Lass dich nicht gehen, geh selbst!

Lass dich nicht gehen, geh selbst!

Nur noch ein paar Wochen, dann beginnt der zweite Abschnitt meiner Elternzeit 2.0 – Eine Gelegenheit um zurück- und vorauszuschauen. Wie lief die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei Kind 1 und wie entwickelt es sich bei Kind 2?

Elternzeit 1.0 – 2015/2016

Einige Wochen vor der Geburt von K1 überrasche ich meinen damaligen Chef kurz vor Weihnachten mit der Nachricht, Elternzeit zu nehmen. Dass er nicht erfreut sein würde, hatte ich schon geahnt. Schließlich habe ich insgesamt sieben Monate angemeldet. Einen Monat ab Geburt und nach sieben Monaten die restlich verbleibenden sechs der insgesamt 14 Elternzeit-Monate. Mittlerweile mussten Arbeitnehmer*innen keine Elternzeit mehr beantragen sondern nur noch anmelden. Das wusste mein Chef anscheinend nicht und verweigerte mir die Zeit. Ich blieb hartnäckig und verwies auf die entsprechenden Gesetze. Von da an war nicht nur die berufliche sondern auch die private Ebene schwierig.
Die Arbeit fiel mir immer schwerer, was vor allem am kollegialen Klima lag. Inhaltlich war ich voller Tatendrang und wollte zusammen mit den ehrenamtlichen Jugendlichen viel bewegen. Ich arbeitete als Jugendbildungsreferent in einem Sportverband auf Landesebene. Ein Wechsel an der Spitze des Jugendverbandes stand bevor und ich hatte richtig Lust auf die kommenden Jahre. Sogar eine Vertreterin hatte ich für mein halbes Jahr Auszeit organisiert und sie musste nicht groß eingearbeitet werden. Denn eine Kollegin aus dem Team stockte einfach auf eine Vollzeitstelle auf. Die restlichen inhaltlichen Aufgaben übertrug ich an die Jugendlichen.
In meinem Bauch rumorte es jedoch gewaltig. Denn schon als Jugendlicher wollte ich Papa sein und für meine Kinder da sein. Das ging aber nicht in einem ehrenamtlich organisierten Sportverband. Zu oft gab es Sitzungen nach 18 Uhr bis weit in den Abend und Veranstaltungen von Freitagmorgen bis Sonntagabend. Also absolut nicht kompatibel mit Familienleben. Schließlich arbeitete meine Frau zu der Zeit 30 Stunden von Montag bis Freitag und alle paar Wochen für ein paar Stunden am Wochenende. Dass meine Frau Stunden reduzieren sollte, nur damit ich weiterhin arbeiten gehen kann, kam für mich nie in Frage.
Dass ich einigen mit dieser Ankündigung dermaßen vor den Kopf stoßen würde, hätte ich nicht gedacht. Mir kam es vor, als würde ich den Vätern, mit denen ich zusammen arbeitete, durch meine Ankündigung den Spiegel vorhalten. Dass dies nicht meine Absicht war, konnte ich nie wirklich auflösen. Zu festgefahren waren die zwischenmenschlichen Konflikte. Vielleicht fühlte sich mein Chef hintergangen oder von mir getäuscht, als wir über meine bevorstehende Vaterschaft sprachen. Ich wusste, wie er seine Vaterrolle ausfüllt, er wusste nicht, wie ich meine ausfüllen werde. Meine Erwartungen an Vaterschaft deckten sich jedenfalls nicht mit seinen. Er ist ein anderer Vater als ich es sein wollte. Das habe ich ihm so aber nie gesagt. Vielleicht aus Angst.
Somit war es auch nicht überraschend, dass ich gerne nach der Elternzeit von 40 Stunden auf 20 Stunden reduzieren wollte. Dies musste genehmigt werden und natürlich ein Ersatz gefunden werden. Die Genehmigung blieb aus. In einem ehrenamtlich geführten Sportverband sei es nicht möglich, halbtags Bildungsarbeit zu machen, wenn viele Sitzungen abends und Veranstaltungen über das Wochenende stattfinden. Wann sollte ich dann im Büro sein und arbeiten? Mit dieser Ankündigung ging ich schließlich im September 2017 in Elternzeit. Begleitet von Bauchschmerzen, Schlafstörungen und Kopfschmerzen.
Letztendlich und zum Glück konnte ich auf der Elternzeitreise doch sehr gut abschalten und hatte es sogar geschafft, ein paar Eindrücke zu verbloggen. Die Idee zu Vaterwelten entstand auf einem Campingplatz in Ronda, Spanien. Bis dahin dachte ich noch ganz fest daran, dass ich in meinen alten Job zurückkehren werde, da mit meine Arbeit mit den Jugendlichen sehr viel Spaß gemacht hatte. Und irgendwie würden wir auch für die Betreuung der Kleinen eine Lösung finden. Haben schließlich andere Eltern auch geschafft. Doch je mehr ich mich auf die Suche nach meinem inneren Vatersein machte, je mehr Gespräche ich mit meiner Frau über Elternsein führte, umso mehr wuchs in mir der Wunsch, nicht mehr zurückzukehren.
Kurz nachdem wir aus Spanien zurückgekehrt waren, kam meine Frau auf mich zu und sagte: „Du darfst kündigen. Es ist okay. Wir schaffen das gemeinsam. Du hast jedes Recht dazu, glücklich zu sein.“ – Wow, bäm. Das saß! Darüber musste ich erst eine Nacht schlafen und am nächsten Morgen wachte ich mit der inneren Überzeugung auf zu kündigen. Es fühlte sich verdammt gut an und alle meine Sorgen über das Geld, die Karriere, die falschen Glaubenssätze waren verflogen. In mir wuchs die Freude über die gewonnene Freiheit. Freiheit in meinem Kopf und die Selbstbestimmtheit, die ich so sehr für mich einfordere.

Lass dich nicht gehen, geh selbst!
Magda Bentrup

Zwei Wochen vor Weihnachten habe ich dann meinem Chef die Nachricht in einem persönlichen Gespräch überbracht. Mit starken Bauchschmerzen fuhr ich ins Büro. Herzrasen hatte ich bei dem Gedanken, die Kollegen zu sehen und ihnen wieder mit dem Spiegel zu begegnen. Es gab in der Geschäftsführung einen Wechsel, sodass ich mich dem neuen Chef nur kurz vorgestellt hatte, weil ich ja eh nicht wieder kommen würde. Er nahm die Kündigung entgegen und hätte gern mit mir weitergearbeitet. Der Rückweg nach Hause war pure Erleichterung. So sehr, dass ich im Auto weinen musste, weil eine große Belastung von meinen Schulter fiel. Mein Bauch entspannte sich und mein Kopf war plötzlich frei.

