Wie ich den Weg vom traditionellen Rollenbild zum aktiven Vater geschafft habe

Wie ich den Weg vom traditionellen Rollenbild zum aktiven Vater geschafft habe

Vom traditionellen Rollenbild des Vaters und Mannes musste ich mich erst lösen, bevor ich in die neue Rolle des aktiven Vaters schlüpfen konnte. Die Elternzeit ist eine Gelegenheit, sich selber und sein Rollenvorbild zu überdenken. Aber auch hier gibt es immer neue Herausforderungen zu meistern und Wege zu gehen. Dass ich jetzt meine Elternzeit verlängert habe, ist der konsequente Schritt einer langen Entwicklung.

Zum Vatertag wurde ich von Ulrike Schuster von der Bild am Sonntag zu meiner Vaterrolle interviewt. Eigentlich sollte das Gespräch nicht lange dauern, einiges konnten wir bereits vorab per Mail besprechen. Doch nach 1,5 Stunden habe ich das Gespräch abgebrochen, weil die Kinder so langsam ihren Papa wieder zurück haben wollten. Bis dahin habe ich meine Geschichte erzählt und am anderen Ende der Leitung freute sich eine staunende Redakteurin. Die letzte Frage hat mich dann aber doch zum Nachdenken gebracht: „Heiner, was ist die Konsequenz aus der zweiten Elternzeitreise?“ Über vieles mache ich mir Gedanken, aber nicht über Konsequenzen aus der Reise. Wie meinte sie das überhaupt?

Gefangen im traditionellen Rollenbild

Nach der ersten Elternzeit war ich noch weitere vier Monate mit K1 zu Hause, während meine Frau zurück in ihren Teilzeit-Job gegangen ist. Damals war ich froh um diese Auszeit vom Job. Überwerfungen, Enttäuschungen und falsche Erwartungen führten zu Unwohlsein und Rückzug. Gleichzeitig hat mir die Arbeit aber auch Spaß gemacht. Doch beim Gedanken an die Rückkehr in den Job bekam ich Bauchweh und Stresspickel. Im Dezember 2016 konnte meine Frau das Elend nicht mehr weiter ansehen und meinte: „Heiner, es ist ok wenn du kündigst, wir schaffen das auch mit einem Gehalt!

Wir gehen beide arbeiten und bringen ein stabiles Einkommen nach Hause. Monatlich konnte ich etwa 1.000 EUR zur Seite legen, um damit mein BaföG und den Studienkredit zurückzuzahlen. Mehr als 40 Stunden arbeitete ich und hatte viele Überstunden auf meinem Gleitzeitkonto, die ich in Freizeit tauschen konnte. Das war mir immer lieber, als einen Ausgleichsbetrag ausgezahlt zu bekommen. Dennoch tat ich mich schwer, auf Geld zu verzichten. Selbst in Teilzeit mit der halben Stundenzahl würde ich bei schlechter Steuerklasse ca. 1.000 EUR Lohn erhalten. Eine Zäsur in meinem Berufsleben.

„Im Verlauf des gemeinsamen Lebens führen Zäsuren wie die Geburt eines Kindes oder ein Karrieresprung des Mannes oft dazu, dass die gleichgestellte Vision, die sie vorher (teilweise) schon realisiert hatten, oft schlagartig in ein traditionelles Rollenbild kipp – nicht weil dies das von beiden gewollte und verabredete Lebensmodell ist, sonder aus rationalen, ökonomischen Erwägungen aufgrund äußerer Anreizstrukturen.“
Karsten Wippermann (2014): Jungen und Männer im Spagat: Zwischen Rollenbildern und Alltagspraxis, Berlin, S. 10

Erschrocken über mich, wie sehr mich das klassische Rollenbild gefangen hat, begab ich mich auf die Suche nach einer Lösung. Schließlich wollten ich es doch immer anders machen. Der Mann als Ernährer, der das Geld nach Hause bringt, der nur am Wochenende mit den Kindern Zeit verbringen kann, der die Kinder morgens zur Schule fährt und es gerade so schafft, ihnen abends eine Gute Nacht Geschichte vorzulesen. So ein Vater wollte ich nie werden und war doch auf dem besten Weg dorthin. Zurück ins traditionelle Rollenbild. Mit der Elternzeit hatte ich die Chance, es anders zu machen; so, wie ich es schon immer machen wollte.

Erste Schritte zur neuen Vaterrolle

Im Dezember 2016 habe ich meinen unbefristeten Vollzeit-Job gekündigt und mich auf die bevorstehende Elternzeit als Hausmann eingestellt. Mein Arbeitgeber konnte mir keine Teilzeitstelle anbieten und war dazu auch nicht verpflichtet. Die damalige Elternzeit war dementsprechend eine Zäsur für uns als Familie. Wie es mir damit erging, habe ich hier aufgeschrieben. Einige Monate später sind wir umgezogen, haben unser Auto verkauft und machten mit beim foodsharing. Nun haben wir einen Spielplatz vor der Haustür und beide nur 5 Minuten zu Fuß zur Arbeit. Beide? Ja, denn durch eine glückliche Fügung konnte ich im örtlichen Krankenhaus als Sozialarbeiter anfangen. In Teilzeit für 20 Stunden. Perfekt für unsere Familie. Vormittags war meine Frau zu Hause bei K1, nachmittags ich. Gelebte Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Auch das Thema Einkommen hatte sich eingespielt. Wir haben die Steuerklassen gewechselt und beteiligen uns am Familienhaushalt in Relation unseres Einkommens. Meine Frau steuert den größeren Betrag zu, ich den kleineren. So bleiben ihr und mir ca. 700 EUR, die wir für unser persönliches Konto „über“ haben. Meine Schulden aus dem Studium hatte ich, auch dank eines Familiendarlehns, abgegolten. Nun füllte sich Monat für Monat das Tagesgeldkonto. Gleichzeitig hatte ich mich vom teuren Flugverein passiv gemeldet und spare so ca. 500 EUR pro Jahr. Wir verzichten auf teure (Streaming-, Musik-, App-) Abos, kaufen viel gebraucht und müssen trotzdem nicht aufs Reisen verzichten. Kleinere Ausflüge oder längere Urlaube sind ebenso „drin“ wie vorher.

Die zweite Elternzeitreise sollte tatsächlich eine weitere Veränderung bringen. Während der Schwangerschaft von K2 haben wir versucht, alle Fehler über Vereinbarkeit von Familie und Beruf kein zweites Mal zu machen. Also habe ich rechtzeitig das Gespräch mit meiner Chefin gesucht und ihr offen heraus unsere Pläne erzählt. Da sie und meine Kolleg*innen Vollblut-Eltern sind und die Personalabteilung erfahren ist, lief alles problemlos. Die Elternzeitreise sollte dieses Mal allerdings länger und nach Slowenien verlaufen. Wir würden uns drei Monate Zeit nehmen und uns von der Sonne treiben lassen. Dass es anders kam, kannst du hier nachlesen. In den Wochen nach der Reise sprachen meine Frau und ich viel über die nächsten Schritte. K1 kommt in den Kindergarten, meine Frau geht im Juli wieder arbeiten und ich bin ab Januar 2020 wieder zurück im Job. Doch irgendwie fühlte sich das nicht richtig an.

