Dads auf AppleTV+: Väter sind meisterhafte Gärtner

Dads auf AppleTV+: Väter sind meisterhafte Gärtner

In den USA wurde am 21. Juni 2020 »Father’s Day« gefeiert. Wikipedia sagt über diesen Tag folgendes: „Father’s Day is a celebration honoring fathers and celebrating fatherhood, paternal bonds, and the influence of fathers in society.“ Das klingt sehr beeindruckend. In Deutschland wird nach meiner Erfahrung die väterliche Bindung und ihr Einfluss auf die Gesellschaft nicht so stark gefeiert. In der nun auf AppleTV+ erschienenen Dokumentation »Dads« von Bryce Dallas Howard erzählen sieben Väter ihre Geschichte vom eigenen Weg zur Vaterschaft.

Beende den Satz: „Ein Vater ist…“

Dass es auch ein ganz persönlicher Film von Bryce Dallas Howard ist, zeigen Videoaufnahmen ihrer Geburt, die gleich zu Beginn in das Thema Vaterschaft einleiten. Ihr Vater Ron Howard ist ein bekannter Regisseur und Oscarpreisträger, der ihre  Geburt 1981 aufgenommen hatte. Gleich die nächste Einstellung im Hier und Jetzt zeigt ihren Vater als einer von vielen Prominenten am Set der Dreharbeiten vor gelbem Hintergrund. „Ich bin absolut stolz. Immer“ hört und sieht man ihn sagen. Bryce Dallas Howard geht in dieser Dokumentation der Frage nach, was Vaterschaft ausmacht und wie vielfältig Vaterschaft sein kann. In den ersten Minuten werden bekannte Persönlichkeiten aus Film und Fernsehen vorgestellt, indem sie Antworten auf die Fragen der Regisseurin geben.

Neben Conan O’Brien und Jimmy Kimmel sind das u.a. Neil Patrick Harris, Will Smith und Jimmy Fallon. Sie alle spielen allerdings nur eine Nebenrolle, gleichwohl sie über ein »Frage-Antwort-Setting« die Übergange zu den eigentlichen Hauptdarstellern in der Dokumentation einleiten. Ihre Rolle ist dabei so unterschiedlich, wie Vaterschaft sein kann. Man erkennt schnell, wer eine aktive und präsente Vaterrolle einnimmt und wer nicht. Am ehesten nehme ich Will Smith diese Rolle ab. Am wenigsten Conan O’Brien, der mit seiner Unwissenheit nicht hinterm Berg hält. Oder ich habe die Ironie in seinen Worten nicht verstanden. Wir sehen hier privilegierte Männer – nicht alle sind weiß und alt – die über die Herausforderungen von Vaterschaft sprechen. Ich nehme es ihnen nur teilweise ab, denn sie sind Profis im TV-Geschäft. Das schon mal vorweg genommen.

Vatersein hat mich zu dem Mann gemacht, der ich bin

Die eigentlichen Stars sind aber die Väter aus dem „ganz normalen Leben“. Gleich zu Beginn hat mich die Geschichte von Glen Henry gefesselt und zu Tränen gerührt. Er war unglücklich und unzufrieden mit seinem Job. Zusammen mit seiner Frau hatte er schon ein Kind und das zweite war unterwegs. Die Dokumentation erzählt seinen Weg hin zu einem »Stay At Home Dad«, also einem Hausmann. Er ist der aktive, präsente und spaßige Vater, der selbst die größte Herausforderung (Kind kackt auf Teppich) mit Humor gemeistert. Glen Henry hat mittlerweile drei Kinder und ist kein Unbekannter. Auf seinem YouTube Kanal folgen ihm 263.000 Abonnenten (Stand: Juni 2020) und auch bei TEDex hat er schon gesprochen. Seine Mission von Beleaf in Fatherhood lautet: „Väter auszurüsten, Müttern Hoffnung zu geben und Kinder zu inspirieren.“

Glen Henry gibt viele Einblicke in seinen Familienalltag, den normalerweise Mütter bewältigen. Und er zeigt es auf so authentische und liebevolle Art und Weise, dass mir echt heftig oft die Tränen kamen. Dabei rutscht der Film nicht ab in eine »jetzt will er auch noch Applaus haben«-Falle, sondern schafft eben diesen Spagat, indem er die Zweifel, die Ängste und Sorgen von herausstellt. Letztendlich ist da ein Mann, der seine verdammte Verantwortung als Vater und Partner übernimmt. Trotzdem bin ich zwiegespalten, denn er zeigt seine Kinder in Vlogs auf YouTube. Gleichzeitig zeigt er aber auch allen Eltern da draußen: Eine aktive Vaterschaft ist möglich. Die Entscheidung dazu liegt in deiner Hand. Hier hätte die Dokumentation schon zu Ende sein können. Doch Vaterschaft ist mehr als ein »Stay At Home Dad«. Zu den gleichgeschlechtlichen Paaren kommt die Doku später.

Wenn ich mal Kinder habe

Wir sehen Frauen, die ihre Männer mit einem positiven Schwangerschaftstest überraschen und dabei gefilmt werden. Das ist schön anzusehen und ja, ich habe bei einer Szene geweint. Ich weine schnell. Und dann habe ich gelacht, denn ein anderer Mann kann es nicht fassen und ist ratlos, wie es jetzt weitergehen soll und ob seine Frau den Schwangerschaftstest aus dem „Joke-Store“ hätte. Ja, das ist lustig anzusehen, weil die beiden schon drei Kinder haben. Leider verpasst die Dokumentation hier eine grundlegende Chance, auf den gegenwertigen gesellschaftlichen Rückfall in tradierte Familienrollen hinzuweisen. Stattdessen zeigt diese Szene die klassische Rollenverteilung in der Familie und Partnerschaft. Die Frau appelliert an die Verantwortung ihres Mannes. Der flüchtet sich vor der Verantwortung. Der Mann als weiteres Kind im Familiensystem.

Es macht mich traurig zu sehen, dass die Antworten der Prominenten nicht mit der Realität übereinstimmen. „Das wird dein Leben verändern. Das wird das Bedeutsamste sein, was dir je passieren wird.“ Mag sein, aber es ändert sich für die Frau mehr, als für den Mann. Reed Howard ist der jüngste Bruder der Regisseurin und erwartet sein erstes Kind. Er wirkt unbeholfen, naiv und wahrscheinlich genau so, wie wir alle vor unserem ersten Kind gewirkt haben. Gleichzeitig sieht man ihm seine Freude und seinen Stolz als werdender Papa an. Er berichtet über sein Verhältnis zu seinem Vater und Oscarpreisträger Ron Howard (A Beautiful Mind, 2001), ihre Gemeinsamkeiten und was er anders machen möchte. Reed Howard ist der wohl privilegierteste Vater in dieser Reihe. Er repräsentiert den klassischen Vater, der sich in ein gemachtes Nest aus gesellschaftlichen Rollenbildern setzt.

Neues Leben wird geboren

Vater zu werden ist etwas Großartiges. Die Prominenten vergleichen diesen Moment als „Soldat im Dienst“ oder eine Trophäe, die sie einhändig halten können. Es folgen weitere bildhafte Vergleiche. Conan O’Brian spricht von einer scharfen Bombe und Will Smith beklagt sich über den ruppigen Fahrstil der anderen Autofahrer. Er kommt zu der Erkenntnis, dass er von nun an eine große Verantwortung trägt. Judd Apatow wird von seinem Kind angespuckt, mitten ins Gesicht. Das war der Moment, wo er wusste; jetzt ist er ein richtiger Vater. Zwischendurch bekomme ich den Eindruck, Vaterschaft soll vor allem lustig sein. Mir fehlt hier die emotionale Komponente. Nun, die liefern nicht die Prominenten, sondern Robert Selby.