Elternzeit 2.0 – 2018/2019

Nach nicht einmal acht Wochen bewarb ich mich initiativ in einem Akutkrankenhaus als Klinischer Sozialarbeiter. Tatsächlich wurde ich eingeladen und für ein Jahr mit 20 Stunden Teilzeit befristet eingestellt. Meine Frau arbeitet ebenfalls dort und so konnten wir die Arbeitszeit untereinander aufteilen. Morgens arbeitete ich bis 12 Uhr und anschließend arbeitete sie bis 18 Uhr. Die Übergabe der Kleinen haben wir dann auf der Arbeit gemacht. Mein Vertrag wurde Ende 2017 entfristet und bereits Anfang 2018 waren wir wieder schwanger. Perfektes Timing. Jetzt wollte ich mit der Anmeldung der Elternzeit alles richtig machen. Die letzte Erfahrung bei K1 hatte mich schon ein wenig desillusioniert.
Also habe ich meine Chefin etwa ein halbes Jahr vor Entbindungstermin eingeweiht, dass ich eine lange Elternzeit plane und ihr bereits erste zeitliche Pläne vorgestellt. Zu meiner Überraschung reagierte sie positiv auf die Ankündigung und freute sich für mich. Im Spaß sagte sie zwar, dass sie extra einen Mann eingestellt hätte, um das zu vermeiden, warf mir aber gleich einen Zwinker zu und ich verstand sofort. In meinem Team haben alle Kinder und jeweils Zeit zu Hause verbracht. Teilweise Jahre oder haben in Teilzeit weitergearbeitet. Mein Anliegen stieß also auf große Begeisterung. Ein Mann bleibt freiwillig zu Hause. Keine Stimme war mir offen unwohl gesonnen. Vielmehr begegnete mir Lob und Anerkennung.
Getragen von diesen positiven Erlebnissen habe ich einen Monat ab Geburt Elternzeit genommen und werde ab Juni 2019 für weitere sieben Monate Elternzeit nehmen. Da ich noch sehr viele Überstunden und Urlaubstage habe, verabschiede ich mich bereits Ende März in Elternzeit. Die Stelle ist seit Januar ausgeschrieben und das Bewerbungsverfahren läuft bereits. Meine Kolleg*innen stehen hinter mir und unterstützen mich, wo sie können. Falls ich mal früher gehen muss oder später komme, halten sie mir den Rücken frei. Falls eines der Kinder krank ist, bleibe ich zu Hause.
Ich gehe gerne zur Arbeit und gehe noch lieber wieder nach Hause. Meine Kinder und meine Frau kennen mein Team und begegnen sich hin und wieder. Dabei fühlt sich die Arbeit im Krankenhaus an, wie eine große Familie. Wir sind Teil davon und ich fühle mich angekommen. Zumal der Job, den ich jetzt mache, haargenau mein Profil im Bachelor- und Masterstudium war. Deckel und Topf und so, ihr wisst was ich meine! Ich bin einfach nur dankbar und glücklich!
Diese kleine Geschichte zeigt mir nachhaltig, dass wir es selber in der Hand haben, glücklich zu sein. Wie Magda Bentrup sagt, müssen wir selber gehen. Die Selbstbestimmtheit über mein Leben, mein Glück und mein Denken und Handeln möchte ich stets bei mir wissen. Die Konsequenz meiner Kündigung zeigt mir, dass es richtig und wichtig war, diesen Schritt zu gehen. Zum Wohl meiner Familie und zum Wohl meines Selbstwertgefühls.
Danke! Es ist nicht selbstverständlich!

Photo by Caleb Jones on Unsplash

Die größte Veränderung findet in deinem Kopf statt

Die größte Veränderung findet in deinem Kopf statt

Das gegenwärtige Bild der Familie in Deutschland ist nach wie vor gekennzeichnet von traditionellen Rollenbildern. Der Mann arbeitet Vollzeit und die Frau kümmert sich um die Kinder. Frauen erkämpfen sich immer mehr Rechte um Teilhabe am Erwerbsleben. Auf der Strecke bleiben Kinder, die in meinen Augen zu früh in die Fremdbetreuung gegeben werden. Politisch ist das sogar gewollt!

Eine Steile These, die ich im Folgenden ein wenig aufdröseln möchte. Nur kurz ein paar Zahlen: Das Statistische Bundesamt hat im vergangenen Jahr wieder einen Report veröffentlicht. Der Datenreport 2018 schreibt gleich auf den vorderen Seiten, dass 760.000 Kinder unter 3 Jahren 2017 außer Haus betreut wurden – doppelt so viele wie vor 10 Jahren. Im weiteren Verlauf geht der Report auf die Situation in den Familien ein. Von den verheirateten Paaren sind demnach 22% in Vollzeit tätig. Bei 72% der Ehepaare arbeitet die Mutter in Teilzeit und der Vater in Vollzeit. 5% der erwerbstätigen Mütter arbeiten mehr der gleich viel wie der Ehepartner (siehe Abbildung unten). Im Vergleich zum letzten Datenreport 2016 sind das zwar keine gravierenden Veränderungen, doch zeigt sich hier schon ein Trend, der politisch gesteuert wird (siehe BMFSFJ – Gute Kinderbetreuung (109 Downloads) ). Der Datenreport 2016 hat für Paare in Vollzeit noch Werte von 21% herausgefunden (Datenstand 2014). Gleichzeitig stieg die Betreuungsquote der Kinder im Zeitraum 2014 bis 2017 von 32,9% auf 33,1%. Im Ganztag werden sogar 18,5% (2014: 18,1%) aller Kinder betreut.

Paarfamilien nach Vollzeit-/Teilzeittätigkeit der Partner 2017 — in Prozent. Quelle: Datenreport 2018: Sozialbericht für Deutschland, Kapitel 2: Familie, Lebensformen und Kinder

Hinweis: Im Folgenden beschreibe ich ganz bewusst ein stereotypisches Rollen- bzw. Familienbild, in Anlehnung an den Datenreport 2018. Es geht also um verheiratete Mann-Frau-Paare mit Kindern.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Das Bundesministerium für Familie und Senioren, Frauen und Jugend schreibt in ihrem » BMFSFJ – Gute Kinderbetreuung (109 Downloads) «, dass „die frühe Förderung von Kindern […] einen wichtigen Beitrag zur Chancengleichheit [leistet]. Darüber hinaus unterstützt eine gute Kinderbetreuung Eltern bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.“ Für mich stellt sich die Frage, ob es bei der Chancengleichheit nur um die Lohnarbeit von Mama und Papa geht, oder tatsächlich um die Interessen und Bedürfnisse der Kinder! Die Betreuungsquote von unter 3 Jahren soll demnach auf 44% angehoben werden, damit Mama und Papa „gleichberechtigt“ arbeiten gehen können. Brauchen wir nicht mindestens einen Elternteil, der die Kinder bis 3 Jahre zu Hause betreuen kann, ohne sich Sorgen um das Erwerbseinkommen machen zu müssen?

