5 Fehler über Hochsensibilität, die ich gemacht habe und was du daraus lernen kannst

5 Fehler über Hochsensibilität, die ich gemacht habe und was du daraus lernen kannst

Obwohl ich meine Hochsensibilität annehme und liebe, passieren mir häufig die selben 5 Fehler. Dass ich damit nicht alleine bin, erfahre ich in vielen Gesprächen und Zuschriften von hochsensiblen Menschen. Im Alltag müssen wir uns mehr als Normalsensible behaupten. Dabei geraten HSPs leicht unter die Räder der gesellschaftlichen Normen. Doch es lohnt sich daran zu arbeiten!

1. Fehler: Ich will diese Eigenschaften nicht haben!

Schon als Kind wusste ich, dass etwas mit mir nicht stimmte. Ich war schnell überreizt, hatte meine Gefühle nicht unter Kontrolle und nicht immer passten meine emotionalen Reaktionen zum erwarteten Verhalten. Ständig hatte ich das Gefühl, in die falsche Familie hinein geboren zu sein. Niemals konnten das meine Eltern sein. Kommunikation und wertschätzendes Miteinander war mir immer schon wichtig. Meine Gedanken kreisten über den Sinn des Lebens und am wohlsten fühlte ich mich, wenn jemand mit mir darüber philosophierte. Obwohl ich vermeintlich schlecht hörte, konnte ich Geräusche wahrnehmen, die andere nicht wahrnahmen. Meine Sinne liefen auf Hochbetrieb, 24 Stunden, 7 Tage die Woche. Ich war schnell erschöpft und brauchte permanent Regeneration.

Aber das habe ich mir nicht eingestanden. Natürlich wollte ich dazu gehören und konnte mir selber meine Null-Bock-Phasen nicht erklären. Es gab Tage, da konnte ich zurückgezogen sein und Tage, da ging es mir richtig gut. Doch richtige Gründe gab es dafür nicht. War halt so. Annehmen wollte ich diese „Macken“ aber nicht. Statt dass ich meine Charaktereigenschaften annahm, habe ich sie versucht zu bekämpfen. Ich wollte sie loswerden und habe sie letztendlich verdrängt. Zack, alle weg.

Fortan hatte ich immerzu Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und allgemeines Unwohlsein. Ich fühlte mich energielos und matt. Warum lebe ich eigentlich, wenn es mir so schlecht geht? Es kümmert doch eh keinen, dass ich da bin. Falsche Familie, keine Freunde, alles doof. Ich schleppte mich so durch’s Leben. Abi, Ausbildung, Arbeit. Beziehungen kamen und gingen. Ich verleugnete mich selbst und mein Ich.
Bis ich eines Tages die Reißleine zog und mir selber sagte: „Stopp. Entweder du änderst jetzt alles, oder es ändert sich nichts.“ Hochsensible haben die Fähigkeit, von heute auf morgen alles zu ändern. Für mich bedeutete das, die Wohnung und den Job zu kündigen sowie die Freundin zu verlassen. Raus aus meinem gewohnten Umfeld, in dem ich mich nicht wohl fühlte und raus in die Welt. Es lohnt sich, seine Fähigkeiten zu entdecken, seine Wahrnehmungen zu schulen und seine Gefühle zu offenbaren. Es gibt Menschen da draußen, die dich verstehen und die den Weg gemeinsam mit dir gehen wollen und können.

Vergegenwärtige dir deine Hochsensibilität. Es ist ein Geschenk, mit scharfen Sinnen sich selbst und anderen Menschen zu begegnen. Nutze dein Talent und entdecke die Möglichkeiten, sie einzusetzen. Habe den Mut, deinen Schatz zu heben. Ich habe viele Seminare zur Selbstfindung besucht, habe Yoga gemacht und mich in Kommunikationsmethoden weitergebildet.

2. Fehler: Ich will doch nur geliebt werden

Schon in der Schule wollte ich dazugehören. Das will wahrscheinlich jede*r. Es gibt die coolen Jungs, die Mitläufer und die Randgruppen. Ich gehörte, wie so viele Hochsensible, zur Randgruppe. Das laute Gebrüll der Alpha-Männchen ist nichts für sensible Ohren von HSPs. Trotzdem tat ich vieles, um cool zu sein und dazu zu gehören. Ich verbog mich für andere und griff nach jedem Strohhalm, so zu sein wie sie. Bei der kleinsten Möglichkeit hing ich mich an die Fersen, trank Alkohol, feierte bis tief in die Nacht und hörte schreckliche Musik. Alles für ein kleines bisschen Aufmerksamkeit. Ich übernahm Aufgaben und merkte nicht, wie ich ausgenommen wurde. Alles für ein kleines bisschen Anerkennung. Über meine Emotionale Abhängigkeit habe ich schon einmal einen Beitrag geschrieben.