Bedürfnisorientierte Vaterschaft

Wieder einmal stehe ich vor einer Entscheidung, die sich wie eine Weggabelung eines Wanderweges anfühlt. Gehe ich rechts oder links entlang? Bleibe ich sitzen oder kehre ich um? Richtig oder falsch? Ich erinnerte mich an die Frage von Ulrike Schuster, die wie Treibstoff im Gedankenkarussel meines Kopfes wirkt. Was, wenn ich zu Hause bleibe, bis K2 in den Kindergarten geht? Was, wenn meine Frau die Vollverdienerin sein wird? Was, wenn wir das gegenwärtige gesellschaftliche Rollenmodell auf den Kopf stellen? ,Nur Mut, es ist ok‘, denke ich mir. Erwartungsgemäß musste ich meine Frau nicht überzeugen, denn sie strahlte mich an und war sofort begeistert. Trotzdem musste ich noch mal kurz nachrechnen, bevor es sich „richtig“ und „gut“ anfühlte.

Zwar verzichte ich auf 1.000 EUR Einkommen, doch wer aufmerksam gelesen hat wird feststellen, dass wir immer noch deutlich im Plus raus kommen – obwohl meine Frau „nur“ 30 Stunden arbeitet. Wir haben den charmanten Vorteil, dass wir zur Miete wohnen und keine monatliche Kreditbelastung (für z.B. Immobilie, Möbel, Auto, Smartphone, Computer) haben. Wir gehen zu Fuß einkaufen, reisen mit unserem Fiete VW Bus und verzichten auf teure Urlaube. Anderer Schnick Schnack, wie neue Smartphones, riesige Fernseher und Playstation Spiele fehlen bei uns ebenso, wie teure Hobbys. Lieber verbringen wir gemeinsame Familienzeit oder treffen Freunde zur Qualitätszeit. Geld ist uns nicht wichtig. Ja, ich bleibe zu Hause!

Raus aus der Komfortzone

Es sollte mehr Väter geben, die sich für eine aktive Vaterrolle entscheiden. Vielleicht braucht es Mut oder Zuversicht, als Papa zu Hause zu bleiben. Sicherlich braucht es auch eine finanzielle Grundlage, regelmäßiges Einkommen durch Elterngeld oder Lohnarbeit des Partners. Für mich sind dies jedoch vorgeschobene Gründe. Vielmehr müssen Väter mehr noch als Mütter den Anreizen widerstehen, die ihnen der Job bringt. Das Bequeme überwinden, raus aus der Komfort-Zone! Das Überwinden der im oberen Zitat beschriebenen ökonomischen Erwägungen sind die gegenwärtige Herausforderungen. Also weniger rational denken, sondern mehr emotional handeln. Wer jetzt mit „ja, aber das Geld…“ argumentiert, muss sich von seinen Denkmustern lösen!

Die nächsten Schritte sind schnell erzählt. Gespräch mit meiner Chefin, Antrag beim Arbeitgeber auf Verlängerung der Elternzeit und alle Formalitäten überarbeiten, sobald die Bestätigung im Briefkasten liegt. Glücklicherweise hat meine Vertretung Lust, mich bis September 2021 zu vertreten. Ulrike Schuster sollte Recht behalten mit ihrer Annahme, dass jede Elternzeitreise eine einschneidende Veränderung für die Familie mit sich bringt.



Was denkst du über die neuen Väter? Bist du ein aktiver Vater oder möchtest du einer sein? Oder gehörst du zum Team Traditionelles Rollenbild und kannst damit gar nichts anfangen? Ich bin gespannt auf deine Kommentare und Erfahrungsberichte!

Photo by Natalya Zaritskaya on Unsplash

Im Herbst, wenn der Nebel kommt – Ein Geburtsbericht aus Vatersicht

Im Herbst, wenn der Nebel kommt – Ein Geburtsbericht aus Vatersicht

Seit einem Jahr wohnen wir nun schon in unserer gemütlichen 3 Zimmer Wohnung. Hinterm Haus kann man die Hochschule und dahinter die örtliche Brauerei sehen. Eines morgens hing der Tag im Nebel. Keines der Gebäude war mehr zu erkennen. „Wann kommt das Baby?“ war eine der häufigsten Fragen der letzten Monate. „Im Herbst, wenn der Nebel kommt!“

Die Arbeitswoche endet mit vielen Patienten, die noch versorgt werden wollen. Hier ein ambulanter Pflegedienst für eine Wundversorgung, dort ein drogenabhängiger junger Mann nach einem Schlaganfall und Enterostoma (künstlicher Darmausgang), der eine neurologische Reha benötigt. Business as usual soweit. Und doch ist da ein Gefühl, dass es bald losgehen könnte. Die Geburt unseres zweiten Kindes. Ich weiß nicht genau warum, aber es schlich mich ein Gefühl, dass es am Wochenende soweit sein könnte. „Bitte dokumentiere gut,“ sagte meine Chefin, „damit deine Kollegin nicht ins kalte Wasser geworfen wird!“ Zur Not komme ich runter und mache die Übergabe mündlich, dachte ich mir. Denn schließlich entbinden wir hier im Krankenhaus.

Seit Juli haben wir uns intensiv mit Hypnobirthing beschäftigt und auch einen vierwöchigen Kurs belegt. Die Geburt von K1 verlief nicht so, wie wir es uns erhofft hatten. Statt einer natürlichen Geburt gab es eine PDA und statt Vorbereitung gab es einen Crashkurs, der eher ein „Welche Schmerzmittel gebe ich wann“-Aufklärungskurs war. Ach ja, die Männer wurden separiert und durften sich über „Die Macken meiner Frau seit sie schwanger ist“ unterhalten. Bei dieser Geburt wollten wir besser vorbereitet sein. Zumal wir, wie ihr hier und hier lesen könnt, eine CMV Diagnose aufs Auge gedrückt bekommen haben, die uns psychisch sehr durcheinander gebracht hat. Das Gedanken-Karussell darf gerne mal Pause machen. Wir erhofften uns von dem Hypnobirthing-Kurs mehr Entspannung und die Freude zurück an die Geburt.

Parallel zu uns sind Freunde mit ihrem vierten Kind schwanger. Errechneter Termin ist einen Tag nach unserem. Die beiden machen ebenfalls einen Hypnobirthing-Kurs und bekommen auch das vierte Kind wieder zu Hause. Welch schöner Gedanke! Wären wir nicht schon soweit mit unserer Schwangerschaft und wären die ganzen Diagnosen nicht im Mutterpass, dann käme eine Hausgeburt für uns auf jeden Fall in Frage. Nur haben wir so kurz vor Entbindung (es war Juli und Termin Anfang September) keine Hebamme mehr gefunden, die uns begleiten würde. Außerdem war der Geburtspool bereits bei den Freunden und entsprechend nicht mehr verfügbar. Zu viel Stress so kurz vor Entbindung, das wollten wir dann alles nicht. Wir konzentrierten uns also auf die Geburt im Krankenhaus.