Ich möchte Vätern Mut machen, mehr Zeit für Care-Arbeit zu leisten!

Wie eben schon angedeutet, werden die Rechte der Frauen auf Rückkehr in den alten Job und Wechsel von Teilzeit in Vollzeit politisch unterstützt und gewollt, doch fehlt es an Ausgewogenheit in der Care-Arbeit zwischen Müttern und Vätern. Die Erhöhung der Kita-Betreuung ist in meinen Augen der falsche Weg, denn Kinder brauchen eine enge und sichere Bindung durch beide Eltern. Dies ist nur gewährleistet, wenn die Care-Arbeit gestärkt wird. Darüber habe ich bereits mit meiner 1.000 EUR Forderung geschrieben. Der Trend ist leider ein anderer, was ich sehr schade finde. Daher mein Appell an die Väter: Nehmt nicht nur Elternzeit abhängiges Elterngeld sondern reduziert eure Erwerbsarbeit und steigert eure Care-Arbeit.

Wie das gehen kann, möchte ich dir jetzt zeigen!

Wie vieles im Leben beginnt Veränderung im Kopf. Denkweisen und Denkmuster sind in erlernten Bahnen im Gehirn verknüpft. Wir lernen durch Vorbilder, durch Erfahrung und durch Wiederholungen. Selten aber haben wir gelernt, richtig zu lernen. In der Schule und im Studium haben wir Wissen kurzfristig in uns reingestopft als gäb’s kein Morgen, dann in der Prüfung ausgespuckt und anschließend vergessen: Bulimielernen. Wir verhalten uns gesellschaftlich angepasst. Die bekannten und erlernten Rollenstereotypen geben Sicherheit und Orientierung. Im Job lernen wir neue Aufgaben und lösungsorientiertes Handeln. Agile Methoden bereichern unseren Alltag, ob bewusst oder unbewusst. Aber sobald wir Väter werden, beginnt bei vielen ein Automatismus einzusetzen, den Prof. Dr. Martin Schröder in einer Studie untersucht hat.

Väter sind am zufriedensten, wenn sie Vollzeit oder länger arbeiten. Die Lebenszufriedenheit von Müttern ist dahingegen kaum von ihren Arbeitszeiten beeinflusst.
Prof. Dr. Martin Schröder – Studie 2018

Er merkt an, dass die Ergebnisse ebenfalls bei Menschen mit sehr sicheren Arbeitsplätzen und sehr wenig Care-Arbeit auftreten. Zudem stellt er fest, dass Männer glücklicher sind, wenn sie in den stereotypischen Rollenbildern bleiben. Es können nur Vermutungen aufgestellt werden, warum das so ist. In meinem persönlichen Umfeld stelle ich diesen Effekt ebenfalls fest. So beklagen sich Mütter über ihre Männer, dass zu viel Arbeiten und wenig Zeit für Familie und Beziehung haben. Solche Väter sieht man dann am Wochenende mit den Kindern beim Brötchen holen oder Einkaufen. Mütter erobern sich mehr Zeit zurück, um wieder in Vollzeit tätig zu sein. In meinen Augen geht das aber zu Lasten der Kinder, der Beziehung und schließlich zu Lasten der ganzen Familie.

Meine Grundannahme

Bevor es weiter geht, gehe ich von folgendem aus: Du möchtest ein aktiver Vater sein und liebst deine Frau. Du planst oder hast schon Kinder aus Liebe und Überzeugung. Du möchtest Elternzeit nehmen und bist bereit, dir meine Pyramide anzuhören. Vielleicht möchtest du auch konstruktiv Kritik äußern, dann darfst du das sehr gerne in den Kommentaren machen. Dies sind meine Gedanken über das Grundgerüst für ein gelingendes Familienleben. Wie du als Vater deine Denkmuster aufbrechen und überprüfen kannst, möchte ich dir jetzt vorstellen.

Die Situation bevor du Vater bist

Stell dir eine Pyramide vor, an dessen Spitze die wichtigste Person in meinem Leben steht: Du selbst, also dein »ICH«. Wir streben nach dem Ziel der inneren Zufriedenheit und Glückseligkeit. Manchen gelingt das gut, anderen eher weniger gut. Einige wissen das, andere noch nicht. Ich nehme an, dass du in einer Partnerschaft bist und auch mit dieser Frau Kinder haben möchtest. Nach dem »ICH« folgt in der Reihenfolge der wichtigsten Menschen die »Partnerschaft«. In stabilen Beziehungen ist eine Partnerschaft dann glücklich, wenn das »ICH« glücklich ist. Erst danach kommen »Freunde« und Bekannte, die für die Zufriedenheit ebenso wichtig sind. Die Qualitätszeit, die dein Tag hat, verbringst du der Wichtigkeit nach mit diesen Menschen.

Was hat das ganze jetzt mit Vaterschaft zutun?

Veränderung steht an, du wirst Vater. 40 Wochen kannst du dich auf die neue Rolle vorbereiten. Leider liegt dem Baby kein Beipackzettel bei und so richtig weißt du nicht, wie du deine Frau unterstützen kannst. Bei ihr scheint alles so super zu funktionieren, wie ein Programm. Du gibst dir Mühe, aber so richtig viel kannst du ja nicht machen. Das Baby will nur schlafen, trinken und braucht neue Windeln. Schon sind die 4 Wochen Elternzeit vorbei und du bist wieder im Job gefangen. Deine Frau ist mit dem Baby beschäftigt und du weißt nicht so richtig, was jetzt zu tun ist.

Mit deiner Elternschaft begibst du dich ins Rampenlicht und offenbarst, welcher Typ Vater du bist. Du machst dein Rollenverständnis von Vaterschaft sozusagen öffentlich, ohne es zu wollen. Deckt sich diese Selbstoffenbarung mit den Annahmen deiner Partnerin?

Die nächste Hürde ist also die Vaterschaft. Denn hinzu kommen Kinder mit Bedürfnissen, die befriedigt werden wollen. Sie wollen psychisch starke und stabile Persönlichkeiten werden. Die brauchen eine stabile Bindung zu den Eltern. Die Frage ist jetzt, wie gut gelingt dir die Transformation aus deiner alten Welt ohne Kinder (Pyramide oben) in die neue Welt mit psychisch stabilen Kindern (dazu kommen wir jetzt)?! Dabei meine ich nicht nur die offensichtliche Verantwortung deines Kindes gegenüber, sondern auch deines Partners und vor allem dir gegenüber. Ich glaube, das gelingt nur den wenigsten.

