Warum wir eine sonderbare Familie sind

Warum wir eine sonderbare Familie sind

Das Leben ist wie eine Wanderung auf einem Pfad. Aus zwei Wegen wird ein gemeinsamer, der mal flach, mal steil rauf und wieder runter verläuft. Mal geht es langsam voran und mal schneller. Mal hast du das Gefühl, jemanden aus den Augen zu verlieren und mal holt dich eine neue Person ein. Wie du deinen Wanderweg gestaltest, hängt einzig und allein von deiner inneren und äußeren Einstellung ab. Nicht immer verlief mein Wanderweg geradlinig und eben.

Den Castortransport 1998 ins »Brennelemente Zwischenlager Ahaus« (BZA) habe ich als 14-jähriger Demonstrant hautnah miterlebt. Meine Generation, die für unsere Umwelt demonstriert und gegen Atomkraft. Aber auch die Brutalität der Polizei. Heute geben Greta und Fridays For Future frischen Rückenwind für ein Umdenken im Kleinen und Großen. Dazwischen liegen Jahre der Ressourcen-Verschwendung und des Konsums.

Seit ich Corinna kenne hat sich mein Leben sogar um 180 Grad gedreht. Bis vor drei Jahren ernährte ich mich noch sehr ungesund und pendelte mit dem Auto eine halbe Stunde zur Arbeit. Corinna reiste oft und gerne in weit entfernte Länder und wollte in ihrem Urlaub viel erleben. Gemeinsam sind wir 2015 in die USA geflogen und haben in einem Monat tausende Kilometer mit einem Van gerissen. Ernährt haben wir uns in dieser Zeit sehr ungesund. Nahezu alles, was wir damals gemacht haben, machen wir heute nicht mehr.

Am Anfang waren es nur kleinere Veränderunge, dann immer größere. Mit der Geburt unserer Kinder schlugen die Veränderungen dann auch auf unseren Freundes und Bekanntenkreis über. Seitdem leben wir in einer Filterblase und treffen uns mit Menschen, die ähnlich ticken. Damit haben wir uns allerdings ganz weit vom Mainstream und unserem alten Leben entfernt. Hier mal ein paar Beispiele, was wir nicht mehr machen.

Leben und Alltag

Wir duschen nicht mehr täglich und benutzen wenig bis keine Kosmetika. Und wenn, dann nur vegan-bio-nachhaltige. Unseren Kleinwagen haben wir vor drei Jahren verkauft und auch Fiete (VW T4 California) wird einen neuen Besitzer finden. Wir gehen zu Fuß einkaufen, sind in die Nähe der Arbeit gezogen und verbringen viel Zeit mit unseren Kindern auf dem Spielplatz oder zu Hause. Zeit ist eine knappe Ressource, die wir mit Qualität füllen wollen, anstatt mit Langeweile. Wir sprechen jeden Abend mindestens eine halbe Stunde über den Tag, über uns und die Zukunft. Filme schauen wir höchstens zwei Mal im Monat – auch, weil wir uns keine Zeit dafür nehmen (wollen). Kein Video-Streaming-Abo, kein Amazon Prime und nur Deezer. Wird hauptsächlich für Kinder-Musik und Hörspiele genutzt. Juhu!

Essen und Trinken

Als wir uns kennenlernten haben wir noch bedenkenlos Fleisch gegessen. Mit der Zeit verzichteten wir nicht nur darauf sondern auf alle Produkte mit tierischen Inhaltsstoffen. Im Januar 2020 habe ich am #veganuary teilgenommen und festgestellt, wie einfach und lecker vegane Ernährung ist. Zusammen mit Eva und ihrer Familie verbringen wir schon den dritten gemeinsamen Urlaub. Eva hat zusammen mit ihrem Partner zwei Kinder und die ganze Familie ernährt sich vegan. Für uns der perfekte Einstieg und ein Prozess, der vor drei Jahren begonnen hat und nun endlich umgesetzt ist! Seit dem Studium verzichte ich nahezu komplett auf Alkohol. Mir fehlt er nicht und ich brauche ihn auch nicht. Zucker vermeiden wir und Junk Food auch.

Urlaub und Reisen

Seit unserer großen Reise in die USA verzichten wir auf Flugreisen. Wir haben noch nie Kreuzfahrten gemacht und wollen auch keine unternehmen. Auch auf Städtetrips verzichten wir bewusst, weil wir wissen, dass unsere Kinder durchdrehen würden – ich übrigens auch! Wir haben eine Zeit lang Camping Urlaub mit Fiete gemacht und probieren ab 2020 Ferienwohnungen oder Ferienparks aus. Lieber machen wir viele kleine Urlaube als einen großen. Auch im Urlaub und auf Reisen versuchen wir den Alltag von zu Hause beizubehalten und schlafen zum Beispiel alle in einem Familienbett.

Kinder und Erziehung

Die Große haben wir bis zum Alter von drei Jahren mit Plastikwindeln gewickelt. In den ersten Wochen hatten wir noch Stoffwindeln probiert, sind daran aber gescheitert. Beim Kleinen hat sich Corinna richtig eingefuchst und ab dem 6. Monat wickeln wir nur noch mit Stoffwindeln. Wir sind Experten und fühlen uns wohl damit. Die Müllmenge ist stark reduziert und dafür waschen wir einmal pro Woche die Einlagen. Pflegeprodukte kaufen wir ausschließlich biologisch und ökologisch nachhaltig. Wir haben keinen Kinderwagen, sondern Tragehilfen und kaufen alle Klamotten Second Hand oder bekommen sie geschenkt. Nur die Puppen haben bei uns Schnuller und geschlafen wird im Familienbett. Außerdem impfen wir unsere Kinder nicht… war nur Spaß! Kommen wir zum nächsten Punkt, der in Gesprächen immer wieder für erstaunte Gesichter sorgt. Wir halten K2 seit er 5 Monate alt ist über der Toilette ab. „Ihr macht was?“ Wir halten ihn ab. Der Kleine sagt uns Bescheid und wir gehen mit ihm auf die Toilette, ziehen ihn unten herum aus und halten ihn ab. „Ne, is klar. Er sagt ,Papa, ich muss mal‘ und du weißt sofort, dass es Pipi oder Aa ist!“ Fast richtig. Der Kleine fängt an zu Knöttern und im Grunde rattert bei mir der Erfahrungsschatz los. Hat er Hunger? Nein, er war eben noch an der Brust. Ist er müde? Nein, er hat eben noch geschlafen. Will er Beschäftigung? Nein, ich beschäftige ihn die ganze Zeit. Will er Ruhe? Nein, siehe Schlaf. Dann muss er mal und will nicht in die Windel machen. „Ja ne, is klar.“ Dann nehme ich ihn mit zur Toilette und siehe da, er macht sein Geschäft. Das klappt in 8 von 10 Fällen. In den anderen zwei Fällen haben wir es nicht rechtzeitig geschafft und die Windeln sind voll. Naja, passiert. Weil uns eine stabile Eltern-Kinder-Bindung wichtig ist, gehen unsere Kinder erst mit 3 Jahren in den Kindergarten. Bei K1 haben Corinna und ich noch abwechselnd gearbeitet, um die Betreuung zu gewährleisten. Bei K2 habe ich lange Elternzeit genommen und gehe zurück in meinen Teilzeit Job, sobald K2 im Kindergarten ist.