Ein Trauma, das uns begleitet hat

In diesem Krankenhaus arbeiten wir und haben auch unsere Tochter (K1) zur Welt gebracht. Einen Fehler werden wir vorab nicht mehr machen (wir lernen ja). In den Wehen haben wir unsere Kollegen besucht und stolz von der nahenden Niederkunft berichtet. Dies hatte uns voll aus dem Geburtsprozess gebracht, denn die Konzentration, die Entspannung und die Verbindung zum Kind waren auf einmal weg. Zudem sind wir viel zu früh ins Klinikum gefahren und haben viele unnötige Untersuchungen (Manipulation der Gebärmutter) über uns ergehen lassen. Wir waren naiv, unwissend und fühlten uns unvorbereitet. Das sollte uns nicht noch einmal passieren. Also auf zum Hypnobirthing.

Letztendlich ist es egal, wie die Methode heißt und wer es erfunden hat. Es darf kein Dogma bzw. kein Allheilmittel sein oder ein Versprechen als Allheilmittel abgeben. Für mich war es wichtig, dass meine Frau aus der Spirale „Unvorbereitete Geburt“ herauskommt und sich auf die Geburt einlassen kann. Hypnobirthing las sich als geeignetes Instrument, sie und mich darauf vorzubereiten. Die Zutaten: Entspannungsübungen wie Traumreisen, Affirmationen und weitere bekannte Methoden. Begleitete Angstauflösungen durch den Trainer. Tipps und Tricks, sich in der Entspannung zu halten und immer tiefer zu gehen. Also in den Zustand der Selbsthypnose zu gehen. Sowie Filme und Texte über schmerzfreie Allein-/Selbst-Geburten. Dazu vorbereitete Listen und Hausaufgaben, die gemeinsam reflektiert werden. Als Stresspräventionstrainer weiß ich, dass das die geeigneten Hilfsmittel für eine gute Vorbereitung sein können. Solange sie eingeübt werden. Von BEIDEN Partnern!

Der Kurs war also vorbei und hatte hier seine Stärken und da seine Schwächen. Die Trainerin hat nach einer Angstauflösung das Trauma einer Teilnehmerin aktiviert und konnte es nicht „auffangen“. Die Stärke waren die Handreichungen und Gespräche über die Geburt und den Weg dorthin mit vielen Übungen. Diese haben wir seit Ende Juli bis zur Geburt fast täglich geübt. Wir bedeutet in diesem Falle, dass meine Frau sich IHRE Entspannungsmusik angemacht hat und in die Selbsthypnose gegangen ist und ich habe, wenn sie es signalisierte, eine Berührungsmassage gemacht. In die Details will ich nicht weiter gehen, dazu haben andere Blogger schon bessere und detailliertere Berichte geschrieben. Jedenfalls hat uns die Methode überzeugt, wir sind Profis, denn die Entspannung klappt wie ein Fingerschnipp. Es geht vor allem um Wellen-Atmung zu den unterschiedlichen Phasen während des Geburtsprozesses.

Die Schwangerschaft als Diagnose

Meine Aufgaben sind nicht minder wichtig. Ich bin als Geburtsbegleiter das Sprachrohr meiner Frau. Sobald sie in der Selbsthypnose ist, bin ich der Kommunikationskanal. Alle Kommunikation geht über mich. Das soll die Frau in der Hypnose halten und sie nicht mit unnötigem Kram belasten. Das haben wir auch so im Gebutrsplanungsgespräch mit der Hebamme der Oberärztin und dem Kinderarzt besprochen. Es waren so viele dabei, weil wir eine CMV-Diagnose haben und uns in der medizinischen Mühle befinden. Warum das so ist, kannst du hier nachlesen. Jedenfalls standen auf diesem Wunschzettel einige Punkte drauf, die ich am Vortag gemeinsam mit meiner Frau besprochen habe. Als Antwort entgegnete die leitende Oberärztin, dass „wenn Sie eine Alleingeburt planen, vielleicht ein Akutkrankenhaus nicht der richtige Ort“ sei. Sie hat natürlich Recht, doch uns war alles so wichtig auf diesem Zettel. Bitte keine medizinischen Eingriffe, die nicht notwendig sind.

Zurück zum Wochenausklang. Die Patienten bewegen mich und hin und wieder kann ich nicht einschlafen, weil ich über die Versorgungssituation grüble. Selten wache ich auch mal nachts auf, weil mir eingefallen ist, dass ich etwas vergessen hatte. Das kommt vor, wenn man wie ich, auch mit palliativen Patienten arbeitet. Supervision hilft hier sehr, aber nicht immer. Bin halt auch nur ein Mensch. In der Nacht von Samstag auf Sonntag bin ich gegen 4.30 Uhr wach geworden und konnte nicht weiterschlafen. K1 schlief auch unruhig im Familienbett und kam mich gegen 6.30 Uhr besuchen. „Hast du was Papa? Alles ok? Ja?“ wollte sie von mir wissen. Ich erzählte ihr, dass ich nicht mehr schlafen könne, weil K2 bald kommt. „Wenn es Nebel ist, Papa, dann kommt der, ja?!“ antwortet meine Tochter, „Wenn es Herbst ist!“. Das kann nicht mehr lange dauern, dachte ich bei mir.

Den Sonntag verbringt meine Frau mit Wehen, die seit einer Woche regelmäßig kommen und nach der Badewanne wieder gehen, auf der Couch. Der Onkel kommt aus Bonn und besucht seine Nichte, wir spielen auf dem Spielplatz. Gemeinsam mit meiner Frau machen wir abends einen Spaziergang zur Eisdiele und schießen das letzte Foto vor der Geburt. Denn heute Abend soll es soweit sein. Die Wehen (oder Wellen, wie es im Hypnobithing heißt) hören nicht mehr auf. Onkel Mike verabschiedet sich und K1 geht zu Bett. „Ich mache noch ’ne Runde Hypnobirthing“ sagt meine Frau und beginnt mit der Entspannung. Nach zwei Liedern ihrer Lieblingsmusik nimmt sie die Kopfhörer aus den Ohren und grinst mich an: „Öhm, könntest du mir mal ein Handtuch bringen. Ich glaube meine Fruchtblase ist gesprungen.“ Ui, wie schön, es geht also los.

Die Geburt und meine Rolle als Geburtsbegleiter

Bei der ersten Geburt war es noch ein schmerzhaftes Unterfangen. Zu den schmerzhaften Wehen kamen noch schmerzhaftere Schmerzen hinzu. Um so mehr freuten wir uns beide, dass meine Frau alles unter Kontrolle hatte und statt Schmerzen nur ein leichtes „plopp“ verspürte. Der Kopf von K2 saß schon fest im Becken, also alles safe. Die Handtücher waren schnell geholt und ein kurzes Briefing fand statt. Wir warteten noch ein paar Wellen ab und haben die Zeit gemessen. Alle 10 Minuten, alle 6 Minuten, alle 4 Minuten. Dabei fühlten sich die Wellen immer wieder anders an. Mal lange Wellen eher oben, mal kurze Wellen eher unten. Jetzt war meine Zeit gekommen, die Kommunikation zu übernehmen. Ein Anruf im Kreisaal: „Wir machen uns gleich auf den Weg“ und beim Opa, er sei in 10 Minuten da. Es war jetzt 22:30 Uhr und die Fruchtblase vor einer Stunde gesprungen.

