Warum wir eine sonderbare Familie sind

Warum wir eine sonderbare Familie sind

Das Leben ist wie eine Wanderung auf einem Pfad. Aus zwei Wegen wird ein gemeinsamer, der mal flach, mal steil rauf und wieder runter verläuft. Mal geht es langsam voran und mal schneller. Mal hast du das Gefühl, jemanden aus den Augen zu verlieren und mal holt dich eine neue Person ein. Wie du deinen Wanderweg gestaltest, hängt einzig und allein von deiner inneren und äußeren Einstellung ab. Nicht immer verlief mein Wanderweg geradlinig und eben.

Den Castortransport 1998 ins »Brennelemente Zwischenlager Ahaus« (BZA) habe ich als 14-jähriger Demonstrant hautnah miterlebt. Meine Generation, die für unsere Umwelt demonstriert und gegen Atomkraft. Aber auch die Brutalität der Polizei. Heute geben Greta und Fridays For Future frischen Rückenwind für ein Umdenken im Kleinen und Großen. Dazwischen liegen Jahre der Ressourcen-Verschwendung und des Konsums.

Seit ich Corinna kenne hat sich mein Leben sogar um 180 Grad gedreht. Bis vor drei Jahren ernährte ich mich noch sehr ungesund und pendelte mit dem Auto eine halbe Stunde zur Arbeit. Corinna reiste oft und gerne in weit entfernte Länder und wollte in ihrem Urlaub viel erleben. Gemeinsam sind wir 2015 in die USA geflogen und haben in einem Monat tausende Kilometer mit einem Van gerissen. Ernährt haben wir uns in dieser Zeit sehr ungesund. Nahezu alles, was wir damals gemacht haben, machen wir heute nicht mehr.

Am Anfang waren es nur kleinere Veränderunge, dann immer größere. Mit der Geburt unserer Kinder schlugen die Veränderungen dann auch auf unseren Freundes und Bekanntenkreis über. Seitdem leben wir in einer Filterblase und treffen uns mit Menschen, die ähnlich ticken. Damit haben wir uns allerdings ganz weit vom Mainstream und unserem alten Leben entfernt. Hier mal ein paar Beispiele, was wir nicht mehr machen.

Leben und Alltag

Wir duschen nicht mehr täglich und benutzen wenig bis keine Kosmetika. Und wenn, dann nur vegan-bio-nachhaltige. Unseren Kleinwagen haben wir vor drei Jahren verkauft und auch Fiete (VW T4 California) wird einen neuen Besitzer finden. Wir gehen zu Fuß einkaufen, sind in die Nähe der Arbeit gezogen und verbringen viel Zeit mit unseren Kindern auf dem Spielplatz oder zu Hause. Zeit ist eine knappe Ressource, die wir mit Qualität füllen wollen, anstatt mit Langeweile. Wir sprechen jeden Abend mindestens eine halbe Stunde über den Tag, über uns und die Zukunft. Filme schauen wir höchstens zwei Mal im Monat – auch, weil wir uns keine Zeit dafür nehmen (wollen). Kein Video-Streaming-Abo, kein Amazon Prime und nur Deezer. Wird hauptsächlich für Kinder-Musik und Hörspiele genutzt. Juhu!

Essen und Trinken

Als wir uns kennenlernten haben wir noch bedenkenlos Fleisch gegessen. Mit der Zeit verzichteten wir nicht nur darauf sondern auf alle Produkte mit tierischen Inhaltsstoffen. Im Januar 2020 habe ich am #veganuary teilgenommen und festgestellt, wie einfach und lecker vegane Ernährung ist. Zusammen mit Eva und ihrer Familie verbringen wir schon den dritten gemeinsamen Urlaub. Eva hat zusammen mit ihrem Partner zwei Kinder und die ganze Familie ernährt sich vegan. Für uns der perfekte Einstieg und ein Prozess, der vor drei Jahren begonnen hat und nun endlich umgesetzt ist! Seit dem Studium verzichte ich nahezu komplett auf Alkohol. Mir fehlt er nicht und ich brauche ihn auch nicht. Zucker vermeiden wir und Junk Food auch.

Urlaub und Reisen

Seit unserer großen Reise in die USA verzichten wir auf Flugreisen. Wir haben noch nie Kreuzfahrten gemacht und wollen auch keine unternehmen. Auch auf Städtetrips verzichten wir bewusst, weil wir wissen, dass unsere Kinder durchdrehen würden – ich übrigens auch! Wir haben eine Zeit lang Camping Urlaub mit Fiete gemacht und probieren ab 2020 Ferienwohnungen oder Ferienparks aus. Lieber machen wir viele kleine Urlaube als einen großen. Auch im Urlaub und auf Reisen versuchen wir den Alltag von zu Hause beizubehalten und schlafen zum Beispiel alle in einem Familienbett.

Kinder und Erziehung

Die Große haben wir bis zum Alter von drei Jahren mit Plastikwindeln gewickelt. In den ersten Wochen hatten wir noch Stoffwindeln probiert, sind daran aber gescheitert. Beim Kleinen hat sich Corinna richtig eingefuchst und ab dem 6. Monat wickeln wir nur noch mit Stoffwindeln. Wir sind Experten und fühlen uns wohl damit. Die Müllmenge ist stark reduziert und dafür waschen wir einmal pro Woche die Einlagen. Pflegeprodukte kaufen wir ausschließlich biologisch und ökologisch nachhaltig. Wir haben keinen Kinderwagen, sondern Tragehilfen und kaufen alle Klamotten Second Hand oder bekommen sie geschenkt. Nur die Puppen haben bei uns Schnuller und geschlafen wird im Familienbett. Außerdem impfen wir unsere Kinder nicht… war nur Spaß! Kommen wir zum nächsten Punkt, der in Gesprächen immer wieder für erstaunte Gesichter sorgt. Wir halten K2 seit er 5 Monate alt ist über der Toilette ab. „Ihr macht was?“ Wir halten ihn ab. Der Kleine sagt uns Bescheid und wir gehen mit ihm auf die Toilette, ziehen ihn unten herum aus und halten ihn ab. „Ne, is klar. Er sagt ,Papa, ich muss mal‘ und du weißt sofort, dass es Pipi oder Aa ist!“ Fast richtig. Der Kleine fängt an zu Knöttern und im Grunde rattert bei mir der Erfahrungsschatz los. Hat er Hunger? Nein, er war eben noch an der Brust. Ist er müde? Nein, er hat eben noch geschlafen. Will er Beschäftigung? Nein, ich beschäftige ihn die ganze Zeit. Will er Ruhe? Nein, siehe Schlaf. Dann muss er mal und will nicht in die Windel machen. „Ja ne, is klar.“ Dann nehme ich ihn mit zur Toilette und siehe da, er macht sein Geschäft. Das klappt in 8 von 10 Fällen. In den anderen zwei Fällen haben wir es nicht rechtzeitig geschafft und die Windeln sind voll. Naja, passiert. Weil uns eine stabile Eltern-Kinder-Bindung wichtig ist, gehen unsere Kinder erst mit 3 Jahren in den Kindergarten. Bei K1 haben Corinna und ich noch abwechselnd gearbeitet, um die Betreuung zu gewährleisten. Bei K2 habe ich lange Elternzeit genommen und gehe zurück in meinen Teilzeit Job, sobald K2 im Kindergarten ist.