Konsum und Luxus

Letztens meinte Corinna, sie könne Frugalistin sein. Also eine Person, die wenig Geld ausgibt und zufrieden ist mit dem, was sie hat. Dem stimme ich absolut zu, denn wir brauchen keine teuren Smartphones, keine smarten Gadgets, keine smarten Watches oder anderen smarten Kram. Das Geld, was wir haben, legen wir lieber in nachhaltige Projekte an oder geben es für Lebensmittel aus. Wenn dann doch mal etwas repariert werden muss, bezahlen wir lieber einen lokalen Handwerker und kaufen die Produkte regional und nachhaltig. Auch wenn es seinen Preis hat.

Unsere Klamotten und auch Dinge des Lebens kaufen wir gebraucht. Wenn uns etwas nicht mehr passt, verkaufen wir es wieder auf dem Gebrauchtmarkt. Autos sind für uns Gebrauchsgegenstände und den großen Luxus VW T4 California verkaufen wir nach 5 Jahren Nutzung wieder.

Und sonst

Ach, es gibt noch so viele Dinge, die wir nicht tun und die uns von Freunden und der Familie unterscheiden. Wir verzichten auf materielle Geschenke und verschenken lieber Qualitätszeit. Wir stellen unsere Kinder nicht mit Smartphone oder Fernseher ruhig und auch Computerspiele gibt es bei uns nicht. Wasser kommt aus der Leitung und Filterkaffee in die Tasse; der fair trade öko nachhaltige natürlich. Unseren Strom beziehen wir von einem Windanlagen-Bauern aus Niedersachsen.

Wir setzen die Familie in den Mittelpunkt und alles, ja A L L E S ordnet sich drum herum. Corinna arbeitet 30 Stunden und ich 20 Stunden. Wobei ich jetzt in Elternzeit bin und mich um den Haushalt und die Kinder kümmere. Wir gehen zu Fuß zur Arbeit und sind in 5 Minuten im Büro. Lieber wohnen wir zur Miete, als dass wir uns ein Eigenheim leisten. Wir wählen progressive Parteien, um eine starke Opposition zu haben. Mit der Kirche haben wir nichts am Hut und wir bezeichnen uns als Agnostiker. Entsprechend sind wir aus der Kirche ausgetreten und unsere Kinder auch nicht getauft. Ja, wir sind verheiratet, haben aber nur standesamtlich in ganz kleinem Rahmen gefeiert. Unsere Flitterwoche haben wir in Dänemark verbracht. Im November. Bei Sturm und Regen. Es war kalt. Wir haben es uns schön warm gemacht.

Wie du siehst, machen wir vieles anders. Wir sind auf unserem Pfad unterwegs und wollen noch mehr verändern und konsequenter werden. Viele können mit Veganismus nichts anfangen und verdrehen die Augen. Andere können es sich nicht vorstellen, mit Stoff zu wickeln oder als Hausmann zu arbeiten. Karriere und Geld verdienen ist in unserer Gesellschaft immer noch männlich geprägt. Leider. So oder so, wir fühlen uns auf diesem Weg richtig wohl und sind glücklich, in eine gemeinsame Richtung zu gehen.

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Vielleicht bist du auch gerade auf dem Weg und möchtest etwas verändern. Oder du befindest dich schon auf deinem Pfad bist aktiver Gestalter deines Lebens. Dann freue ich mich auf deinen Kommentar!

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Wir brauchen einen verpflichtenden Mutterschutz für Väter

Wir brauchen einen verpflichtenden Mutterschutz für Väter

Mit der Geburt meines Sohnes vor einem Jahr habe ich wieder Elternzeit genommen. Zwar nur einen Monat, wie es die meisten Väter tun, aber meine Frau hatte ja zwei Monate Mutterschutz und sollte eh erst in neun Monaten zurück in den Job kehren. Danach würde ich in Elternzeit gehen. Also alles easy peasy? Denkste!

Mit einem kleinen Baby und einem großen Kind ändert sich das Familienleben noch mal stark. Die Bedürfnisse der großen Schwester rücken an zweite Stelle, denn das Baby will versorgt werden. Obwohl wir die Geburt des Brüderchen lange vorbereitet haben, gab es Widerstände. Klar. Hinzu kommt die beginnende Autonomie-Phase der Großen, die eh schon ein sehr gefühlsstarkes Kind ist.

Meine Frau und ich arbeiten beide in Teilzeit. Die gesamte Lohnarbeit zusammen liegt bei 50 Stunden, 30 sie und 20 ich. Es ist also immer jemand bei den Kindern, denn einer arbeitet vormittags, der andere nachmittags. Trotzdem haben auch wir große und kleine Schwierigkeiten im Familienalltag gehabt und fragen uns ständig: „Wie machen das die anderen Familien?“ und geht es nicht auch ander? 

Andere Familien schaffen das doch auch, oder?

Einem Monat nach der Geburt von K2 bin ich also wieder zurück in den Job gegangen. Vormittags war meine Frau nun mit einem Kleinkind, einem Baby und dem Haushalt alleine. Oma und Opa unterstützen uns wie selbstverständlich und sobald ich gegen 12 Uhr nach Hause kam, habe ich meinen Anteil am Familienleben übernommen. Aber was mit einem Kind noch alles einfach machbar war, gestaltete sich mit zwei Kindern schwieriger.

Die große Schwester buhlte um Aufmerksamkeit und hatte Sorge, dass ihre Bedürfnisse nicht mehr gesehen werden. Wurden sie, aber sie konnten nicht sofort befriedigt werden. Sei es spazieren gehen, auf dem Spielplatz spielen, vorlesen oder gemeinsam Essen. Alles dauert auf einmal länger, weil das Baby da war. Außerdem mussten sie jetzt leiser spielen, wenn der Kleine schläft. In die Kita ist sie erst ein Jahr später gegangen, mit 3,5 Jahren. Das war uns wichtig.