Im Kreissaal nahm uns eine sympathische junge Hebamme in Empfang, die gerade ihren Dienst begonnen hat. Sie kannte unsere Wünsche und hat sich die Akte vorab durchgelesen. Ich verwies auf nur „medizinisch notwendige Dinge“ und dass die Kommunikation nur über mich laufen soll „wir machen Hypnobirthing“. Als ich das sagte, sah ich ein Strahlen in den Augen der Hebamme. Perfekt, wir fühlten uns wohl. Trotz Akutkrankenhaus. Nach einer halben Stunde haben wir den Kreissaal 1 mit der Geburtswanne zugewiesen bekommen (ein Wunsch von uns). Wir haben uns eingerichtet und wurden allein gelassen. Das meine ich positiv, denn wir haben es uns so gewünscht. Meine Frau blieb in der Selbsthypnose und ich bin zur Hebamme gegangen, wenn wir etwas brauchten. Gegen 1 Uhr haben wir die Geburtswanne mit Wasser gefüllt. Es wurde übrigens kein Dauer CTG geschrieben, so wie wir es uns gewünscht hatten. Stattdessen hat die Hebamme die seltenen Gelegenheiten genutzt und bei den kurzen Besuchen nach den Herztönen gehört.

Gleichzeitig ermutigte sie uns und sagte, dass meine Frau das richtig gut macht und die Wellen sehr gut im Griff hat. „Informiert mich bitte, wenn das Baby kommt, ich muss dabei sein! Keine Alleingeburt bitte!“ grinste sie uns an. Wir verstanden und sind so dankbar für ihren Einsatz. Sie hat das so toll gemacht. Nach 3 Stunden gegen 4 Uhr setzten die Presswehen ein. Die Hebamme kam hinzu und unterstützte uns in den nächsten 20 Minuten. Auf die Bitte nach Schmerzmitteln wich sie so elegant aus, dass allen klar war, dass es keine geben wird. Das hat sie so liebevoll, einfühlsam, wertschätzend und bestimmend gesagt, dass meine Frau neuen Mut gefunden hat. Denn bei K1 gab es eine PDA, die ihr das Gefühl für den eigene Körper genommen. Das wusste auch die Hebamme.

Wir wechselten kurz vor Niederkunft auf das Bett. Meine Frau konnte mehr Kraft im Vierfüßlerstand aufbringen, als halbliegend in der Wanne. Dort konnte ich auf ihrem Rücken mit einer Berührungsmassage für mehr Endorphine sorgen, die schmerzlindernd wirken. Nach kurzer Pressphase, in der die Hebamme meine Frau mit ihrem großen Erfahrungsschatz unterstützt hat, kam K2 zur Welt. Der kleine Mann sah so zufrieden und glücklich aus, dass nur ein kurzes Räuspern zu hören war. Nach dem Auspulsieren der Nabelschnur habe ich sie durchtrennt. Die hinzugeeilte Oberärztin aus dem Geburtsplanungsgespräch nahm noch Nabelschnurblut für die CMV-Untersuchung ab. Wir hatten sie gar nicht kommen hören, so leise und unaufdringlich war sie. Endlich konnten wir K2 auf Mutters Brust in Empfang nehmen. Tränen kullerten von unseren Wangen und pure Freude stand in unseren Gesichtern.

Hausgeburt im Krankenhaus

„Ja, ja, wir haben’s geschafft!“ rief meine Frau voller Freude immer und immer wieder. So eine Erleichterung, so ein Stolz, so ein Wir-Gefühl lag in der Luft, WIR HABEN ES GESCHAFFT. Das Geburtstrauma ist überwunden. Eine Geburt, so akribisch vorbereitet und quasi ab Beginn der Hypnobirthing-Übungen täglich einstudiert. „Keine Schmerzen, nur viel Kraft, heftige Wucht und Druck“ wird meine Frau über die letzte Phase der Geburt berichten. Keine Schmerzen. Wie schön das zu hören. Meine Sorge war, dass ich als Geburtsbegleiter versage. Dass ich es nicht schaffe, meine Frau von störenden Einflüssen abzuhalten. „Du warst der beste Geburtsbegleiter, den ich hätte haben können.“ Ich weine jetzt noch bei den schönen Worten und bin überglücklich, vollgepumpt mit Liebe und diesen wunderschönen Momenten.

Männer, seid Geburtsbegleiter für eure Frauen. Und egal, wie der Kurs heißt, den ihr da macht. Macht ihn zusammen, macht ihn mit Hingabe und Liebe. Fühlt euch in den Körper ein und unterstützt euch gegenseitig. Sprecht über eure Ängste, eure Sorgen und fühlt in euren Körper hinein. Sie weiß auch nicht, wie das geht, also geht gemeinsam da durch. Gibt es ein Trauma? Wo sind die Sorgen, die Ängste? Sprecht darüber und sucht euch geeignete Kurse, die euch dabei unterstützen und begleiten.

Die Dokumentation der Patienten habe ich dann noch schnell am Montagmorgen absolviert. 4 Stunden nach Geburt und pünktlich zu Dienstbeginn meiner Kollegin. Meine anderen Kollegen waren so erstaunt über den Geburtsbericht: „Hört sich an wie eine Hausgeburt im Krankenhaus“, meinte eine sogar. Ja, das trifft es vielleicht ganz gut. Eine Hausgeburt im Krankenhaus. Unsere Hausgeburt. Wir sind der Hebamme so dankbar, dass sie sich auf uns eingelassen hat. Wir sind so glücklich, dass sie Dienst hatte und uns zugewiesen wurde. Mittlerweile haben wir auch Gewissheit über die CMV-Infektion. Laut Laborergebnis konnten keine CMV-Erreger im Urin nachgewiesen werden. Yes, pure Erleichterung und unendliche Dankbarkeit. Wir haben so viel mitgemacht und haben uns die Kontrolle über unsere Schwangerschaft und unsere Geburt zurückgeholt. Danke!