Konsum und Luxus

Letztens meinte Corinna, sie könne Frugalistin sein. Also eine Person, die wenig Geld ausgibt und zufrieden ist mit dem, was sie hat. Dem stimme ich absolut zu, denn wir brauchen keine teuren Smartphones, keine smarten Gadgets, keine smarten Watches oder anderen smarten Kram. Das Geld, was wir haben, legen wir lieber in nachhaltige Projekte an oder geben es für Lebensmittel aus. Wenn dann doch mal etwas repariert werden muss, bezahlen wir lieber einen lokalen Handwerker und kaufen die Produkte regional und nachhaltig. Auch wenn es seinen Preis hat.

Unsere Klamotten und auch Dinge des Lebens kaufen wir gebraucht. Wenn uns etwas nicht mehr passt, verkaufen wir es wieder auf dem Gebrauchtmarkt. Autos sind für uns Gebrauchsgegenstände und den großen Luxus VW T4 California verkaufen wir nach 5 Jahren Nutzung wieder.

Und sonst

Ach, es gibt noch so viele Dinge, die wir nicht tun und die uns von Freunden und der Familie unterscheiden. Wir verzichten auf materielle Geschenke und verschenken lieber Qualitätszeit. Wir stellen unsere Kinder nicht mit Smartphone oder Fernseher ruhig und auch Computerspiele gibt es bei uns nicht. Wasser kommt aus der Leitung und Filterkaffee in die Tasse; der fair trade öko nachhaltige natürlich. Unseren Strom beziehen wir von einem Windanlagen-Bauern aus Niedersachsen.

Wir setzen die Familie in den Mittelpunkt und alles, ja A L L E S ordnet sich drum herum. Corinna arbeitet 30 Stunden und ich 20 Stunden. Wobei ich jetzt in Elternzeit bin und mich um den Haushalt und die Kinder kümmere. Wir gehen zu Fuß zur Arbeit und sind in 5 Minuten im Büro. Lieber wohnen wir zur Miete, als dass wir uns ein Eigenheim leisten. Wir wählen progressive Parteien, um eine starke Opposition zu haben. Mit der Kirche haben wir nichts am Hut und wir bezeichnen uns als Agnostiker. Entsprechend sind wir aus der Kirche ausgetreten und unsere Kinder auch nicht getauft. Ja, wir sind verheiratet, haben aber nur standesamtlich in ganz kleinem Rahmen gefeiert. Unsere Flitterwoche haben wir in Dänemark verbracht. Im November. Bei Sturm und Regen. Es war kalt. Wir haben es uns schön warm gemacht.

Wie du siehst, machen wir vieles anders. Wir sind auf unserem Pfad unterwegs und wollen noch mehr verändern und konsequenter werden. Viele können mit Veganismus nichts anfangen und verdrehen die Augen. Andere können es sich nicht vorstellen, mit Stoff zu wickeln oder als Hausmann zu arbeiten. Karriere und Geld verdienen ist in unserer Gesellschaft immer noch männlich geprägt. Leider. So oder so, wir fühlen uns auf diesem Weg richtig wohl und sind glücklich, in eine gemeinsame Richtung zu gehen.

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Vielleicht bist du auch gerade auf dem Weg und möchtest etwas verändern. Oder du befindest dich schon auf deinem Pfad bist aktiver Gestalter deines Lebens. Dann freue ich mich auf deinen Kommentar!

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Wir brauchen einen verpflichtenden Mutterschutz für Väter

Wir brauchen einen verpflichtenden Mutterschutz für Väter

Mit der Geburt meines Sohnes vor einem Jahr habe ich wieder Elternzeit genommen. Zwar nur einen Monat, wie es die meisten Väter tun, aber meine Frau hatte ja zwei Monate Mutterschutz und sollte eh erst in neun Monaten zurück in den Job kehren. Danach würde ich in Elternzeit gehen. Also alles easy peasy? Denkste!

Mit einem kleinen Baby und einem großen Kind ändert sich das Familienleben noch mal stark. Die Bedürfnisse der großen Schwester rücken an zweite Stelle, denn das Baby will versorgt werden. Obwohl wir die Geburt des Brüderchen lange vorbereitet haben, gab es Widerstände. Klar. Hinzu kommt die beginnende Autonomie-Phase der Großen, die eh schon ein sehr gefühlsstarkes Kind ist.

Meine Frau und ich arbeiten beide in Teilzeit. Die gesamte Lohnarbeit zusammen liegt bei 50 Stunden, 30 sie und 20 ich. Es ist also immer jemand bei den Kindern, denn einer arbeitet vormittags, der andere nachmittags. Trotzdem haben auch wir große und kleine Schwierigkeiten im Familienalltag gehabt und fragen uns ständig: „Wie machen das die anderen Familien?“ und geht es nicht auch ander? 

Andere Familien schaffen das doch auch, oder?

Einem Monat nach der Geburt von K2 bin ich also wieder zurück in den Job gegangen. Vormittags war meine Frau nun mit einem Kleinkind, einem Baby und dem Haushalt alleine. Oma und Opa unterstützen uns wie selbstverständlich und sobald ich gegen 12 Uhr nach Hause kam, habe ich meinen Anteil am Familienleben übernommen. Aber was mit einem Kind noch alles einfach machbar war, gestaltete sich mit zwei Kindern schwieriger.

Die große Schwester buhlte um Aufmerksamkeit und hatte Sorge, dass ihre Bedürfnisse nicht mehr gesehen werden. Wurden sie, aber sie konnten nicht sofort befriedigt werden. Sei es spazieren gehen, auf dem Spielplatz spielen, vorlesen oder gemeinsam Essen. Alles dauert auf einmal länger, weil das Baby da war. Außerdem mussten sie jetzt leiser spielen, wenn der Kleine schläft. In die Kita ist sie erst ein Jahr später gegangen, mit 3,5 Jahren. Das war uns wichtig.

Sobald ich zu Hause war und unterstützen konnte, lief es problemloser. Wenn ich jedoch auf der Arbeit war, war es anstrengend für Corinna. Sie hat sich dann oft mit dem Baby zurückgezogen und sich schlafen gelegt. Kräfte tanken für die Zeit, in der ich nicht da sein werde. Abends haben wir uns dann hingesetzt und über die Situation gesprochen. Wieso fällt es uns so schwer und wie machen das andere Familien?

Rechte sind keine Privilegien

Im Film „We Want Sex“ kämpfen britische Frauen in den Ford-Werken für gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit. Während einer Auseinandersetzung mit ihrem Ehemann ruft die Protagonistin ihm zu: „Rechte sind keine Privilegien“. Ich denke, dieser Satz bringt die Misere der Gleichberechtigung auf den Punkt. Wir stecken immer noch in einem alten Rollenbild fest, in dem die Frau die Kinder betreut und der Mann arbeiten geht.

