Aktive Vaterschaft im Spannungsfeld zwischen Paternalismus und Feminismus

Um es gleich vorweg zu nehmen: Das Konzept von aktiver Vaterschaft besagt nicht, dass du lange Elternzeit nehmen musst oder Hausmann werden sollst. Vielmehr handelt es sich um eine innere und äußere Haltung für gleichberechtigte und verantwortungsvolle Elternschaft. Als Vater bist du ein wichtiger Teil des Eltern-Teams. Einen Beitrag zum Konzept »Aktive Vaterschaft«, auf das ich mich im Folgenden beziehe, kannst du hier nachlesen. Vier Faktoren beeinflussen demnach das Gelingen von aktiver Vaterschaft; Motivation ist die wichtigste. Damit Aktive Vaterschaft bei Männern überhaupt erst Akzeptanz und Anerkennung findet, muss zuvor jedoch eine besondere Voraussetzung erfüllt sein.

Immer wieder schreiben mir Männer und kritisieren meine Sichtweise auf aktive Vaterschaft. Sie fühlen sich von mir in der Ausgestaltung ihres Lebensentwurfes persönlich angegriffen, bevormundet und verbitten sich vorgeschrieben zu bekommen, wie sie ihre Vaterrolle auszuleben haben. Sie werfen mir vor, ich unterstelle ihnen mangelndes Interesse und fehlende Beteiligung an der Familienarbeit. Dabei übernehmen sie bereits Care-Arbeit, kümmern sich um die Kinder und sorgen für das Familieneinkommen. Gleichzeitig fühlen sie sich in ihrer Männlichkeit von mir abgewertet. 

Sie positionieren sich selber zwischen zwei Extreme. Traditionelle weiße cis Männer auf der einen und radikale Feminist*innen auf der anderen Seite. Gleichberechtigung muss ihrer Meinung nach nicht verhandelt werden, sondern wird einfach gemacht. Es ist eine freie Entscheidung, dass die Mutter zu Hause bleibt und der Vater nur zwei Monate Elternzeit nimmt. Diese Männer fühlen sich von meinen Aussagen provoziert und schreiben mir, ich solle dem Feminismus nicht auf den Leim gehen.

Sie verallgemeinern ihre persönlichen Erfahrungen und nehmen an, dass sie allgemein gültig anwendbar sind. Außerdem werden (männliche) Vorbilder aus der eigenen Kindheit ihrer Meinung nach überbewertet. Frauen „machen einfach“ nur, sie wissen schließlich wie das mit den Kindern geht. Männern wissen das nicht und sollen „sich einfach mal zusammen reißen“. Kann doch nicht so schwer sein, hat bei ihnen schließlich auch geklappt. Ganz ohne Feminismus oder Gendersternchen.

Sind wir wirklich so frei in der Entscheidung?

Natürlich gibt es Männer, die eine glückliche Kindheit, einen involvierten und engagierten Vater hatten, der auch viel gearbeitet hat, aber immer für die Kinder da war. Abends hat er ihnen Geschichten vorgelesen, war einfühlsam und ja, er hat auch die Windeln gewechselt. Bestimmt ist er nun ein liebevoller Opa und immer noch mit seiner Frau glücklich verheiratet. Nur leider hatte nicht jeder Mann diese Kindheit. Ich behaupte sogar, dass der Großteil der Männer einen abwesenden Vater hatte, der oft nur am Wochenende für die Familie da war. Gleichzeitig war die Erwartungshaltung an die Kinder enorm hoch. Keine schlechten Noten, nicht negativ auffallen und funktionieren.

Im Haushalt waren die Rollen klar verteilt. Die Frau war Hausfrau und Mutter. Der Mann hat das Geld als Alleinverdiener erwirtschaftet. Vielleicht ging die Frau einer Teilzeittätigkeit nach. Der Mann war im Haushalt nicht zu gebrauchen und funktionierte nur auf Anweisungen der Frau: „Kauf dies, reparier das, bring den Müll raus und wenn du schon mal zum Bier holen im Keller bist, stell die Waschmaschine an. 60 Grad. Nein, T-Shirts nur bei 40 Grad. Und denk an den Entkalker. Ach weißte was, ich mach das nachher selber.“ Und seien wir ehrlich. So richtig viel hat sich nicht verändert.

Wir sind nach traditionellen Rollenbildern und Klischees sozialisiert geworden. Die Erfahrungen aus der Kindheit prägen unser heutiges Verständnis der Welt. Frauen sind das schwache Geschlecht, die Hilfe brauchen und sich am besten um Haushalt und Kinder kümmern können. Sie sind schließlich Multitasking fähig und viel emphatischer, als Männer. Männer sind hingegen das starke Geschlecht, Karrieretypen, Verführer und Beschützer. Dieses Bild lernen Kinder von Geburt an und hinterfragen es nicht, weil es jeden Tag von ihrer Umgebung aufrecht erhalten wird. Der Mann geht arbeiten und die Frau schmeißt den Haushalt.

Check Your Privileges

Dieses ungleiche Machtverhältnis wird auch als das Patriarchat bezeichnet. Dabei handelt es sich um ein hierarchisches Ordnungssystem, bei dem alle Macht vom Mann ausgeht. Doch nicht nur im männlichen Denken und Handeln zeigen sich diese paternalistischen Verhaltensweisen. Auch in gesellschaftlichen und sozialen Systemen finden sich paternalistische Machtverhältnisse, die Mann und Frau in ihren Rollen beschreiben und voneinander abgrenzen. Weil wir nie gelernt haben unsere Privilegien zu hinterfragen oder sie bewusst ignorieren, unterstützen wir mit unserem Verhalten diese Verhältnisse.

Nahezu in allen beruflichen Feldern begegnen uns unsichtbare gläserne Decken, die unüberwindbar zu sein scheinen. Für Frauen versteht sich, nicht für Männer! Die Geschlechterverhältnisse sind immer noch unausgeglichen und scheinen sich ohne Eingreifen der Politik nicht zu verändern. Der Markt regelt eben doch nicht alles. Während also in den SAGE-Berufe (Soziale Arbeit, Gesundheit und Erziehung & Bildung) mehr Frauen als Männer beschäftigt sind, sind die Geschlechterverhältnisse in den MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Natur- und Ingenieurwissenschaft und Technik) genau anders herum. Was beide Bereiche gemeinsam haben ist das Geschlecht der Führungskräfte und die ungleiche Bezahlung.

Behalten wir also diesen kurzen Abriss im Hintergrund und schauen auf Aktive Vaterschaft.

„Die Realisierung eines neuen, auf eine stärkere Involvierung des Vaters in die Familie gerichteten Konzeptes von Vaterschaft ist nur dann möglich, wenn tradierte Geschlechtsnormen in Frage gestellt werden.“

– Michael Meuser, Die Entdeckung der neuen Väter

Vaterschaft ist mehr als Alleinverdiener zu sein

Das Konzept von aktiver Vaterschaft befasst sich sowohl mit dem individuellen Verhalten als auch mit den strukturellen Verhältnissen, die begünstigend auf das eigene Rollenverständnis wirken. Die vier Bereiche sind Motivation, Selbstkompetenz, Soziales Umfeld sowie Kontextfaktoren. Wenn du mehr darüber wissen möchtest, klick dich zu diesem Beitrag. Die Erfahrung mit den primären Bezugspersonen der eigenen Kindheit begünstigen oder hemmen die Umsetzbarkeit von aktiver Vaterschaft. Wer also einen involvierten, liebevollen und anwesenden Vater in seiner Kindheit hatte, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit diese Haltung als Vater übernehmen. Männer mit abwesenden Väter müssen mehr Selbstkompetenzen erlernen, um aktive Väter zu werden. Und über alle dem schwebt das Patriarchat, das uns in gesellschaftliche Rollen drückt.