Robert Selbys Geschichte ich voller Sorge um das Leben seines Sohnes. Als er zur Welt kommt, muss er am Herzen operiert werden und verbringt viel Zeit mit Physiotherapie und Medikamenten. Er berichtet von den gesellschaftlichen Erwartungen an die eigenen Kinder: Babyshower, Gender reveal party, auf der bekanntgegeben wird, welches Geschlecht das Kind hat oder das Einrichten des Zimmers. Alles ist positiv. Obwohl er in prekären Verhältnissen lebt, viel arbeitet und wenig verdient, ist er für seinen Sohn da. Er hat den Sinn seines Lebens gefunden und trägt Verantwortung. Nicht nur, indem er Geld verdient, sondern vor allem, weil er zeit mit seinem Sohn verbringt, ansprechbar und sichtbar ist. Er taucht in Rollenspiele ein und spricht mit verstellter Stimme ein Stofftier. Bitte welcher Vater macht das?

Hier geht es um Gefühle, um unerfüllte Erwartungen, um Trennung in der Schwangerschaft und die Besinnung auf väterliche Verantwortung. Robert Selby weiß auch, dass er die zwei Monate, in denen er nicht bei seiner Partnerin sein konnte, niemals wieder gut machen kann. Diese Erkenntnis bringt selbst mich zum weinen, denn Väter checken das oft erst, wenn sie Großvater werden und die Zeit mit ihren Enkelkindern „nachholen“ wollen. Robert Selby zeigt Dankbarkeit und große Liebe, die berührt.

Mein Vater ist schwer zu beschreiben

Die nächste Geschichte wird eingeleitet mit der Rolle des eigenen Vaters. Die Promis reflektieren ihren eigenen Vater und haben fast nur Gutes zu berichten. Obwohl die Väter viel gearbeitet haben, nur am Wochenende da waren und streng waren. Conan O’Brien stellt dann allerdings fest, dass er ja genau so viel arbeitet und wenig zu Hause ist, wie sein Vater. Und findet diese Erkenntnis lustig. „24 Stunden nach der Geburt ließ ich meine Frau und Tochter allein, um Fernsehen zu machen.“ Jetzt, 17 Jahre später, fühlt er sich schuldig. Patton Oswalt bringt es dann auf den Punkt, als er sagt, dass das alte Bild von Vaterschaft überholt ist. Kinder wollen einen präsenten und ansprechbaren Vater haben. Ron Howard ergänzt sinngemäß, dass jede Familie seine Strategie finden muss. Arbeit darf nur nicht zur Flucht vor der Familie werden.

Von den USA geht es nun nach Brasilien, wo Thiago Queiroz über die gesellschaftliche Stellung von Vätern spricht. In Brasilien sagt man, dass die Kinder bei der Mutter bleiben sollen, der Vater mache eh alles falsch. Diese Grundannahme von Elternschaft macht es Vätern schwer, es anders zu machen. Die Geburt verändert eine Frau genau so wie einen Mann. Anders als andere Familienväter hat sich Thiago Queiroz stark verändert. Er begleitete die Schwangerschaft, saß mit im Geburtspool und zeigt viele Gefühle. Er beklagt sich über die gesellschaftlichen Verhältnisse in Brasilien. Dort müssen Väter nach 5 Tagen »parental leave« (Elternzeit) wieder zur Arbeit. Das prangert er zurecht an. Wie soll ein Vater seine Frau unterstützen und eine Bindung zum Kind aufbauen?
Obwohl Thiago Queiroz Vollzeit als Maschinenbauingenieur arbeitet, ist er ein aktiver Vater, der sich stark mit der eigenen Rolle auseinandersetzt. Er hilft nicht mit, er übernimmt Verantwortung im Haushalt und bei der Begleitung seiner Kinder. „Nachbarn helfen“, sagt seine Frau. Das ist eine grundlegend andere Betrachtungsweise von Sorgearbeit! Und diese Betrachtungsweise reflektiert er in seinem Podcast. Dort spricht er mit Freunden über aktive Vaterschaft und die Rolle von Vätern in der brasilianischen Gesellschaft. Er ist Teil einer Bewegung, die Vaterschaft sichtbarer machen will. Emotionaler Höhepunkt und Happy End seiner Geschichte ist sein eigener Vater, zu dem er 18 Jahre keinen Kontakt hatte. „Ist unsere Zeit jetzt gekommen?“ lautete ein Kommentar unter einem Blog-Artikel. Es war sein Vater, der seitdem wieder Teil der Familie ist. Ich weine schon wieder.

Die Aufgaben eines Vaters

Conan O´Brian fragt sich, ob er zu wenig oder sogar zu viel bei seinen Kinder ist. Schließlich bräuchten sie Freiraum sich zu entwickeln. Er vergleicht es mit seinem Vater, der ja bekanntlich viel gearbeitet hat und streng war. Es werden weitere Klischees bedient, zum Beispiel, dass Mann im ersten Jahr nicht viel machen muss. Das Kind hängt bei der Mutter ab. Dass es immer noch Gesellschaften gibt, die ihre Kinder streng erziehen, zeigt der Sprung von Brasilien nach Japan. Um zu verstehen, warum Shuchi Sakuma ein mutiger Vater ist, zeigt der soziale Verhaltenskodex der Japaner. Wikipedia schreibt: „Um in der Gesellschaft nicht aufzufallen, zeigen viele Japaner in der Öffentlichkeit nicht ihr wahres Gesicht Ura, sondern ein idealisiertes, gesellschaftskonformes Omote.“

Shuchi Sakuma fällt aber auf, denn er hat seine Haare blond gefärbt. Der Vater eines Sohnes fällt aus dem gesellschaftlichen Raster. Auch, weil er eine schwere Krankheit überstanden hat, die es ihm nicht erlaubt hat, zu arbeiten. Gesellschaftlich an den Rand gedrängt wollte er sich scheiden lassen, weil er sich wegen seiner Krankheit schämte. Er konnte die Tatsache nicht ertragen, dass seine Frau ihn pflegen müsse. Was sich für uns krass anhört, ist in Japan leider bittere Realität. Es gibt verschiedene Namen für Selbstmord in Japan. Shuchi Sakuma hatte auch an Selbstmord gedacht. Aus Scham. Seine Frau aber bat ihn, für sie weiter zu leben und ging seitdem arbeiten. Seitdem ein paar Jahren ist er Hausmann und Vater eines Sohnes.

Abgesehen von Schwangerschaft und Stillen können Väter alles machen. In dieser Familie war es der Mann, der Kinder wollte und sich kümmert. Diese Geschichte ist wahrscheinlich die mutigste von allen. Denn sie überwindet nicht nur gesellschaftliche Normen, Zwänge und Ängste, sondern initiiert auch noch Familie vom Vater aus. Gleichzeitig steht sie für Vaterschaft als gleichberechtigten Teil von Elternschaft. Doch nicht nur das. Shuchi Sakuma engagiert sich auch in einem „Geheimbund der Hausmänner“ und übernimmt gesellschaftliche Verantwortung. Aktive und verantwortungsvolle Vaterschat macht glücklich und zufrieden.