Sobald ich zu Hause war und unterstützen konnte, lief es problemloser. Wenn ich jedoch auf der Arbeit war, war es anstrengend für Corinna. Sie hat sich dann oft mit dem Baby zurückgezogen und sich schlafen gelegt. Kräfte tanken für die Zeit, in der ich nicht da sein werde. Abends haben wir uns dann hingesetzt und über die Situation gesprochen. Wieso fällt es uns so schwer und wie machen das andere Familien?

Rechte sind keine Privilegien

Im Film „We Want Sex“ kämpfen britische Frauen in den Ford-Werken für gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit. Während einer Auseinandersetzung mit ihrem Ehemann ruft die Protagonistin ihm zu: „Rechte sind keine Privilegien“. Ich denke, dieser Satz bringt die Misere der Gleichberechtigung auf den Punkt. Wir stecken immer noch in einem alten Rollenbild fest, in dem die Frau die Kinder betreut und der Mann arbeiten geht.

Dass ich meine Aufgaben als Vater, Mann und Partner in der Familie übernehme, ist (m)eine Selbstverständlichkeit. Wir leben das Modell 50:50 nicht nur auf dem Papier, sondern teilen uns die Aufgaben auf. Dazu gehören sowohl die Care-Arbeit als auch die Denkarbeit. Zudem haben wir Zuständigkeiten geregelt, die den Alltag noch mehr entlasten. Das fiel nicht vom Himmel sondern hat sich mit der Zeit ergeben.

Meine Frau ist nicht privilegiert, weil ich ein aktiver Mann, Vater und Hausmann bin. Es ist nur gerecht, dass ich mich gleichberechtigt beteilige. Und das tue ich nicht, weil meine Frau 10 Stunden mehr arbeitet als ich, sondern weil es mein und unser verdammtes Recht ist! Corinna muss nicht dankbar sein und wir müssen uns auch nicht mit anderen vergleichen á la „ich hätte auch einen anderen Mann haben können, danke!“ Ja, ich hätte aber auch eine andere Frau haben können. Habe ich aber nicht, weil ich immer für eine gleichberechtigte Partnerschaft eingestanden bin. Anderes habe ich nie akzeptiert. 

Das Familien-System verändert sich

Natürlich bin ich mit diesem Denken nicht auf die Welt gekommen. Natürlich hat mich die Sozialisation geprägt und ja, erst mein Studium und das Leben mit meiner Frau haben mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Dank der ersten Elternzeit habe ich erkannt, wie schädlich die Lohnarbeit für ein Familienleben und die Partnerschaft sein kann. Wie viel Familienzeit und Bindung zu meinem Kind mir verloren geht. Damals habe ich viel am Wochenende und abends gearbeitet.

Mit der Erfahrung der zweiten Schwangerschaft und Geburt habe ich erkannt, wie wichtig der Support des Vaters für die Mutter und für die ganze Familie ist. Jetzt stell dir vor, der Mann geht einen Monat nach der Geburt von K2 oder K3 wieder in Vollzeit arbeiten?! Im Bekannten- und Freundeskreis, die keine engen sozialen Kontakte oder Familie im nahen Umfeld haben, bekomme ich es täglich mit. Die Mutter organisiert, kümmert, begleitet, erzieht und macht einfach alles mit den Kindern und den Haushalt. Dabei hat sie keine Zeit für sich selber. Sie ist mit dem Mental Load alleine.

Während der Mann also auf der Arbeit die Welt rettet, abends nach Hause kommt und mit den Kindern noch eine oder zwei Stunden spielt, räumt die Mutter auf und kann vielleicht mal in Ruhe duschen oder auf die Toilette. Oder sich um das Neugeborene kümmern. Die Geburt des zweiten Kindes ist für das „System Familie“ eine starke Veränderung, in der viel in Bewegung kommt. Rollen verteilen sich neu und Beziehungen ordnen sich anders. Der Vater ist Teil dieses Systems und seine Präsens (oder Abwesenheit) hat entscheidenden Einfluss auf das Gelingen der Familienordnung.

6 plus 8 Wochen Vaterschutz

Damit alle Familienmitglieder Zeit finden, sich ihren Platz zu suchen, sich darin einzurichten und in eine gegenseitige Beziehung zu gehen, braucht es Zeit. Diese Zeit räumt der Gesetzgeber der Mutter ein, indem er ihr 8 Wochen Mutterschutz gewährt.

Es braucht allerdings auch für den Vater eine Schutzzeit für die Familie, damit die System-Veränderung gelingen kann. Es braucht einen Vaterschutz, der ebenfalls 8 Wochen dauert und in dem der Mann Elterngeld beziehen muss. Gleichzeitig muss es weitere Anreize für Väter geben, hinterher in Teilzeit gehen zu dürfen. Hier sind vor allem strukturelle Veränderungen gemeint. Zum Beispiel könnte der Staat für den Ausfall des Vaters für mindestens 6 Monate den Lohn zahlen oder einen Ersatz finanzieren.

Große Unternehmen haben sich bereits auf den Weg gemacht und zahlen Vätern volles Gehalt während ihrer Elternzeit. Aus der Politik kommt im Moment herzlich wenig, denn der Ausbau von Kita Plätzen ist wichtiger, als Anreizmodelle für Väter, in Elternzeit zu gehen. Das wird leider auf dem Rücken der Kinder ausgetragen, die viel zu früh in die Fremdbetreuung gegegeben werden. Stattdessen sollten Väter ihre Arbeitszeit reduzieren können, um ihren Anteil an Familienarbeit zu leisten.

Männer, nehmt lange Elternzeit!

Vielleicht muss es kein Mutterschutz für Väter sein. Es darf auch Vaterschutz heißen. Oder gleich Elternschutz. Wobei wir bereits die Elternzeit haben und die beiden Schutzzeiten sich aufheben würden. So oder so braucht es eine strukturelle Veränderung und 8 Wochen verpflichtende Schutzzeit für die Familie. Jeder Mann kann sein individuelles Verhalten verändern, doch sobald er an strukturelle Grenzen stößt, wird auch er diskriminiert!

Seit Mai 2019 bin ich für 2,5 Jahre in Elternzeit und genieße die Zeit sehr, auch wenn sie immer wieder richtig anstrengend sein kann. Unsere Große ist seit August 2019 in der Kita und unser Kleiner aus dem Baby-Alter raus. Meine Frau arbeitet wieder in Teilzeit und mir ist es wichtig, meine Erfahrungen weiterzugeben. Und wer weiß, vielleicht erreiche ich ja genau dich damit! Nimm Elternzeit, reduziere deine Arbeitszeit und werde ein aktiver und sichtbarer Vater!