Dass ich meine Aufgaben als Vater, Mann und Partner in der Familie übernehme, ist (m)eine Selbstverständlichkeit. Wir leben das Modell 50:50 nicht nur auf dem Papier, sondern teilen uns die Aufgaben auf. Dazu gehören sowohl die Care-Arbeit als auch die Denkarbeit. Zudem haben wir Zuständigkeiten geregelt, die den Alltag noch mehr entlasten. Das fiel nicht vom Himmel sondern hat sich mit der Zeit ergeben.

Meine Frau ist nicht privilegiert, weil ich ein aktiver Mann, Vater und Hausmann bin. Es ist nur gerecht, dass ich mich gleichberechtigt beteilige. Und das tue ich nicht, weil meine Frau 10 Stunden mehr arbeitet als ich, sondern weil es mein und unser verdammtes Recht ist! Corinna muss nicht dankbar sein und wir müssen uns auch nicht mit anderen vergleichen á la „ich hätte auch einen anderen Mann haben können, danke!“ Ja, ich hätte aber auch eine andere Frau haben können. Habe ich aber nicht, weil ich immer für eine gleichberechtigte Partnerschaft eingestanden bin. Anderes habe ich nie akzeptiert. 

Das Familien-System verändert sich

Natürlich bin ich mit diesem Denken nicht auf die Welt gekommen. Natürlich hat mich die Sozialisation geprägt und ja, erst mein Studium und das Leben mit meiner Frau haben mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Dank der ersten Elternzeit habe ich erkannt, wie schädlich die Lohnarbeit für ein Familienleben und die Partnerschaft sein kann. Wie viel Familienzeit und Bindung zu meinem Kind mir verloren geht. Damals habe ich viel am Wochenende und abends gearbeitet.

Mit der Erfahrung der zweiten Schwangerschaft und Geburt habe ich erkannt, wie wichtig der Support des Vaters für die Mutter und für die ganze Familie ist. Jetzt stell dir vor, der Mann geht einen Monat nach der Geburt von K2 oder K3 wieder in Vollzeit arbeiten?! Im Bekannten- und Freundeskreis, die keine engen sozialen Kontakte oder Familie im nahen Umfeld haben, bekomme ich es täglich mit. Die Mutter organisiert, kümmert, begleitet, erzieht und macht einfach alles mit den Kindern und den Haushalt. Dabei hat sie keine Zeit für sich selber. Sie ist mit dem Mental Load alleine.

Während der Mann also auf der Arbeit die Welt rettet, abends nach Hause kommt und mit den Kindern noch eine oder zwei Stunden spielt, räumt die Mutter auf und kann vielleicht mal in Ruhe duschen oder auf die Toilette. Oder sich um das Neugeborene kümmern. Die Geburt des zweiten Kindes ist für das „System Familie“ eine starke Veränderung, in der viel in Bewegung kommt. Rollen verteilen sich neu und Beziehungen ordnen sich anders. Der Vater ist Teil dieses Systems und seine Präsens (oder Abwesenheit) hat entscheidenden Einfluss auf das Gelingen der Familienordnung.

6 plus 8 Wochen Vaterschutz

Damit alle Familienmitglieder Zeit finden, sich ihren Platz zu suchen, sich darin einzurichten und in eine gegenseitige Beziehung zu gehen, braucht es Zeit. Diese Zeit räumt der Gesetzgeber der Mutter ein, indem er ihr 8 Wochen Mutterschutz gewährt.

Es braucht allerdings auch für den Vater eine Schutzzeit für die Familie, damit die System-Veränderung gelingen kann. Es braucht einen Vaterschutz, der ebenfalls 8 Wochen dauert und in dem der Mann Elterngeld beziehen muss. Gleichzeitig muss es weitere Anreize für Väter geben, hinterher in Teilzeit gehen zu dürfen. Hier sind vor allem strukturelle Veränderungen gemeint. Zum Beispiel könnte der Staat für den Ausfall des Vaters für mindestens 6 Monate den Lohn zahlen oder einen Ersatz finanzieren.

Große Unternehmen haben sich bereits auf den Weg gemacht und zahlen Vätern volles Gehalt während ihrer Elternzeit. Aus der Politik kommt im Moment herzlich wenig, denn der Ausbau von Kita Plätzen ist wichtiger, als Anreizmodelle für Väter, in Elternzeit zu gehen. Das wird leider auf dem Rücken der Kinder ausgetragen, die viel zu früh in die Fremdbetreuung gegegeben werden. Stattdessen sollten Väter ihre Arbeitszeit reduzieren können, um ihren Anteil an Familienarbeit zu leisten.

Männer, nehmt lange Elternzeit!

Vielleicht muss es kein Mutterschutz für Väter sein. Es darf auch Vaterschutz heißen. Oder gleich Elternschutz. Wobei wir bereits die Elternzeit haben und die beiden Schutzzeiten sich aufheben würden. So oder so braucht es eine strukturelle Veränderung und 8 Wochen verpflichtende Schutzzeit für die Familie. Jeder Mann kann sein individuelles Verhalten verändern, doch sobald er an strukturelle Grenzen stößt, wird auch er diskriminiert!

Seit Mai 2019 bin ich für 2,5 Jahre in Elternzeit und genieße die Zeit sehr, auch wenn sie immer wieder richtig anstrengend sein kann. Unsere Große ist seit August 2019 in der Kita und unser Kleiner aus dem Baby-Alter raus. Meine Frau arbeitet wieder in Teilzeit und mir ist es wichtig, meine Erfahrungen weiterzugeben. Und wer weiß, vielleicht erreiche ich ja genau dich damit! Nimm Elternzeit, reduziere deine Arbeitszeit und werde ein aktiver und sichtbarer Vater!

Es lohnt sich!

3 Schritte wie die Aufteilung von Mental Load besser gelingen kann

3 Schritte wie die Aufteilung von Mental Load besser gelingen kann

Sicherlich hast du schon mitbekommen, dass wir unser Familienmodell mal wieder verändert haben. Seit Mai 2019 bin ich als Vater und Ehemann der Manager zu Hause, sprich: ich habe Elternzeit bis 09/2021. Meine Frau geht wieder für 30 Stunden pro Woche arbeiten und unsere Große in den Kindergarten. Ich bin mehr als zuvor zuständig für Essen kochen, Einkaufen, den Kleinen begleiten, den Haushalt schmeißen und allerlei Kleinkram, an den gedacht werden muss.

Vor einiger Zeit hatten meine Frau und ich aber Streit über die Aufgabenverteilung im Alltag – ja, auch im Paradies hängen mal die Bilder schief. Ich wurde sauer, weil meine Frau mich an meine Zuständigkeit erinnert hat. Das Thema Mental Load, also die Gefühls- und Sorgearbeit im Alltag, beschäftigt und triggert mich zurzeit sehr, weshalb ich schon bei bestimmten Wörtern oder Fragen genervt reagiere. Vertraut sie mir nicht? Glaubt sie, dass ich meine Aufgaben nicht erledige? Werde ich kontrolliert?