Change Management in der Familie

Du bist jetzt Papa und kannst deine Skills von der Erwerbsarbeit nutzen, um den Wandel in der Familie aktiv mitzugestalten. Dein Kind nimmt plötzlich die erste Stelle ein. Die Grundbedürfnisse müssen zu allererst erfüllt werden. Hat es Hunger, muss es essen. Ist die Windel voll, muss es gewickelt werden. Braucht es Nähe, trägst du es. Ist es krank, pflegst du es. Will es spielen, spielt du. Dein Kind braucht eine stabile Bindung. Anschließend erst kümmerst du dich um deine Partnerschaft. Du arbeitest die Erfahrungen und Erlebnisse mit deinem Kind auf und pflegst deine Beziehung zur Partnerin. Schließlich bist du Teil der Partnerschaft. Anschließend, also wenn Kinder und Partnerschaft zufrieden sind, hast du Zeit, dich um deine Bedürfnisse zu kümmern. Sport, Literatur, Bildung, Arbeit, Natur, Ausgleich, ganz egal. Tue das, was dir gut tut. Jetzt siehst du, dass Freunde in der Qualitätszeit Platz 4 einnehmen.
Jetzt wirst du dich fragen, warum »ICH« nicht an erster Stelle stehe. Denn wenn es mir gut geht, dann habe ich Energie und Kraft, die ich meinem Kind und meiner Partnerin geben kann! Das mag sein, doch es geht um »Qualitätszeit«. Damit meine ich, Zeit, die sinnvoll mit Liebe und Fürsorge gefüllt ist.

Wenn das die Lösung ist, möchte ich mein Problem zurück!

Und genau hier liegt meiner Meinung nach die Ablehnung vieler Väter. Die mangelnde Bereitschaft zu erkennen, dass sie nicht mehr an erster Stelle stehen, sondern vom Kind und der Partnerschaft auf Platz 3 zurückgestuft wurden. Ich denke, dass sich viele Väter mit ihren Bedürfnissen nach wie vor an erster Stelle sehen. In meinem Umfeld gibt es solche Väter, die mehr arbeiten, seitdem sie Kinder haben. Im Laufe der Zeit wundern sich dann die Väter, warum sie keine Beziehung zu ihrem Kind aufgebaut haben und die Partnerschaft auch nicht so prickelnd läuft. Immer ist das Kind an erster Stelle. Ja, warum nur? Zum Thema »maternal gatekeeping« hat Jochen König ein paar gute Beiträge verfasst. Schaut mal rüber zu ihm!
Um eine gut funktionierende Familie, Partnerschaft und ausgeglichenes ICH zu haben, müssen auch Väter die Veränderung mittragen. In meinen Augen muss die Veränderung vor allem bei den Männern stattfinden. Nämlich zu erkennen, dass ihre Bedürfnisse nicht mehr an erster Stelle stehen. Also liebe Männer, tretet zwei Schritte zurück, reduziert die Lohnarbeit, engagiert euch in der Care-Arbeit, damit eure Partnerschaft ausgeglichen ist und eure Kinder psychisch starke Persönlichkeiten werden.

Jetzt bin ich aber gespannt, wie du zu dem Modell mit der Pyramide stehst und was deine Gedanken dazu sind. Gehst du da mit oder hast du noch andere Ideen und Ansätze. Was gefällt dir nicht daran und woran habe ich vielleicht nicht gedacht? Ich bin gespannt und freue mich vorn dir zu lesen! Hinterlasse mir eifach einen Kommentar!
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Eine Reise nach New Work

Eine Reise nach New Work

In der klinischen Psychologie gibt es viele Krankheitsbilder. Zu den bekanntesten gehören Depressionen. Die Heilungschancen nach einer einzelnen Episode sind gut. Zur einfachen Erklärung der Erfolgsaussichten wird die ⅓-Regel herangezogen. Diese Regel lässt sich prima auf andere Bereich übertragen.

Bei Depressionen besagt die ⅓-Regel grob, dass 33% der Betroffenen nach einer Therapie als geheilt gelten. Es sind keine weiteren depressiven Episoden zu erwarten. Bei weiteren 33% der Betroffenen kehrt die Depression in Abständen wieder auf und beim restlichen Drittel manifestiert sich die Krankheit. Das sind natürlich keine wissenschaftlich fundierten Zahlen und Beschreibungen, aber für eine vereinfachte Darstellung der Heilungschancen allemal anwendbar. Doch was hat das Krankheitsbild der Depression mit »New Work« zu tun und was hat es mit der ⅓-Regel auf sich?
»New Work« hat nichts mit einer Krankheit und auch nichts mit einer Stadt zu tun. Der Begriff geht vielmehr auf den Sozialphilosophen Frithjof Bergmann zurück und beschreibt ein Arbeitsmodell, das den klassischen Begriff von Arbeit ersetzen soll. Bergmann entwickelte es als ein alternatives Modell zur Lohnarbeit im kapitalistischen Wirtschaftssystem. Dieses Modell nannte er »Neue Arbeit« und begründete damit eine Bewegung, die bis heute unter diesem Namen bekannt ist.

Nach Bergmann soll die klassische Erwerbsarbeit durch ein Beschäftigungsmodell ersetzt werden, bei dem der Einzelne zu ⅓ klassischer Erwerbsarbeit nachgeht, zu ⅓ Arbeit verrichtet, die er wirklich will und zu ⅓ »High-Tech-Eigen-Produktion« betreibt.
Hackl, B. et al. (2017): New Work: Auf dem Weg zur neuen Arbeitswelt.

Nachdem ich 2010 meinen alten Beruf als Medienberater und Print-Produktioner in Hamburg an den Nagel gehängt hatte, weil mir die »Arbeit« zu viel wurde, habe ich eine Auszeit in Italien auf einem Bergbauernhof genommen. Anschließend studierte ich Soziale Arbeit und Gesundheitsmanagement. Für mich war klar, dass ich nicht erneut in das Hamsterrad der Lohnarbeit zurückkehren werde. Was liegt da näher, als »New Work« auszuprobieren!

⅓ klassische Erwerbsarbeit

Meine klassische Erwerbsarbeit im Sozialdienst eines Krankenhauses ist traditionell in eine starke Hierarchie eingebettet, ähnlich wie bei der Bundeswehr oder der Polizei. Morgens um kurz vor 8.00 Uhr verlasse ich die Wohnung und kehre um 11.30 Uhr wieder nach Hause zurück. Die Strukturen sind wenig innovativ, weil sich der medizinische Dienst und der Sozialdienst in seinen Arbeitsabläufen wenig verändert hat. Der digitale Wandel macht natürlich auch vor dem Krankenhaus nicht halt, hier geht es mir aber um die Arbeitsmethoden, die (noch) nicht vollständig durch Roboter oder digitale Prozesse ersetzt ist. Innovationen werden im Krankenhaus eher auf oberster Ebene entwickelt. Die unteren Ebenen können Vorschläge machen, aber nicht mitdiskutieren. Jedenfalls gibt es keine mir bekannten Settings dafür. Abläufe und Anweisungen werden nach unten delegiert: „Scheiße fällt von oben nach unten!“ sagt man auch.