Es lohnt sich!

Papipedia. Alles, was Väter und ihre Kinder brauchen.

Papipedia. Alles, was Väter und ihre Kinder brauchen.

Seit Ingeborg Stadelmann im Jahr 1994 ihr Standardwerk „Die Hebammensprechstunde“ veröffentlichte, sind unzählige Eltern-Ratgeber veröffentlicht worden. Auch wir haben uns mit diesem Klassiker auf die anstehende Geburt unserer beiden Kinder vorbereitet. Hatten wir in der Schwangerschaft unseres ersten Kindes noch zahlreiche weitere Ratgeber gekauft und sogar gelesen (!), war es beim zweiten Kind nur der Klassiker von Ingeborg Stadelmann. Meine große Enttäuschung war das Buch „Oje, ich wachse!“ von Hetty van de Rijt, Frans X. Plooij und Jan Jutte. Vielleicht, weil es mir von zu vielen Menschen als „das beste Buch zur Vorbereitung“ empfohlen wurde, oder weil es vielleicht zu wenig den Papa im Fokus hatte. Ich weiß es nicht mehr.

Aber darum soll es in dieser Rezension nicht gehen. Denn Christian Gaca hat im Oktober 2019 mit PAPIPEDIA ein „Lösungsbuch für fast alle alltäglichen Papa-Probleme“ herausgebracht. Das im Gräfe und Unzer Verlag erschienene Buch hat 208 Seiten und eine Größe von fast DIN A5. Das Papier hat eine sehr gute Haptik und die Serifen-Schrift liest sich sehr angenehm. Das Buch teilt sich grob in 4 Bereiche auf: Vorwort, Hauptteil, Glossar und Service.

Aus dem Inhaltsverzeichnis

Dem Vorwort schließt sich der Hauptteil des Buches an, der noch einmal in vier Kapitel unterteilt ist. „Schwangerschaft“, „Geburt“, „Das Wochenbett“ sowie „Das erste Babyjahr als Vater“. Dem schließt sich auf 20 Seiten das Glossar an, wo Begriffe erklärt werden und auf entsprechende Stellen im Buch verwiesen wird. Wer dann noch weitere Informationen über das Buch hinaus benötigt findet im Kapitel „Service“ neben Büchern zu Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett, Babys und Kinder sowie Vaterschaft auch Adressen zu Informations- und Beratungsstellen sowie Blogs. Dieser ist nicht dabei, schade.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Die Schwangerschaft
Kinderwunsch und Schwangerschaft

Kinder kriegen, in dieser Welt?
Der positive Test – und nun?
Kinderwunsch und Wunschkinder
Was macht eine Schwangerschaft, was ändert sich?

Erstes Trimester: Phase der Anpassung

Meine Frau, das plötzlich unbekannte Wesen
Wer begleitet euch durch die Schwangerschaft?
Hebamme, Frauenarzt … und was Frau noch braucht
Vorsorge: Zwischen Mutterpass und Übervorsorge
Das erste Bild vom eigenen Kind
Wo und wie soll das Kind auf die Welt kommen?
Welche Betreuung ist nach der Geburt sinnvoll?

Zweites Trimester: Phase des Wohlbefindens

Im Kaufrausch: Babyausstattung – was braucht man wirklich?
Der kleine Trageberater
Auch Schieben ist lieben
Lange Wege von A nach B – im Alltag und in den Ferien
Wie viel Platz braucht ein Kind?
Geburtsvorbereitungskurs: Vergesst das Klischee vom »Hechelkurs«

Drittes Trimester: Phase der Anstrengung

Die Geburt rückt näher
Kind und Karriere: Väter in Elternzeit
Der liebe Nestbautrieb
Das Wochenbett vorbereiten
Papierkrieger: Wichtige Organisation im Vorfeld
Warten aufs Baby und die Geburt
Was genau sagt eigentlich der ET?
Angst vor der Geburt, ums Baby und die Partnerin
Welcher Vater will ich werden?

Geburt

Die Aufgaben des Vaters
Das Baby kommt

Wann geht es los?
Der Ablauf einer Geburt
Geburtswege: Wenn es anders kommt

Das Baby ist endlich geboren

Die erste Bindung zu Mutter und Vater

Das Wochenbett
Die ersten Tage in der Klinik oder zu Hause

Ein neuer Lebensabschnitt beginnt
Babys Ernährung nach der Geburt

Zurück in den (Job)-Alltag

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Das erste Babyjahr als Vater
Das Leben mit Baby

Die Last der Verantwortung
Wer schläft wo? Und wenn ja, wie lange?
Wickeln, Windeln, windelfrei?
Tragen und Schieben
Essen mit Babys: Beikost und Stillen
Spielen mit dem Baby
Chaos im Wohnzimmer – und nicht nur dort Wenn das Baby untröstlich weint

Der Elternalltag spielt sich ein

Eine gerechte Aufgabenverteilung Eltern werden – Paar bleiben
Das Leben der anderen
Und ich?! Mission Selbstfürsorge
Was war, was ist, was sein wird
Endlich Experte!

Glossar

Service

Bücher, die weiterhelfen
Adressen, die weiterhelfen
Impressum, Leserservice, Garantie

Über das Buch

PAPIPEDIA liest sich leicht von der Hand und versorgt den Leser mit den wichtigsten Informationen von Schwangerschaft über Geburt bis ins erste Lebensjahr. Dabei schafft es der Autor sehr elegant, kein weiteres „und das passiert im Körper der Frau“ Buch zu schreiben. Stattdessen beschreibt er jeweils zu Beginn eines Kapitels auf wenigen Seiten nur die wesentlichen Eckdaten, um im jeweiligen Unterkapitel den Fokus auf die psycho-emotionalen Gefühlslagen der Väter zu setzen. Vele Unterkapitel werden mit der eigenen Erfahrung des Autors oder anderer Väter abgeschlossen. In „So war es bei mir: Fehlgeburt und der Umgang damit“ beschreibt Gaca zum Beispiel seine Erfahrungen über den Verlust des Fetus in der Schwangerschaft. Er stellt treffend dar, dass sich bei ihm zwar körperlich nichts verändert, aber das Gedankenkarussel sofort los dreht (S. 33f).