Mental Load führt zu Streit

Anfangs fiel es mir noch schwer die neue Rolle als Hausmann und Familienmanager anzunehmen und den Rollenwechsel auch zu leben. Meine Frau war schließlich die letzten anderthalb Jahre zu Hause. Überhaupt möchte ich nicht ihren Platz einnehmen, sondern vielmehr meine Anteile an der Care-Arbeit erhöhen, während sie ihre Anteile reduziert. Gleichwohl wollte ich ALLES machen und alles RICHTIG machen. Natürlich ist das ein überhöhter Anspruch an mich selbst und kein wertschätzendes Verhalten meiner Frau gegenüber. Trotzdem waren wir beide mega happy über die neue Rollenverteilung.

Wir setzen uns jeden Abend für mindestens eine halbe Stunde zusammen und besprechen den Tag, die kommende Woche und überhaupt unser Leben. Das machen wir, seitdem wir zusammenleben. Wegweisende Entscheidungen werden abends auf der Couch getroffen. An einem dieser Abende spiegelt meine Frau mir mein Verhalten und sagt, dass ich gereizt auf Fragen reagiere und keine gute Laune hätte, Dinge falsch verstehe. Im weiteren Verlauf entwickelt sich ein Streit über Zuständigkeiten und das scheinbar gleichberechtigte und faire Familienmodell. Wir fühlen uns nicht verstanden, reden aneinander vorbei und gehen uns genervt aus dem Weg.

Bisher hatten wir die gesamte Arbeit im Haushalt und mit den Kindern frei verteilt. Wir wollten keine Aufteilung und wollten den Alltag lieber „nach Gefühl“ schmeißen. Aufgaben, Erinnerungen, Termine und Ereignisse haben wir uns geteilt. Und wenn jemandem etwas aufgefallen ist, dann wurde es ohne zu hinterfragen erledigt. Krümel hier, Wäsche dort, Spielzeug da? Wegräumen und gut ist die Laube. Nach einer gewissen Zeit aber ging es meiner Frau auf die Nerven, dass die Krümel vom Frühstück immer auf dem Tisch lagen und mir gefiel es nicht, dass die Socken jedes Mal zerknüddelt in der Wäschetonne landen. Ich falte die Stoffwindeln falsch und meine Frau lässt ständig alle Türen offen stehen – im Winter!

Schritt 1 – Zwiegespräch führen und Verständnis zeigen

Da war sie also, die Situation die wir nie haben wollten. Vergleiche über den Mental Load. Wer hat mehr Anteile, wer hat weniger? Sie stillt den Kleinen nachts, dafür stehe ich um 2 Uhr auf und trage ihn eine Stunde durch die Wohnung in den Schlaf. Ich könnte ja auch schlafen, wenn der Kleine im Vormittag schläft. Sie hat gut reden, Arbeiten ist eine Auszeit vom Familienalltag und kann selbstbestimmter gestaltet werden. Puh… solche Diskussionen kosten Kraft, tuen weh und führen zu nichts, außer schlechter Laune.

Wir rieben uns an weiteren Kleinigkeiten und scheinbaren Selbstverständlichkeiten auf. Dabei hatten wir große Erwartungen an unser scheinbar gleichberechtigtes 50:50 Modell. Nur leider hatte es ein gravierendes Problem: es fehlte an klaren Zuständigkeiten. Natürlich ist es anstrengend, dass sie stillt! Aber ich kann es nicht. Dafür fühle ich mich zuständig den Kleinen nachts in den Schlaf zu tragen. Über diesen Gedanken haben wir gesprochen. Abends auf der Couch. Sind uns verständnisvoll und ehrlich begegnet und haben eine andere Perspektive eingenommen. Wir legen Zuständigkeiten fest! In einem Zwiegespräch!

Ein Zwiegespräch dauert insgesamt eine Stunde, jeder hat dreimal zehn Minuten Redezeit. Und es redet nur einer, während der andere konzentriert zuhören muss. Der 2002 verstorbene Paartherapeut Michael Lukas Moeller hat diese Methode entwickelt und sagt, dass sich Paare dafür etwa einmal die Woche Zeit nehmen sollten, damit kritische Themen zur Sprache kommen können. Sowohl sich die Zeit zu nehmen als auch 10 Minuten zuzuhören ist gar nicht so einfach und muss geübt werden. Dann aber kommen ganz neue Erkenntnisse und Verständnisse hervor. Wichtig ist, dass wirklich die 10 Minuten eingehalten werden, auch wenn nichts mehr gesagt wird. Schweigen kann neue Gedanken auslösen, die dann ausgesprochen werden wollen.

Schritt 2 – Liste machen und Zuständigkeiten klären

Auch wenn ich Management in der Sozialen Arbeit studiert habe und jeden Tag mit Listen arbeite, mag ich diese Art der Organisation nicht. Viel lieber arbeite ich nach dem Grundsatz „Spontanität muss sorgfältig geplant werden“. Trotzdem ergibt es durchaus Sinn, sich zu überlegen, welche Aufgaben im Alltag überhaupt anfallen und an welche Dinge den ganzen Tag über gedacht werden muss. Wer fühlt sich zuständig und wer erledigt die Dinge letztendlich? Eine richtig gute Anleitung findet ihr drüben auf dem Blog von Patricia Cammarata aka dasnuf.de

Ok, wir haben keine Liste geschrieben. Wir haben abends immer mal wieder kleinere und größere Aufgaben besprochen und Zuständigkeiten geklärt: Alles rund um den Kindergarten, Kleidung sichten, Absprachen treffen, Termine im Blick behalten und mit den Erzieherinnen sprechen obliegt bei mir. Meine Frau kümmert sich um die Windelwäsche und Kleidung der Kinder, also Stoffwindeln vorbereiten, aussortieren, Außenwindeln mit Einlagen befüllen, Kleidung aussortieren und neue Kleidung besorgen. Das sind nur zwei von einigen weiteren Bereichen, die wir aufgeteilt haben.

Dass diese Aufteilung der Zuständigkeiten nicht immer gelingt, zeigen die irritierten Blicke, wenn ich doch mal versuche zum Beispiel die Windelwäsche zu falten. Dann greife ich in den Zuständigkeitsbereich meiner Frau ein und halte mich nicht an die Absprache. Gut gemeint ist dann nicht immer gut gemacht. Lieber lasse ich es und kümmere mich um meine Zuständigkeiten, was mir ehrlich gesagt nicht immer leicht fällt. Aber meine Frau hat das Windel-System perfektioniert und ist darin Expertin. Gleiches gilt für meine Abläufe in der Kita, in der Küche, beim Putzen der Wohnung und begleiten der Kinder im Alltag. Alles hat seinen Platz, einen Ablauf und alles seine/meine Ordnung.