Für das Gelingen von aktiver Vaterschaft braucht es neben den vier Punkten daher noch eine besondere Voraussetzung, die dem vorangestellt werden muss. Nämlich das Erkennen, Verstehen und die Anerkennung der eigenen Privilegien in den vorherrschenden gesellschaftlichen Strukturen. Statt permanent Antworten zu liefern müssen Männer anfangen Fragen zu stellen. Über die eigene Position in der Gesellschaft, über Vorteile, die sie genießen und welche Attribute ihnen anheften. Stichwort: Macht.

Indem Männer mir empört schreiben, ich würde sie bevormunden und ihnen vorschreiben, wie sie Aktive Vaterschaft zu gestalten haben, ziehen sie sich in die Opferrolle zurück und erkennen ihre Privilegien und ihre Macht nicht an. Indem sie die individuellen und strukturellen patriarchalen Herrschaftsverhältnisse leugnen, machen sie die eigentlichen Probleme unsichtbar. Anstatt sich mit den eigenen Privilegien auseinander zu setzen, festigen sie dadurch den männlichen Machtanspruch: Sie nehmen die zwei „Vatermonate“ Elternzeit, ihre Frau bleibt zu Hause bei dem Kind, der Mann geht in Vollzeit arbeiten und versteckt sich hinter der Behauptung, dass „muss man sich ja auch leisten können.“

Das Private wird politisch

Dass es auch anders gehen kann zeigen Studien über Elternzeit. Väter, die mehr als zwei Monate Elternzeit genommen haben, sind eher bereit mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen und sich mehr an der Familienarbeit zu beteiligen. Noch wahrscheinlicher wird es, wenn die Partnerin in dieser Zeit wieder arbeiten geht und nicht zu Hause ist. Dafür muss allerdings die Bereitschaft vorhanden sein. Der Erfolg deiner Vaterschaft hängt natürlich nicht ausschließlich an deiner Elternzeit. Sie hat jedoch einen großen Einfluss auf die Ausgestaltung deiner Vaterschaft. Und nicht jeder Vater in Elternzeit ist ein aktiver Vater.

Das Konzept von aktiver Vaterschaft soll zum kritischen Nachdenken anregen und Möglichkeiten aufzeigen, in die es sich zu investieren lohnt. Dafür braucht es ein Verständnis der eigenen Privilegien, damit die Motivation nicht in Resignation umschlägt, eigene Fehler die Selbstkompetenz erhöhen, ein soziales Umfeld Sicherheit vermittelt und der Arbeitgeber Vereinbarkeit möglich macht. Denn erst wer den Paternalismus überwindet, kann selbstbestimmt und verantwortungsvoll seine Aktive Vaterschaft gestalten.

Familie geht nur gemeinsam und wer neue Väter fordert muss auch neue Mütter fordern. Du hast eine Wahl und musst nicht das patriarchale Spiel mitspielen. Du kannst dir selber erlauben, es anders zu machen. Du verzichtest bewusst auf Privilegien ohne sie zu verlieren.

Vielleicht polarisiere ich tatsächlich, weil für mich das Private politisch geworden ist. Für mich ist Vaterschaft ein Recht und kein Privileg, das verhandelbar ist. Entsprechend der HeForShe Kampagne der UN Women setze ich mich für eine Welt ohne Stereotype und Rollenzwänge ein. Ich trete zurück, bin Hausmann, pausiere meine berufliche Karriere und gebe meiner Frau den Vortritt. Dass wir es so machen heißt nicht, dass es nur so geht.

#VaterschaftIstMehr // Foto: Dominik Asbach -> asbach-foto.de

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Individuelle Beratung

Damit Väter auf dem Weg zu ihrer aktiven Vaterschaft nicht allein sind, brauchen sie hin und wieder Unterstützung und Begleitung. Für individuelle Fragen und persönliche Beratung stehe ich gerne zur Verfügung.

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Online Väter Kreis

Dienstag Abend, alle 14 Tage

2 Stunden | 14-tägig Dienstagabend
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Gastbeitrag von Kai Lüftner: Väterrollen.

Meute.

Wir müssen reden.
Dringend.
Von Elternteil zu Elternteil.
Ich, als Mann und Vater – zu euch. Im besten Falle ebenfalls Mütter oder Väter.

Ich beginne den Text mit einer Frage:
Was haben Serien oder Filme wie Die Simpsons, Family Guy, Malcolm mittendrin, Pippi Langstrumpf, Wicki und die starken Männer, Grisu der kleine Drache, Michel aus Lönneberga aber auch Peppa Pig, Donald Duck, und die Feuersteins gemeinsam?

Auf den ersten Blick nichts – oder alles. Serien halt. Filme.
Zielgruppe Kind oder Jugendliche.
Manche animiert, andere mit echten Schauspielern, alte Produktionen, neuere Formate mit komplett unterschiedlichen und doch immer auch wiederkehrenden Themen, Charakteren und Settings.
Und im Detail dann doch so unterschiedlich wie nur denkbar.

Aber eines haben all diese genannten Formate gemeinsam:
Und zwar den absoluten Alptraum eines Vaters, bzw. der männlichen Hauptfigur.
Sämtliche dieser Serien haben erwachsen-männliche Protagonisten, die den Straftatbestand der Gefährdung des Kindeswohls auf unterschiedliche Arten und Weisen erfüllen.
Männerbilder aus der Hölle. Vaterfiguren, ins groteske verzerrt und selbst auf dem interpretierbaren Parkett des Humors als Normalität dargereicht. Als gegeben. Als kontinuierliche Beigabe in Kinder- oder Jugendlichen-Unterhaltung.

Aber von vorn.

Während der Vater bei Peppa Pig ein schwerst adipöses Vollhonk-Hausschwein an der Schwelle zur Unzurechnungsfähigkeit ist, müssen wir über Holmer Simpson oder Peter Griffin von Family Guy als männliche Bezugsperson und in ihrer Rolle als Serien-Väter gar nicht erst reden. Nicht nur das beide ebenfalls in empörend übertriebenem Maße fettleibig sind, ihr unterirdischer, grenzdebiler Intellekt wird nur noch von ihrer alle Dimensionen von Verantwortungslosigkeit sprengenden Dummheit übertroffen.
Diese Männer sind vielleicht beim zuschauen witzig, aber sie sind eine absolute Zumutung als Väter. – Selbst abzüglich der Tatsache, dass sie in ihren Rollen komisch und ihr humoresk zugespitztes Verhalten natürlich eine Überzeichnung ist und der Unterhaltung dient.

Hal, der Vater in der Erfolgsserie Malcolm mittendrin, ist vielleicht nicht der totale Vollidiot, aber an der Seite seiner hysterischen Frau Lois der absolute Inbegriff des Erziehungs-Verweigerers, eines pädagogischen und menschlichen Losers, der maximal durch seine tollpatschige Unbedarftheit einige Sympathiepunkte sammelt. Ansonsten ist er ein männlicher Totalversager, der seinen vier Serien-Jungs weder Halt geben, noch Regeln vermitteln kann – im Gegenteil ihnen vorlebt, wie man sich vor allen und jedem zum Affen macht – und dabei von seiner Frau durch sexuelle Abhängigkeit zu einem hörigen Jammerlappen degradiert wird.

Fumé, der Vater von Grisu dem kleinen Drachen – ein tyrannischer, die Wünsche und Lebensentwürfe seines Sohnes torpedierender Traditionalist, dessen pädagogische Leitfäden Erniedrigung, Diffamierung und Demütigung sind. Er boykottiert die Pläne seines Sohnes nicht nur durchweg, er erfreut sich auch noch ernsthaft an dem immer wieder-kehrenden Stilmittel von Grisus Scheitern.

Kapitän Efraim Langstrumpf, Schrecken der Meere, König der Südsee, mag ein netter Kerl sein und das Herz auf dem richtigen Fleck haben, aber statt sich um seine teilverweiste ADHS-Tochter zu kümmern, die allein in einer baufälligen Bruchbude wohnt und sich von Schokolade und überbordender Phantasie ernährt, schippert der feine Herr Lamgstrumpf auf der Hoppetosse um die Welt und muss am Ende sogar noch von Pippi aus dem Knast befreit werden. Ebenfalls alles andere als ein Kandidat für den Vater des Jahres.