„Ich hatte die Tendenz, das Thema sofort abhaken zu wollen. Doch so einfach ist das nicht. Eine Fehlgeburt hat Auswirkungen auf die gesamte Familie und vielleicht auch auf noch folgende Babyzeiten. Die Zukunft die ich mir ausgemalt hatte, sie war weg. »Einfach« so. Und über eine Fehlgeburt redet man nicht. Männer noch weniger als Frauen. Mir war zum Heulen zumute, aber ich »musste« den Zusammenbruch von Anja irgendwie auffangen und abfedern. […] Man muss da durch. Man muss anfangen, darüber zu reden. Mit sich und anderen. Der offensive und offene Umgang hat mir geholfen. Er hat uns geholfen.“

Gaca gelingt mit PAPIPEDIA einen Ratgeber zu schreiben, der unaufdringlich und ohne erhobenem Zeigefinger auskommt. Selbst bei schwierigen Themen, wie Elternzeit oder Zurück in den (Job-)Alltag bekommt der Leser nicht das Gefühl, in eine Richtung gedrängt zu werden. Vaterschaft ist so vielfältig und Gaca macht die richtigen Angebote. Er zeigt sämtliche Felder von elterschaftlichen Aufgaben auf, die im besten Falle gleichberechtigt verteilt werden sollen. Sämtliche Herausforderungen, wie Spielen mit dem Kind, wenn das Baby schreit oder Wickeln, Windeln, windelfrei?; Gaca wägt ab, gibt Pro und Contra und verweist immer wieder auf wissenschaftliche Erkenntnisse, ohne dabei die Entscheidung abzunehmen. Vielmehr nimmt er den Leser an die Hand und ist wie ein guter Freund, der sagt „Egal, wie du wickelst – mach es »slow« (S. 134).

„Beim Wickeln und abhalten, beim Baden und Anziehen kannst du als Vater eure Bindung prima vertiefen. Mac alles, was du tust, langsam und bleibt (sic!) mit deiner Aufmerksamkeit beim Kind. Vermeide jede Hektik. Keiner mag es, wenn er hastig und nebenbei »abgefertigt« wird. Nimm dir also Zeit.“

Das Buch will kein Ratgeber sein, sondern begleitet den werdenden Vater durch die Schwangerschaft und zeigt nahezu alles auf, mit dem er konfrontiert wird. Brauchen wir einen Kinderwagen, brauchen wir ein größeres Auto und was ist mit Elternzeit? Gaca gelingt es, diese Themen gleichberechtigt und unaufdringlich zu beantworten und gibt hier und da eine Entscheidungshilfe. Alles kann, nichts muss. Jede Familie tickt anders und das beherzigt Gaca von der ersten bis zur letzten Seite. Die anstehenden Veränderungen betreffen die ganze Familie, sodass auch das Thema »Mental Load« nicht ausgespart wird. Ein wichtiger Punkt, der in der gegenwärtigen Diskussion stark weiblich besetzt ist. Hier bietet Gaca eine, wenn auch knappe, Sicht auf die mentalen Belastungen rund um Familie, Kind und Partnerschaft aus männlicher Sicht.

Fazit

Nahezu jedes Feld von Kinder kriegen bis zur Entscheidung über weitere Kinder wird in diesem Ratgeber besprochen. Gaca nimmt die Väter mit auf eine Reise und ist wie ein guter Freund, der den Überblick behält, wie der Beipackzettel mit den Sicherheitshinweisen für eine gelingende Vaterschaft. Er gibt Antworten auf Fragen, die nur wenige Väter stellen. Ist dabei weder wertend noch verurteilend, sondern Begleiter, Ideengeber und Mutmacher. Gaca bestärkt den Leser, sich selber und seinen Job nicht so wichtig zu nehmen und nimmt ihm die Ängste und Sorgen für die neue Rolle als Vater. Er macht Mut, sich aktiv für seine Familie einzusetzen, Elternzeit zu nehmen und eine gleichberechtigte Rolle in der Partnerschaft einzunehmen. Dabei macht er stets Angebote, die wie ein »du darfst das« wirken und weniger wie ein »du musst aber«.

Beim Lesen hatte ich nur einen kleinen Kritikpunkt. Der Bereich »Mental Load« kam mir persönlich zu kurz. Wenige Männer sind bereit, sich gleichberechtigt am Haushalt und bei der Erziehung zu beteiligen. Ihre Rolle ist die des Familienernährers, der nicht weiß, welche Kleidergröße seine Kinder haben oder wann die nächste Vorsorgeuntersuchung ist. Die Gründe sind so vielfältig und die Herausforderung so groß, sodass ich mir hier eine detailliertere Perspektive gewünscht hätte. Das tut dem Buch aber keinen Abbruch und ist wahrscheinlich meiner selektiven Wahrnehmung geschuldet. Gut, dass»Mental Load« angesprochen wird, damit werdenden Väter zumindest davon gelesen haben.

Das Buch hat mir außerordentlich gut gefallen, weil es eben kein Ratgeber im klassischen Sinne ist, sondern mehr ein Mutmach- und Lösungsbuch ist. Auch wenn für mich das Thema»Mental Load« ein wenig zu kurz vorkam denke ich, dass es genau richtig ist. PAPIPEDIA überfordert nicht beim Lesen sondern lädt ein, mehr zu erfahren. Es kann jederzeit zur Seite gelegt und an anderer Stelle begonnen werden. Das Buch werde ich mit absoluter Sicherheit werdenden Vätern in meinem Umfeld schenken (ja, so übergriffig bin ich!) und freue mich auf deren Reaktionen. Der erste Schritt ist getan, das Buch ist da. Jetzt muss es nur noch gelesen werden. Oder vielmehr: jetzt darf es gelesen werden.

Leseempfehlung: PAPIPEDIA

Alles, was Väter und ihre Kinder brauchen.

Humorvoll, pointiert und klar: der ultimative Vater-Ratgeber für alle alltäglichen Papa-
Probleme

Endlich ein Buch, das den Männern all die Dinge beibringt, die sie wirklich über die Vaterschaft
 wissen müssen. Vollgepackt mit hilfreichen Ratschlägen, Anekdoten, detaillierten Anleitungen
 und mit einem schrägen Sinn für Humor ist Papipedia der ultimative Leitfaden für schlaflose,
 mit Apfelmus bedeckte Väter überall auf der Welt. Echte Tipps zum Überleben!
 Mit Augenzwinkern und viel Humor schreibt Christian Gaca aus eigener Erfahrung über alle
 Fettnäpfchen und unvergesslich schönen Momente. Vom Babywickeln unter erschwerten
Bedingungen bis hin zu Überlebenstipps als übernächtigter Vater im Job. Wie geht man als
 Vater richtig mit dem Zahnwechsel um? Papipedia erzählt nur eines – die absolute Wahrheit
über das Vatersein!


