es wichtig, dass meine Frau aus der Spirale „Unvorbereitete Geburt“ herauskommt und sich auf die Geburt einlassen kann. Hypnobirthing las sich als geeignetes Instrument, sie und mich darauf vorzubereiten. Die Zutaten: Entspannungsübungen wie Traumreisen, Affirmationen und weitere bekannte Methoden. Begleitete Angstauflösungen durch den Trainer. Tipps und Tricks, sich in der Entspannung zu halten und immer tiefer zu gehen. Also in den Zustand der Selbsthypnose zu gehen. Sowie Filme und Texte über schmerzfreie Allein-/Selbst-Geburten. Dazu vorbereitete Listen und Hausaufgaben, die gemeinsam reflektiert werden. Als Stresspräventionstrainer weiß ich, dass das die geeigneten Hilfsmittel für eine gute Vorbereitung sein können. Solange sie eingeübt werden. Von BEIDEN Partnern!

Der Kurs war also vorbei und hatte hier seine Stärken und da seine Schwächen. Die Trainerin hat nach einer Angstauflösung das Trauma einer Teilnehmerin aktiviert und konnte es nicht „auffangen“. Die Stärke waren die Handreichungen und Gespräche über die Geburt und den Weg dorthin mit vielen Übungen. Diese haben wir seit Ende Juli bis zur Geburt fast täglich geübt. Wir bedeutet in diesem Falle, dass meine Frau sich IHRE Entspannungsmusik angemacht hat und in die Selbsthypnose gegangen ist und ich habe, wenn sie es signalisierte, eine Berührungsmassage gemacht. In die Details will ich nicht weiter gehen, dazu haben andere Blogger schon bessere und detailliertere Berichte geschrieben. Jedenfalls hat uns die Methode überzeugt, wir sind Profis, denn die Entspannung klappt wie ein Fingerschnipp. Es geht vor allem um Wellen-Atmung zu den unterschiedlichen Phasen während des Geburtsprozesses.

Die Schwangerschaft als Diagnose

Meine Aufgaben sind nicht minder wichtig. Ich bin als Geburtsbegleiter das Sprachrohr meiner Frau. Sobald sie in der Selbsthypnose ist, bin ich der Kommunikationskanal. Alle Kommunikation geht über mich. Das soll die Frau in der Hypnose halten und sie nicht mit unnötigem Kram belasten. Das haben wir auch so im Gebutrsplanungsgespräch mit der Hebamme der Oberärztin und dem Kinderarzt besprochen. Es waren so viele dabei, weil wir eine CMV-Diagnose haben und uns in der medizinischen Mühle befinden. Warum das so ist, kannst du hier nachlesen. Jedenfalls standen auf diesem Wunschzettel einige Punkte drauf, die ich am Vortag gemeinsam mit meiner Frau besprochen habe. Als Antwort entgegnete die leitende Oberärztin, dass „wenn Sie eine Alleingeburt planen, vielleicht ein Akutkrankenhaus nicht der richtige Ort“ sei. Sie hat natürlich Recht, doch uns war alles so wichtig auf diesem Zettel. Bitte keine medizinischen Eingriffe, die nicht notwendig sind.

Zurück zum Wochenausklang. Die Patienten bewegen mich und hin und wieder kann ich nicht einschlafen, weil ich über die Versorgungssituation grüble. Selten wache ich auch mal nachts auf, weil mir eingefallen ist, dass ich etwas vergessen hatte. Das kommt vor, wenn man wie ich, auch mit palliativen Patienten arbeitet. Supervision hilft hier sehr, aber nicht immer. Bin halt auch nur ein Mensch. In der Nacht von Samstag auf Sonntag bin ich gegen 4.30 Uhr wach geworden und konnte nicht weiterschlafen. K1 schlief auch unruhig im Familienbett und kam mich gegen 6.30 Uhr besuchen. „Hast du was Papa? Alles ok? Ja?“ wollte sie von mir wissen. Ich erzählte ihr, dass ich nicht mehr schlafen könne, weil K2 bald kommt. „Wenn es Nebel ist, Papa, dann kommt der, ja?!“ antwortet meine Tochter, „Wenn es Herbst ist!“. Das kann nicht mehr lange dauern, dachte ich bei mir.