⅓ Arbeit, die ich wirklich will

Ein weitere Teil der »New Work« ist für mich die Care-Arbeit. Traditionell wird sie noch von Frauen ausgeführt, doch Männer übernehmen immer mehr. Zu diesen Männern zähle auch ich mich. Aus vollstem Herzen habe ich mich nach all den Erfahrungen entschieden, dass ich einen Teil der »Arbeit« zu Hause verbringen möchte. Meine Kinder möchte ich aktiv begleiten und groß werden sehen. Sämtliche Tätigkeiten, die damit in Verbindung stehen, gehören für mich wie selbstverständlich dazu. Von der Geburt an möchte ich ein stabiler Wegbegleiter sein, der seinen Kindern Selbstbestimmtheit und kritisches Denken ermöglicht. Sie sollen glücklich und mit Handwerkzeug ausgestattet werden, mit dem sie in der wandelbaren Welt zurecht kommen. Dazu gehört aber auch in Beziehung gehen und bleiben. Mit meiner Frau, meinen Kindern und meinem familiären Umfeld. All das gehört für mich zu Care-Arbeit.

⅓ High-Tech-Eigen-Produktion

Mit diesem Begriff interpretiere ich etwas mit Zauber, Visionen und Dingen, die weit entfernt liegen und doch so nah sind. Sie liegen hinter der Komfortzone. Das sind Dinge, ich ich schon immer mal machen wollte, mich aber nie getraut habe. Ich stelle mir so etwas wie eine Spielwiese für Experimente vor. Muss nicht zünden, darf aber einschlagen wie eine Bombe. Alles kann, nichts muss. Hier darf ich scheitern, wieder aufstehen, Krone richten und noch einmal versuchen. Mit dem Institut für Prävention und Gesundheit probiere ich mich gerade im Bereich Stressprävention aus. Damit habe ich schon während des Studiums angefangen und die Ideen konkretisiert. Nach einigen Fort- und Weiterbildungen bin ich Krankenkassen zertifiziert und darf im Rahmen der Prävention nach §20 SGB V Gesundheitskurse anbieten. Ob das jetzt aber der Weisheit letzter Schluss ist, weiß ich noch nicht. Das wird sich zeigen. Und wenn ich keine Lust mehr dazu habe, werden neue Ideen umgesetzt. An Ideen mangelt es nicht.
In den Medien lese ich häufig von der »Work-Life-Balance«. Dieser Begriff ist der totale Schwachsinn und wird von so vielen Menschen unreflektiert nachgeplappert. Es gibt keine Trennung von Arbeit und Leben. Die Arbeit ist Teil des Lebens und wo Arbeit aufhört fängt nicht das Leben an und umgekehrt. Arbeit muss vielmehr als sinnstiftender Teil des Lebens wahrgenommen werden. Die Umdeutung davon kann ich meinen Augen durch den »New Work« Ansatz gelingen. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich mit diesem Ansatz sehr viel mehr Zufriedenheit erreichen lässt. Die ⅓-Regel ist so einfach wie genial. Vielleicht ist es auch ein bisschen wie bei der Behandlung von Depression: Man muss es wollen.
Was ist mit dir? Kannst du dir vorstellen, nach der ⅓-Regel zu leben? Vielleicht tust du es schon und wusstest nur nicht, dass es einen Begriff dafür gibt. Schreib mir in den Kommentaren, was du davon hältst. Ich bin gespannt und freue mich auf Feedback!

#familyfirst – It's all about expenses

#familyfirst – It's all about expenses

Neulich beim Friseur spreche ich mal wieder über meine Themen. Care-Arbeit, Familie, Beruf und Geld. Miro hat selber Kinder und kennt sich mit Vorurteilen und Stereotypen bestens aus. Es entwickelt sich ein Gespräch über die Rolle als Vater und was das Können mit dem Wollen zu tun hat.

Miro mag ich sehr. Er ist ein liebevoller Typ, bodenständig und hat immer einen guten Spruch parat. Ne ehrliche Haut. Die Gespräche gehen mal in die Tiefe, mal über Fußball und sehr oft über unsere Kinder. Wir sprechen auch über unsere Rolle als Vater, Geschlechterstereotypen und die gesellschaftlichen Normen und Werte. Er kennt unser Modell mit Familienbett, meiner 20 Stunden-Stelle und die Begleitung meiner Kinder. In diesem Zusammenhang sprechen wir heute auch über den einen Satz, der mich immer wieder triggert. Miro muss schmunzeln, er kennt ihn nur zu gut.

„Das ist ja alles schön und gut, aber muss man sich auch leisten können!“

Dieser Satz geht mir mittlerweile richtig auf den Keks. Meistens kommt er im Gespräch über meine bewusst reduzierte Tätigkeit im Beruf und dass meine Frau ebenfalls nur in Teilzeit arbeitet. Welche Aussage steckt in diesem Satz?

  • Ein Appell, ich solle mehr arbeiten gehen?
  • Ein Beziehungsaspekt, jemand macht sich Sorgen, ich könne mir diese Lebenseinstellung nicht leisten?
  • Ein Sachaspekt, dass jemand tatsächlich Bescheid weiß über meine Finanzen?
  • Oder doch eine Selbstoffenbarung, dass man sich selber diesen Lebensstil nicht leisten will?

„Kann ich nicht gibt’s nicht!“

Das geht natürlich nur, wenn ich mir über meine Einnahmen und Ausgaben Gedanken mache. Ich kann nicht mehr ausgeben, als ich zur Verfügung habe. Wenn am Ende vom Geld noch viel Monat übrig ist, dann habe ich etwas falsch gemacht! Mehrmals im Monat setze ich mich hin und habe unsere Ein- und Ausgaben im Blick. In einer Excel-Tabelle führe ich Buch, eine Pivot-Tabelle zeigt mir die Defizite auf. Die werden dann regelmäßig korrigiert. Wenn mir jemand sagt „…muss man sich auch leisten können…“ dann steckt da in meinen Augen eine andere Botschaft hinter. „Ich möchte meinen Lebensstil nicht verändern.“ Oder anders ausgedrückt. Die Person hat es sich in ihrer Komfortzone so bequem gemacht, dass jede Veränderung viel Arbeit bedeutet.

Von dem Geld dass wir nicht haben, kaufen wir Dinge, die wir nicht brauchen, um Leuten zu imponieren, die wir nicht mögen.
aus dem Film »Fight Club«

Der Lebensstil, wie ihn die Gesellschaft ihn propagiert – also Konsum, Wohlstand, Reichtum – kostet Geld. Wenn wir dieses Geld nicht haben, dann leihen wir es uns bei der Bank. Dann nehmen wir eine Hypothek oder einen Kredit auf. Genau so gut können wir aber auch die Ausgaben reduzieren, weniger Arbeiten und mehr Zeit für die Familie verbringen. Diese Transformation habe ich 2010 durchgemacht. Ein sicherer und gut bezahlter Job, regelmäßiges Gehalt, hohe Ausgaben für Dinge, die mir das Gefühl geben sollten, etwas Wert zu sein. Ich habe von der Hand in den Mund gelebt und kenne den Lebensstil, mehr haben zu wollen, weil ich es mir irgendwie leisten kann. Weniger zu arbeiten kam für mich damals nicht in Frage. Ging auch gar nicht, ich war auf das Einkommen angewiesen. Meine Ausgaben waren zu hoch.