Kinder sind wundervoll – „And then, they get shitty“

Zwillinge werden geboren und Bryce Dallas Howard bekommt Geschwister. Die Familie wächst und Ron Howard verbringt viel aktive Zeit mit seinen Kindern. Vaterschaft verändert sich und mit 12 Jahren werden die Kinder anders. Was vorher noch super war, wird jetzt anstrengend. Kinder weinen plötzlich und du gerätst in Situationen, die du als Vater nicht mehr begleiten kannst. Natürlich kannst du es mit klaren Ansagen versuchen oder mit Offenheit: „Ich weiß es nicht. Hilf mir zu verstehen.“ Vaterschaft bedeutet, sich um Dinge zu kümmern, die schwer zu bewältigen sind oder in denen man als Vater nicht gut ist.

Rob und Reece Scheer leben in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft und haben Kinder adopitiert. Rob Scheer wusste bereits mit 6 Jahren, dass er Vater sein wollte. Reece wollte nur Kinder haben, wenn er Teil der elterlichen Verantwortung ist. Sie wurden zuerst Pflege- und dann Adoptiveltern von 4 Kindern mit schwerer Vorgeschichte. Ihnen begegnen Vorurteile und Fragen wie „Wer ist denn der Mann und wer ist die Frau von euch beiden?“. Beide sind Väter und beide sind Partner. Gleichberechtigte und verantwortungsvolle Eltern. Beide setzten die Familie in den Mittelpunkt ihres Lebens und gestalten es aktiv. Sie haben sich einen alten Bauernhof als Rückzugsort gekauft und ermöglichen es ihren Kindern, unbeschwert aufzuwachsen.

Bei Rob und Reece Scheer stehen die besonderen Bedürfnisse der Kinder im Mittelpunkt. Jedes Kind trägt eine andere Last mit sich herum und die Bewältigung ist die größte Herausforderung für beide Väter. Indem sie den bedürfnissen Raum geben, der Bauenhof ihnen Sicherheit und eine Aufgabe gibt, ermöglichen sie es den Kindern sich zu entfalten und unbeschwerter zu leben. Diese Geschichte zeigt mir vor allem, dass Vatersein emotionale Arbeit ist.

Big Three – Liebe, Sicherheit, Vorbild

Dass der Film auch eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Vater ist, erfahren wir von Ron Howard. Er hat ständig Zweifel, ob er ein guter Vater sein kann, wie es sein Vater für ihn war. Sicherlich trägt diese Frage nun sein Sohn Reed Howard um. Denn er ist Vater ein Tochter geworden und der Kreis vom Anfang des Films schließt sich. Hasan Minhaj stellt die Frage der Fragen, die wahrscheinlich viele Väter umtreibt: „Entscheide ich, ob ich ein guter Vater bin, oder entscheidet das meine Tochter?“

Fazit

Wir sehen einen Film über Vaterschaft, der auf zwei Ebenen beschrieben wird. Zum einen die perfekte Darstellung von Prominenten, die wahrscheinlich die wenigste Zeit aktiv und sichtbar mit ihren Kindern verbracht haben. Die aber Vaterschaft gesellschaftskonform beschreiben, die perfekt sein wollen und gleichzeitig genau wissen, dass sie es nicht sind. Conan O’Brien geht mir dabei gehörig auf die Nerven. Für ihn ist es das Schönste zu sehen, wie seine Kinder groß werden. Hallo? Man erkennt schnell, dass er von Mental Load, Care Arbeit und emotionale Begleitung der Kinder wenig versteht. Und das ist leider normal unter den Vätern. Damit stehen die Prominenten als Stellvertreter für das gesellschaftliche Bild von Vaterschaft.

Doch zum Glück gibt es noch eine andere Ebene im Film. Die verantwortungsvollen Väter, die ihre Rolle aktiv gestalten, sichtbar und ansprechbar sind. Die nicht nur reflektieren können sondern Gleichberechtigung leben. Die Summe der Geschichten bildet die Vielfalt von Vaterschaft ab. So gerne möchte ich den Hastag #VaterschaftIstMehr in diesen Zusammenhang erwähnen, weil er genau das zeigt. Vaterschaft ist mehr, als was uns die Promis suggerieren. Die echten Helden, wenn es sie denn gibt, sind die Väter aus dem „richtigen Leben“.

Mir gefällt der Film. Er ist emotional, einfühlsam, regt zum Nachdenken an. Er macht Lust auf aktive Vaterschaft. Gleichzeitig hebt er auch die Frage „Kind oder Karriere“ aus den Angeln. Denn er zeigt, dass beides möglich ist. Auch, wenn ich es den Promis nicht abnehme. Was ich mich allerdings die ganze Zeit frage ist, warum erst Bryce Dallas Howard diesen Film machen muss, damit die »Neuen Väter« eine reichweitenstarke Stimme bekommen. 

Die Vier-in-einem-Perspektive von Frigga Haug

Die Vier-in-einem-Perspektive von Frigga Haug

Neulich telefonierte ich mit einem Freund aus Hamburger Zeiten. Damals arbeitete ich noch in der Werbung. Wir sprachen über unsere Familien, den Job und natürlich über Corona. Erwerbsarbeit, Familienarbeit und Ehrenamt unter einen Hut zu bekommen, ist nicht nur in der Krise eine Herausforderung. Die aktuellen Ereignisse zeigen uns aber deutlich, wie sehr Frauen in unserer Gesellschaft an den Rand gedrängt werden und die größte Last zu tragen haben. Neue Gesellschaftsmodelle müssen her!

Er ist mit 40 Stunden in einem mittelständischen Familienunternehmen beschäftigt, ich manage meine beiden Kinder und den Haushalt. Ich bin Hausmann. Wir blicken also aus zwei unterschiedlichen Perspektiven auf die aktuelle Situation und kommen sehr schnell auf »New Work«. Es ist eines dieser Modelle, das zurzeit in aller Munde ist. Darüber hatte ich auch schon einmal an anderer Stelle geschrieben. Nun möchte ich dir mit der 4-in-1-Perspektive von Frigga Haug eine andere Überlegung auf Erwerbsarbeit, Care-Arbeit und gesellschaftlicher Teilhabe vorstellen.

4-in-1-Perspektive

Im Fokus von Frigga Haugs »Vier-in-einem-Perspektive« steht die Utopie einer gerechten Verteilung von Erwerbsarbeit, Familienarbeit, Gemeinwesensarbeit und Entwicklungschancen. Sie beschriebt in einem Aufsatz, dass Geschlechterverhältnisse immer auch Produktionsverhältnisse sind. Frauen haben sich in den letzten Jahrzehnten ihre Rechte erkämpft: Sie dürfen wählen, arbeiten und selber entscheiden, mit wem sie verheiratet sein wollen. Sie müssen nicht mehr den Haushalt schmeißen und können Karriere machen. Trotzdem gibt es nach wie vor eine krasse Ungleichheit und Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern – auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Bezogen auf die Erwerbsarbeit sind Frauen entweder in der Lebensfürsorge (Pflege, Erziehung) oder im Lebensmittelbereich (v.a. Einzelhandel) tätig. Gleichzeitig wird ihnen in allen anderen beruflichen Kontexten die Reproduktionsarbeit zugeschrieben, also die Erziehungs- und Sorgekompetenz.

„Diese hierarchische Anordnung bildet die Grundlage für die gesellschaftliche Unterdrückung der Frauen, die sämtliche Sphären der Gesellschaft prägt: Kultur und Sprache, Ideologie und Sozialtheorie, Moral und Recht und die entsprechenden Institutionen.“

– Frigga Haug

Frigga Haug beschreibt in ihrem Leitfaden für die Politik zwei Herrschaftsarten, die es zu überwinden gibt. Zum einen die Verfügung über Arbeitskraft in der Lebensmittelproduktion und zum anderen die Verfügung der Männer über die Frauen in der Reproduktion. Gesellschaftlich gibt es Frauenrechte, aber strukturell und kulturell finden sie nicht statt. Sie äußert feministische Kritik an der gegenwärtigen Geschlechterpolitik, die am Status Quo festhält. Es kann nicht einfach um »Gleichstellung« gehen, sie stellt die Struktur selbst in Frage. Das macht sie an der Stellung der Frau in Kultur und Gesellschaft fest, aber auch an der Zuweisung an den Reproduktionsbereich (Hausfrau und Mutter).