Den Sonntag verbringt meine Frau mit Wehen, die seit einer Woche regelmäßig kommen und nach der Badewanne wieder gehen, auf der Couch. Der Onkel kommt aus Bonn und besucht seine Nichte, wir spielen auf dem Spielplatz. Gemeinsam mit meiner Frau machen wir abends einen Spaziergang zur Eisdiele und schießen das letzte Foto vor der Geburt. Denn heute Abend soll es soweit sein. Die Wehen (oder Wellen, wie es im Hypnobithing heißt) hören nicht mehr auf. Onkel Mike verabschiedet sich und K1 geht zu Bett. „Ich mache noch ’ne Runde Hypnobirthing“ sagt meine Frau und beginnt mit der Entspannung. Nach zwei Liedern ihrer Lieblingsmusik nimmt sie die Kopfhörer aus den Ohren und grinst mich an: „Öhm, könntest du mir mal ein Handtuch bringen. Ich glaube meine Fruchtblase ist gesprungen.“ Ui, wie schön, es geht also los.

Die Geburt und meine Rolle als Geburtsbegleiter

Bei der ersten Geburt war es noch ein schmerzhaftes Unterfangen. Zu den schmerzhaften Wehen kamen noch schmerzhaftere Schmerzen hinzu. Um so mehr freuten wir uns beide, dass meine Frau alles unter Kontrolle hatte und statt Schmerzen nur ein leichtes „plopp“ verspürte. Der Kopf von K2 saß schon fest im Becken, also alles safe. Die Handtücher waren schnell geholt und ein kurzes Briefing fand statt. Wir warteten noch ein paar Wellen ab und haben die Zeit gemessen. Alle 10 Minuten, alle 6 Minuten, alle 4 Minuten. Dabei fühlten sich die Wellen immer wieder anders an. Mal lange Wellen eher oben, mal kurze Wellen eher unten. Jetzt war meine Zeit gekommen, die Kommunikation zu übernehmen. Ein Anruf im Kreisaal: „Wir machen uns gleich auf den Weg“ und beim Opa, er sei in 10 Minuten da. Es war jetzt 22:30 Uhr und die Fruchtblase vor einer Stunde gesprungen.

Im Kreissaal nahm uns eine sympathische junge Hebamme in Empfang, die gerade ihren Dienst begonnen hat. Sie kannte unsere Wünsche und hat sich die Akte vorab durchgelesen. Ich verwies auf nur „medizinisch notwendige Dinge“ und dass die Kommunikation nur über mich laufen soll „wir machen Hypnobirthing“. Als ich das sagte, sah ich ein Strahlen in den Augen der Hebamme. Perfekt, wir fühlten uns wohl. Trotz Akutkrankenhaus. Nach einer halben Stunde haben wir den Kreissaal 1 mit der Geburtswanne zugewiesen bekommen (ein Wunsch von uns). Wir haben uns eingerichtet und wurden allein gelassen. Das meine ich positiv, denn wir haben es uns so gewünscht. Meine Frau blieb in der Selbsthypnose und ich bin zur Hebamme gegangen, wenn wir etwas brauchten. Gegen 1 Uhr haben wir die Geburtswanne mit Wasser gefüllt. Es wurde übrigens kein Dauer CTG geschrieben, so wie wir es uns gewünscht hatten. Stattdessen hat die Hebamme die seltenen Gelegenheiten genutzt und bei den kurzen Besuchen nach den Herztönen gehört.

Gleichzeitig ermutigte sie uns und sagte, dass meine Frau das richtig gut macht und die Wellen sehr gut im Griff hat. „Informiert mich bitte, wenn das Baby kommt, ich muss dabei sein! Keine Alleingeburt bitte!“ grinste sie uns an. Wir verstanden und sind so dankbar für ihren Einsatz. Sie hat das so toll gemacht. Nach 3 Stunden gegen 4 Uhr setzten die Presswehen ein. Die Hebamme kam hinzu und unterstützte uns in den nächsten 20 Minuten. Auf die Bitte nach Schmerzmitteln wich sie so elegant aus, dass allen klar war, dass es keine geben wird. Das hat sie so liebevoll, einfühlsam, wertschätzend und bestimmend gesagt, dass meine Frau neuen Mut gefunden hat. Denn bei K1 gab es eine PDA, die ihr das Gefühl für den eigene Körper genommen. Das wusste auch die Hebamme.

Wir wechselten kurz vor Niederkunft auf das Bett. Meine Frau konnte mehr Kraft im Vierfüßlerstand aufbringen, als halbliegend in der Wanne. Dort konnte ich auf ihrem Rücken mit einer Berührungsmassage für mehr Endorphine sorgen, die schmerzlindernd wirken. Nach kurzer Pressphase, in der die Hebamme meine Frau mit ihrem großen Erfahrungsschatz unterstützt hat, kam K2 zur Welt. Der kleine Mann sah so zufrieden und glücklich aus, dass nur ein kurzes Räuspern zu hören war. Nach dem Auspulsieren der Nabelschnur habe ich sie durchtrennt. Die hinzugeeilte Oberärztin aus dem Geburtsplanungsgespräch nahm noch Nabelschnurblut für die CMV-Untersuchung ab. Wir hatten sie gar nicht kommen hören, so leise und unaufdringlich war sie. Endlich konnten wir K2 auf Mutters Brust in Empfang nehmen. Tränen kullerten von unseren Wangen und pure Freude stand in unseren Gesichtern.