Leben um zu arbeiten?

Natürlich ist mir die gegenwärtige Situation in Deutschland bekannt. Geringe Löhne, wenig Investitionen und gerade prekär Beschäftigte müssen sehen, wo die Kohle bleibt. Da bleibt in Sachen Rücklagen nicht viel übrig. Versteht mich nicht falsch, es geht mir hier mehr um Konsumkritik. Vor allem kritisiere ich Vätern, die zu viel arbeiten, sich aus der Care-Verantwortung stehlen und denen es wichtiger ist, dass die Frau wieder arbeiten geht, als Zeit mit dem Kind zu verbringen. Oh je, jetzt fahre ich richtig hoch. Es sind immer noch zu wenige Väter bereit, Stunden zu reduzieren bei gleichzeitiger Rückkehr der Frauen in den Beruf. Das geht doch so nicht.

Wie können wir uns das denn leisten? It’s all about expenses und halten die Ausgaben so gering wie möglich! Wir leisten wir uns keine teuren Autos, gehen viel zu Fuß, haben keine teuren Abos (Fitnessstudio, Netflix, Spotify, Prime o.ä.), keine neuen Smartphones und arbeiten, um zu leben. Anfang des Jahres habe ich meine Mitgliedschaft im Sportverein in den Status »passiv« setzen lassen. So spare ich einige hundert Euro im Jahr (Luftsport ist teuer!). Mit unserem VW-Bus Fiete fahren wir nur in den (seltenen) Urlaub: Campingplatz, Nebensaison. Mit dem Bollerwagen gehen wir einkaufen. Wir sind extra in die Nähe der Arbeit umgezogen, sodass wir sie zu Fuß erreichen können. Wir müssen uns das nicht leisten, aber wir wollen es uns leisten!

„Will ich nicht liegt auf dem Friedhof!“

Es geht um Konsum. Für mich der zentrale Punkt, um den es sich in der Frage um Care-Arbeit dreht. Bin ich als Vater bereit, Care-Arbeit zu übernehmen? Im Bewusstsein, weniger Geld zu verdienen? Ich denke, dass viele Väter das nicht wollen und sich hinter dem Pseudo-Argument „…muss man sich ja auch leisten können…“ verstecken. Eigentlich sagen sie nämlich „…ich will es mir nicht leisten…“. Warum? Weil sie ihren gesellschaftlich hart erarbeiteten Lebensstil nicht aufgeben wollen. Sie stehen in Konkurrenz zu anderen Vätern. Weil es gesellschaftlich von einem Mann erwartet wird, in Vollzeit zu arbeiten! Weil Care-Arbeit in den Augen der Männer immer noch Aufgabe der Frauen ist!

Als ich mich so richtig in Rage geredet hatte und Miro nur noch grinsend zuhören konnte, kam seine Kollegin vorbei, legte die Werkzeuge bei Seite und umarmte mich mit den Worten „Hab alles mitbekommen! Komm mal her Papa, richtig schön, dass es junge Väter gibt, die so denken wie du und die Familie in den Mittelpunkt stellen!“ – Huch, was war das denn? Ich habe die Kollegin schon ein paar Mal gesehen und auch nett gegrüßt, aber mehr auch nicht. Ich war sehr perplex, habe mich aber im nächsten Moment riesig gefreut und bestärkt gefühlt. Vielleicht gibt es da draußen ja eine schweigende Masse, die ähnlich tickt, sich aber bisher kein Gehör verschafft hat.

Spontanität ist das, was einem auf dem Nach-Hause-Weg einfällt. War ich zu fordernd? War ich zu direkt? Habe ich womöglich jemanden verletzt? Diese und weitere Gedanken schießen mir in den Kopf. Ich mache mir Sorgen, will niemanden verletzen und auch nicht arrogant rüber kommen. Denn das wird mir oft unterstellt. Dabei will ich für neue Rollenmodelle kämpfen, mich für Väterrechte einsetzen und – natürlich auch – Vätern den Spiegel vorhalten. Letztendlich habe ich meine Meinung gesagt. Die Frage ist jetzt, was die Väter draus machen.

Für weitere Diskussionen und Gespräch wünsche ich mir mehr Ehrlichkeit und Akzeptanz. Statt zu sagen „Muss man sich auch leisten können“ sagt doch bitte „Das kann ich mir nicht vorstellen und möchte ich mir nicht leisten“. Liebe Männer, aber dann möchte ich auch keine Beschwerden hören, dass ihr zu wenig Zeit mit euren Kindern verbringt. Mir ist natürlich klar, dass es Situationen, Familienmodelle und Menschen gibt, die es sich nicht leisten können. Das respektiere ich. Meine Kritik bezieht sich auf die Väter, die es sich leisten könnten, aber nicht wollen und sich hinter solchen Pseudo-Argumente verstecken.

Und wenn ich wieder ins Grübeln komme, dann denke ich an die wichtigste Kommunikationsregel: „Der Empfänger entscheidet, wie eine Botschaft ankommt.“

Mein 2017 – Eine Überprüfung meiner Vorsätze

Mein 2017 – Eine Überprüfung meiner Vorsätze

Vor einem Jahr an Silvester saßen wir auf der Couch und haben über unsere Vorsätze für das kommende Jahr 2017 gesprochen. Ich hatte gerade meinen Job gekündigt und war noch für einige Monate in Elternzeit. 365 Tage sind seither vergangen und es wird Zeit, eine Bilanz zu ziehen.

Damals hatte ich einen langen Text in einer E-Mail verfasst, die automatisch ein Jahr später, am 31.12.2017 um 1 Uhr nachts  zugestellt werden sollte. Einige Auszüge und Gedanken möchte ich euch daraus teilen und für mich überprüfen, was davon im vergangenen Jahr umgesetzt wurde und was nicht. Eingeteilt habe ich die Vorsätze (was ein abgenudeltes Wort) in drei Bereiche: Beziehung & Familie, Gesundheit und Beruf.

Vorsatz 2017: Beziehung & Familie

Die Beziehung zu meiner 10 Monate alten Tochter ist richtig toll. Der Tag beginnt mit Kuscheln im Bett, dem Wickeln, ein wenig Spielen und dann natürlich einem schönen Frühstück. Sie kommuniziert mit mir und ich verstehe sie. Wenn sie Hunger hat oder etwas trinken will, dann sagt sie es mir. Sogar wenn ihre Windeln voll sind, dann bekomme ich das mit. Natürlich kann sie es mir noch nicht sagen, aber sie zeigt es mir, indem sie z.B. zum Wickeltisch krabbelt. Wenn sie ihre Zeiten zum Schlafen hat, dann hört sie mit dem Spielen auf und krabbelt auf mich zu. Ich frage sie dann, ob sie müde ist und wenn sie sich die Augen reibt, sind die Signale eindeutig. Diese Verbindung möchte ich beibehalten, sie intensivieren und auch in der Zeit nach meiner Elternzeit nicht mehr missen. Natürlich weiß ich, dass es im Job nicht mehr vollumfänglich möglich ist, aber mit reduzierten Stunden bestimmt teilweise.