Schritt 3 – Verantwortung übernehmen

Margit Stamm stellt in ihrem Buch »Neue Väter brauchen neue Mütter« die neuen Herausforderungen von heutigen Vätern in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang und zeigt, dass neue Väter nur Verantwortung übernehmen können, wenn die Mütter loslassen. Da wo die Väter in die tradierten Rollenbilder hineindrängen, müssen Frauen also auch Anteile abgeben. Väter wollen mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen und auch mehr Mental Load, also Gefühlsarbeit und Sorgearbeit in der Familie übernehmen. Sie wollen es eigenverantwortlich machen und nicht den Auftrag der Frau erhalten. Also nicht „denkst du daran, die Windelwäsche zu machen“ oder „denkst du daran, noch einzukaufen“. Frauen müssen lernen einen Teil ihrer Verantwortung abzugeben und Männer müssen lernen, ihre Zuständigkeiten auch verantwortungsvoll und gewissenhaft ausführen. Dass Männer dabei an ihre Erfahrungsgrenzen stoßen und ihren Lernraum erweitern – keine Frage. Dass sie auf Anhieb nicht alles richtig machen – auch das leuchtet ein. Hier braucht es gegenseitiges Vertrauen und vielleicht eine Prise Leichtigkeit.

Papa in Elternzeit und Mama im Job – Wie der Rollentausch uns geholfen hat, die Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse des Partners besser zu verstehen

Papa in Elternzeit und Mama im Job – Wie der Rollentausch uns geholfen hat, die Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse des Partners besser zu verstehen

Seit Juli ist meine Frau zurück im Job und ich bin als Hausmann bei den beiden Kindern. Wir haben die Rollen getauscht, denn zuvor war meine Frau anderthalb Jahre zu Hause und ich im Teilzeitjob. Dass wir in unseren neuen Rollen angekommen sind, merken wir vor allem an unserer Kommunikation. Mir sind Dinge viel wichtiger geworden, die zuvor meiner Frau wichtiger waren. Gleichzeitig haben wir ein tieferes Verständnis für den jeweils anderen.

Dieser Beitrag soll kein Vergleich sein, wer was besser macht oder wer mehr Schlaf verdient, weil eines der Kinder die Nacht zum Tag macht. Es geht mir vielmehr um die Erkenntnisse, die ich durch den Rollenwechsel vom Job hin zum Hausmann gewonnen habe. Vor 3 Jahren habe ich noch mehr als 40 Stunden pro Woche gearbeitet und war unglücklich im Job. Jetzt bin ich Hausmann und habe seitdem viel gelernt. Nie hätte ich gedacht, dass mich dieser Wandel so nachhaltig prägt und mich die Aufgaben so tief erfüllen.

Der Tag beginnt

Morgens stehen wir gemeinsam gegen 6:30 Uhr auf und starten in den Tag. Ich bereite mit den beiden Kindern das Frühstück vor, ziehe sie an und begleite die beiden auf’s Töpfchen bzw. wechsle die Stoffwindel beim Kleinen. Meine Frau bereitet sich auf die Arbeit vor, frühstückt und packt ihre Lunch Box. Unsere Aufgaben sind klar verteilt, der Tag beginnt routiniert. Meist gegen 8.30 Uhr verlasse ich mit den Kindern die Wohnung und wir machen uns mit dem Bollerwagen auf den Weg zum Kindergarten. Da ist meine Frau schon seit einer dreiviertel Stunde auf der Arbeit.

Auf dem Rückweg vom Kindergarten gehe ich einkaufen für den alltäglichen Bedarf. Die Zeit bis zum ersten Schlaf vom Kleinen muss schließlich genutzt werden. Zurück in der Wohnung lege ich ihn für anderthalb Stunden ins Bett. Durchatmen. Nun ist Zeit für den Haushalt: Putzen, Aufräumen, und Wäschewaschen. Anschließend nehme ich mir mindestens eine halbe Stunde Zeit für meinen Blog, sowie für E-Mails und um Freunden zu schreiben.

Vormittagsprogramm

Der Kleine wird wach und mein Kopf brummt jetzt schon. Natürlich habe ich nicht alles geschafft, was ich mir vorgenommen hatte. Wir spielen jetzt erst einmal für etwa eine Stunde im Wohnzimmer und schaffen Unordnung. Überall liegt wieder Spielzeug, das ich vorher weggeräumt hatte. Erfahrene Eltern werden bestimmt die Augen rollen. Mir ist es aber wichtig, eine ruhige und aufgeräumte Atmosphäre in der kinderfreien Zeit zu haben. Es gibt einen Müsli-, Obst- oder Gemüse-Snack und die Stoffwindel muss wieder gewechselt werden.

Wenn die Exklusivzeit es zulässt, geht es danach in die Küche an den Herd. Zusammen mit dem fast einjährigen Kind schäle ich Kartoffeln, Möhren und bereite das Mittagessen vor. Es ist kein Muss sondern ein Bonbon. Manchmal schaffe ich es sogar, für zwei Tage vorzukochen und die Reste einzufrieren. Oft jongliere ich mir Kind und Kelle, um überhaupt etwas leckeres zu zaubern: Nudeln mit roter Soße gehen immer. Ihr kennt das.

Mittagsprogramm

Corinna kommt gegen 14 Uhr und wird sofort gefordert. Der Kleine will an die Brust und freut sich schon sehr auf seine Mama. Wir essen gemeinsam und spielen mit dem Kleinen. Dabei quatschen wir kurz über die Arbeit  und was der Tag noch zu bieten hat. Meine Frau macht sich mit dem Rad auf zum Kindergarten, während ich aufräume und für Ordnung sorge. Sobald die Familie wieder zusammen ist, gehen wir raus auf den Spielplatz oder spazieren. Bei schlechtem Wetter treffen wir uns mit Freunden im Haus und spielen dort.

Abendprogramm

Unser Abendprogramm beginnt schon um 18 Uhr. Jeden Tag, auch am Wochenende. Routine ist nicht nur für unsere Kinder wichtig und gibt mir auch eine feste Struktur. Wir essen gemeinsam, lesen Bücher, hören Hörbuch und spielen im Wohnzimmer. Um 19 Uhr werden die Zähne geputzt und die Kinder verteilt. Die Große wünscht sich in letzter Zeit von Mama ins Bett gebracht zu werden, ich begleite den Kleinen in den Schlaf. Vor der Brust und mit der Bluetooth Box mit Ventilator-Geräusche am Ohr schläft er schnell ein. Um 20:30 Uhr treffen sich ein müder Papa und eine müde Mama im Wohnzimmer und starten das Abendprogramm. Aufräumen, Wäsche aufhängen, den nächsten Tag besprechen, Aufgaben verteilen. Hin und wieder starten wir einen Film, für den wir meist drei Abende brauchen, um ihn ganz zu sehen. Einer von uns schläft immer ein.