Abends hole ich K1 von den Großeltern ab und bringe sie zu Bett. Heute Morgen wache ich in meinen Klamotten neben ihr auf. Oje, hatte ich einen Filmriss? Habe ich gefeiert, mit den Jungs gesoffen und übelst abgeknickt? Nein, ich war einfach nur verdammt müde nach zwei schlaflosen Nächten. K1 wird wach und ruft „Wo ist mein Bruder? Gehen wir jetzt und holen ihn?“ Ich bin noch etwas irritiert und entgegne ihr „Wir machen erst mal Frühstück, ok?“ In der Küche schaue ich wie gewohnt aus dem Fenster. Wie vom Blitz getroffen laufe ich rüber ins Schlafzimmer und rufe „zieh mal schnell deinen Schlafsack aus, ich will dir was zeigen. Die Brauerei ist weg!“ Die Kleine schaut mich mit großen Augen an „Ist es jetzt Herbst Papa?“ Wir laufe in die Küche und die Kleine fängt vor Freude an zu schreien. All ihre Erwartungen entladen sich in einem Freudentaumel: „Oh guck mal, die Brauerei ist weg. Holen wir jetzt meinen Bruder ab?“
Ja Süße, jetzt holen wir deinen Bruder.

Dies ist die Geburt meines Kindes und meine Erfahrung auf diese Geburt. Ich möchte vor allem den Männern Mut machen! Für die Sicht der Mütter gibt es genug andere Quellen. Für die Sicht der Väter wenige. Dies soll ein Plädoyer sein für Väter im Kreissaal, für Väter als Geburtsbegleiter, als aktive Partner und Supporter der Frau.

Diagnose Schwangerschaft: Cytomegalie, Diabetes, vorzeitige Wehen und neue Kraft durch Hypnobirthing

Diagnose Schwangerschaft: Cytomegalie, Diabetes, vorzeitige Wehen und neue Kraft durch Hypnobirthing

Die zweite Schwangerschaft wird anders, wurde uns immer wieder gesagt. Einige Wochen und Monate sind seit dem Erscheinen des letzten Artikels über die Cytomegalie-Infektion vergangen. Mittlerweile haben wir Infusion zwei und drei bekommen und werden nach wie vor betreut. Leider entwickelt sich die Schwangerschaft immer mehr zu einer Diagnose. Das hinterlässt Spuren. Wir fühlen uns als Spielball der Medizin. Es reicht, jetzt nehmen wir uns Zeit für uns.

Meine Frau ist seit der Frühschwangerschaft HCMV positiv und wurde bereits drei Mal mit dem Medikament Cytotect im Pränatal-Zentrum behandelt. Seit der Diagnose bewegen wir uns in einem Auf- und Ab der Gefühle und vermissen die Leichtigkeit, die wir noch bei der ersten Schwangerschaft hatten. Das Präparat ist sehr teuer und befindet sich noch in der Erprobung. Die Forschung weiß noch nicht, ob es wirkt, weshalb im MDK Gutachten (290 Downloads) eine Behandlung abgelehnt wurde. Unsere Krankenkasse hat letztendlich zugesagt. Interessensgruppen, Ärzte und die Pharmalobby haben uns ganz verrückt gemacht. Die Schwangerschaft rückte in den Hintergrund, wir fühlten uns mehr und mehr als Diagnose, gefangen in einem Käfig und Hamsterrad der Medizin. Es gibt kein Entkommen, das Etikett „krank statt schwanger“ haftet an uns.
Nur mühsam lässt sich dieses Etikett verdecken, verstecken aber leider nicht abnehmen, Stichwort: Risikoschwangerschaft. Unser Frauenarzt ist bemüht, dieses Label nicht offen zu thematisieren, doch seine Unsicherheit lässt sich deutlich erkennen. Im Aufklärungsgespräch, damals im frühen Stadium der Schwangerschaft, sagte er noch, dass er in seiner gesamten Laufbahn als Frauenarzt noch keine Frau mit HCMV als Patientin hatte. Wir werden so eng betreut, dass er uns sogar teils von zu Hause aus anruft, uns gleichzeitig aber auch mit „Samthandschuhen“ anfasst, sodass wir nicht wissen, ob er uns etwas vorenthält.
Ein Zuckertest in der Schwangerschaft hilft Schwangerschaftsdiabetes zu erkennen. Schwangerschaftsdiabetes kann das Risiko für Komplikationen bei der Geburt in Form von Übergewicht des Babys sowie Unterzuckerung nach der Entbindung erhöhen. Meine Frau hat also auf nüchternem Magen 50 g Zucker in Wasser aufgelöst getrunken und nach einer Stunde Blut abgenommen bekommen. Liegt der Blutzuckerwert unter 135 mg/dl ist das Ergebnis unauffällig und der Zuckertest beendet. Der Wert meiner Frau lag leicht drüber. Unser Frauenarzt rief uns also wieder an mit einem Termin für einen erweiterten Zuckertest für den nächsten Tag. Ergebnis: es war nur der mittlere der drei Werte etwas erhöht.
Nun also die nächste Diagnose: Schwangerschaftsdiabetes. Und das nur, weil E I N Grenzwert etwas überschritten ist. Jede Frau ist doch anders, jeder Körper reagiert anders, baut den Zucker zeitlich anders ab, oder etwa nicht? Und trotzdem wird ein und derselbe Grenzwert herangezogen? Wir gehören nicht nur Risikogruppe Diabetes: Wir ernähren uns gesund, fast schon zuckerfrei, meine Frau hat bisher kaum an Gewicht zugenommen und dann diese Diagnose. Vielleicht deswegen auch der hohe Grenzwert im Blut? Ihr Körper ist es einfach nicht gewohnt, solch hohen Mengen an Zucker abzubauen. Die Ergebnisse waren jedenfalls wieder ein Schock für uns.
Sogar so sehr, dass sich nur einen Tag nach der Untersuchung in der 28. Schwangerschaftswoche vorzeitige Wehen eingestellt haben und wir zur Sicherheit ins Krankenhaus gegangen sind. Diagnose: Norovirus. Die typischen Symptome des Gastrointestinaltraktes haben anscheinend die nahegelegene Gebärmutter angeregt, sich mit zu bewegen. Glücklicherweise hat sich der Kleine entschieden, drinnen zu bleiben. Im Krankenhaus wurde uns dann noch einmal nahegelegt, dass wir zum Diabetologen gehen müssten, zur Abklärung der Werte und zur Ernährungsberatung. Nach zwei Tagen konnte meine Frau wieder nach Hause. Die Wiederholung des Testes zeigte übrigens verbesserte Werte, offensichtlich hat auch die Virusinfektion als Stressfaktor Auswirkungen auf die Glukosetoleranz. Den Stempel Gestationsdiabetes sind wir leider trotz nun minimaler Abweichung nicht losgeworden.
Es kommt einfach keine Ruhe in die Schwangerschaft. Nicht nur, dass der Alltag wenig Zeit und Raum lässt, eine Bindung zum kleinen Mann aufzubauen, auch die Beziehung leidet sehr unter der angespannten Situation. Die Bewegungen im Bauch werden immer mehr, sind deutlich sichtbar und doch nehmen wir uns zu wenig Zeit für Kontakt und Ruhe. Immer mehr Diagnosen, mehr Meinungen von weiteren Ärzten. Es ist zum Heulen. Ja und das haben wir auch gemacht, geheult. Alleine, gemeinsam, mit unserer Hebamme. Die kam zeitnah nach der Entlassung aus dem Krankenhaus und tat einfach nur gut. Sie zeigte uns den Weg zurück zur Schwangerschaft und empowerte uns mit Zuversicht und Mut. Ein Segen, dass wir dich haben, liebe Astrid. Danke.
Wie ein Flugzeug, dass durch ein Gewitter steuert, sich ruckartig und ohne große Vorahnung auf- und ab bewegt, jagen wir durch die Schwangerschaft. Wir als Passagiere im Rumpf der Medizin. Ich habe keine Lust zu wassern und die Maschine über die Notrutschen zu verlassen. Da mache ich lieber den Pilotenschein und steuere das Flugzeug in ruhige Luftmassen. Das Schöne an diesem Bild ist, dass ich tatsächlich eine Pilotenlizenz habe und gleichzeitig auch noch Stresspräventionstrainer bin. Leider fliege ich nicht mehr aktiv und nur weil ich weiß, wie das geht mit dem Stress und der Entspannung, heißt es noch lange nicht, dass ich der Experte im Haus bin. Deswegen werden jetzt andere Lösungen gesucht!
Seit der letzten Infusion sind etwa fünf Wochen Zeit vergangen, die uns richtig mitgenommen haben. Wir brauchen beide wieder Kraft, Mut, Zuversicht und eine stabile Beziehung für die letzten zwei Monate. In einigen Gesprächen erinnerten wir uns an die schöne Geburt von Freunden, die sehr gute Erfahrung mit Hypnobirthing gemacht haben. Hypnobirthing ist eine Methode der schmerzarmen Geburt unter tiefer Entspannung und Konzentration. Das klingt nach „zurück zu uns“ und „zurück ins Gleichgewicht“. Sehr schön, genau das brauchen wir! Ein Lichtstrahl am Horizont. Innerhalb kurzer Zeit haben wir uns zu einem Hypnobirthingkurs angemeldet, der auch innerhalb weniger Tage beginnen wird. Sicherlich werde ich dazu noch einmal etwas vertiefender schreiben, doch das zu einem anderen Zeitpunkt.
Die zweite Schwangerschaft wird anders, wurde uns immer wieder gesagt. Ja, das stimmt. Wir holen sie uns wieder zurück und führen sie selbstbestimmt fort. Wir freuen uns auf dich, kleiner Mann.