Hausgeburt im Krankenhaus

„Ja, ja, wir haben’s geschafft!“ rief meine Frau voller Freude immer und immer wieder. So eine Erleichterung, so ein Stolz, so ein Wir-Gefühl lag in der Luft, WIR HABEN ES GESCHAFFT. Das Geburtstrauma ist überwunden. Eine Geburt, so akribisch vorbereitet und quasi ab Beginn der Hypnobirthing-Übungen täglich einstudiert. „Keine Schmerzen, nur viel Kraft, heftige Wucht und Druck“ wird meine Frau über die letzte Phase der Geburt berichten. Keine Schmerzen. Wie schön das zu hören. Meine Sorge war, dass ich als Geburtsbegleiter versage. Dass ich es nicht schaffe, meine Frau von störenden Einflüssen abzuhalten. „Du warst der beste Geburtsbegleiter, den ich hätte haben können.“ Ich weine jetzt noch bei den schönen Worten und bin überglücklich, vollgepumpt mit Liebe und diesen wunderschönen Momenten.

Männer, seid Geburtsbegleiter für eure Frauen. Und egal, wie der Kurs heißt, den ihr da macht. Macht ihn zusammen, macht ihn mit Hingabe und Liebe. Fühlt euch in den Körper ein und unterstützt euch gegenseitig. Sprecht über eure Ängste, eure Sorgen und fühlt in euren Körper hinein. Sie weiß auch nicht, wie das geht, also geht gemeinsam da durch. Gibt es ein Trauma? Wo sind die Sorgen, die Ängste? Sprecht darüber und sucht euch geeignete Kurse, die euch dabei unterstützen und begleiten.

Die Dokumentation der Patienten habe ich dann noch schnell am Montagmorgen absolviert. 4 Stunden nach Geburt und pünktlich zu Dienstbeginn meiner Kollegin. Meine anderen Kollegen waren so erstaunt über den Geburtsbericht: „Hört sich an wie eine Hausgeburt im Krankenhaus“, meinte eine sogar. Ja, das trifft es vielleicht ganz gut. Eine Hausgeburt im Krankenhaus. Unsere Hausgeburt. Wir sind der Hebamme so dankbar, dass sie sich auf uns eingelassen hat. Wir sind so glücklich, dass sie Dienst hatte und uns zugewiesen wurde. Mittlerweile haben wir auch Gewissheit über die CMV-Infektion. Laut Laborergebnis konnten keine CMV-Erreger im Urin nachgewiesen werden. Yes, pure Erleichterung und unendliche Dankbarkeit. Wir haben so viel mitgemacht und haben uns die Kontrolle über unsere Schwangerschaft und unsere Geburt zurückgeholt. Danke!

Abends hole ich K1 von den Großeltern ab und bringe sie zu Bett. Heute Morgen wache ich in meinen Klamotten neben ihr auf. Oje, hatte ich einen Filmriss? Habe ich gefeiert, mit den Jungs gesoffen und übelst abgeknickt? Nein, ich war einfach nur verdammt müde nach zwei schlaflosen Nächten. K1 wird wach und ruft „Wo ist mein Bruder? Gehen wir jetzt und holen ihn?“ Ich bin noch etwas irritiert und entgegne ihr „Wir machen erst mal Frühstück, ok?“ In der Küche schaue ich wie gewohnt aus dem Fenster. Wie vom Blitz getroffen laufe ich rüber ins Schlafzimmer und rufe „zieh mal schnell deinen Schlafsack aus, ich will dir was zeigen. Die Brauerei ist weg!“ Die Kleine schaut mich mit großen Augen an „Ist es jetzt Herbst Papa?“ Wir laufe in die Küche und die Kleine fängt vor Freude an zu schreien. All ihre Erwartungen entladen sich in einem Freudentaumel: „Oh guck mal, die Brauerei ist weg. Holen wir jetzt meinen Bruder ab?“
Ja Süße, jetzt holen wir deinen Bruder.

Dies ist die Geburt meines Kindes und meine Erfahrung auf diese Geburt. Ich möchte vor allem den Männern Mut machen! Für die Sicht der Mütter gibt es genug andere Quellen. Für die Sicht der Väter wenige. Dies soll ein Plädoyer sein für Väter im Kreissaal, für Väter als Geburtsbegleiter, als aktive Partner und Supporter der Frau.

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