Es geht um eine knappe Ressource

Bevor wir in das Erwerbsleben starten, haben wir viel Zeit. Mit dem Eintritt in eine abhängige Lohnarbeit wird jedoch über unsere Zeit bestimmt. Es gibt eine*n Vorgesetzte*n, wir sind Arbeitnehmer*innen. Wir gehen morgens zur Arbeit und abends wieder nach Hause. Dank der im letzten Jahrhundert stattfindenden Arbeitskämpfe haben wir heute mehr Zeit. Frigga Haug beschreibt die Kämpfe für einen 8 Stunden Tag, die 5 Tage Woche und letztendlich die 37,5 Stunden Woche. Immer ging es um Zeit. Doch seit 1989 weht ein neoliberaler Wind, der seinen Höhepunkt in der Agenda 2010 um Kanzler Schröder mit den Hartz-Reformen hatte. So gibt es Menschen, die aus dem Erwerbsleben herausgenommen werden, weil sie nicht hinein passen. Diese Menschen bekommen Hartz IV. Gleichzeitig haben sich aufgrund des technischen Fortschrittes die Produktivkräfte der Arbeit so gewaltig potenziert, dass die Halbierung der heutigen Erwerbsarbeitszeit anstünde. Bei gleichem Gehalt. Dafür nimmt sie auch die Gewerkschaften in die Pflicht. So lange diese für den Erhalt von z.B. Arbeitsplätzen im Bergbau und gegen eine Weiterentwicklung von Arbeit kämpfen, wird sich nichts ändern.

Frigga Haug möchte die „Produktionsverhältnisse“ aus ihrer Zentriertheit auf die gewerbliche Produktion holen und auf beide Bereiche der menschlichen Produktionen beziehen. Gleichzeitig plädiert sie für eine Teilhabe an diesem Diskurs. Menschen müssen beteiligt werden, sowohl als Befähigung und Weiterentwicklung ihrer persönlichen Kompetenz, als auch im politischen Diskurs. Das Internetzeitalter und die Globalisierung führen ihren Ausführungen nach zu immer währenden „Lernzeiten“, die Zeit fressen um kulturelle Fähigkeiten zu entwickeln.

„Die Sprengkraft wächst dieser Umstrukturierung dadurch zu, dass sie auf den Herrschaftsknoten unserer Geschichte zielt: Die zerlegende Organisation des Gesellschaftsprozesses — in den profitgetriebenen Ewerbsbereich, den ›verweiblichten‹ Reproduktionsbereich jenseits der Lohnform, die abgesonderte Politik in den Händen von ›Stellvertretern‹ — festigt die kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse um den Preis der Verkümmerung und Vergeudung menschlicher Talente. Diese Verknotung von Herrschaftsverhältnissen aufzulösen, ist das Projekt der 4-in-1-Perspektive.“

– Frigga Haug

Menschen mit einbeziehen

Erwerbsarbeit, Reproduktions- oder besser Zuwendungsarbeit (Care Arbeit), kulturelle Selbstentwicklung und Politik dürfen nach Frigga Haug nicht getrennt verfolgt werden, sonst geraten sie in eine Sackgasse. Dabei geht es ihr nicht einfach nur um Arbeitszeitverkürzung, sondern um eine Umverteilung der gesamten Lebenszeit und aller Tätigkeiten. Das Neue der 4-in-1-Perspektive besteht daher in der Anordnung der vier Tätigkeitsbereiche — Erwerbsbereich, Reproduktionsbereich, Kultur, Politik — auf zeitlich gleicher Ebene, statt sie einander über- und unterzuordnen. Menschen hätten weniger Stress in der Erwerbsarbeit, mehr Zeit für ihre Familie, könnten sich stärker weiterentwickeln und politische Prozesse stärker als sonst aktiv mitgestalten. Die Vorteile liegen dabei klar auf der Hand.

Die spontane Geringschätzung der Reproduktionstätigkeiten als ›nicht wirklich Arbeit‹ wird in Wertschätzung umschlagen, sobald sie Teil des eigenen Lebens sind. Den Freiraum für die Entwicklung seiner selbst zu erstreiten arbeitet gegen die permanente sektorale Einspannung.

Mein Hamburger Freund und ich sind uns einig. Wir sind auf dem richtigen Weg. Er hat seine Arbeitszeit reduziert und ich werde in den kommenden Wochen wieder mehr Zeit für persönliche Selbstentfaltung haben. Letztendlich geht es doch darum, ein glückliches und zufriedenes Leben zu führen.

Prinzessinnenjungs. Wie wir unsere Söhne aus der Geschlechterfalle befreien.

Prinzessinnenjungs. Wie wir unsere Söhne aus der Geschlechterfalle befreien.

Als ich 2010 zum ersten Mal ein Buch über Jungenarbeit in die Hände bekommen hatte, war der Moment des Lesens ein Augenöffner für mich. Das Buch von Dieter Schnack und Rainer Neutzling »Kleine Helden in Not. Jungen auf der Suche nach Männlichkeit« sprach mir so sehr aus der Seele, dass ich begann all meine Denkmuster zu überdenken und zu verwerfen. Zehn Jahre später erscheint das Buch »Prinzessinnenjungs« von Nils Pickert. Er schreibt über Jungen, über Männer und ihren schwierigen Weg zur eigenen Männlichkeit. Es geht um Liebe, Freundschaft, Sexualität, um Verantwortung und vor allem immer wieder um Gewalt. Ein Prinzessinnenjunge ist mehr als ein Junge, der Frauenkleider trägt oder in einer Geschlechterfalle steckt. Das Buch legt den Finger dabei in eine vermeintlich kleine Wunde, die beim Lesen jedoch Schmerzen, Wut und Tränen auslösen. Zumindest bei mir. Das Buch ist eine bittere Analyse und Appell für eine andere, gesündere Sichtweise auf männliche Sozialisation. 

Wann ist ein Mann ein Mann?

Nils Pickert schreibt, dass Männlichkeit, wie wir sie kennen, ein Verkaufsschlager sei. Und er begründet dies auf anschauliche Art und Weise, in dem er immer wieder eigene Erfahrungen einbringt und sich persönlich und privat ein gutes Stück den Lesenden offenbart. Nicht erst auf dem Schulhof, wo Jungs ihre Zugehörigkeit zur Gruppe über den binären Code »ficken oder gefickt werden« aushandeln, werden die tradierten und geschlechtsstereotypen Rollenbilder gefestigt. Auf 254 Seiten wird sehr schön herausgearbeitet, dass psychische und physische Gewalt auf Jungen und Männer ausgeübt wird und das Rollenbild geprägt und gefestigt wird. Jungs werden von ihren Gefühlen und ihrer Verantwortung getrennt, sie kreisen um sich selbst und ihnen fehlt die Fähigkeit, Gefühle zu offenbaren. Dieses System wird nicht nur von fremden ausgeübt, sondern auch von Vätern, Müttern und dem familiären Umfeld gestützt und unterstützt. Sozialisation als Geschlechterfalle, aus der es sich schwer befreien lässt. Nils Pickert fordert daher, dass wir endlich anfangen müssen, über gelingende Männlichkeit zu sprechen und aufhören uns einzureden, dass sich Männlichkeit unverändert von selbst ergibt.