Denn das musst du dir nicht antun. Sei unabhängig und selbständig. Das hast du nicht nötig. Dein Talent und deine Energie gehören dir und sollte nicht für jeden kleinen Preis offenbart werden. Du hast so viel mehr verdient, als ein wenig Aufmerksamkeit. Du hast so viel mehr verdient, als dich mit deiner Abhängigkeit lustig zu machen. Du bist wertvoll, als dass du dich in Abhängigkeit zu anderen begeben musst.

3. Fehler: Entschuldigung, das tut mir Leid, ehrlich!

Dir fällt es schwer, eine Partnerin zu finden und dich lange zu binden? Dann bist du nicht alleine. Denn hochsensible Menschen brauchen Freiheit und Selbstbestimmtheit. Doch häufig ist genau das Gegenteil der Fall. Sie begeben sich in eine emotionale Abhängigkeit und wollen gefallen. Dafür tun sie alles. Sobald die Partnerin sich an dem Verhalten stört, entschuldigst du dich und merkst gar nicht, wie sehr du dich weiter und tiefer in die Abhängigkeit beförderst. Dein erwartetes Verhalten passt immer weniger zu deinem gewünschten Verhalten. Deine Partnerin fragt dich „WARUM hast du _______ (fülle irgendwas ein) getan?“ Und du hast keine Antwort auf diese Frage. Stattdessen entschuldigst du dich. Immer und immer wieder und wirst immer unfreier.

Sei frei und selbstbestimmt. Sprich offen und ehrlich über deine Wünsche und Befürchtungen. Mir hat es sehr geholfen, ab dem ersten Tag mit meiner Frau mit offenen Karten zu spielen. Mir hat es geholfen, offen und ehrlich über meine Hochsensibilität zu sprechen. Ist sie interessiert an dir und deinen „Macken“, finden sehr schnell wertschätzende Gespräche statt. Wenn sie dann noch Verständnis zeigt, ist das Fundament für eine stabile und wertschätzende Partnerschaft gelegt. Wenn nicht, war sie nicht die richtige für dich!

4. Fehler: Das war ich nicht, das war schon so!

Du machst ständig andere für deine Fehler verantwortlich und suchst Ausreden für dein Verhalten? Herzlichen Glückwunsch, dann übernimmst du keine Verantwortung für dich. Alle sind gegen dich und nur weil jemand anderes etwas getan oder nicht getan hat, bist du jetzt in dieser schlechten Situation. Du fällst durch Prüfungen, weil der Lehrer/Dozent keine Ahnung hat? Oder fällst du durch Prüfungen, weil du Schwierigkeiten beim Lernen hattest und es dir nicht eingestanden hast? Statt offen über deine Schwierigkeiten zu sprechen und sie dir selber einzugestehen, findest du keinen Antrieb und machst andere dafür verantwortlich.

Gib dir Selbstliebe. Nimm dich mit all deinen Fehlern und Macken an und verdrehe dich nicht. Bewerte die Dinge positiv und suche immer einen Sinn dahinter. „Vielleicht sollte das so sein!“ Nimm die Erfahrung an und gestehe dir ein, dass dieser Weg so nicht weiter gehen kann. Ändere deinen Kurs und horch in dich hinein, was du möchtest. Sicherlich ist Selbstmitleid nicht der Weg, den du gehen möchtest.

5. Fehler: Ja natürlich, immer gern, ehrlich, kein Problem

Zu guter letzt können hochsensible Menschen sehr schlecht „Nein“ sagen. Sie können es vielleicht schon, doch sagen es nicht aus Überzeugung. Es entsteht eine Diskrepanz zwischen dem gesagten und dem gefühlten. Aus den oben genannten Gründen wollen hochsensible Menschen nicht Nein sagen, bzw. sie können es nicht. Sie wollen geliebt werden und haben Angst vor Ausgrenzung. Selbst wenn sie darauf angesprochen werden, sagen sie nicht „Nein“. Lieber ergeben sie sich der Situation und machen das Beste draus, als dass sie „Nein“ sagen. Sie haben Angst, jemandem durch eine vermeintliche Ablehnung weh zu tun. Immerhin steht viel auf dem Spiel.

Sag Nein. Gib deinem Impuls nach und lehne auch mal etwas ab. Spüre in dich hinein und frage dich, ob du dich wirklich verbiegen willst. Bevor du eine Entscheidung triffst, zähle innerlich bis 5 und bitte um Bedenkzeit. Entscheidungen bei hochsensiblen Menschen brauchen lange, sind dann aber gut durchdacht. Triff keine vorschnellen Entscheidungen, sondern lass es noch mal reifen. Nimm dir die Zeit, die du brauchst, sollten 5 Sekunden nicht reichen.

Mir hat es unter anderem geholfen, immer mal wieder mein Leben aufzuschreiben. Meine Ziele, meine Wünsche und meine Stärken. Vergegenwärtige sie dir und verfasse ein persönliches Manifest. Das hängst du gut sichtbar in deine Wohnung, sodass du jeden Tag deine Ziele und Werte vor Augen hast!