Photo by Ivana Cajina on Unsplash

Finanzielles Risiko minimieren – 1.000 EUR für Care Arbeit pro Kind und Monat

Finanzielles Risiko minimieren – 1.000 EUR für Care Arbeit pro Kind und Monat

Kinder zu bekommen ist eine weitreichende Entscheidung für alle Beteiligten. Dabei ist es unerheblich, ob es die eigenen Kinder oder Pflegekinder sind oder ob ich mit meinem Partner das Kind groß ziehe oder alleine. Kinder bedeuten viel Arbeit, vor allem Care Arbeit. Dafür wird Zeit und Geld benötigt. Doch leider wird diese sinnhafte und wertvolle Arbeit nicht ausreichend be- bzw. entlohnt.

Mein Leben spielt sich seit der Geburt unserer Tochter im Wechsel zwischen Erwerbsarbeit und Care Arbeit ab. Vormittags Brötchen verdienen und Nachmittags Spielen, Windeln wechseln und Haushalt führen. Ich habe es ja so gewollt und außerdem darf ich mich nicht beschweren. Mir ist Familienzeit schon immer wichtiger gewesen, als Lohnarbeitszeit. Doch nie habe ich mir Gedanken gemacht, wie der Alltag aussehen würde und mit welchen Herausforderungen ich konfrontiert werde. Da ist die kleine Beule nach einem Sturz von der Rutsche noch harmlos. Trösten konnte ich schon immer gut und irgendwie habe ich einen Draht zu Kindern. Ich bin gerne Papa. Ein Papa mit Liebe und Leidenschaft.
Leider höre ich immer mal wieder so schöne Aussagen wie: „Tja, selber Schuld, haste dir doch so ausgesucht!“ Was für ein dummes Argument. Erinnert mich an ein Interview mit Margot Honnecker in der FAZ. Da sagt sie 2012: „Die brauchten ja nicht über die Mauer zu klettern, um diese Dummheit mit dem Leben zu bezahlen.“ Es ärgert mich trotzdem.

Seit ich in Steuerklasse V bin, spüre ich finanzielle Nachteile

Und doch frage ich mich, ob das Verhältnis zwischen Lohn- und Care-Arbeit wirklich so gerecht ist. Immerhin zahle ich Lohnsteuern und sorge für den Erhalt des Generationenvertrages. Die arbeitende Bevölkerung zahlt in die Pflege-, Kranken- und Rentenversicherung ein, um die Bedürftigen zu unterstützen. Wer gepflegt werden muss, bekommt Pflegeleistung. Wer krank ist, bekommt Krankengeld und wer nicht mehr arbeiten muss bekommt Rente (sehr verkürzte Darstellung, ich weiß). Für meine Care Arbeit erhalte ich aber nur 192 EUR. Ein mieser Stundenlohn. Und wenn man es ganz genau nimmt, nur die Hälfte. Auf den steuerlichen Nachteil möchte ich gar nicht erst tiefer einsteigen. Nur so viel: Familien mit Kindern werden vor allem deswegen steuerlich benachteiligt, weil das steuerliche Existenzminimum für Kinder in Höhe von 7.428 EUR nicht berücksichtigt wird.
Das Ende 2012 eingeführte Betreuungsgeld für Eltern, die ihre Kinder zu Hause erziehen, anstatt sie in eine Kita zu geben, ist 2015 gekippt worden. Die in den Medien „Herdprämie“ genannte monatliche Leistung beläuft sich auf 150 EUR pro Kind für 2 Jahre. Nur Bayern und Sachsen zahlen auf Antrag das Geld an die Eltern aus. Seitdem ist also nicht mehr der Bund sondern sind die Länder für das Betreuungsgeld zuständig. Die schießen das Geld allerdings komplett in den KITA-Ausbau (und leider nicht in die gerechtere Entlohnung der Erzieher_innen). Diese Summe, also 1.000 Euro im Monat pro Platz, wird immer wieder als Beitrag des Staates sowohl für die politisch gewollte frühe Förderung der Kinder als auch für den von Politik und Wirtschaft gewünschten frühen Wiedereinstieg der Eltern in den Beruf genannt.

Abwesenheit lässt ein Kind nicht gedeihen.
Sprichwort der Twi (Ghana)

Care Arbeit und Zeit ≠ Lohnarbeit und Geld

Die Katze beißt sich aber irgendwie in den Schwanz. Eltern gehen arbeiten und geben ihre Kinder in die U3 Betreuung. Sie verbringen weniger Zeit mit ihren Kindern. Aus finanzieller Sicht kann ich den Schritt der Eltern verstehen! Der Staat erhält Lohnsteuern der Eltern und schießt das Geld in den KITA-Ausbau. Was ist aber mit den Eltern, die ihre Kinder zu Hause betreuen wollen? Die trotz des finanziellen Drucks Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen? Dass ich finanziell besser gestellt werden möchte ist das Eine, aber dass ich auch Zeit mit meinen Kindern verbringen möchte, das Andere. Die Care-Arbeit, die der Erzieher in der KITA macht, wird entlohnt. Aber die Betreuung zu Hause nicht? Gleichzeitig werde ich noch steuerlich benachteiligt, weil der Freibetrag meines Kindes nicht berücksichtigt wird.