Anton Svensson, Michels Vater – der Inbegriff eines Dorftrottels, der – mit seinem zugegebenermaßen sehr herausfordernden Jungen – nicht nur nichts anzufangen weiß, sondern Schläge, Hausarrest und Beschimpfungen übelster Couleur als probate erzieherische Mittel etabliert.

Halvar von Flake mit dem IQ eines halben Findlings und dem Aggressionspotential eines angeblichen echten Wikingers, torpediert in jeder der gefühlt 500 Wicki-Folgen nicht nur die weiche Seite seines Sohnes, sondern er misst sich in Wettkämpfen mit ihm und ist sich anschließend nicht zu fein sich schamlos mit dessen grandiosen Ideen zu schmücken. Ein absolutes Voll-Arschloch – und dann noch mit Hörner-Helm!

Während Donald Duck wenigstens nur in der Rolle als Onkel vollständig versagt und seine Neffen Tick, Trick und Track – trotz Waisenstatus und eines weiteren geizigen Scheiß-Onkels – ihrer schlechten Sozialprognose trotzen und sich die männlichen Bezugspersonen bei den Fähnlein Fieselschweif suchen.
Oder Fred Feuerstein, obwohl Oberhaupt einer Familie hat man den mal eben so gar nicht als Vater auf der Uhr – sondern nur als dümmlichen Konterpart seines noch dümmlicheren Sidekicks Barney Geröllheimer.

Immer und immer wieder sind es die Mütter, sofern vorhanden, die diese tyrannischen, unfähigen und teilweise gefährlich dämlichen Väter negieren und den Kindern wenigstens von weiblicher Seite vorleben, was ein verantwortungsvoller Erwachsener so tut – oder eben nicht!
Humor hin oder her übrigens.
Die Loser, die ganz offensichtlichen Anti-Helden, sind nicht etwa potentielle Antagonisten, sondern die Männer, genauer die Väter der Serie oder des Films.

Es ist so erbärmlich wie traurig. Es ist ein Armutszeugnis und ich fühle mich als Mann und Vater – seit ich diese Tatsache entdeckt habe – regelrecht gedemütigt!
Ich frage mich, wie es dazu kommen konnte, dass offenbar Generationen von unterschiedlichsten Filmschaffenden – über die Gewerke und Jahrzehnte hinaus – immer den Vater als Deppen darstellen. Warum?
Ist es naheliegend? Ein Comedy-Mechanismus, den ich einfach nicht verstehe? – Einfach nur logisch, weil an die Erlebniswelt der Kreativen angelehnt?
Keine Ahnung, ehrlich nicht.

Ich kann mir eine gewisse Spitzzüngigkeit beim Schreiben einfach nicht klemmen, das liegt mir im Blut, obwohl mir das Thema doch eigentlich wirklich ziemlich ernst erscheint und in seiner Tragweite noch viel bitterer ist, als die humoresk zugespitzte Aufzählung all dieser vielleicht etwas überzeichneten Film-Väter.
Vielleicht steckt auch gar nicht so viel dahinter, wie ich hier ansatzweise behaupte – und ich habe mit Sicherheit auch positive Vertreter aus der aktuelleren Pop-Kultur übersehen!

Beispielsweise ist Mattis, der Vater von Ronja Räubertochter zwar auch nicht gerade der Hellste und in seinem Verhalten beinahe kindisch-dumm (abgesehen davon, dass er den Familienunterhalt als Räuber verdient) – aber er ist immerhin ein wenigstens liebender und liebevoller Vater und würde niemals zulassen, dass seiner Tochter etwas geschieht. – Aber selbst in diesem positiven Beispiel ist Lovis, Ronjas Mutter, der Inbegriff der fürsorglichen und verantwortungsvollen Erwachsenen – die nebenbei auch noch die Unzulänglichkeiten des Vaters ausgleicht.
Wiedermal.

Können Väter nur blöde und witzig gleichzeitig sein? Ist nur der unfähige Volltrottel in der Lage zu unterhalten? Ist das witzig um seiner Selbst willen? Oder ein Zufall?
Sind das die kolportierten Männerbilder, mit denen unsere Kinder aufwachsen?

Verdammt, das würde vielleicht erklären, warum ich in meiner Zeit als Pädagoge in der Jungen-Arbeit mit 12 – 16-jährigen Teenagern zu tun hatte, die sich als männliche Bezugspersonen solche Hirntoten wie Bushido, Kollegah oder Farid Bang ausgesucht haben. – Wenn die Helden der Kindheit allesamt auf Kartoffelbrei-Niveau durchs Leben mäandern, ist Bushido intellektuell eine wahre Lichtgestalt.
Und sind wir Väter vielleicht auch im echten Leben nicht mehr in der Lage ein Männerbild zu vermitteln, dass den präpubertären Teenager irgendwo zwischen Insta-Selfie und Pflegeprodukten für den fachmännisch getrimmten Hippsterbart abholt?
Wieder keine Ahnung, was braucht es, um Peppa Pig genormte Jungs auf dem Weg zum Erwachsenen zu begleiten?

Aber nicht nur Jungen, auch die Mädchen haben ein Problem. Die halten – sozialisiert mit dieser Art von entnussten Vaterfiguren – einen Kerl, der beim buchstabieren seines Vornamens nicht einkotet bereits für einen Sechser im Lotto. Das der Rest nur Hirnmus, eine Gucci-Bauchtasche und der Refrain eines Capital-Bra-Songs ist, kann man da getrost wegkoksen.

Leute, Männer, Väter – was ist da los? Übertreib ich?
Schreibt es mal in die Kommentare!

Kai Lüftner – DIE WELT IST EINE SCHREIBE

Kai Lüftner ist Autor, Texter, Kreativitäter, Tastaturverschleißer, studierte Sozialpädagogik, arbeitete als Streetworker, Kabarettist und Alleinunterhalter, Sozialarbeiter, Bauhelfer, Pizza-Fahrer, Türsteher, Werbe-, Auftrags- und Liedtexter, Comedy-Autor, Konzert-Veranstalter, Komponist und Musiker, Radioredakteur, sowie in Alten- und Kinderheimen.

Heute verdient er sein Geld als Hörbuchbearbeiter und Regisseur, als Musiker, Kinder- und Jugendbuchbuchautor und betreibt mit seiner Frau ein Café.

Er lebt seit mittlerweile 1,5 Jahren mit seinen zwei tollsten Söhnen der Welt auf der schönsten Insel der Welt. Bornholm.

In seiner Freizeit macht er Kampfsport, lässt sich tätowieren, engagiert sich im Tierschutz, liest so viel wie möglich, hört unterschiedlichste Musik, sammelt Münzen und geht auf Schatzsuche.

Der Text von Kai erschien am 20. Oktober 2020 zuerst auf kailueftner.de sowie auf seinem YouTube Kanal. Vielen Dank für die Veröffentlichung hier auf vaterwelten.de!

Blogparade Teilzeit: Lasst uns Teilzeit Geschichten schreiben!

Drüben auf ihrem Blog und auf Twitter hat Melanie zu einer Blogparade aufgerufen. Und weil die letzte Blogparade schon einige Zeit her ist und mich das Thema „Teilzeit“ betrifft, bekommt ihr jetzt meine Gedanken dazu.

Als ich 2016 Vater wurde hatte ich bereits 13 Arbeits- und Studienjahre hinter mir. Seit zwei Jahren war ich als Bildungsreferent in einem Sportverband tätig. In Vollzeit. Dass ich einmal meine Arbeitszeit reduzieren werde, kam mir bis dahin gar nicht in den Sinn. Trotzdem wusste ich schon als Jugendlicher, dass ich ein aktiver und präsenter Vater sein wollte. Meine Frau und ich planten die Elternzeit gerecht auf, sieben Monate sie, sieben Monate ich. Zunächst hatte ich einen Monat Elternzeit, die ich zum Kennenlernen nutzte. Und natürlich um meine Frau im Wochenbett zu unterstützen. Nach ihren sieben Monaten sollte ich dann die restlichen sechs Monate zu Hause bleiben.