Das Kapitel „Gewalt ist (k)eine Lösung“ endet mit dem Satz: „Jungen und Männer sind auch Opfer von Gewalt.“ Und würde dieser Satz an erster Stelle des Kapitels stehen, er hätte eine ganz andere Wirkung auf den Inhalt. Framing halt. Gewalt wird Männern zugeschrieben und ausgeübt. Männlichkeit unterliegt der Initiation von Brechen und Gebrochenwerden. Um also ein richtiger Mann zu werden, muss Gewalt an dir ausgeübt werden und du musst Gewalt ausüben. Wenn du dies nicht tust, bist du schwul. Du wirst gefickt und hast nicht die Macht. Du bist kein Ficker. Und schon sind wir gefangen im gesellschaftlichen Denken über Macht=Männlich und Schwäche=Weiblich. Nils Pickert zitiert eine Statistik, die besagt, dass Männer zu 18% Opfer sind und zu 80% Täter. Er benennt alltägliche Beispiele, die nahezu jeder Mann aus eigener Erfahrung berichten kann. Von nassen Handtüchern, die eingedreht zu Peitschen werden und in der Umkleide nach der Schwimmunterricht für Striemen und Schmerzen sorgten. Ja, auch das ist Gewalt und ja, sie wird nach wie vor bagatellisiert. Männer werden erniedrigt und vorgeführt, verspottet und so zu richtigen Männern geschliffen. Gehörst du nicht dazu, wirst du aussortiert, ausgegrenzt und als Schwuchtel abgestempelt.

Antifeminismus

Nur kurz und an wenigen Stellen geht Nils Pickert auf die Argumente der antifeministischen Männerrechtsbewegung ein. So beschriebt er das Verhalten von Männern, die sachliche Diskussionen über Geschlecht, Rollenbilder, Sozialisation stören indem sie versuchen, die Diskussion hin zu Männerthemen zu ziehen. Klassischer WHATABOUTISM, also „Männer sind auch Opfer!“ Gleichzeitig beschriebt er, dass die Maskulinisten eine Verweiblichung der Gesellschaft befürchten und »echte Männer« zu kurz kommen und die stereotypen Männlichkeitsbilder zu wenig Beachtung finden. Völlig richtig beschriebt Nils Pickert, dass es gar nicht darum geht, das Verhalten von Jungen und Mädchen umzupolen und gesellschaftlicher zu machen.

„Wir werden uns aber nur dann originäre, wirkmächtige und hilfreiche Jungen- und Männerarbeit leisten können, wenn wir einsehen, dass Frauen und Mädchen nicht unsere Feindinnen sind.“

Gegessen wird zu Hause

Männer sind Helden und werden in Geschichten als Helden gefeiert und somit reproduziert. Jungen müssen sich aber auch ständig beweisen, gehen in einen Konkurrenzkampf. Nils Pickert beschreibt anschaulich, dass ihr Repertoire an Emotionen und Gefühlen dabei verkümmert. Männer schreien verzweifelt nach Aufmerksamkeit und ihre Bedürfnisse werden nicht gehört, geschweige denn können befriedigt werden (und das nicht im sexuellen Sinne). Es geht also um Liebe, die den Jungen einprogrammiert wird: Sei ein Held. Frauen werden in dieser Konstellation zum Objekt degradiert. Mich erinnern die immer wiederkehrenden Beschreibungen über Liebe, Freundschaft und Sexualität an meine Jugend im Münsterland. Dort heißt es: „Appetit holen darfst du, gegessen wird aber zu Hause.“ Nils Pickert fordert zurecht, dass wir anfangen müssen, Männlichkeit besser zu erzählen und besser vorzuleben.

„Wir können Frauen und Mädchen nur dann vor Gewalt schützen, wenn wir anfangen, Jungen und Männer zu schützen. Nicht vor sich selbst.“

Große Bedeutung legt Nils Pickert daher auch den Vätern als Träger der Rollenbilder. Väter müssen mit Liebe antworten, präsent sein, aktiv sein und auch Zweifel zeigen. Zugewandte, sich kümmernde Väter, die auch emotional im Leben ihrer Söhne präsent sind. Dann können wir uns auch von dem Gedanken verabschieden, dass sich Homosexualität durch „weibliche Verhaltensweisen“ äußert.

Hotel Mama

In meiner Jugend haben junge Frauen noch Mitgiften gesammelt, die sie als Aussteuer in die Ehe mitbringen. Der Mann zieht also von einem Hotel zum nächsten Hotel und wird Statist im eigenen Leben. Was platt und einfallslos daher kommt, wird von Nils Pickert im Kapitel „Hotel Mama“ wunderbar dargelegt. Irgendjemand ist im Leben des Mannes für ihn da und übernimmt die Verantwortung. Gemeint sind Mutter, Ehepartnerin, Haushälterin, Grundschullehrerin, Babysitterin und viele weitere Care Berufe, in denen vor allem emotionale Arbeit geleistet wird. Irgendjemand ist immer zuständig. Nils Pickert schreibt richtig, dass Männer im Hotel Mama nur Gast sind und somit die Statisten ihres eigenen Lebens. Es wird für sie und um sie herum gesorgt. Sie fühlen sich nicht zuständig und werden nicht zuständig gemacht. Weder in ihrer Sozialisation noch später im eigenen Haus. Nur kurz wird auf »Mental Load« und die Unfähigkeit der Männer eingegangen, sich aus dieser Falle zu befreien. Wohingegen gleichzeitig auch die Ursache dargelegt wird. Es wird ihnen aufgrund der gesellschaftlichen Rollenverteilung auch nicht anders beigebracht. Folgerichtig fordert Nils Pickert, „…dass es sich lohnt, im eigenen Leben nicht nur Gast zu sein, bei den Kindern nicht bloß für Betreuungsdienste einzuspringen und im eigenen Haushalt nicht lediglich auszuhelfen.“

Fazit

Mit »Prinzessinnenjungs« ist Nils Pickert ein starkes Erstlingswerk gelungen. Mit Erfahrungsberichten aus seiner Kindheit und Jugend gelingt es ihm sowohl sachlich als auch emotional die Lesenden für das Thema zu gewinnen. Doch nicht nur die Beispiele lösen Wut und Mitgefühl aus. Mich hat vor allem die Gewalt der männlichen Sozialisation schockiert, obwohl ich jedes Wort und jede Erfahrung mit meiner eigenen männlichen Sozialisation teile. Mich hat das Buch sehr bewegt und für Tage beschäftigt. Nils Pickert gelingt es, die Lesenden nicht für ihr Tun und Handeln zu verurteilen, sondern liebevoll an die Hand zu nehmen und Perspektiven und Lösungsvorschläge anzubieten. Auch ihm gelingt es nicht immer der Vater zu sein, der er gerne sein möchte. Das macht das Buch und den Autor so nahbar. Im letzten Kapitel entlässt Nils Pickert die Lesenden mit einer kleinen Handreichung zu Prinzessinnenjungs. Geschlechtsidentität muss frei ausgelebt werden können, Männlichkeit darf kein Identitätskamp sein, wir müssen eine Anwaltschaft für Jungen und Männer übernehmen, Vaterschaft muss transformiert werden, Männer müssen Verantwortung übernehmen, Scheitern ist integraler Bestandteil von Männlichkeit.