Christian Gaca ist gelernter Tageszeitungsredakteur, hat einen Magisterabschluss im Fach
 Wirtschaftskommunikation und arbeitete viele Jahre als Kulturredakteur. Derzeit ist er hauptberuflich
für den Deutschen Hebammenverband im Marketing tätig. Zusammen mit seiner Frau Anja Constance
 Gaca hat er vier Kinder und betreibt seit 2013 den Blog „Von guten Eltern“. Außerdem schreibt er für
 andere Medien über Familienthemen.

Format: 13,5 x 21,0 cm, Klappenbroschur
Preis: 16,99 € (D)/ 17,50 € (A)/ 23,90 sFr
ISBN: 978-3-8338-7134-4
Erscheinungsdatum: Oktober 2019

Hinweis: Das Buch habe ich als Rezensionsexemplar vom Verlag zugeschickt bekommen. Herzlichen Dank.

3 Schritte wie die Aufteilung von Mental Load besser gelingen kann

3 Schritte wie die Aufteilung von Mental Load besser gelingen kann

Sicherlich hast du schon mitbekommen, dass wir unser Familienmodell mal wieder verändert haben. Seit Mai 2019 bin ich als Vater und Ehemann der Manager zu Hause, sprich: ich habe Elternzeit bis 09/2021. Meine Frau geht wieder für 30 Stunden pro Woche arbeiten und unsere Große in den Kindergarten. Ich bin mehr als zuvor zuständig für Essen kochen, Einkaufen, den Kleinen begleiten, den Haushalt schmeißen und allerlei Kleinkram, an den gedacht werden muss.

Vor einiger Zeit hatten meine Frau und ich aber Streit über die Aufgabenverteilung im Alltag – ja, auch im Paradies hängen mal die Bilder schief. Ich wurde sauer, weil meine Frau mich an meine Zuständigkeit erinnert hat. Das Thema Mental Load, also die Gefühls- und Sorgearbeit im Alltag, beschäftigt und triggert mich zurzeit sehr, weshalb ich schon bei bestimmten Wörtern oder Fragen genervt reagiere. Vertraut sie mir nicht? Glaubt sie, dass ich meine Aufgaben nicht erledige? Werde ich kontrolliert?

Mental Load führt zu Streit

Anfangs fiel es mir noch schwer die neue Rolle als Hausmann und Familienmanager anzunehmen und den Rollenwechsel auch zu leben. Meine Frau war schließlich die letzten anderthalb Jahre zu Hause. Überhaupt möchte ich nicht ihren Platz einnehmen, sondern vielmehr meine Anteile an der Care-Arbeit erhöhen, während sie ihre Anteile reduziert. Gleichwohl wollte ich ALLES machen und alles RICHTIG machen. Natürlich ist das ein überhöhter Anspruch an mich selbst und kein wertschätzendes Verhalten meiner Frau gegenüber. Trotzdem waren wir beide mega happy über die neue Rollenverteilung.

Wir setzen uns jeden Abend für mindestens eine halbe Stunde zusammen und besprechen den Tag, die kommende Woche und überhaupt unser Leben. Das machen wir, seitdem wir zusammenleben. Wegweisende Entscheidungen werden abends auf der Couch getroffen. An einem dieser Abende spiegelt meine Frau mir mein Verhalten und sagt, dass ich gereizt auf Fragen reagiere und keine gute Laune hätte, Dinge falsch verstehe. Im weiteren Verlauf entwickelt sich ein Streit über Zuständigkeiten und das scheinbar gleichberechtigte und faire Familienmodell. Wir fühlen uns nicht verstanden, reden aneinander vorbei und gehen uns genervt aus dem Weg.

Bisher hatten wir die gesamte Arbeit im Haushalt und mit den Kindern frei verteilt. Wir wollten keine Aufteilung und wollten den Alltag lieber „nach Gefühl“ schmeißen. Aufgaben, Erinnerungen, Termine und Ereignisse haben wir uns geteilt. Und wenn jemandem etwas aufgefallen ist, dann wurde es ohne zu hinterfragen erledigt. Krümel hier, Wäsche dort, Spielzeug da? Wegräumen und gut ist die Laube. Nach einer gewissen Zeit aber ging es meiner Frau auf die Nerven, dass die Krümel vom Frühstück immer auf dem Tisch lagen und mir gefiel es nicht, dass die Socken jedes Mal zerknüddelt in der Wäschetonne landen. Ich falte die Stoffwindeln falsch und meine Frau lässt ständig alle Türen offen stehen – im Winter!

Schritt 1 – Zwiegespräch führen und Verständnis zeigen

Da war sie also, die Situation die wir nie haben wollten. Vergleiche über den Mental Load. Wer hat mehr Anteile, wer hat weniger? Sie stillt den Kleinen nachts, dafür stehe ich um 2 Uhr auf und trage ihn eine Stunde durch die Wohnung in den Schlaf. Ich könnte ja auch schlafen, wenn der Kleine im Vormittag schläft. Sie hat gut reden, Arbeiten ist eine Auszeit vom Familienalltag und kann selbstbestimmter gestaltet werden. Puh… solche Diskussionen kosten Kraft, tuen weh und führen zu nichts, außer schlechter Laune.

Wir rieben uns an weiteren Kleinigkeiten und scheinbaren Selbstverständlichkeiten auf. Dabei hatten wir große Erwartungen an unser scheinbar gleichberechtigtes 50:50 Modell. Nur leider hatte es ein gravierendes Problem: es fehlte an klaren Zuständigkeiten. Natürlich ist es anstrengend, dass sie stillt! Aber ich kann es nicht. Dafür fühle ich mich zuständig den Kleinen nachts in den Schlaf zu tragen. Über diesen Gedanken haben wir gesprochen. Abends auf der Couch. Sind uns verständnisvoll und ehrlich begegnet und haben eine andere Perspektive eingenommen. Wir legen Zuständigkeiten fest! In einem Zwiegespräch!

Ein Zwiegespräch dauert insgesamt eine Stunde, jeder hat dreimal zehn Minuten Redezeit. Und es redet nur einer, während der andere konzentriert zuhören muss. Der 2002 verstorbene Paartherapeut Michael Lukas Moeller hat diese Methode entwickelt und sagt, dass sich Paare dafür etwa einmal die Woche Zeit nehmen sollten, damit kritische Themen zur Sprache kommen können. Sowohl sich die Zeit zu nehmen als auch 10 Minuten zuzuhören ist gar nicht so einfach und muss geübt werden. Dann aber kommen ganz neue Erkenntnisse und Verständnisse hervor. Wichtig ist, dass wirklich die 10 Minuten eingehalten werden, auch wenn nichts mehr gesagt wird. Schweigen kann neue Gedanken auslösen, die dann ausgesprochen werden wollen.