Übrigens arbeite ich gerne und viel. Wenn ich im Flow bin, finde ich kein Halt. Ich kann mich schwer von der Arbeit losreißen und mache lieber mehr als weniger. Mir ist wichtig, dass ich selbstbestimmt arbeiten kann und das Vertrauen dafür bekomme. Gleichzeitig soll das, was ich da mache, einen gesellschaftlichen Mehrwert haben und sinnvoll sein. Langweilige Bullshit Jobs (vgl. Emma Clit, Link führt zu amazon.de) machen mich unzufrieden und lösen in mir einen Veränderungswillen aus.

Klar kannst du Vätermonate nehmen

Meinem Chef hatte ich einige Monate vor Geburt unsere Pläne offenbart und die Elternzeit angemeldet. Seitdem stand ich nicht mehr in seiner Gunst. Mir wurde klar gemacht, dass ich dem Team damit keinen Gefallen tun würde und dass er mein „Verhalten“ nicht gut heißen könne. Er lehnte den Antrag ab. Er und meine Kolleg*innen gaben mir das Gefühl, alle hintergangen zu haben, ein Netbeschmutzer zu sein. Von da an fühlte ich mich nicht mehr wohl und bekam ordentlich Gegenwind. Zum Glück war ich vorbereitet, denn der Antrag ist eine Anmeldung und kann nicht abgelehnt werden. Das verärgerte ihn sehr. Meine Vorfreude auf die Vaterschaft wurde durch dieses Erlebnis arg getrübt. Hatte ich jetzt schon versagt? Ist das eigentlich bei jedem Vater so? Gehört das zum Ritual dazu? Eine Tradition, die ich nicht kannte?

Nach dem ersten Monat Elternzeit sollte es mit diesem schlechten Gefühl im Bauch so weitergehen, wie es aufgehört hatte. In Vollzeit, bei sehr gutem Gehalt aber blöden Arbeitszeiten. In meinem Job als Bildungsreferent arbeitete ich oft am Wochenende und abends, wenn die Ehrenamtlichen unseres Sportverbandes ihrem Hobby nachgingen. Zwar habe ich versucht, mich mit der Familie zu entschuldigen, aber viele Termine musste ich wahrnehmen. Mich frustrierte all das, denn andere Papas bringen um diese Uhrzeit ihre Kinder ins Bett und ich saß bis spät abends in langweiligen Konferenzen. Warum ist es gesellschaftlich normal, wenn Mütter lange in Elternzeit gehen und Väter nur zwei Monate nehmen? Warum ist es legitim, wenn Mütter in Teilzeit zurückkehren, für Väter aber nicht?

Als die sechs Monate endlich rum waren, fuhren wir in unserem VW Bus nach Spanien. Dort entstand auch die Idee für diesen Blog, für diese Seite und überhaupt für mein mittlerweile politisches Engagement im Bereich aktive Vaterschaft. Es kann doch nicht so weitergehen auf der Arbeit, dachte ich mir. Warum freute sich niemand, dass ein Vater Elternzeit nimmt? Alles war doch organisiert. Meine Kollegin in Teilzeit hatte auf eine volle Stelle aufgestockt und im Winter passierte eh nicht so viel, weshalb mein ehrenamtliches Team einiges auffangen konnte. Trotzdem machte ich mir Vorwürfe und gab mir selbst die Schuld für all das. Bis ich mir Anfang Dezember Gedanken für die Zeit nach meiner Elternzeit machte. Wollte ich wirklich zurück? Und wenn ja, zu welchen Bedingungen?

Mich musst du nicht um Erlaubnis fragen

Meine Frau arbeitet seit dem Beginn ihrer Karriere in Teilzeit, 30 Stunden. Sie schwärmte mir immer vor, wie praktisch dieses Modell sei. Von morgens um acht Uhr bis mittags um 14 Uhr zu arbeiten, und dann hast du gefühlt noch den ganzen Tag für dich. Und so groß ist der Lohnverzicht auch nicht. Stimmt eigentlich. Trotzdem kam es mir nie in den Sinn, meine Arbeitszeit zu reduzieren. Bis jetzt. Ich vereinbarte einen Termin mit meinem Chef und fragte ihn, ob ich in Teilzeit zurückkehren könne. Leider lässt das meine Stelle nicht zu und überhaupt sei das so nicht möglich, entgegnete er mir. Wow, damit hatte ich zwar gerechnet, aber die Argumentation war echt fadenscheinig. Das Thema Home-Office sprach ich erst gar nicht an.

Mir fiel es schwer, meine Enttäuschung zu verbergen. Was wäre, wenn ich gar nicht zurückkehre und in Elternzeit bleibe? Was wäre, wenn ich kündige. Ob wir es finanziell schaffen? Meine Frau verdient auf eine Vollzeitstelle gerechnet genau so viel wie ich. Du musst dir selber die Erlaubnis geben, sagte sie mir, während ich in einer Excel-Liste über Einnahmen und Ausgaben versunken war. Aber der Satz saß. Er brachte mir die Erkenntnis, dass ich meinen Teil der Verantwortung für die Familie wahrnehmen muss und eine Entscheidung treffen muss. Denn einen Vater und Partner, der mit den Gedanken ganz woanders ist, kann niemand gebrauchen. Zumal ich gerade in Elternzeit mit dem kleinen Baby war. Also kündigte ich meinen sicheren, unbefristeten, gut bezahlten und interessanten, der mir ein paar Jahre viel Spaß gemacht hat.

Ein paar Tage später fuhr ich also zu einem Termin mit meinem Chef und überreichte ihm meine Kündigung. Mir flatterten die Knie, denn ich wurde natürlich über die Gründe gefragt und ob ich schon etwas Neues hätte. „Also ich bin erst Mal Hausmann“, sagte ich. Außerdem werde ich schon irgendwann etwas passendes finden. Jetzt steht die Familie an erster Stelle. Auf dem Weg nach Hause habe ich geweint. Nein, geheult. Vor Erleichterung, weil so viel Druck von mir abfiel. Endlich war der Knoten in meinem Kopf geplatzt und ich konnte loslassen. Ich glaube das war die mutigste Entscheidung, die ich jemals in meinem beruflichen Leben getroffen habe.

Teilzeit macht zufriedener

Seit April 2017 arbeite ich also schon in Teilzeit, 20 Stunden. Während der Elternzeit habe ich mich in einem Krankenhaus beworben, das keine 5 Minuten mit dem Fahrrad entfernt war. Dort arbeite ich seitdem als Sozialarbeiter. Meine Chefin war sich zunächst unsicher, ob mir denn bewusst sei, dass es sich um eine halbe Stelle handelte. Anscheinend ging sie davon aus, dass Männer nur in Vollzeit arbeiten würden. So wie ich bisher auch davon ausgegangen war. Ich habe meine Denkmuster und Glaubenssätze über Bord geworfen oder zumindest neu justiert. Mein persönliches Umfeld reagierte von neugierig bis überrascht. Am erfreutesten waren meine Schwiegereltern, die den Wert für die Familie sofort erkannten.

Ich lebe viel entspannter als vorher. Ok, das stimmt nicht ganz, denn ich habe mittlerweile zwei Kinder und bin mit dem zweiten Kind noch für ein Jahr in Elternzeit. Aber die Entscheidung bereue ich keine Sekunde und würde sie immer wieder so treffen. Gerade für Paare, die beide einen sicheren Job haben, ist es ein Segen, in Teilzeit zu arbeiten. Es bleibt so viel Zeit für gemeinsame Aktivitäten, persönliche Interessen oder ehrenamtliches Engagement. Deshalb finde ich das New Work Modell so interessant. Es teilt die Arbeit in drei Bereiche auf. Lohnarbeit, persönliche Interesse und gesellschaftliches Engagement.