„Die tatsächliche Alternative besteht darin, Jungen und Männer zu befähigen, den Unterschied zwischen Privilegien und Freiheiten zu erkennen, um sich für das Richtige zu entscheiden.“

Dieses Zitat erinnert mich an den Film »We Want Sex«, in dem die Protagonistin zu ihrem Ehemann sagt: „Rechte sind keine Privilegien!“ Nils Pickert greift im Grunde diesen Satz auf uns appelliert an die Verantwortung des Mannes, nicht Opfer seiner Männlichkeitsvorstellung zu sein und sein Recht auf freie Entscheidung wahrzunehmen. Männer dürfen lange Elternzeit nehmen, sie dürfen weinen, sie dürfen den Job kündigen, sie sind frei in ihrem Tun und Handeln!
Zum Nachdenken hat mich dann der fünfte Punkt gebracht: Heldinnen. Nils Pickert fordert auf, den Boy´s Club aufzulösen und den Blick für Frauen zu öffnen. Wer sind meine Heldinnen? Warum sind das meine Heldinnen? Wir sollten mehr darüber reden. Tatsächlich sind mir keine Heldinnen eingefallen. Stattdessen viele Helden. Das beschäftigt mich nach wie vor. Denn es zeigt, wie perfide, gewaltvoll und latent die männliche Sozialisation funktioniert. Aber was ist denn jetzt eigentlich ein Prinzessinnenjunge? Nun, dafür musst du das Buch lesen. Es lohnt sich!

Leseempfehlung: Prinzessinnenjungs

Wie wir unsere Söhne aus der Geschlechterfalle befreien

Wir haben feste Erwartungen an die Geschlechterrollen, die Jungen zu erfüllen haben. Noch immer sollen sie stark sein, ab einem gewissen Alter lieber nicht mehr weinen und keine Röcke tragen.

Der Feminist, Journalist und Vater Nils Pickert hat ein leidenschaftliches, gedanklich präzises und berührendes Plädoyer für die Freiheit von Geschlechterrollen in der Erziehung unserer Söhne geschrieben. Er beschreibt, wo diese Männlichkeits-Normierung beim Spielzeugkauf, auf dem Schulhof oder im Gefühlsleben stattfindet und wie sehr sie Jungen in ihrer Entfaltung schadet. Der Autor zeigt, wie sehr viele Jungen Fürsorglichkeit und Puppen lieben – und brauchen. Es gibt eine unendliche Vielfalt an Wegen, vom Jungen zum Mann zu werden. Wie Eltern ihre Söhne dabei unterstützen können, schildert Nils Pickert mit vielen Hinweisen und Beispielen.

Format: 13,6 x 21,5 x 1,83 cm, Klappenbroschur
Umfang: 254 Seiten

Preis: 18,95 € (D)/ 17,99 € (eBook)
ISBN: 978-3-407-86587-8
Erscheinungsdatum: 11. März 2020

Prinzessinnenjungs von Nils Pickert

Hinweis: Das Buch habe ich selber gekauft und nicht vom Verlag zugeschickt bekommen.

Warum wir eine sonderbare Familie sind

Warum wir eine sonderbare Familie sind

Das Leben ist wie eine Wanderung auf einem Pfad. Aus zwei Wegen wird ein gemeinsamer, der mal flach, mal steil rauf und wieder runter verläuft. Mal geht es langsam voran und mal schneller. Mal hast du das Gefühl, jemanden aus den Augen zu verlieren und mal holt dich eine neue Person ein. Wie du deinen Wanderweg gestaltest, hängt einzig und allein von deiner inneren und äußeren Einstellung ab. Nicht immer verlief mein Wanderweg geradlinig und eben.

Den Castortransport 1998 ins »Brennelemente Zwischenlager Ahaus« (BZA) habe ich als 14-jähriger Demonstrant hautnah miterlebt. Meine Generation, die für unsere Umwelt demonstriert und gegen Atomkraft. Aber auch die Brutalität der Polizei. Heute geben Greta und Fridays For Future frischen Rückenwind für ein Umdenken im Kleinen und Großen. Dazwischen liegen Jahre der Ressourcen-Verschwendung und des Konsums.

Seit ich Corinna kenne hat sich mein Leben sogar um 180 Grad gedreht. Bis vor drei Jahren ernährte ich mich noch sehr ungesund und pendelte mit dem Auto eine halbe Stunde zur Arbeit. Corinna reiste oft und gerne in weit entfernte Länder und wollte in ihrem Urlaub viel erleben. Gemeinsam sind wir 2015 in die USA geflogen und haben in einem Monat tausende Kilometer mit einem Van gerissen. Ernährt haben wir uns in dieser Zeit sehr ungesund. Nahezu alles, was wir damals gemacht haben, machen wir heute nicht mehr.

Am Anfang waren es nur kleinere Veränderunge, dann immer größere. Mit der Geburt unserer Kinder schlugen die Veränderungen dann auch auf unseren Freundes und Bekanntenkreis über. Seitdem leben wir in einer Filterblase und treffen uns mit Menschen, die ähnlich ticken. Damit haben wir uns allerdings ganz weit vom Mainstream und unserem alten Leben entfernt. Hier mal ein paar Beispiele, was wir nicht mehr machen.

Leben und Alltag

Wir duschen nicht mehr täglich und benutzen wenig bis keine Kosmetika. Und wenn, dann nur vegan-bio-nachhaltige. Unseren Kleinwagen haben wir vor drei Jahren verkauft und auch Fiete (VW T4 California) wird einen neuen Besitzer finden. Wir gehen zu Fuß einkaufen, sind in die Nähe der Arbeit gezogen und verbringen viel Zeit mit unseren Kindern auf dem Spielplatz oder zu Hause. Zeit ist eine knappe Ressource, die wir mit Qualität füllen wollen, anstatt mit Langeweile. Wir sprechen jeden Abend mindestens eine halbe Stunde über den Tag, über uns und die Zukunft. Filme schauen wir höchstens zwei Mal im Monat – auch, weil wir uns keine Zeit dafür nehmen (wollen). Kein Video-Streaming-Abo, kein Amazon Prime und nur Deezer. Wird hauptsächlich für Kinder-Musik und Hörspiele genutzt. Juhu!

Essen und Trinken

Als wir uns kennenlernten haben wir noch bedenkenlos Fleisch gegessen. Mit der Zeit verzichteten wir nicht nur darauf sondern auf alle Produkte mit tierischen Inhaltsstoffen. Im Januar 2020 habe ich am #veganuary teilgenommen und festgestellt, wie einfach und lecker vegane Ernährung ist. Zusammen mit Eva und ihrer Familie verbringen wir schon den dritten gemeinsamen Urlaub. Eva hat zusammen mit ihrem Partner zwei Kinder und die ganze Familie ernährt sich vegan. Für uns der perfekte Einstieg und ein Prozess, der vor drei Jahren begonnen hat und nun endlich umgesetzt ist! Seit dem Studium verzichte ich nahezu komplett auf Alkohol. Mir fehlt er nicht und ich brauche ihn auch nicht. Zucker vermeiden wir und Junk Food auch.

Urlaub und Reisen

Seit unserer großen Reise in die USA verzichten wir auf Flugreisen. Wir haben noch nie Kreuzfahrten gemacht und wollen auch keine unternehmen. Auch auf Städtetrips verzichten wir bewusst, weil wir wissen, dass unsere Kinder durchdrehen würden – ich übrigens auch! Wir haben eine Zeit lang Camping Urlaub mit Fiete gemacht und probieren ab 2020 Ferienwohnungen oder Ferienparks aus. Lieber machen wir viele kleine Urlaube als einen großen. Auch im Urlaub und auf Reisen versuchen wir den Alltag von zu Hause beizubehalten und schlafen zum Beispiel alle in einem Familienbett.