Nachtprogramm

Gegen 22 Uhr meldet sich der Kleine im Zwei-Stunden-Takt und Corinna legt sich zu ihm ins Familienbett. Sie ist dann schon fertig für die Nacht. Meist nehme ich mir noch ein, zwei Stunden mehr „raus“ und schaue Youtube, schreibe Blog oder lese. Diese zwei Stunden sind mir so wichtig geworden, weil ich das Gefühl habe, endlich Zeit für mich zu haben, ohne an die Bedürfnisse anderer zu denken. Nachts holt mich der Egoismus wieder ein. Dann nämlich, wenn ich mit dem Kleinen um 2 Uhr und um 5 Uhr vorm Bauch durch die Wohnung laufe, um ihn wieder in den Schlaf zu begleiten. Schließlich wird er keine anderthalb Stunden später wieder wach und der Tag beginnt von vorn.

„Der Rollenwechsel hat uns geholfen, die Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse des Partners besser zu verstehen.“

Gemeinsamer Perspektivwechsel

Ich durchlebe einen Perspektivwechsel und hätte nicht gedacht, dass mich die Rolle als Hausmann und Care-Daddy so fordern würde. Körperlich wie mental. Zwar habe ich schon vorher in Teilzeit gearbeitet und wusste, was mich erwarten würde. Doch ist es etwas anderes, nicht als Angestellter arbeiten zu gehen und stattdessen als Care Daddy zu Hause zu sein. In mir reift ein tiefes Verständnis über die erlebten Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse meiner Frau, die sie während ihrer Elternzeit immer wieder geäußert hatte. Gleichzeitig hat sie ein viel besseres Verständnis von meiner Situation, als ich noch arbeiten war. Wir können es jetzt erst wirklich begreifen, weil wir es selber erleben und erfahren.

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Mental Load: Alles im Blick behalten

Seitdem ich Hausmann bin, fallen mir viel mehr Dinge auf, die erledigt werden müssen. Hinzu kommt, dass es mir sehr wichtig geworden ist, diese Dinge dann auch zu erledigen. Egal ob Wäsche sortieren, eine aufgeräumte Wohnung (vor allem eine saubere Küche und ein sauberes Badezimmer), ein voller Kühlschrank, ein leerer Mülleimer oder wichtige Termine der Kinder. Mir ist es wichtig und ich bestehe auf klare Absprachen und Umsetzung.

LEARNING: Auf der Arbeit habe ich mir wenig Gedanken über diese Dinge gemacht, sie waren nicht sichtbar. Erst die tägliche Notwendigkeit und Routine machen die Arbeit sichtbar. Mit jedem Tag werde ich kompetenter und beständiger in der Umsetzung. Weder Corinna noch ich denken aber, dass der jeweils andere vor dem Rollentausch mehr Mental Load hatte. Nur die Verteilung der Aufgaben ist jetzt anders.

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Absprachen und Ungeduld

Um 14 Uhr erwarte ich Corinna, wie abgesprochen, zum Mittagessen. Sollte etwas dazwischen kommen, meldet sie sich. In den ersten Tagen hat sie pünktlich das Haus verlassen und war auch rechtzeitig zum Mittag zu Hause. Doch je länger sie wieder im Job ist, desto ungenauer sind die Zeiten, in denen sie heim kommt. Eine Teambesprechung hier, schwierige Patientenfälle da. Dokumentation dauert auch mal länger. Absolut verständlich, kenne ich schließlich auch. Ab 14 Uhr werde ich trotzdem nervös, denn mir ist auf einmal wichtig, gemeinsam pünktlich zu essen. Im Idealfall ist das Essen noch heiß. Außerdem möchte ich rechtzeitig informiert werden, damit ich eventuell später das Essen fertig habe.

LEARNING: Als ich noch arbeiten war, ist es mir auch nicht immer gelungen, pünktlich um 12 Uhr Feierabend zu machen. Emotional belastende Gespräche lassen sich nicht abrupt beenden mit dem Hinweis, dass ich jetzt nach Hause gehe und zu Mittag esse. Gleichzeitig nahm ich immer einen Vorwurf wahr, mich nicht an Absprachen zu halten. Es ist einfach nicht möglich – weder für Corinna, noch für mich. Wir erkennen die Situation als gegeben an. Corinna versteht jetzt viel besser meine damalige Situation und ich viel besser ihre.

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Akkus sind schneller leer

Meine Toleranzgrenze bezogen auf Lärm und Geschrei ist derbe gesunken. Hochsensible Menschen haben es eh schon schwer, ihre leeren Akkus über Nacht aufzuladen. Meine Akkus starten morgens bei nur 75% und sind im Mittag schon fast leer. Zum Glück weiß Corinna das und hält mir in solchen Momenten den Rücken zum „aufladen“ frei. Dann ziehe ich mich zurück und habe anschließend wieder Energie für weitere Aktivitäten mit der Familie und im Haushalt.

LEARNING: Auf der Arbeit bin ich weniger fremdbestimmt, als durch die Bedürfnisse meiner Familie zu Hause. Pausen kann ich flexibler gestalten und auch mal über belangloses Reden. Zu Hause geht das mit den Kindern nicht. Das kostet Energie und Nerven. Ich kann verstehen, dass Corinna Zeit für sich eingefordert hatte, als ich noch arbeiten war. Das habe ich zwar immer schon verstanden, erlebe es nur jetzt am eigenen Leib.

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Experte sein

Obwohl ich als Vater bisher nur in Teilzeit gearbeitet hatte, sah ich mich trotzdem immer als einen engagierten und kompetenten Vater. Aber erst seitdem ich als Hausmann „arbeite“, bin ich wirklich ein kompetenter und aktiver Vater. Egal ob morgens beim fertig machen, bei der Vorsorgeuntersuchung, im Verstehen der Bedürfnisse und Wünsche meiner Kinder, beim Trösten und Spielen oder beim zu Bett gehen: ich bin Experte! Das liegt vor allem an der gesamten Tageszeit, die ich mit den Kindern verbringe.

LEARNING: Auf der Arbeit habe ich den Vormittag mit den Kindern verpasst. Ich wusste nicht, wie ihr Einstieg in den Tag war und was sie beschäftigt hat. Das über den Nachmittag herauszufinden, war kaum möglich. Indem ich sie von morgens bis abends begleite, bin ich immer an ihrer Seite. Ich begleite sie emotional durch Höhen und Tiefen des Tages, tröste sie bei Schmerzen und freue mich mit ihnen.

„Care Arbeit gibt mir viel mehr Selbstvertrauen und Selbstsicherheit, als es Lohnarbeit jemals getan hat.“

Überholspur Care-Arbeit

Ich kenne jetzt also die verschiedenen Modelle mit ihren Konsequenzen:

1. Vollzeit Job mit 40 Stunden Lohnarbeit und ich sehe meine Kinder kaum
2. Teilzeit Job mit 20 Stunden Lohnarbeit und ich fühle mich meinen Kindern gegenüber kompetent
3. Vollzeit Hausmann in Elternzeit mit Experten Status 

Willkommen im Mindfuck! Niemals hätte ich gedacht, dass mein Lebenskonzept so auf den Kopf gestellt wird. Im positiven natürlich. Bisher wurde ich nicht enttäuscht, auch weil der „Übergang vom Vollzeit Job“ kontinuierlich verlief und irgendwie geplant war und doch irgendwie alles zufällig passierte. Es fühlt sich gut an. Der Rollentausch hebt nicht nur die Beziehung zu meiner Frau auf eine neue Ebene, sondern auch die Beziehung zu meinen Kindern. Sie nehmen mich als präsenten und zuverlässigen Vater wahr, der genau so für sie da sein kann, wie es die Mama war und ist.