Bei jedem Entwicklungsschritt, den unsere Kinder gemacht haben, war ich dabei. Von 8 bis 12 Uhr habe ich gearbeitet und dann die Kinder betreut und begleitet. Habe sie emotional durch Wut, Schmerz und Angst begleitet, sie gewickelt und auf Töpfchen begleitet, ihnen den Popo sauber gemacht und Essen gekocht. Habe sie in den Schlaf begleitet und bin immer für sie ansprechbar, sichtbar und einfach da. An einer Hand kann ich die Tage abzählen, an denen wir nicht zusammen waren. Diese Zeit kann mir niemand nehmen und sie hat so viel mit mir gemacht. Ich bin daran unheimlich gewachsen und lerne von Tag zu Tag Neues hinzu.

Muss du dir aber auch leisten können

Ja, ich kenne die Bedenkenträger*innen, ich war selber einer. Das muss man sich auch leisten können, habe ich auch gedacht. Mittlerweile sage ich, dass wir es uns leisten wollen. Meine Frau arbeitet als Sprachtherapeutin und sie kann mit ihrem schmalen Gehalt (zur Erinnerung, ich bin Sozialarbeiter und wir beide verdienen gleich wenig) unser Leben finanzieren. Es ist letztendlich alles eine Frage von Einnahmen und Ausgaben. Ja, mir ist bewusst, dass ich aus einer weißen privilegierten Perspektive schreibe. Aber die Zahlen sprechen für sich.

Quelle: BMFSFJ Väterreport 2018 – Download

Von den Paarfamilien in Deutschland mit Kinder unter 18 Jahren arbeiten 85% der Väter in Vollzeit! Bei nur 5% der Paaren arbeiten Vater und Mutter in Teilzeit. In der Statistik wird gar nicht aufgeführt, wie hoch der Anteil der Väter ist, die gar nicht arbeiten und die Frau in Vollzeit. Ich bin irritiert wenn nicht sogar geschockt. Das ist ein Grund, warum ich hier schreibe! Wir sind meilenweit von gleichberechtigter Teilhabe in Familie und Beruf entfernt! Es braucht mehr Väter, die in Teilzeit arbeiten, um mehr Zeit für Familie und Partnerschaft zu haben. Und für sich. Und überhaupt.

Danke für diese Blogparade, Melanie. Sie hat mir noch einmal vergegenwärtigt, wie wertvoll und sinnvoll die Reduzierung der Lohnarbeit für mich ist. Abgesehen von den fehlenden Rentenpunkten sehe ich nur positive Aspekte an der Entscheidung. Abschließend möchte ich noch einen Aspekt aufgreifen, der hier zu kurz kommt. Care-Arbeit ist auch Arbeit und sollte vergütet und in der Rente berücksichtigt werden. Wichtige Forderungen stehen im Manifest auf equalcareday.de Bitte alle unterschreiben!

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Individuelle Beratung

Damit Väter auf dem Weg zu ihrer aktiven Vaterschaft nicht allein sind, brauchen sie hin und wieder Unterstützung und Begleitung. Für individuelle Fragen und persönliche Beratung stehe ich gerne zur Verfügung.

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Wenn dir gefällt was ich schreibe, freue ich mich auf deine Unterstützung auf https://steadyhq.com/de/vaterwelten

Die Vier-in-einem-Perspektive von Frigga Haug

Neulich telefonierte ich mit einem Freund aus Hamburger Zeiten. Damals arbeitete ich noch in der Werbung. Wir sprachen über unsere Familien, den Job und natürlich über Corona. Erwerbsarbeit, Familienarbeit und Ehrenamt unter einen Hut zu bekommen, ist nicht nur in der Krise eine Herausforderung. Die aktuellen Ereignisse zeigen uns aber deutlich, wie sehr Frauen in unserer Gesellschaft an den Rand gedrängt werden und die größte Last zu tragen haben. Neue Gesellschaftsmodelle müssen her!

Er ist mit 40 Stunden in einem mittelständischen Familienunternehmen beschäftigt, ich manage meine beiden Kinder und den Haushalt. Ich bin Hausmann. Wir blicken also aus zwei unterschiedlichen Perspektiven auf die aktuelle Situation und kommen sehr schnell auf »New Work«. Es ist eines dieser Modelle, das zurzeit in aller Munde ist. Darüber hatte ich auch schon einmal an anderer Stelle geschrieben. Nun möchte ich dir mit der 4-in-1-Perspektive von Frigga Haug eine andere Überlegung auf Erwerbsarbeit, Care-Arbeit und gesellschaftlicher Teilhabe vorstellen.

4-in-1-Perspektive

Im Fokus von Frigga Haugs »Vier-in-einem-Perspektive« steht die Utopie einer gerechten Verteilung von Erwerbsarbeit, Familienarbeit, Gemeinwesensarbeit und Entwicklungschancen. Sie beschriebt in einem Aufsatz, dass Geschlechterverhältnisse immer auch Produktionsverhältnisse sind. Frauen haben sich in den letzten Jahrzehnten ihre Rechte erkämpft: Sie dürfen wählen, arbeiten und selber entscheiden, mit wem sie verheiratet sein wollen. Sie müssen nicht mehr den Haushalt schmeißen und können Karriere machen. Trotzdem gibt es nach wie vor eine krasse Ungleichheit und Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern – auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Bezogen auf die Erwerbsarbeit sind Frauen entweder in der Lebensfürsorge (Pflege, Erziehung) oder im Lebensmittelbereich (v.a. Einzelhandel) tätig. Gleichzeitig wird ihnen in allen anderen beruflichen Kontexten die Reproduktionsarbeit zugeschrieben, also die Erziehungs- und Sorgekompetenz.

„Diese hierarchische Anordnung bildet die Grundlage für die gesellschaftliche Unterdrückung der Frauen, die sämtliche Sphären der Gesellschaft prägt: Kultur und Sprache, Ideologie und Sozialtheorie, Moral und Recht und die entsprechenden Institutionen.“

– Frigga Haug

Frigga Haug beschreibt in ihrem Leitfaden für die Politik zwei Herrschaftsarten, die es zu überwinden gibt. Zum einen die Verfügung über Arbeitskraft in der Lebensmittelproduktion und zum anderen die Verfügung der Männer über die Frauen in der Reproduktion. Gesellschaftlich gibt es Frauenrechte, aber strukturell und kulturell finden sie nicht statt. Sie äußert feministische Kritik an der gegenwärtigen Geschlechterpolitik, die am Status Quo festhält. Es kann nicht einfach um »Gleichstellung« gehen, sie stellt die Struktur selbst in Frage. Das macht sie an der Stellung der Frau in Kultur und Gesellschaft fest, aber auch an der Zuweisung an den Reproduktionsbereich (Hausfrau und Mutter).

Es geht um eine knappe Ressource

Bevor wir in das Erwerbsleben starten, haben wir viel Zeit. Mit dem Eintritt in eine abhängige Lohnarbeit wird jedoch über unsere Zeit bestimmt. Es gibt eine*n Vorgesetzte*n, wir sind Arbeitnehmer*innen. Wir gehen morgens zur Arbeit und abends wieder nach Hause. Dank der im letzten Jahrhundert stattfindenden Arbeitskämpfe haben wir heute mehr Zeit. Frigga Haug beschreibt die Kämpfe für einen 8 Stunden Tag, die 5 Tage Woche und letztendlich die 37,5 Stunden Woche. Immer ging es um Zeit. Doch seit 1989 weht ein neoliberaler Wind, der seinen Höhepunkt in der Agenda 2010 um Kanzler Schröder mit den Hartz-Reformen hatte. So gibt es Menschen, die aus dem Erwerbsleben herausgenommen werden, weil sie nicht hinein passen. Diese Menschen bekommen Hartz IV. Gleichzeitig haben sich aufgrund des technischen Fortschrittes die Produktivkräfte der Arbeit so gewaltig potenziert, dass die Halbierung der heutigen Erwerbsarbeitszeit anstünde. Bei gleichem Gehalt. Dafür nimmt sie auch die Gewerkschaften in die Pflicht. So lange diese für den Erhalt von z.B. Arbeitsplätzen im Bergbau und gegen eine Weiterentwicklung von Arbeit kämpfen, wird sich nichts ändern.