Kinder und Erziehung

Die Große haben wir bis zum Alter von drei Jahren mit Plastikwindeln gewickelt. In den ersten Wochen hatten wir noch Stoffwindeln probiert, sind daran aber gescheitert. Beim Kleinen hat sich Corinna richtig eingefuchst und ab dem 6. Monat wickeln wir nur noch mit Stoffwindeln. Wir sind Experten und fühlen uns wohl damit. Die Müllmenge ist stark reduziert und dafür waschen wir einmal pro Woche die Einlagen. Pflegeprodukte kaufen wir ausschließlich biologisch und ökologisch nachhaltig. Wir haben keinen Kinderwagen, sondern Tragehilfen und kaufen alle Klamotten Second Hand oder bekommen sie geschenkt. Nur die Puppen haben bei uns Schnuller und geschlafen wird im Familienbett. Außerdem impfen wir unsere Kinder nicht… war nur Spaß! Kommen wir zum nächsten Punkt, der in Gesprächen immer wieder für erstaunte Gesichter sorgt. Wir halten K2 seit er 5 Monate alt ist über der Toilette ab. „Ihr macht was?“ Wir halten ihn ab. Der Kleine sagt uns Bescheid und wir gehen mit ihm auf die Toilette, ziehen ihn unten herum aus und halten ihn ab. „Ne, is klar. Er sagt ,Papa, ich muss mal‘ und du weißt sofort, dass es Pipi oder Aa ist!“ Fast richtig. Der Kleine fängt an zu Knöttern und im Grunde rattert bei mir der Erfahrungsschatz los. Hat er Hunger? Nein, er war eben noch an der Brust. Ist er müde? Nein, er hat eben noch geschlafen. Will er Beschäftigung? Nein, ich beschäftige ihn die ganze Zeit. Will er Ruhe? Nein, siehe Schlaf. Dann muss er mal und will nicht in die Windel machen. „Ja ne, is klar.“ Dann nehme ich ihn mit zur Toilette und siehe da, er macht sein Geschäft. Das klappt in 8 von 10 Fällen. In den anderen zwei Fällen haben wir es nicht rechtzeitig geschafft und die Windeln sind voll. Naja, passiert. Weil uns eine stabile Eltern-Kinder-Bindung wichtig ist, gehen unsere Kinder erst mit 3 Jahren in den Kindergarten. Bei K1 haben Corinna und ich noch abwechselnd gearbeitet, um die Betreuung zu gewährleisten. Bei K2 habe ich lange Elternzeit genommen und gehe zurück in meinen Teilzeit Job, sobald K2 im Kindergarten ist.

Konsum und Luxus

Letztens meinte Corinna, sie könne Frugalistin sein. Also eine Person, die wenig Geld ausgibt und zufrieden ist mit dem, was sie hat. Dem stimme ich absolut zu, denn wir brauchen keine teuren Smartphones, keine smarten Gadgets, keine smarten Watches oder anderen smarten Kram. Das Geld, was wir haben, legen wir lieber in nachhaltige Projekte an oder geben es für Lebensmittel aus. Wenn dann doch mal etwas repariert werden muss, bezahlen wir lieber einen lokalen Handwerker und kaufen die Produkte regional und nachhaltig. Auch wenn es seinen Preis hat.

Unsere Klamotten und auch Dinge des Lebens kaufen wir gebraucht. Wenn uns etwas nicht mehr passt, verkaufen wir es wieder auf dem Gebrauchtmarkt. Autos sind für uns Gebrauchsgegenstände und den großen Luxus VW T4 California verkaufen wir nach 5 Jahren Nutzung wieder.

Und sonst

Ach, es gibt noch so viele Dinge, die wir nicht tun und die uns von Freunden und der Familie unterscheiden. Wir verzichten auf materielle Geschenke und verschenken lieber Qualitätszeit. Wir stellen unsere Kinder nicht mit Smartphone oder Fernseher ruhig und auch Computerspiele gibt es bei uns nicht. Wasser kommt aus der Leitung und Filterkaffee in die Tasse; der fair trade öko nachhaltige natürlich. Unseren Strom beziehen wir von einem Windanlagen-Bauern aus Niedersachsen.

Wir setzen die Familie in den Mittelpunkt und alles, ja A L L E S ordnet sich drum herum. Corinna arbeitet 30 Stunden und ich 20 Stunden. Wobei ich jetzt in Elternzeit bin und mich um den Haushalt und die Kinder kümmere. Wir gehen zu Fuß zur Arbeit und sind in 5 Minuten im Büro. Lieber wohnen wir zur Miete, als dass wir uns ein Eigenheim leisten. Wir wählen progressive Parteien, um eine starke Opposition zu haben. Mit der Kirche haben wir nichts am Hut und wir bezeichnen uns als Agnostiker. Entsprechend sind wir aus der Kirche ausgetreten und unsere Kinder auch nicht getauft. Ja, wir sind verheiratet, haben aber nur standesamtlich in ganz kleinem Rahmen gefeiert. Unsere Flitterwoche haben wir in Dänemark verbracht. Im November. Bei Sturm und Regen. Es war kalt. Wir haben es uns schön warm gemacht.

Wie du siehst, machen wir vieles anders. Wir sind auf unserem Pfad unterwegs und wollen noch mehr verändern und konsequenter werden. Viele können mit Veganismus nichts anfangen und verdrehen die Augen. Andere können es sich nicht vorstellen, mit Stoff zu wickeln oder als Hausmann zu arbeiten. Karriere und Geld verdienen ist in unserer Gesellschaft immer noch männlich geprägt. Leider. So oder so, wir fühlen uns auf diesem Weg richtig wohl und sind glücklich, in eine gemeinsame Richtung zu gehen.

w

Vielleicht bist du auch gerade auf dem Weg und möchtest etwas verändern. Oder du befindest dich schon auf deinem Pfad bist aktiver Gestalter deines Lebens. Dann freue ich mich auf deinen Kommentar!

ONLINE KURS

Werde ein aktiver Vater und erreiche eine zufrieden stellende Vereinbarkeit von Familie & Beruf.

COACHING

Werde der Vater, der du sein möchtest.
Ich begleite dich auf dem Weg dorthin.

Wir brauchen einen verpflichtenden Mutterschutz für Väter

Wir brauchen einen verpflichtenden Mutterschutz für Väter

Mit der Geburt meines Sohnes vor einem Jahr habe ich wieder Elternzeit genommen. Zwar nur einen Monat, wie es die meisten Väter tun, aber meine Frau hatte ja zwei Monate Mutterschutz und sollte eh erst in neun Monaten zurück in den Job kehren. Danach würde ich in Elternzeit gehen. Also alles easy peasy? Denkste!

Mit einem kleinen Baby und einem großen Kind ändert sich das Familienleben noch mal stark. Die Bedürfnisse der großen Schwester rücken an zweite Stelle, denn das Baby will versorgt werden. Obwohl wir die Geburt des Brüderchen lange vorbereitet haben, gab es Widerstände. Klar. Hinzu kommt die beginnende Autonomie-Phase der Großen, die eh schon ein sehr gefühlsstarkes Kind ist.

Meine Frau und ich arbeiten beide in Teilzeit. Die gesamte Lohnarbeit zusammen liegt bei 50 Stunden, 30 sie und 20 ich. Es ist also immer jemand bei den Kindern, denn einer arbeitet vormittags, der andere nachmittags. Trotzdem haben auch wir große und kleine Schwierigkeiten im Familienalltag gehabt und fragen uns ständig: „Wie machen das die anderen Familien?“ und geht es nicht auch ander? 

Andere Familien schaffen das doch auch, oder?