Schritt 2 – Liste machen und Zuständigkeiten klären

Auch wenn ich Management in der Sozialen Arbeit studiert habe und jeden Tag mit Listen arbeite, mag ich diese Art der Organisation nicht. Viel lieber arbeite ich nach dem Grundsatz „Spontanität muss sorgfältig geplant werden“. Trotzdem ergibt es durchaus Sinn, sich zu überlegen, welche Aufgaben im Alltag überhaupt anfallen und an welche Dinge den ganzen Tag über gedacht werden muss. Wer fühlt sich zuständig und wer erledigt die Dinge letztendlich? Eine richtig gute Anleitung findet ihr drüben auf dem Blog von Patricia Cammarata aka dasnuf.de

Ok, wir haben keine Liste geschrieben. Wir haben abends immer mal wieder kleinere und größere Aufgaben besprochen und Zuständigkeiten geklärt: Alles rund um den Kindergarten, Kleidung sichten, Absprachen treffen, Termine im Blick behalten und mit den Erzieherinnen sprechen obliegt bei mir. Meine Frau kümmert sich um die Windelwäsche und Kleidung der Kinder, also Stoffwindeln vorbereiten, aussortieren, Außenwindeln mit Einlagen befüllen, Kleidung aussortieren und neue Kleidung besorgen. Das sind nur zwei von einigen weiteren Bereichen, die wir aufgeteilt haben.

Dass diese Aufteilung der Zuständigkeiten nicht immer gelingt, zeigen die irritierten Blicke, wenn ich doch mal versuche zum Beispiel die Windelwäsche zu falten. Dann greife ich in den Zuständigkeitsbereich meiner Frau ein und halte mich nicht an die Absprache. Gut gemeint ist dann nicht immer gut gemacht. Lieber lasse ich es und kümmere mich um meine Zuständigkeiten, was mir ehrlich gesagt nicht immer leicht fällt. Aber meine Frau hat das Windel-System perfektioniert und ist darin Expertin. Gleiches gilt für meine Abläufe in der Kita, in der Küche, beim Putzen der Wohnung und begleiten der Kinder im Alltag. Alles hat seinen Platz, einen Ablauf und alles seine/meine Ordnung.

Schritt 3 – Verantwortung übernehmen

Margit Stamm stellt in ihrem Buch »Neue Väter brauchen neue Mütter« die neuen Herausforderungen von heutigen Vätern in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang und zeigt, dass neue Väter nur Verantwortung übernehmen können, wenn die Mütter loslassen. Da wo die Väter in die tradierten Rollenbilder hineindrängen, müssen Frauen also auch Anteile abgeben. Väter wollen mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen und auch mehr Mental Load, also Gefühlsarbeit und Sorgearbeit in der Familie übernehmen. Sie wollen es eigenverantwortlich machen und nicht den Auftrag der Frau erhalten. Also nicht „denkst du daran, die Windelwäsche zu machen“ oder „denkst du daran, noch einzukaufen“. Frauen müssen lernen einen Teil ihrer Verantwortung abzugeben und Männer müssen lernen, ihre Zuständigkeiten auch verantwortungsvoll und gewissenhaft ausführen. Dass Männer dabei an ihre Erfahrungsgrenzen stoßen und ihren Lernraum erweitern – keine Frage. Dass sie auf Anhieb nicht alles richtig machen – auch das leuchtet ein. Hier braucht es gegenseitiges Vertrauen und vielleicht eine Prise Leichtigkeit.

Mental Load – Die unsichtbare Arbeit im Haushalt

Mental Load – Die unsichtbare Arbeit im Haushalt

Sicherlich kennst du die Geschichte der Heinzelmännchen zu Köln. In der Grundschule mussten wir das Gedicht von August Kopisch auswendig lernen und bekamen zur Belohnung 5 DM von unserer Lehrerin. Die einzige Bedingung: wir mussten es fehlerfrei schaffen. Die Heinzelmännchen verrichteten jede Nacht, wenn alle Bürger*innen von Köln schliefen, die liegengebliebene Arbeit. Sie zimmerten Häuser, buken das Brot oder „schwefelten fein, alle Fässer ein“.  So verrichteten die Heinzelmännchen das Tagewerk unentdeckt und zur Freude der Bürger*innen. Aber was hat das jetzt mit Mental Load zu tun?

DIE UNSICHTBARE ARBEIT

Genau so unsichtbar, wie die Arbeit der Heinzelmännchen, ist Mental Load. Darunter verstehe ich in erster Linie Arbeit, die im Kopf stattfindet. Übersetzt heißt Mental Load in etwa »Denkarbeit«. Im Alltag muss an so vieles gedacht, organisiert und geplant werden. Die Wäsche wandert nicht von alleine in die Maschine und muss regelmäßig aussortiert werden, Arzttermine müssen gemacht werden und es muss jemand hingehen, der Kühlschrank füllt sich auch nicht von alleine und die Wechselsachen in der Kita muss auch jemand kontrollieren. Leider gibt es bei uns keine Heinzelmännchen, die diese Arbeit verrichten. Das bleibt an uns Eltern hängen.

Leider trägt in unserer Gesellschaft nach wie vor die Frau diese mentale Last und ist verantwortlich, dass alles läuft – trotz politischem und gesellschaftlichem Bestreben nach Gleichberechtigung! Denn während der Mann beruflich fest im Sattel sitzt und jeden Tag auf’s Neue die Welt rettet, wuppt die Frau derweil den Familienalltag – neben ihrer Teilzeittätigkeit wohlgemerkt. Sie ist verantwortlich für das Gelingen sämtlicher sichtbarer und unsichtbarer Arbeiten. Darüber hinaus übernimmt sie sogar die Verantwortung für den männlichen Anteil am Gelingen der Arbeiten. Sie denkt an seine Termine und erinnern ihn beispielsweise an den Geburtstag seiner eigenen Mutter. Er ruft von der Arbeit an und fragt zum Beispiel: „Schatz, was haben wir nächste Woche vor? ich muss auf Dienstreise.“

Natürlich kann man sagen: „Hej, wenn alle damit einverstanden sind, ist doch super!“ Ja, kann man(n) sagen und höre ich sehr häufig. Leider kenne ich mehr Frauen, die unglücklich in dieser Rolle sind und Familien, die dieses Modell trotz aller Belastungen beibehalten. Sie wünschen sich ein anderes Familienleben und können oder wollen am Status aber nichts verändern. Lieber gehen die Frauen aus dem Job raus (oder werden nach der Elternzeit gekündigt), als dass die Männer ihre Arbeitszeit reduzieren. Aus meiner Sicht muss die mentale Belastung aber gleichberechtigt verteilt sein!