Frigga Haug möchte die „Produktionsverhältnisse“ aus ihrer Zentriertheit auf die gewerbliche Produktion holen und auf beide Bereiche der menschlichen Produktionen beziehen. Gleichzeitig plädiert sie für eine Teilhabe an diesem Diskurs. Menschen müssen beteiligt werden, sowohl als Befähigung und Weiterentwicklung ihrer persönlichen Kompetenz, als auch im politischen Diskurs. Das Internetzeitalter und die Globalisierung führen ihren Ausführungen nach zu immer währenden „Lernzeiten“, die Zeit fressen um kulturelle Fähigkeiten zu entwickeln.

„Die Sprengkraft wächst dieser Umstrukturierung dadurch zu, dass sie auf den Herrschaftsknoten unserer Geschichte zielt: Die zerlegende Organisation des Gesellschaftsprozesses — in den profitgetriebenen Ewerbsbereich, den ›verweiblichten‹ Reproduktionsbereich jenseits der Lohnform, die abgesonderte Politik in den Händen von ›Stellvertretern‹ — festigt die kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse um den Preis der Verkümmerung und Vergeudung menschlicher Talente. Diese Verknotung von Herrschaftsverhältnissen aufzulösen, ist das Projekt der 4-in-1-Perspektive.“

– Frigga Haug

Menschen mit einbeziehen

Erwerbsarbeit, Reproduktions- oder besser Zuwendungsarbeit (Care Arbeit), kulturelle Selbstentwicklung und Politik dürfen nach Frigga Haug nicht getrennt verfolgt werden, sonst geraten sie in eine Sackgasse. Dabei geht es ihr nicht einfach nur um Arbeitszeitverkürzung, sondern um eine Umverteilung der gesamten Lebenszeit und aller Tätigkeiten. Das Neue der 4-in-1-Perspektive besteht daher in der Anordnung der vier Tätigkeitsbereiche — Erwerbsbereich, Reproduktionsbereich, Kultur, Politik — auf zeitlich gleicher Ebene, statt sie einander über- und unterzuordnen. Menschen hätten weniger Stress in der Erwerbsarbeit, mehr Zeit für ihre Familie, könnten sich stärker weiterentwickeln und politische Prozesse stärker als sonst aktiv mitgestalten. Die Vorteile liegen dabei klar auf der Hand.

Die spontane Geringschätzung der Reproduktionstätigkeiten als ›nicht wirklich Arbeit‹ wird in Wertschätzung umschlagen, sobald sie Teil des eigenen Lebens sind. Den Freiraum für die Entwicklung seiner selbst zu erstreiten arbeitet gegen die permanente sektorale Einspannung.

Mein Hamburger Freund und ich sind uns einig. Wir sind auf dem richtigen Weg. Er hat seine Arbeitszeit reduziert und ich werde in den kommenden Wochen wieder mehr Zeit für persönliche Selbstentfaltung haben. Letztendlich geht es doch darum, ein glückliches und zufriedenes Leben zu führen.

Warum wir eine sonderbare Familie sind

Das Leben ist wie eine Wanderung auf einem Pfad. Aus zwei Wegen wird ein gemeinsamer, der mal flach, mal steil rauf und wieder runter verläuft. Mal geht es langsam voran und mal schneller. Mal hast du das Gefühl, jemanden aus den Augen zu verlieren und mal holt dich eine neue Person ein. Wie du deinen Wanderweg gestaltest, hängt einzig und allein von deiner inneren und äußeren Einstellung ab. Nicht immer verlief mein Wanderweg geradlinig und eben.

Den Castortransport 1998 ins »Brennelemente Zwischenlager Ahaus« (BZA) habe ich als 14-jähriger Demonstrant hautnah miterlebt. Meine Generation, die für unsere Umwelt demonstriert und gegen Atomkraft. Aber auch die Brutalität der Polizei. Heute geben Greta und Fridays For Future frischen Rückenwind für ein Umdenken im Kleinen und Großen. Dazwischen liegen Jahre der Ressourcen-Verschwendung und des Konsums.

Seit ich Corinna kenne hat sich mein Leben sogar um 180 Grad gedreht. Bis vor drei Jahren ernährte ich mich noch sehr ungesund und pendelte mit dem Auto eine halbe Stunde zur Arbeit. Corinna reiste oft und gerne in weit entfernte Länder und wollte in ihrem Urlaub viel erleben. Gemeinsam sind wir 2015 in die USA geflogen und haben in einem Monat tausende Kilometer mit einem Van gerissen. Ernährt haben wir uns in dieser Zeit sehr ungesund. Nahezu alles, was wir damals gemacht haben, machen wir heute nicht mehr.

Am Anfang waren es nur kleinere Veränderunge, dann immer größere. Mit der Geburt unserer Kinder schlugen die Veränderungen dann auch auf unseren Freundes und Bekanntenkreis über. Seitdem leben wir in einer Filterblase und treffen uns mit Menschen, die ähnlich ticken. Damit haben wir uns allerdings ganz weit vom Mainstream und unserem alten Leben entfernt. Hier mal ein paar Beispiele, was wir nicht mehr machen.

Leben und Alltag

Wir duschen nicht mehr täglich und benutzen wenig bis keine Kosmetika. Und wenn, dann nur vegan-bio-nachhaltige. Unseren Kleinwagen haben wir vor drei Jahren verkauft und auch Fiete (VW T4 California) wird einen neuen Besitzer finden. Wir gehen zu Fuß einkaufen, sind in die Nähe der Arbeit gezogen und verbringen viel Zeit mit unseren Kindern auf dem Spielplatz oder zu Hause. Zeit ist eine knappe Ressource, die wir mit Qualität füllen wollen, anstatt mit Langeweile. Wir sprechen jeden Abend mindestens eine halbe Stunde über den Tag, über uns und die Zukunft. Filme schauen wir höchstens zwei Mal im Monat – auch, weil wir uns keine Zeit dafür nehmen (wollen). Kein Video-Streaming-Abo, kein Amazon Prime und nur Deezer. Wird hauptsächlich für Kinder-Musik und Hörspiele genutzt. Juhu!

Essen und Trinken

Als wir uns kennenlernten haben wir noch bedenkenlos Fleisch gegessen. Mit der Zeit verzichteten wir nicht nur darauf sondern auf alle Produkte mit tierischen Inhaltsstoffen. Im Januar 2020 habe ich am #veganuary teilgenommen und festgestellt, wie einfach und lecker vegane Ernährung ist. Zusammen mit Eva und ihrer Familie verbringen wir schon den dritten gemeinsamen Urlaub. Eva hat zusammen mit ihrem Partner zwei Kinder und die ganze Familie ernährt sich vegan. Für uns der perfekte Einstieg und ein Prozess, der vor drei Jahren begonnen hat und nun endlich umgesetzt ist! Seit dem Studium verzichte ich nahezu komplett auf Alkohol. Mir fehlt er nicht und ich brauche ihn auch nicht. Zucker vermeiden wir und Junk Food auch.

Urlaub und Reisen

Seit unserer großen Reise in die USA verzichten wir auf Flugreisen. Wir haben noch nie Kreuzfahrten gemacht und wollen auch keine unternehmen. Auch auf Städtetrips verzichten wir bewusst, weil wir wissen, dass unsere Kinder durchdrehen würden – ich übrigens auch! Wir haben eine Zeit lang Camping Urlaub mit Fiete gemacht und probieren ab 2020 Ferienwohnungen oder Ferienparks aus. Lieber machen wir viele kleine Urlaube als einen großen. Auch im Urlaub und auf Reisen versuchen wir den Alltag von zu Hause beizubehalten und schlafen zum Beispiel alle in einem Familienbett.