Welcher Mann hat sich in deiner Kindheit um dich gekümmert?

Welcher Mann hat sich in deiner Kindheit um dich gekümmert?

Vor einigen Jahren habe ich in Hamburg ein Männerseminar besucht. Es ging in erster Linie um Stressprävention und hat mich in anderer Weise nachhaltig geprägt. Als Partner, als Vater und als Mensch.

Damals kam ich gerade aus einer unglücklichen Beziehung und war noch dabei, alles aufzuarbeiten. Den Streit, warum ich mich getrennt hatte und was das alles mit meiner Vergangenheit zu tun hatte. Das Seminar tat mir richtig gut. Es war eine Überprüfung meiner Werte, meiner Haltung und Sichtweise auf mein bisheriges und auf mein zukünftiges Leben. Jederzeit würde ich das Seminar wieder besuchen, obschon ich nun selber solche Seminare gebe. Ich weiß um die reinigende Kraft von selbsterfahrenden Männer-Seminaren. Als Ivo drüben auf Instagram vor einiger Zeit eine interessante Frage stellte, kamen die Erinnerungen an das Seminar wieder hoch. Es ging um Vorbilder.

Welcher Mann hat sich in deiner Kindheit um dich gekümmert?

Diese einfache Frage lies mich lange nachdenken. Mein Vater war es nicht, oder doch? Er müsste es eigentlich gewesen sein. War er denn in meiner Kindheit da? War er präsent? Nicht so wirklich. War er denn ein aktiver Vater? Hat er sich eigentlich für mich interessiert? Oder galt seine Aufmerksamkeit dem traditionellen Rollenbild und der patriarchalischen Lebensweise? Ich denke letzteres war der Fall. Die Eltern meiner Ex-Freundin sagten mal beim Essen, dass es ihnen leid tue, aber mein Vater sei ein richtiges Arschloch. Kann so jemand ein Vorbild sein?

Der eigene Vater als Vorbild

Jedes Kind braucht Vorbilder. Dies sind in erster Linie die Eltern oder die primären Bezugspersonen. Im traditionellen Rollenbild sind das Vater und Mutter. Da ich in einem solchem Modell aufgewachsen bin, kann ich nur aus dieser Sichtweise berichten. Trotzdem sehe ich meinem Vater nicht als Vorbild. Vielmehr hatte ich in meiner Kindheit und Jugend viele andere Vorbilder, denen ich nachgeeifert hatte. Mein Vater spielte in dem Team nur eine untergeordnete Rolle, denn ich war emotional abhängig von ihm.

Meine gesamte Kindheit war weiblich geprägt. Zeitlebens war meine Mutter Hausfrau und hat sich um mich und später um meine drei Geschwister gekümmert. Mit vier Jahren kam ich in den Kindergarten und wurde zusammen mit vielen anderen Kindern von Erzieherinnen betreut. Mit sechs Jahren wechselte ich auf die Grundschule und wurde von Lehrerinnen unterrichtet. Erst in der weiterführenden Schule hatte ich einen Klassenlehrer und verschiedene Fachlehrer. Es hat sich kein Mann in meiner Kindheit um mich gekümmert, obwohl es einen Vater gehabt hätte. Meine Sozialisation war weiblich.

Der passive Vater

Mein Vater war selbständig, arbeitete bis spät in die Nacht und war viel unterwegs. Vor ein paar Jahren sagte er mal, dass er nach der Geburt meiner zwei Jahre jüngeren Schwester Burnout gehabt hätte und kürzer treten musste. Tat er aber nicht. Auch erinnere ich mich an einen Bandscheibenvorfall mit anschließendem Krankenhausaufenthalt. Er hätte wieder kürzer treten müssen. Tat er aber nicht. Als wir ihn im Krankenhaus besuchten, saß er zwischen Akten und Laptop und arbeitet. Später, als ich etwa 10 Jahre alt war, richtete er sich zu Hause ein Büro ein, um nicht mehr so viel unterwegs zu sein.

Seit dieser Zeit habe ich meinen Vater zwar häufiger gesehen, aber viel hat er mit uns nicht gemacht. In Erinnerung blieb er nur, weil er zum Mittag- und Abendessen am Tisch saß oder wenn er wütend und verärgert ins Wohnzimmer kam und sich über die Lautstärke beim Spielen beschwerte. An den Wochenenden haben wir hin und wieder eine einstündige Fahrradtour durch die Bauernschaften gemacht. Mein Vater fuhr vor und wir kamen nicht hinterher. Er war da, aber präsent war er nicht. Doch halt. Immer wenn er von einer Geschäftsreise zurück kam, hatte er Spielzeug für uns dabei. Yay!

Es hat uns finanziell an nichts gefehlt. Es gab jeden Tag eine warme Mahlzeit, wir hatten ein eigenes Haus mit großem Garten und zwei Autos. Wir hatten sehr früh für jedes Kind einen Computer und einmal im Jahr kam mein Vater mit einer großen Tasche Disketten aus den USA von einer Computer-Messe zurück. Die neusten Spiele und Programme. Auch durfte ich verschiedene Sportarten in unterschiedlichen Vereinen ausprobieren. So habe ich lange Volleyball und Fußball gespielt und war einige Zeit Leistungsschwimmer. Mit 14 Jahren durfte ich Segelfliegen lernen und musste erst ab 18 Jahren die Beiträge selber zahlen. Also warum die Grübelei? 

Weil mein Vater einfach nicht präsent war. Weder er noch meine Mutter haben mich bei Wettkämpfen oder Turnieren begleitet oder unterstützt. Sie haben keine Erfolge mit mir gefeiert und auch keine Niederlagen emotional aufgefangen. Bei Hausaufgaben hat nur meine Mutter geholfen und wenn es schlechte Noten gab, musste ich mir von meinem Vater was anhören. Er war immer der Bad Cop. Geholfen hat er mir bei den Hausaufgaben nie. In mir hat sich ein negatives Bild verankert. Schon früh wusste ich, dass ich es einmal anders machen wollte. Nein, nicht nur anders, sondern besser!

Es geht auch anders

Inspiriert und empowert haben mich daher Menschen, die selbstbestimmt und ohne Konventionen leben. Väter, die ihre Kinder liebevoll und fürsorglich in ihrer Entwicklung begleitet haben. Männer, die trotz ihrer Stärke auch schwache Momente haben und von Grund auf ehrlich zu sich und anderen Menschen sind. Wertschätzende Kommunikation, ein Menschenbild, das von einem liebevollen Miteinander ausgeht und Aufrichtigkeit sind vorbildliche Werte, die ich gesucht habe.