Armut ist wie ein Löwe – kämpfst du nicht, wirst du gefressen.
Sprichwort der Haya

Teresa Buecker forderte auf der Blogfamilia, dass „ein Teilzeiteinkommen den Lebensbedarf eines Elternteils mit Kind oder Kindern decken können sollte.“ Es braucht eine neue Vollzeit, „die nicht 50 Stunden und mehr bedeutet. Sondern 20. Und wir müssen 20 fordern, um bei 30 zu landen.“ An diese Forderung möchte ich anknüpfen. Zur zeitlichen Komponente fordere ich eine finanzielle Komponente. Es braucht eine Neugestaltung des Betreuungsgeldes. Jede Familie soll selber entscheiden, wofür die 1.000 EUR eingesetzt werden. Für die Betreuung in der KITA oder die Care Arbeit zu Hause. Damit ich als Vater weiterhin in Teilzeit arbeiten kann und den Anschluss an den Job nicht verliere und gleichzeitig eine enge Bindung zu meinen Kindern aufbaue und erhalte.
Wie sind deine Gedanken zu dem Thema? Ich bin gespannt auf deinen Kommentar und freue mich über Feedback.

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Cytomegalie in der Schwangerschaft – Die erste Infusion

Cytomegalie in der Schwangerschaft – Die erste Infusion

Vor ein paar Tagen habe ich über die Cytomegalie-Infektion meiner Frau in der aktuellen Schwangerschaft geschrieben. Ein großer Schock für uns. Um zu verhindern, dass das Virus auf den Fetus überspringt, hoffen wir auf eine Immunglobulintherapie im Pränatalzentrum.

Insgesamt ist bisher viel Zeit vergangen, was ungewöhnlich ist bei der Diagnose. Eine Woche nach unserem Urlaub kam endlich von der Krankenkasse der Hinweis, dass der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) eine Therapie ablehnt. Im Gespräch mit der zuständigen Mitarbeiterin der Krankenkasse hat sie uns zugesagt, dass die Kosten trotzdem übernommen werden. Wir sind erleichtert. Alternativ hätten wir auch ohne Zusage starten können und bei Absage Widerspruch einlegen können. Wir sind froh, dass es nicht soweit gekommen ist.

Das gesamte MDK Gutachten (290 Downloads) kannst du übrigens hier herunterladen.

Bis kurz vor dem nächsten Termin im Pränatalzentrum haben wir weiter recherchiert. Es gibt eine Meta-Studie, die sagt, dass es knapp nichtsignifikante Ergebnisse gibt, jedoch eher davon auszugehen ist, dass die Gabe von Cytotect hilft. Ende Mai 2018 endet zudem eine große Studie, die weitere Ergebnisse liefern wird. So lange können wir aber nicht warten. Wir haben uns nach langem Hin und Her für eine Cytotect-Therapie entschieden. Im Pränatalzentrum hat sich meine Frau schließlich ambulant die Infusion geben lassen. Die Ultraschall-Untersuchung vor der Gabe war übrigens unauffällig. Dem Baby geht es gut. Die Infusion dauerte ca. eine Dreiviertelstunde und wurde gut vertragen.

Die Tage nach der Infusion verstärkte sich bei mir immer mehr das Gefühl: „Wir bekommen ein gesundes Kind!“ Die Aussagen über mögliche Folgen der Diagnose haben mich schon irritiert. Doch viele Gespräche, eine gemeinsame Haltung und die innere Zuversicht schieben alle Irritationen und Grübeleien beiseite. Sie sind nahezu ganz verschwunden. Diese positive Energie wird sich auch auf das Würmchen übertragen. Hier wartet eine tolle Familie auf dich, die dich lieben und annehmen wird, so wie du bist und so wie du sein magst. Ich freue mich auf dich!

Wir halten nicht hinterm Berg mit der Infektion und gehen offen damit um. Genau so, wie wir auch die Schwangerschaft ganz offen angesprochen haben, als sie gerade erst bekannt war. Jedes Leben ist es wert, erzählt zu werden. Egal, ob 6 Wochen alt im Bauch der Mama oder frisch geschlüpft. Dazu gehört für uns auch die Wahrscheinlichkeit einer Behinderung. Wir gehen davon
aus, dass alles gut wird. Wir denken positiv!

Diagnose: Cytomegalie in der Schwangerschaft

Diagnose: Cytomegalie in der Schwangerschaft

Normalerweise freut man sich, wenn jemand schwanger ist und Nachwuchs erwartet. Wir erkundigen uns nach dem Wohlbefinden der Frau und wünschen alles Gute. Natürlich fragen wir, wann es soweit ist und ob schon klar ist, ob es ein Mädchen oder ein Junge wird. Es wird ein Kind. In den meisten Fällen, ein gesundes Kind.

Seit einigen Wochen wissen wir, dass wir schwanger sind. Wir sind schwanger, weil die Schwangerschaft meiner Frau uns als Familie betrifft. Wir gehen gemeinsam zum Frauenarzt, sprechen gemeinsam zum Fetus und kuscheln oft zusammen. Wenn Mama schlechte Laune hat, geben wir ihr Zeit und wenn sie Ruhe braucht, kann sie sich zurückziehen und K1 und ich unternehmen etwas. Unsere Kleine freut sich schon riesig und ist sehr einfühlsam. Sie spricht mit dem Bauch und streichelt das Baby liebevoll. Und natürlich wird auch mein Bauch dicker, aber das ist eine andere Geschichte.

Meine Frau ist Rehabilitationspädagogin und ich bin Sozialarbeiter. Für uns steht fest, dass uns das Leben wichtiger ist als eine mögliche Abtreibung. Seit der ersten Schwangerschaft sind wir uns einig, dass wir keine Untersuchungen machen wollen, die ein Risiko für den Fetus bedeuten. Dazu gehören Fruchtwasseruntersuchungen oder andere Eingriffe. Sollte das Kind eine Behinderung haben, dann wird es in eine liebevolle Umgebung geboren. Andere Untersuchungen, die kein Risiko für den Fetus bedeuten, sind z.B. die Untersuchung des Blutes auf Cytomegalie-Viren. Diese haben wir schon in der Schwangerschaft mit K1 gemacht.