Kinder und Erziehung

Die Große haben wir bis zum Alter von drei Jahren mit Plastikwindeln gewickelt. In den ersten Wochen hatten wir noch Stoffwindeln probiert, sind daran aber gescheitert. Beim Kleinen hat sich Corinna richtig eingefuchst und ab dem 6. Monat wickeln wir nur noch mit Stoffwindeln. Wir sind Experten und fühlen uns wohl damit. Die Müllmenge ist stark reduziert und dafür waschen wir einmal pro Woche die Einlagen. Pflegeprodukte kaufen wir ausschließlich biologisch und ökologisch nachhaltig. Wir haben keinen Kinderwagen, sondern Tragehilfen und kaufen alle Klamotten Second Hand oder bekommen sie geschenkt. Nur die Puppen haben bei uns Schnuller und geschlafen wird im Familienbett. Außerdem impfen wir unsere Kinder nicht… war nur Spaß! Kommen wir zum nächsten Punkt, der in Gesprächen immer wieder für erstaunte Gesichter sorgt. Wir halten K2 seit er 5 Monate alt ist über der Toilette ab. „Ihr macht was?“ Wir halten ihn ab. Der Kleine sagt uns Bescheid und wir gehen mit ihm auf die Toilette, ziehen ihn unten herum aus und halten ihn ab. „Ne, is klar. Er sagt ,Papa, ich muss mal‘ und du weißt sofort, dass es Pipi oder Aa ist!“ Fast richtig. Der Kleine fängt an zu Knöttern und im Grunde rattert bei mir der Erfahrungsschatz los. Hat er Hunger? Nein, er war eben noch an der Brust. Ist er müde? Nein, er hat eben noch geschlafen. Will er Beschäftigung? Nein, ich beschäftige ihn die ganze Zeit. Will er Ruhe? Nein, siehe Schlaf. Dann muss er mal und will nicht in die Windel machen. „Ja ne, is klar.“ Dann nehme ich ihn mit zur Toilette und siehe da, er macht sein Geschäft. Das klappt in 8 von 10 Fällen. In den anderen zwei Fällen haben wir es nicht rechtzeitig geschafft und die Windeln sind voll. Naja, passiert. Weil uns eine stabile Eltern-Kinder-Bindung wichtig ist, gehen unsere Kinder erst mit 3 Jahren in den Kindergarten. Bei K1 haben Corinna und ich noch abwechselnd gearbeitet, um die Betreuung zu gewährleisten. Bei K2 habe ich lange Elternzeit genommen und gehe zurück in meinen Teilzeit Job, sobald K2 im Kindergarten ist.

Konsum und Luxus

Letztens meinte Corinna, sie könne Frugalistin sein. Also eine Person, die wenig Geld ausgibt und zufrieden ist mit dem, was sie hat. Dem stimme ich absolut zu, denn wir brauchen keine teuren Smartphones, keine smarten Gadgets, keine smarten Watches oder anderen smarten Kram. Das Geld, was wir haben, legen wir lieber in nachhaltige Projekte an oder geben es für Lebensmittel aus. Wenn dann doch mal etwas repariert werden muss, bezahlen wir lieber einen lokalen Handwerker und kaufen die Produkte regional und nachhaltig. Auch wenn es seinen Preis hat.

Unsere Klamotten und auch Dinge des Lebens kaufen wir gebraucht. Wenn uns etwas nicht mehr passt, verkaufen wir es wieder auf dem Gebrauchtmarkt. Autos sind für uns Gebrauchsgegenstände und den großen Luxus VW T4 California verkaufen wir nach 5 Jahren Nutzung wieder.

Und sonst

Ach, es gibt noch so viele Dinge, die wir nicht tun und die uns von Freunden und der Familie unterscheiden. Wir verzichten auf materielle Geschenke und verschenken lieber Qualitätszeit. Wir stellen unsere Kinder nicht mit Smartphone oder Fernseher ruhig und auch Computerspiele gibt es bei uns nicht. Wasser kommt aus der Leitung und Filterkaffee in die Tasse; der fair trade öko nachhaltige natürlich. Unseren Strom beziehen wir von einem Windanlagen-Bauern aus Niedersachsen.

Wir setzen die Familie in den Mittelpunkt und alles, ja A L L E S ordnet sich drum herum. Corinna arbeitet 30 Stunden und ich 20 Stunden. Wobei ich jetzt in Elternzeit bin und mich um den Haushalt und die Kinder kümmere. Wir gehen zu Fuß zur Arbeit und sind in 5 Minuten im Büro. Lieber wohnen wir zur Miete, als dass wir uns ein Eigenheim leisten. Wir wählen progressive Parteien, um eine starke Opposition zu haben. Mit der Kirche haben wir nichts am Hut und wir bezeichnen uns als Agnostiker. Entsprechend sind wir aus der Kirche ausgetreten und unsere Kinder auch nicht getauft. Ja, wir sind verheiratet, haben aber nur standesamtlich in ganz kleinem Rahmen gefeiert. Unsere Flitterwoche haben wir in Dänemark verbracht. Im November. Bei Sturm und Regen. Es war kalt. Wir haben es uns schön warm gemacht.

Wie du siehst, machen wir vieles anders. Wir sind auf unserem Pfad unterwegs und wollen noch mehr verändern und konsequenter werden. Viele können mit Veganismus nichts anfangen und verdrehen die Augen. Andere können es sich nicht vorstellen, mit Stoff zu wickeln oder als Hausmann zu arbeiten. Karriere und Geld verdienen ist in unserer Gesellschaft immer noch männlich geprägt. Leider. So oder so, wir fühlen uns auf diesem Weg richtig wohl und sind glücklich, in eine gemeinsame Richtung zu gehen.

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Vielleicht bist du auch gerade auf dem Weg und möchtest etwas verändern. Oder du befindest dich schon auf deinem Pfad bist aktiver Gestalter deines Lebens. Dann freue ich mich auf deinen Kommentar!

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Wir brauchen einen verpflichtenden Mutterschutz für Väter

Es gibt 1 Update

Dieser Text erschien zuerst im Januar 2020. Lies weiter unten, was seitdem passiert ist.

Mit der Geburt meines Sohnes vor einem Jahr habe ich wieder Elternzeit genommen. Zwar nur einen Monat, wie es die meisten Väter tun, aber meine Frau hatte ja zwei Monate Mutterschutz und sollte eh erst in neun Monaten zurück in den Job kehren. Danach würde ich in Elternzeit gehen. Also alles easy peasy? Denkste!

Mit einem kleinen Baby und einem großen Kind ändert sich das Familienleben noch mal stark. Die Bedürfnisse der großen Schwester rücken an zweite Stelle, denn das Baby will versorgt werden. Obwohl wir die Geburt des Brüderchen lange vorbereitet haben, gab es Widerstände. Klar. Hinzu kommt die beginnende Autonomie-Phase der Großen, die eh schon ein sehr gefühlsstarkes Kind ist.

Meine Frau und ich arbeiten beide in Teilzeit. Die gesamte Lohnarbeit zusammen liegt bei 50 Stunden, 30 sie und 20 ich. Es ist also immer jemand bei den Kindern, denn einer arbeitet vormittags, der andere nachmittags. Trotzdem haben auch wir große und kleine Schwierigkeiten im Familienalltag gehabt und fragen uns ständig: „Wie machen das die anderen Familien?“ und geht es nicht auch ander? 

Andere Familien schaffen das doch auch, oder?

Einem Monat nach der Geburt von K2 bin ich also wieder zurück in den Job gegangen. Vormittags war meine Frau nun mit einem Kleinkind, einem Baby und dem Haushalt alleine. Oma und Opa unterstützen uns wie selbstverständlich und sobald ich gegen 12 Uhr nach Hause kam, habe ich meinen Anteil am Familienleben übernommen. Aber was mit einem Kind noch alles einfach machbar war, gestaltete sich mit zwei Kindern schwieriger.

Die große Schwester buhlte um Aufmerksamkeit und hatte Sorge, dass ihre Bedürfnisse nicht mehr gesehen werden. Wurden sie, aber sie konnten nicht sofort befriedigt werden. Sei es spazieren gehen, auf dem Spielplatz spielen, vorlesen oder gemeinsam Essen. Alles dauert auf einmal länger, weil das Baby da war. Außerdem mussten sie jetzt leiser spielen, wenn der Kleine schläft. In die Kita ist sie erst ein Jahr später gegangen, mit 3,5 Jahren. Das war uns wichtig.