Diese Menschen gibt es. Diese Männer gibt es. Diese Väter gibt es. Ich habe sie gesucht, gefunden und mir zum Vorbild gemacht. Sie wissen es nicht, aber ich bin ihnen unendlich dankbar, dass es sie gibt. Sie haben mir den Glauben gegeben, dass es ein wertschätzendes Miteinander geben kann. Sie haben mir Impulse, Kraft und Mut für mein selbstbestimmtes Leben gegeben. Hin und wieder treffe ich den einen oder anderen, gleiche meine Vorstellungen ab und nehme immer ein bisschen Kraft mit nach Hause. 

Niemand ist in seiner Rolle perfekt. Mein Vater konnte es nicht besser. Er wird seine Gründe gehabt haben. Ich will es aber auch, weil es an Männern in der Sozialisation fehlt. Familie, Kindergarten, Grundschule. Ich will meinen Kindern ein gutes Vorbild sein. Ein aktiver und präsenter Vater. Statt finanziellem Wohlstand, Reichtum und ein gutes Auskommen möchte ich ihre Grundbedürfnisse stillen: Liebe, Nähe und Zärtlichkeit. Jungs brauchen genau so viel davon, wie Mädchen. Wir sollten einfühlsam auf unsere Kinder zugehen und ihnen wertschätzend begegnen. Dann müssen sie sich auch keine anderen Vorbilder suchen.

Wie viel Zeit bleibt dir noch für deine Kinder?

Wie viel Zeit bleibt dir noch für deine Kinder?

Weißt du, wie viel Zeit dir noch für deine Kinder bleibt? In Vorbereitung auf meine Seminare für Väter und im Allgemeinen, setze ich immer wieder Methoden ein, die zum Nachdenken anregen sollen. Heute stelle ich dir eine Methode vor, in der es um deine Lebenszeit geht. Bereit?

Alles was du brauchst sind Grundlagen der Mathematik und ein Maßband aus dem schwedischen Möbelhaus oder einem Baumarkt deines Vertrauens. Die sind meistens 100 cm lang. Jeder Zentimeter steht dabei für ein Lebensjahr. Am besten beschreibe ich dir die Methode anhand meines Alters. Ich bin von Jahrgang 1983 und zurzeit 36 Jahre alt. Die Lebenserwartung für Männer von Jahrgang 1983 liegt bei ungefähr 71 Jahren. Neuere Berechnungen gehen von einem höheren Lebensalter aus, ich rechne aber konservativ.

Risikofaktoren beachten

Nun schauen wir uns die Risikofaktoren an, die Einfluss auf unser Alter haben. Rauchen und Alkohol gehören zu den größten Faktoren, die unsere Lebenszeit verkürzen. Ich habe in meinem Leben höchstens 5 Zigaretten geraucht und trinke keinen Alkohol. Früher habe ich hin und wieder Alkohol getrunken, aber nicht regelmäßig und allzuviel. Ich gebe mir selber 2 Jahre Lebensjahre weniger für diese Risikofaktoren.
Danach folgen Fettleibigkeit (Adipositas), Bluthochdruck und Diabetes. Bis auf leichten Bluthochdruck habe ich keinerlei Probleme oder Beschwerden mit diesen Risikofaktoren. Da Bluthochdruck Probleme mit Herz und Hirn verursachen kann, gebe ich auch hierfür 2 Lebensjahre weniger.
An fünfter Stelle folgt Bewegungsmangel. Ja, seitdem ich Kinder habe, mache ich keinen Sport mehr. Ok, wenn man das Tragen der Kinder berücksichtigt, bin ich täglich mehrere Stunden unterwegs. Aber so richtigen Ausdauersport, egal ob im Fitness-Studio oder draußen, betreibe ich nicht mehr. Das sah schon mal anderes aus und ich freue mich schon auf die Zeit, wenn ich wieder Sport machen kann. Ich vergebe mir 1 Lebensjahr weniger für Bewegungsmangel.

Drogen und anderes hartes Zeug

Die Anzahl der Joints, die ich in meinem Leben geraucht habe, sind schon oben beim Rauchen mit berücksichtigt. Mit Drogen meine ich aber viel mehr Speed, Ecstasy/MDMA und anderen Scheiß, die unter das Suchtmittelgesetz fallen. Finger weg! Hier vergebe ich 0 Lebenszeitpunkte weniger. Überlege für dich, inwieweit du zum Beispiel regelmäßig Kokain oder andere Mittel nimmst. Die Dosis macht das Gift und regelmäßig Konsum führt zu Begleiterkrankungen, die dein Leben verkürzen können!
Lebens-Maßband

Hefte raus, Klassenarbeit

Jetzt visualisieren wir das Ganze anhand des Maßbandes. Schneide die Lebensjahre ab, die du schon gelebt hast. Ich mache einen Schnitt bei 36 cm. Uiui… Den Streifen brauchst du nicht mehr, denn das Leben hast du bereits gelebt. Hart, aber wahr. Jetzt mache einen Schnitt bei deinem vermutlichen Höchstalter. Bei mir sind es 71 Jahre. Schnipp, bleibt ein Streifen von 35 cm übrig.
Nur leider müssen jetzt noch die Risikofaktoren angeschnitten werden. Shit. Minus 5 Jahre. Bleiben noch 30 Jahre übrig. OMG, WTF, F*CK. 30 Jahre? Das Maßband ist auf weniger als 1/3 geschrumpft. Damit hätte ich jetzt nicht „gerechnet“. Das Leben soll also noch vor mir liegen?
Kurze Pause, ich muss das mal eben realisieren…

Und jetzt?

Es sagt sich immer so leicht, wie alt wir sind und worauf wir uns freuen im Leben. Oder dass ich sehen möchte, wie meine Kinder groß werden. Aber wenn meine Kinder so alt sind, wie ich jetzt bin, könnte ich schon gar nicht mehr am Leben sein! 30 Jahre sind so schnell vergangen. Vor 30 Jahren war die Wiedervereinigung! Ey, das war quasi gestern!
Diese und andere Übungen habe ich vor Jahren selber in unterschiedlichen Situationen gemacht. Damals wurde mir klar, dass mein Leben endlich ist. Dass ich mein Leben selbstbestimmt in der Hand habe und mich nicht von anderen leiten lassen muss. Mir ist mein Leben am wichtigsten, also gestalte ich es nach meinen Wünschen!

Mit Qualitätszeit füllen

Mein Wunsch ist es, meine Kinder zu begleiten. Sie groß werden zu sehen. Mein Wunsch ist es aber auch, selbstbestimmt zu leben und eine selbsterfüllende und sinnhafte Tätigkeit auszuüben. Gearbeitet habe ich bereits, bis ich Kinder hatte. Jetzt ist Zeit für die Begleitung. Sobald sie aus dem Gröbsten raus sind, kann ich wieder beruflich weitermachen. Oder auch nicht. Meine 30 Jahre möchte ich mit Qualität füllen!
Unterschrift von Heiner
Was ist mit dir? Wo machst du die Schnitte auf deinem Lebensmaßband? Was sind deine Laster, deine Risikofaktoren? Egal, wie viel Zeit dir noch bleibt. Entscheidend ist doch, dass du sie mit dem füllst, was dir wichtig ist!

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