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»Neue Väter« statt tradierte Rollenbilder

Der Vaterreport 2018 sagt, dass in über 75% der Familien der Mann in Vollzeit arbeitet und die Frau in Teilzeit. Nur 5% arbeiten beide maximal in Teilzeit oder die Frau ist Hauptverdienerin. Die Belastung im Familienalltag liegt also bei der Frau. Studien zeigen außerdem, dass Männer eine Stunde pro Tag mehr arbeiten, wenn sie Kinder haben. Skurril, denn 80% der Männer geben an, ihre Arbeitszeit reduzieren zu wollen und mehr Zeit mit den Kindern verbringen zu wollen, aber weniger als 25% macht es auch. Männern fällt es also schwer, etwas zu verändern. Warum ist das so?

Wenn ich mit unseren Kindern zum Arzt gehe, werde ich gefragt, ob die Mama noch kommt. Mir wird unterstellt, ich kenne das Gewicht meiner Kinder nicht, sodass lieber noch mal gewogen wird. Bei meinem ersten Kind wurde mir die Rückkehr in Teilzeit von meinem Arbeitgeber verwehrt, sodass ich gekündigt habe. Gleichzeitig werde ich von fremden Menschen gefeiert, dass ich Zeit mit meinem Kind verbringe. Vormittags auf dem Spielplatz. Bisher hat niemand meine Frau dafür gefeiert!

Auch ich wuchs auf mit dem Anspruch auf, Karriere machen zu können und zu müssen. Bin ja schließlich ein Mann. Dass ich mit Ende 20 noch einmal komplett von vorne anfing, gehörte nicht ins Drehbuch und passte nicht zur Vorstellung meiner Sozialisation. Ich stand mir selber im Weg und war Teil des Mental Load-Problems in meinen Beziehungen. Groß geworden im Patriarchat habe ich erst spät verstanden, worauf es in der Partnerschaft und in der Familie ankommt. Es braucht »Neue Väter«! Aus meiner Sicht muss sich auf zwei Ebenen etwas ändern.

Verhalten und Verhältnisse

Zum einen dürfen Männer sich die Erlaubnis geben, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Dafür müssen sie ihre Einstellung, ihre Glaubenssätze und ihr Verhalten überprüfen und verändern. Sie dürfen das, weil es um ihre Kinder, ihre Partnerin und ihre Familie geht. Was sind schon 3, 4 oder 5 Jahre in Teilzeit gesehen auf’s ganze Leben? Es gibt übrigens bisher keine Studie die belegen kann, dass es zu einem Karriere-Knick kommt, wenn der Papa lange Elternzeit nimmt! Wenn ich schreibe, dass es »Neue Väter« braucht, dann bracht es auch »Neue Mütter«. Frauen müssen ebenfalls lernen, Verantwortung abzugeben und akzeptieren, dass Männer Gefühlsarbeit, Sorgearbeit und Denkarbeit anders machen.

Der Gesetzgeber hat vor über 10 Jahren die Verhältnisse verändert, indem er die Elternzeit reformiert und das Elterngeld eingeführt hat. Seitdem bekommen auch Väter Geld, wenn sie eine Zeit lang zu Hause bleiben. Leider ist der Lenkungseffekt nicht ganz aufgegangen, denn Väter nehmen meistens nur die 2 Monate Bonus. Das Elterngeld wird zudem voll auf andere Sozialleistungen angerechnet, sodass bestimmte Gruppen diskriminiert werden. Zwar haben Frauen bessere Karrierechancen und steigen schneller wieder in den Job zurück. Doch fehlt es an Männern, die nach der Elternzeit ihre Arbeitszeit in Teilzeit reduzieren. Das führt zwangsläufig zu einem Betreuungsproblem, das der Gesetzgeber mit dem Gute-Kita-Gesetz löst: Den Ausbau von U3-Kindertagespflege-Plätzen.

Ein Ausblick

Liebe Papas, nehmt Elternzeit und reduziert eure Arbeitszeit. Es lohnt sich, denn die Zeit mit euren Kindern gibt euch niemand zurück. Gleichzeitig stärkst du die Paarbeziehung zu deiner Frau und wirst merken, dass du viel entspannter aber auch selbstsicherer wirst. Auch wenn du nun den Anteil am Mental Load deutlich erhöhst, entlastest du deine Frau und verbringst gleichzeitig mehr Zeit mit der Familie. Ja, Kinder fordern und fördern dich! Väter dürfen auch über die 2 Monate Elternzeit hinaus zu Hause bleiben. Sie müssen es nur wollen! In Familien, die es (finanziell) können, sollte es Väter geben, die es wollen. Während die Mutter also wieder in Teilzeit in den Job zurückkehrt, bleibt der Vater zu Hause und schmeißt den Laden. Das ist für mich gelebte Gleichberechtigung! Dann klappt es auch mit Mental Load.

Übrigens war ich damals in der Grundschule sehr enttäuscht und frustriert. Ich habe es nicht geschafft, das Gedicht auswendig und fehlerfrei vorzutragen. 25 Jahre später haben wir die Geschichte in einer wunderschönen Illustration von Eve Tharlet geschenkt bekommen. Seitdem lese ich meinen Kindern sehr gerne die Geschichte der kleinen Hauselfen vor. Mittlerweile kann ich die Geschichte sogar auswendig vortragen. Die 5 EUR kommen dann ins Sparschein der Kinder!

Leseempfehlung: Die Heinzelmännchen von Köln Mini-Bilderbuch

»…und eh’ ein Faulpelz noch erwacht’, war all sein Tagwerk bereits gemacht!« So bequem war es in Köln vordem. Bis des Schneiders neugieriges Weib Erbsen ausstreut eines Nachts. Fort war der märchenhafte Zauber. Jeder musste wieder fleißig sein.

Das bekannte Gedicht von August Kopisch, liebevoll illustriert von Eve Tharlet.

Durchgehend farbig illustriert.
€ D 7,00 / € A 7,20 / CHF 9.90
Mini-Bilderbuch / 14,8 x 14.1,cm
32 Seiten / ab 4 Jahren
ISBN: 978-3-314-10081-9

Hinweis: Das Buch haben wir geschenkt bekommen. Alle Bildrechte liegen beim Nord-Süd Verlag. Keine beauftragte Werbung. Die Leseempfehlung steht in keinem Zusammenhang zum Verlag.

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