Die Beziehung zu Corinna ist auf einem guten Weg zurück zur Normalität, bzw. dahin, wo sie mal war. Entspannt, leicht, fröhlich, gelassen. Das stimmt mich positiv für 2017 und da ist auf jeden Fall noch Luft nach oben. Wahnsinn, wie sehr mich die Situation auf der Arbeit mitgenommen hat. Das möchte ich nie mehr haben. Toi toi toi. Jetzt heißt es für 2017 wieder den innigen Kontakt zu Corinna herstellen, den wir mal hatten.

Wie sieht es 365 Tage später aus?
Die Beziehung zu meinen beiden Lieblingen ist intensiver als zuvor, was sicherlich auch mit dem beruflichen Wechsel zu tun hat, denn nun habe ich viel mehr Zeit für die Familie. Aufgrund des Wechselschichtmodells fällt leider das morgendliche Kuscheln und das ausgeprägte Frühstück weg. Dafür verbringe ich ab Mittag eine intensive und erfüllende Zeit mit meiner Tochter. Gegen 17:30 Uhr sind wir dann wieder zu dritt und können gemeinsam den Tag ausklingen lassen. Und das jeden Tag, was mich sehr glücklich macht.

Vorsatz 2017: Gesundheit

Für das neue Jahr möchte ich wieder Sport machen. Jaja, das hört sich so doof und pauschal an, sagt ja jeder. Ne, aber ich meine das wirklich so. Zuletzt habe ich 2014 Sport gemacht. Und mit Sport meine ich hauptsächlich das Laufen. Dazu werde ich mir neue Schuhe kaufen und mich beraten lassen. Mal sehen, was das wird. Stichwort: Mehr Achtsamkeit im Alltag. Das wird bestimmt das Modewort 2017, aber für mich soll es das wirklich werden. Ich möchte achtsamer mit mir und meinem Körper umgehen. Denn seitdem ich weiß, dass ich ein HSP bin, muss und will ich das auch akzeptieren. Dazu muss ich die Signale meines Körpers nicht nur wahrnehmen, sondern auch annehmen und entsprechend reagieren. Das ist eine große Herausforderung, denn bisher habe ich das nicht oder nie gemacht. Und ich bin schon 33 Jahre alt. Mal sehen…

Wie sieht es 365 Tage später aus?
Mittlerweile bin ich 34 Jahre alt und habe natürlich keinen Sport gemacht. Das lag unter anderem daran, dass wir umgezogen sind und auch ein bisschen daran, dass ich nach dem Sturz auf den Steiß während der Elternzeitreise immer wieder Schmerzen beim Laufen habe. Zwar habe ich eine Laufanalyse gemacht und mir Schuhe ausgesucht, aber die neuen Schuhe habe ich mir nicht gekauft. Der Orthopäde meinte, ich sollte lieber Fahrrad fahren und Schwimmen gehen. Also 2018, du hast es gehört, das wird mein sportliches Jahr! Jetzt aber wirklich!

Mehr Achtsamkeit habe ich dann doch geschafft. Die halben Arbeitstage bedeuten leider auch halbes Gehalt, was sich sehr bemerkbar macht, gerade weil ich als Sozialarbeiter im Gesundheitssektor beschäftigt bin. Wir haben Foodsharing für uns entdeckt und leben zunehmend bewusster. Abgesehen vom geretteten Bio-Obst und Bio-Gemüse kommen unsere weiteren Lebensmittel aus dem Bioladen. Wir verzichten immer mehr auf Plastik, auf Fleisch und immer mehr auch auf Fisch. Die restlichen Alkoholflaschen der letzten Jahre, die im Schrank zustauben, werden in ein paar Tagen verschenkt und statt Kuh-Milch trinke ich seit ein paar Monaten Hafer-Milch.
Die Achtsamkeit im Alltag wird weiter ausgebaut, denn wir haben noch zu viele Plastik-Produkte im Haushalt, die ersetzt werden müssen. Als nächstes sind unsere Pfannen dran. Die Teflon-Beschichtung löst sich so langsam ab und vergiftet das Essen. Auch die Shampoos im Badezimmer haben oftmals Mikroplastik als Zusatz. Hier gibt es natürliche und umweltschonende Alternativen.

Vorsatz 2017: Beruf

Beruflich stehe ich vor einer neuen Herausforderung. Im April 2017 endet meine Elternzeit und ich möchte den Wechsel in die Gesundheitsbranche wagen. Mit Bacherlor, Master und einer systemischen Weiterbildung in der Tasche fühle ich mich gut gerüstet für diesen Schritt. Bis dahin möchte ich mir Zeit nehmen, vermehrt in die Bücher zu schauen, mich beim Arbeitsamt zu erkundigen und natürlich mich zu bewerben. Bei der AOK habe ich mich für eine Trainee Stelle beworben, die sehr passend klingt. Sollte das alles nicht klappen, also keine Jobs, die mir guttun und die im Gesundheitsbereich sind, dann bleibe ich erst mal zu Hause.

Jobs, die ich ungern machen möchte:

  • Sozialarbeiter bei einer Stadt
  • Bildungsreferent in einem Verband
Jobs, die ich gerne machen möchte:

  • Klinischer Sozialarbeiter
  • Systemischer Berater

Kommentar 365 Tage später
Die Bewerbung als Trainee bei der AOK war erfolglos. Rückblickend bin ich auch ganz froh, dass es so gekommen ist. Denn dann würde ich jetzt nach Düsseldorf oder Neuss pendeln und wäre sicherlich wieder in irgendeiner stressigen Spirale, aus der ich nicht rauskomme. Als ich gekündigt habe war mir klar, dass ich nicht wieder in die Situation kommen möchte, niemandem mehr gerecht werden zu können, schon gar nicht meiner Familie und mir. Daher war es gut so, wie es dann gekommen ist.

Wir sind in die Nähe unseres „Klinikums“ gezogen und wohnen seit September nur 5 Minuten zu Fuß vom Job entfernt. Seit April bin ich halbtags für 19,25 Stunden als Klinischer Sozialarbeiter angestellt und mega zufrieden und glücklich. Mein Team hat mich mit offenen Armen empfangen und mich sehr gut eingearbeitet. Ich lerne nicht nur das Handwerkszeug, sondern auch, was Ironie ist. Damit habe ich als HSPler meine Schwächen. Bei meinen Kolleginnen und Kollegen gehe ich durch eine harte Schule! Das interdisziplinäre Arbeiten ist wundervoll, zumal ich relativ frei meine Arbeit einteilen kann. Ein Glücksgriff!