Sobald ich zu Hause war und unterstützen konnte, lief es problemloser. Wenn ich jedoch auf der Arbeit war, war es anstrengend für Corinna. Sie hat sich dann oft mit dem Baby zurückgezogen und sich schlafen gelegt. Kräfte tanken für die Zeit, in der ich nicht da sein werde. Abends haben wir uns dann hingesetzt und über die Situation gesprochen. Wieso fällt es uns so schwer und wie machen das andere Familien?

Rechte sind keine Privilegien

Im Film „We Want Sex“ kämpfen britische Frauen in den Ford-Werken für gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit. Während einer Auseinandersetzung mit ihrem Ehemann ruft die Protagonistin ihm zu: „Rechte sind keine Privilegien“. Ich denke, dieser Satz bringt die Misere der Gleichberechtigung auf den Punkt. Wir stecken immer noch in einem alten Rollenbild fest, in dem die Frau die Kinder betreut und der Mann arbeiten geht.

Dass ich meine Aufgaben als Vater, Mann und Partner in der Familie übernehme, ist (m)eine Selbstverständlichkeit. Wir leben das Modell 50:50 nicht nur auf dem Papier, sondern teilen uns die Aufgaben auf. Dazu gehören sowohl die Care-Arbeit als auch die Denkarbeit. Zudem haben wir Zuständigkeiten geregelt, die den Alltag noch mehr entlasten. Das fiel nicht vom Himmel sondern hat sich mit der Zeit ergeben.

Meine Frau ist nicht privilegiert, weil ich ein aktiver Mann, Vater und Hausmann bin. Es ist nur gerecht, dass ich mich gleichberechtigt beteilige. Und das tue ich nicht, weil meine Frau 10 Stunden mehr arbeitet als ich, sondern weil es mein und unser verdammtes Recht ist! Corinna muss nicht dankbar sein und wir müssen uns auch nicht mit anderen vergleichen á la „ich hätte auch einen anderen Mann haben können, danke!“ Ja, ich hätte aber auch eine andere Frau haben können. Habe ich aber nicht, weil ich immer für eine gleichberechtigte Partnerschaft eingestanden bin. Anderes habe ich nie akzeptiert. 

Das Familien-System verändert sich

Natürlich bin ich mit diesem Denken nicht auf die Welt gekommen. Natürlich hat mich die Sozialisation geprägt und ja, erst mein Studium und das Leben mit meiner Frau haben mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Dank der ersten Elternzeit habe ich erkannt, wie schädlich die Lohnarbeit für ein Familienleben und die Partnerschaft sein kann. Wie viel Familienzeit und Bindung zu meinem Kind mir verloren geht. Damals habe ich viel am Wochenende und abends gearbeitet.

Mit der Erfahrung der zweiten Schwangerschaft und Geburt habe ich erkannt, wie wichtig der Support des Vaters für die Mutter und für die ganze Familie ist. Jetzt stell dir vor, der Mann geht einen Monat nach der Geburt von K2 oder K3 wieder in Vollzeit arbeiten?! Im Bekannten- und Freundeskreis, die keine engen sozialen Kontakte oder Familie im nahen Umfeld haben, bekomme ich es täglich mit. Die Mutter organisiert, kümmert, begleitet, erzieht und macht einfach alles mit den Kindern und den Haushalt. Dabei hat sie keine Zeit für sich selber. Sie ist mit dem Mental Load alleine.

Während der Mann also auf der Arbeit die Welt rettet, abends nach Hause kommt und mit den Kindern noch eine oder zwei Stunden spielt, räumt die Mutter auf und kann vielleicht mal in Ruhe duschen oder auf die Toilette. Oder sich um das Neugeborene kümmern. Die Geburt des zweiten Kindes ist für das „System Familie“ eine starke Veränderung, in der viel in Bewegung kommt. Rollen verteilen sich neu und Beziehungen ordnen sich anders. Der Vater ist Teil dieses Systems und seine Präsens (oder Abwesenheit) hat entscheidenden Einfluss auf das Gelingen der Familienordnung.

6 plus 8 Wochen Vaterschutz

Damit alle Familienmitglieder Zeit finden, sich ihren Platz zu suchen, sich darin einzurichten und in eine gegenseitige Beziehung zu gehen, braucht es Zeit. Diese Zeit räumt der Gesetzgeber der Mutter ein, indem er ihr 8 Wochen Mutterschutz gewährt.

Es braucht allerdings auch für den Vater eine Schutzzeit für die Familie, damit die System-Veränderung gelingen kann. Es braucht einen Vaterschutz, der ebenfalls 8 Wochen dauert und in dem der Mann Elterngeld beziehen muss. Gleichzeitig muss es weitere Anreize für Väter geben, hinterher in Teilzeit gehen zu dürfen. Hier sind vor allem strukturelle Veränderungen gemeint. Zum Beispiel könnte der Staat für den Ausfall des Vaters für mindestens 6 Monate den Lohn zahlen oder einen Ersatz finanzieren.

Große Unternehmen haben sich bereits auf den Weg gemacht und zahlen Vätern volles Gehalt während ihrer Elternzeit. Aus der Politik kommt im Moment herzlich wenig, denn der Ausbau von Kita Plätzen ist wichtiger, als Anreizmodelle für Väter, in Elternzeit zu gehen. Das wird leider auf dem Rücken der Kinder ausgetragen, die viel zu früh in die Fremdbetreuung gegegeben werden. Stattdessen sollten Väter ihre Arbeitszeit reduzieren können, um ihren Anteil an Familienarbeit zu leisten.

Männer, nehmt lange Elternzeit!

Vielleicht muss es kein Mutterschutz für Väter sein. Es darf auch Vaterschutz heißen. Oder gleich Elternschutz. Wobei wir bereits die Elternzeit haben und die beiden Schutzzeiten sich aufheben würden. So oder so braucht es eine strukturelle Veränderung und 8 Wochen verpflichtende Schutzzeit für die Familie. Jeder Mann kann sein individuelles Verhalten verändern, doch sobald er an strukturelle Grenzen stößt, wird auch er diskriminiert!

Seit Mai 2019 bin ich für 2,5 Jahre in Elternzeit und genieße die Zeit sehr, auch wenn sie immer wieder richtig anstrengend sein kann. Unsere Große ist seit August 2019 in der Kita und unser Kleiner aus dem Baby-Alter raus. Meine Frau arbeitet wieder in Teilzeit und mir ist es wichtig, meine Erfahrungen weiterzugeben. Und wer weiß, vielleicht erreiche ich ja genau dich damit! Nimm Elternzeit, reduziere deine Arbeitszeit und werde ein aktiver und sichtbarer Vater!

Es lohnt sich!

📸 Foto: Dominik Asbach

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Wie es gehen kann, zeigt Spanien. Dort sind für Mütter laut Gesetz sechs Wochen bezahlter Urlaub nach der Geburt eines Kindes obligatorisch. Bis zu 16 Wochen Elternzeit sind insgesamt für Frauen möglich. Seit dem Jahr 2007 besteht auch für Männer die Option auf voll bezahlten Vaterschaftsurlaub. Dieser ist jedoch freiwillig und dauerte ursprünglich zwei Wochen.

Vor 2007 hat kaum ein Vater nach der Geburt eines Kindes Urlaub genommen, um bei der Familie zu bleiben. Nach der Reform haben jedoch mehr als die Hälfte der Männer die Möglichkeit des Vaterschaftsurlaubs genutzt. Aufgrund der großen Beliebtheit wurde der Zeitraum 2017 verdoppelt und 2018 um noch eine weitere Woche verlängert, sodass der bezahlte Vaterschaftsurlaub nun fünf Wochen beträgt.

Die spanische Regierung hat den Vaterschaftsurlaub ab dem 1. Januar 2021erneut verlängert, sodass ab sofort beide Elternteile einen Anspruch auf je bis zu 16 Wochen bezahlten Urlaub nach der Geburt haben.

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Individuelle Beratung

Damit Väter auf dem Weg zu ihrer aktiven Vaterschaft nicht allein sind, brauchen sie hin und wieder Unterstützung und Begleitung. Für individuelle Fragen und persönliche Beratung stehe ich gerne zur Verfügung.

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