Cytomegalie-Viren gehören zu den Hepatitis Herpes Viren und sind normalerweise nicht gefährlich. Etwa 60% der westlichen Bevölkerung trägt diesen Virus in sich. In Entwicklungsländern haben fast 100% der Menschen den Virus. Solange keine Erstinfektion mit dem Virus bei der Schwangeren bekannt ist, sollte sie keinen direkten Kontakt zu Kleinkindern haben. Denn der Virus wird unter anderem über den Speichel und Urin übertragen. Das ist übrigens einer der Gründe, warum Erzieherinnen und Sozialarbeiter im Kinder- und Jugendbereich ins Beschäftigungsverbot gehen. Denn wenn die Erstinfektion in den ersten Wochen der Schwangerschaft auftritt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sich beim Fetus Fehlbildungen, wie ein zu kleiner Kopf, Darmschlingen oder Missbildungen ausbilden. Eine spätere Infektion ist weniger gefährlich. Ein paar Fakten:

  • CMV ist weltweit die häufigste erworbene Infektion ungeborener Kinder in der Schwangerschaft.
  • Bei ca. 1% der CMV negativen Schwangeren in Europa kommt es zu einer Erstinfektion. Eine Übertragung auf das ungeborene Kind erfolgt in ca. 50% der Fälle.
  • Die häufigste Spätfolge ist die Hörminderung bis zur Taubheit.
  • Für Deutschland gibt es nur Schätzungen. Im Jahr 2004 wurden ca. 3670 Kinder mit einer in der Schwangerschaft erworbenen CMV-Infektion geboren.

Quelle: http://www.cmv-selbsthilfegruppe.de/schwangerschaft.pdf

Dreimal dürft ihr raten, warum ich diese Zeilen schreibe. Genau, wir sind nicht nur schwanger, sondern haben auch den Humanen Cytomegalie-Virus (HCMV). Das Blut meiner Frau wurde kurz nach Bekanntwerden der Schwangerschaft abgenommen – übrigens eine IgL-Leistung (zahlen wir selber, ca. 35 EUR) – und in ein Labor geschickt. Nachdem der Befund zunächst fraglich positiv war, wurde eine zweite aufwändigere Untersuchung gemacht, die dann jedoch negativ ausfiel – das hat die Krankenkasse gezahlt. Wir hatten Hoffnung. Doch bei der nächsten Probe wurde dann festgestellt, dass meine Frau den Virus hat. Anscheinend war die Infektion ganz frisch, sodass ein früher Nachweis fehlerbehaftet war. Unser Frauenarzt hat uns dann direkt in ein Pränatalzentrum überwiesen. Der Termin war am nächsten Tag. Meine Frau war da in der 13. SSW.

Dort angekommen berichtete der Frauenarzt über die Diagnose HCMV sowie die Symptome der Erkrankung beim Fetus. Es gibt eine Möglichkeit der Behandlung während der Schwangerschaft, doch gerade bei Infektionen in den ersten SSW ist Schnelligkeit geboten. Es gibt ein Medikament, das noch nicht zugelassen ist, aber sofort gegeben werden muss, um Schäden durch eine Übertragung auf das Baby im besten Fall zu vermeiden. Es handelt sich dabei um ein Hyperimmunglobulin der Firma Biotest AG. Es kostet ca. 10.000 EUR und es muss ein Antrag an die Krankenkassen gestellt werden zur Kostenübernahme. Bei Ablehnung, müssen wir den Betrag aus der eigenen Tasche zahlen. Über die Studienlage kann er nur soviel sagen, dass es nur eine Studie gebe, die signifikante Ergebnisse vorweist. Eine andere Studie mit Kontrollgruppe weist dagegen keine signifikanten Ergebnisse vor. Das hat uns irritiert und auch ein wenig Angst bereitet. Was sollen wir jetzt glauben?

Der Ultraschall war übrigens ohne Auffälligkeiten, alle Organe, die Schäden davontragen könnten, waren zu sehen und auch gut ausgeprägt. Beim nächsten Mal wird sich zeigen, ob alle Werte noch im Rahmen sind, oder ob z.B. der Kopfumfang zu groß ist. Wir sollen auf jeden Fall den Antrag an die Krankenkasse stellen und so schnell wie möglich mit der Behandlung beginnen. Nebenwirkungen für die Frau gebe es keine. Totgeburten aufgrund der Gabe des Medikamentes auch nicht und überhaupt ginge es den Frauen nicht schlechter damit.

Zu Hause haben wir erst mal alles sacken lassen und gequatscht. Sind wir noch auf einem Stand? Wollen wir das Selbe für das Baby? Sprechen wir mit einer Sprache? Wir brauchen zunächst mehr Infos! Im Internet sind wir schlauer geworden. Grundsätzlich stimmt alles, was der Arzt gesagt hat. Es gibt allerdings mehrere Studien, die leider viel zu kleine Kohorten untersucht haben. Teilweise gibt es Kontrollgruppen, oft auch nicht. Eine PowerPoint Präsentation von einem Kongress zeigt die Verläufe der Schwangerschaften unter Gabe des Medikamentes. Es gibt auch nur ein Medikament, das auf dem Markt ist, sich aber noch in Phase 2 (von 3) der Zulassung befindet. Also es ist keine Wirkung nachgewiesen, aber es kann ohne Nebenwirkungen verabreicht werden und die Kosten können von den Krankenkassen übernommen werden.

Sollen wir die Behandlung machen? Was ist überhaupt mit den Studien? Wo sind die zu finden? Was sagen die genau? Gibt es vielleicht Selbsthilfegruppen oder Ansprechpartner oder Foren, wo wir uns unabhängig erkundigen können?

Wir sind erst Mal für eine Woche in den Urlaub gefahren und haben uns nicht weiter damit beschäftigt. Nach dem Urlaub recherchierten wir weiter. Es gibt eine Anlaufstelle für Schwangere mit HCMV im Internet. Dorthin hat meine Frau eine Mail geschickt mit der Bitte um Kontaktaufnahme für eine unabhängige Beratung. Die kam auch prompt mit dem Hinweis, dass jetzt schnell reagiert werden muss und keine Zeit verstreichen darf. Diese Aussage hat uns sehr verunsichert. Der weitere Inhalt der Mail ähnelte sehr der Werbung für das Medikament. Wir sollten die Beratungsstelle sofort anrufen, für 12,4 Cent/Minute. Meine Frau war irritiert und wir schauten uns die Seite genauer an. Im Impressum war dann auch klar, warum. Die Betreiberin ist PR Beraterin und arbeitet für die Initiative mit einem Beirat aus Ärzten zusammen, die zu dem Thema forschen. Muss nichts negatives heißen, hat für uns aber einen „Beigeschmack“. Danke, wir suchen weiter.

Wir warten noch auf die Entscheidung der Krankenkasse und das Gutachten des MDK (Medizinischer Dienst der Krankenkasse). In den nächsten Tagen hat meine Frau die nächste Untersuchung im Pränatalzentrum und wir überlegen, ob es eine Infusion geben wird, oder nicht. Sollte der Ultraschall unauffällig sein, sind wir schon mal sehr erleichtert. Alles wird gut und wir sind zuversichtlich. Und wenn es nicht gut geht, dann wissen wir es und stellen uns auf die neue Situation ein. Letztendlich sind wir bereit und freuen uns auf unseren Nachwuchs, ob mit oder ohne Infektion. K2 wird es gut haben bei uns.

Foto: Designed by Freepik

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