Fazit für 2017

In den vergangenen 365 Tagen habe ich die Familie wieder in den Mittelpunkt meines Lebens gerückt. Drumherum hat sich dann alles zusammengesetzt. Der Job musste zu unserem Familienmodell passen, genau wie die Achtsamkeit und Selbstfürsorge. Wir haben unser Auto verkauft und erledigen alles mit dem Fahrrad oder zu Fuß. Natürlich unternehmen wir noch Reisen mit Fiete, dennoch achten wir mehr auf unseren Fußabdruck und versuchen nachhaltiger zu leben. Im Dezember wurde mein Vertrag entfristet, sodass wir langfristig mit diesem Familienmodell planen können. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis von bewussten Entscheidungen.

Gibt es noch etwas Negatives in 2017? Ja, vielleicht diese kräftezehrenden Begegnungen und Diskussionen, wenn ich so begeistert über unser Familienmodell berichte, mich dafür aber rechtfertigen muss. Weil ich den Mainstream und den Konsum kritisch hinterfrage. Weil ich es anders mache und dafür Abstriche mache, beim Geld, bei der Karriere und bei Statussymbolen. Anderen Menschen begegne ich immer wertschätzend und offen. Doch in solchen Momenten mag ich gar nicht mehr erzählen und denke mir, dass jede Aussage des Gegenübers auch eine Selbstoffenbarung ist. Davon bitte weniger.

Das waren die Vorsätze für 2017 und eine Überprüfung. Ich bin positiv überrascht und mehr als zufrieden, was das vergangene Jahr gebracht hat. Für 2018 gibt es natürlich wieder eine Mail, die ich mir am 31.12.2018 zukommen lasse. Ich bin jetzt schon gespannt!

Wie war dein Jahr 2017 und was hast du dir für 2018 vorgenommen? Schreib mir in die Kommentare, ich bin gespannt auf deine Vorsätze!

Konsumkritik – Level 2: Lebensmittel retten

Konsumkritik – Level 2: Lebensmittel retten

Irgendwann im 2. Semester kam eine Kommilitonin auf mich zu und hielt mir ein frisches Bündel Karotten unter die Nase. „Hier, wir waren Lebensmittel retten, alles frisch. Die Idioten vom Supermarkt schmeißen gute Lebensmittel weg, krass oder?“

In den folgenden Wochen und Monaten haben sich einige Kommilitonen zusammengetan und sind dann nicht mehr containern gegangen, sondern haben bei Supermärkten und Wochenmärkten nach Lebensmitteln gefragt, die nicht mehr verkauft werden könnten. Das hört sich nach Konkurrenz zur Tafel an, ist es aber nicht. Denn die Tafel darf keine abgelaufenen Lebensmittel annehmen und schaut auch bei Obst und Gemüse, was noch ,hübsch‘ aussieht.
Meine Tante arbeitet bei einem Discounter im Münsterland und berichtete mir von ihrer Arbeit, was ich zuerst gar nicht glauben wollte. Ihre Aufgabe besteht nicht nur darin, Lebensmittel auszusortieren und sie in Container zu schmeißen. Sie hatte auch den Auftrag, die Lebensmittel im Container mit blauer Farbe anzusprühen, damit sie nicht geklaut werden. Das muss man sich mal vorstellen. Da werden Lebensmittel weggeworfen, die noch verwertbar sind und zum Schutze vor bösen, hungrigen Dieben, unschädlich gemacht. Wo kommen wir denn da hin, wenn Bedürftige die wertvollen Reste mitnehmen. Da vernichten wir sie lieber!
In was für einer Welt leben wir eigentlich? Ich frage mich das tatsächlich des Öfteren und blicke zurück in meine Schulzeit. Wir wurden angehalten, kritisch über Energie, Umwelt und so weiter zu diskutieren. Hatten Projekte und hielten Referate über die steigenden Umweltbelastungen und Ressourcenknappheit. Hungersnöte hier, Dürren und Krieg dort. Das alles sollte uns auf das Leben da draußen vorbereiten und uns zu kritisch denkenden Menschen machen. Und was passiert? Wir schmeißen Lebensmittel weg und sprühen sie blau an. Geht’s noch?
Seit ich meine Frau kenne, sind wir im inneren und äußeren Wandel. Wir hinterfragen nicht nur unseren Konsum, sondern auch unsere Gewohnheiten. Vor kurzem sprach sie mich auf unser Essen an, das wir wegschmeißen. „So geht das nicht. Ganz ehrlich, das muss doch auch anders möglich sein!“ Zack saß sie vorm Laptop und recherchierte. Dabei stieß sie auf foodsharing und meldetet sich direkt an. Wir haben schon oft über facebook Lebensmittel verschenkt, aber noch nicht aktiv über foodsharing. Weil uns aber das eigentliche Teilen nicht reicht, haben wir uns als „foodsafer“ angemeldet.
Foodsafer sind Menschen, die zu regelmäßigen Zeiten an bestimmten Orten (Supermärkte, Bäckereien, Wochenmärkte) Lebensmittel vor der Tonne retten. Seit ein paar Wochen gehen wir nun schon mit und sind nach 3 Probeabholungen bei unterschiedlichen Betrieben fest in der Community hier in Krefeld. Jedes Mal schütteln wir mit dem Kopf, was wir für wertvolle und leckere Lebensmittel retten. Stellt euch vor, der Wochenmarkt schließt und der Bauer weiß genau, dass er die nächsten 3 Tage seine Ware nicht verkauft bekommt. Wohin? Genau, in die Tonne. Aber damit ist jetzt, zumindest bei einigen Verkaufsstellen, Schluss!
Seither geben wir nicht nur weniger für Lebensmittel aus, wir teilen auch viele Lebensmittel mit Freunden und Bekannten. Die freuen sich über die kostenlose Lieferung und die frischen Köstlichkeiten (ja, sie sind wirklich noch frisch). Gleichzeitig lernen wir viel Obst und Gemüse kennen, das wir noch nie zubereitet hatten: Fenchel, Spitzkohl, Rettich und Mangold zum Beispiel.

Mich hat das Konzept überzeugt. Es ist nicht nur ressourcen- und umweltschonend, sondern passt auch perfekt in unser Familienmodell hinein. Ab Mittag habe ich frei und kann die Touren zu den Märkten fahren. Unsere Tochter hat eine Beschäftigung und kommt an die frische Luft – bei Wind und Wetter. Und gleichzeitig erfährt und begreift sie am eigenen Leib, was es heißt, die Umwelt zu schonen und wertschätzend mit unseren Ressourcen umzugehen. Viel besser, als irgendein Vortrag in der Schule! Heute hält meine Tochter die Karotten in der Hand, grinst mich an und ruft „Papa, da, Tatotten“!

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