Einem Monat nach der Geburt von K2 bin ich also wieder zurück in den Job gegangen. Vormittags war meine Frau nun mit einem Kleinkind, einem Baby und dem Haushalt alleine. Oma und Opa unterstützen uns wie selbstverständlich und sobald ich gegen 12 Uhr nach Hause kam, habe ich meinen Anteil am Familienleben übernommen. Aber was mit einem Kind noch alles einfach machbar war, gestaltete sich mit zwei Kindern schwieriger.

Die große Schwester buhlte um Aufmerksamkeit und hatte Sorge, dass ihre Bedürfnisse nicht mehr gesehen werden. Wurden sie, aber sie konnten nicht sofort befriedigt werden. Sei es spazieren gehen, auf dem Spielplatz spielen, vorlesen oder gemeinsam Essen. Alles dauert auf einmal länger, weil das Baby da war. Außerdem mussten sie jetzt leiser spielen, wenn der Kleine schläft. In die Kita ist sie erst ein Jahr später gegangen, mit 3,5 Jahren. Das war uns wichtig.

Sobald ich zu Hause war und unterstützen konnte, lief es problemloser. Wenn ich jedoch auf der Arbeit war, war es anstrengend für Corinna. Sie hat sich dann oft mit dem Baby zurückgezogen und sich schlafen gelegt. Kräfte tanken für die Zeit, in der ich nicht da sein werde. Abends haben wir uns dann hingesetzt und über die Situation gesprochen. Wieso fällt es uns so schwer und wie machen das andere Familien?

Rechte sind keine Privilegien

Im Film „We Want Sex“ kämpfen britische Frauen in den Ford-Werken für gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit. Während einer Auseinandersetzung mit ihrem Ehemann ruft die Protagonistin ihm zu: „Rechte sind keine Privilegien“. Ich denke, dieser Satz bringt die Misere der Gleichberechtigung auf den Punkt. Wir stecken immer noch in einem alten Rollenbild fest, in dem die Frau die Kinder betreut und der Mann arbeiten geht.

Dass ich meine Aufgaben als Vater, Mann und Partner in der Familie übernehme, ist (m)eine Selbstverständlichkeit. Wir leben das Modell 50:50 nicht nur auf dem Papier, sondern teilen uns die Aufgaben auf. Dazu gehören sowohl die Care-Arbeit als auch die Denkarbeit. Zudem haben wir Zuständigkeiten geregelt, die den Alltag noch mehr entlasten. Das fiel nicht vom Himmel sondern hat sich mit der Zeit ergeben.

Meine Frau ist nicht privilegiert, weil ich ein aktiver Mann, Vater und Hausmann bin. Es ist nur gerecht, dass ich mich gleichberechtigt beteilige. Und das tue ich nicht, weil meine Frau 10 Stunden mehr arbeitet als ich, sondern weil es mein und unser verdammtes Recht ist! Corinna muss nicht dankbar sein und wir müssen uns auch nicht mit anderen vergleichen á la „ich hätte auch einen anderen Mann haben können, danke!“ Ja, ich hätte aber auch eine andere Frau haben können. Habe ich aber nicht, weil ich immer für eine gleichberechtigte Partnerschaft eingestanden bin. Anderes habe ich nie akzeptiert. 

Das Familien-System verändert sich

Natürlich bin ich mit diesem Denken nicht auf die Welt gekommen. Natürlich hat mich die Sozialisation geprägt und ja, erst mein Studium und das Leben mit meiner Frau haben mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Dank der ersten Elternzeit habe ich erkannt, wie schädlich die Lohnarbeit für ein Familienleben und die Partnerschaft sein kann. Wie viel Familienzeit und Bindung zu meinem Kind mir verloren geht. Damals habe ich viel am Wochenende und abends gearbeitet.

Mit der Erfahrung der zweiten Schwangerschaft und Geburt habe ich erkannt, wie wichtig der Support des Vaters für die Mutter und für die ganze Familie ist. Jetzt stell dir vor, der Mann geht einen Monat nach der Geburt von K2 oder K3 wieder in Vollzeit arbeiten?! Im Bekannten- und Freundeskreis, die keine engen sozialen Kontakte oder Familie im nahen Umfeld haben, bekomme ich es täglich mit. Die Mutter organisiert, kümmert, begleitet, erzieht und macht einfach alles mit den Kindern und den Haushalt. Dabei hat sie keine Zeit für sich selber. Sie ist mit dem Mental Load alleine.

Während der Mann also auf der Arbeit die Welt rettet, abends nach Hause kommt und mit den Kindern noch eine oder zwei Stunden spielt, räumt die Mutter auf und kann vielleicht mal in Ruhe duschen oder auf die Toilette. Oder sich um das Neugeborene kümmern. Die Geburt des zweiten Kindes ist für das „System Familie“ eine starke Veränderung, in der viel in Bewegung kommt. Rollen verteilen sich neu und Beziehungen ordnen sich anders. Der Vater ist Teil dieses Systems und seine Präsens (oder Abwesenheit) hat entscheidenden Einfluss auf das Gelingen der Familienordnung.

6 plus 8 Wochen Vaterschutz

Damit alle Familienmitglieder Zeit finden, sich ihren Platz zu suchen, sich darin einzurichten und in eine gegenseitige Beziehung zu gehen, braucht es Zeit. Diese Zeit räumt der Gesetzgeber der Mutter ein, indem er ihr 8 Wochen Mutterschutz gewährt.

Es braucht allerdings auch für den Vater eine Schutzzeit für die Familie, damit die System-Veränderung gelingen kann. Es braucht einen Vaterschutz, der ebenfalls 8 Wochen dauert und in dem der Mann Elterngeld beziehen muss. Gleichzeitig muss es weitere Anreize für Väter geben, hinterher in Teilzeit gehen zu dürfen. Hier sind vor allem strukturelle Veränderungen gemeint. Zum Beispiel könnte der Staat für den Ausfall des Vaters für mindestens 6 Monate den Lohn zahlen oder einen Ersatz finanzieren.

Große Unternehmen haben sich bereits auf den Weg gemacht und zahlen Vätern volles Gehalt während ihrer Elternzeit. Aus der Politik kommt im Moment herzlich wenig, denn der Ausbau von Kita Plätzen ist wichtiger, als Anreizmodelle für Väter, in Elternzeit zu gehen. Das wird leider auf dem Rücken der Kinder ausgetragen, die viel zu früh in die Fremdbetreuung gegegeben werden. Stattdessen sollten Väter ihre Arbeitszeit reduzieren können, um ihren Anteil an Familienarbeit zu leisten.

Männer, nehmt lange Elternzeit!

Vielleicht muss es kein Mutterschutz für Väter sein. Es darf auch Vaterschutz heißen. Oder gleich Elternschutz. Wobei wir bereits die Elternzeit haben und die beiden Schutzzeiten sich aufheben würden. So oder so braucht es eine strukturelle Veränderung und 8 Wochen verpflichtende Schutzzeit für die Familie. Jeder Mann kann sein individuelles Verhalten verändern, doch sobald er an strukturelle Grenzen stößt, wird auch er diskriminiert!

Seit Mai 2019 bin ich für 2,5 Jahre in Elternzeit und genieße die Zeit sehr, auch wenn sie immer wieder richtig anstrengend sein kann. Unsere Große ist seit August 2019 in der Kita und unser Kleiner aus dem Baby-Alter raus. Meine Frau arbeitet wieder in Teilzeit und mir ist es wichtig, meine Erfahrungen weiterzugeben. Und wer weiß, vielleicht erreiche ich ja genau dich damit! Nimm Elternzeit, reduziere deine Arbeitszeit und werde ein aktiver und sichtbarer Vater!

Es lohnt sich!

Pin It on Pinterest