Bist du dir unsicher, ob du hochsensibel bist? Dann mache doch einen Test, zum Beispiel auf zartbesaitet.de

Wie ist es bei dir? Treffen die Punkte auf dich zu? Oder nur ein bestimmter Punkt? Wo liegen deine Baustellen oder hast du vielleicht schon deine Baustellen bearbeitet? Schreib mir in die Kommentare, was dich zurzeit beschäftigt oder schreibe mir eine Mail. Ich freue mich von dir zu hören!

Kinderwunsch schon als Jugendlicher

Kinderwunsch schon als Jugendlicher

Wertschätzung, Selbstbestimmtheit und Beziehung sind wichtige Werte in meinem Leben. Klingt wahrscheinlich erst mal merkwürdig und ist sicherlich irritierend. Denn ich mache mir und habe mir nichts aus Karriere, Autos oder Partys gemacht. Ich war schon immer anders. Ich wollte schon immer Kinder haben.

Groß geworden bin ich in einem familiären Umfeld mit zwei Eltern, drei Geschwistern, zwei Omas und ganz vielen Cousinen und Cousins. Das ist so, weil meine Eltern zusammengerechnet neun Geschwister haben, die durchschnittlich 3,9 Kinder bekommen haben. Ja, ich habe irgendwas mit 35 Cousinen und Cousins. Habe irgendwann aufgehört zu zählen. Dass ich immer schon anders war, als alle anderen in meinem Alter, habe ich vor allem bei den Familienbesuchen gemerkt. Raufen, Fußball spielen, Kräfte messen und Blödsinn machen wollte ich nicht. Lieber Ruhe und quatschen, tiefergehende Gespräche führen und „sein“ anstatt „haben“. Ich war das komische Kind in der Familie, der Seltsame, der Unangepasste.

Aufgewachsen in einem Dorf war ich keiner, der sich den typischen Cliquen anschloss oder sich abends zum Saufen traf. Dabei wurde ich gerne von anderen als Schwul tituliert, wahrscheinlich, um in deren Weltbild zu passen. „Der ist anders, der ist bestimmt schwul!“. Vielmehr haben mich Fragen interessiert über das Leben und was das Leben lebenswert macht. Warum bin ich hier auf der Erde und was ist meine Aufgabe? Die Unangepasstheit an das dörfliche Leben hat mich daher immer weggezogen, am liebsten ganz weit weg. Neue Horizonte erkunden, mein Ding machen und das Unangepasste leben.

Gleichzeitig war da der unendliche Wunsch, eigene Kinder zu haben. Ich wollte früh Vater sein und diese Rolle anders ausleben. Denn immer, wenn ich Kindern begegnet bin, war sofort eine besondere Ebene vorhanden. Ok, nicht immer, aber gerade mit den sensiblen Kindern, die viel Aufmerksamkeit benötigt haben, konnte ich gut. Vielleicht, weil ich mir Zeit genommen habe oder weil ich mich einfach mit ihnen beschäftigt habe. Vielleicht aber auch, weil ich als Hochsensibler feine Antennen für Gefühle und Emotionen habe. Ich weiß es nicht. Meine Schwester hat jedenfalls damals schon zu mir gesagt „Du wirst bestimmt mal Erzieher“ und „Mach auf jeden Fall etwas mit Kindern!“.

Dass ich also jetzt in einem sozialen Beruf gelandet bin und nur in Teilzeit arbeite, war irgendwie schon damals klar. Nur musste ich erst meinen Platz in dieser »Ich-mache-Karriere-und-werde-reich-Welt« finden. Jetzt bin ich Familienvater und stehe mit beiden Beinen fest im Leben. Die besondere Ebene zu Kindern ist geblieben und ich vergesse auch schon mal die Zeit, wenn ich mit ihnen spiele. Alles in allem steht Familie für mich im Mittelpunkt und mein Tochter – und ganz bald auch Kind 2 – sind zusammen mit meiner Frau die wichtigsten Menschen!

5 Dinge mit denen ich bei anderen anecke

5 Dinge mit denen ich bei anderen anecke

In meinen Seminaren zum Thema Burnout geht es sehr häufig um Lebensziele, Lebenseinstellungen und Denkweisen. Zwischen gesunden und krankmachenden Verhaltensweisen liegen sehr oft große Distanzen. „Mach das, was dich glücklich macht“, hat meine Mutter immer gesagt. Aber wie geht das? Das zu tun, was mich glücklich macht, ist gerade in meiner Vaterrolle nicht immer einfach. Anscheinend mache ich viele Dinge anders, als sie von mir erwartet werden.

1. Sieben Monate Elternzeit nehmen

Von Anfang an war mir klar, dass ich Zeit mit meiner Familie verbringen möchte. Ich möchte ein Daddy sein, der mehr als 2 Monate Elternzeit nimmt. Aus meinem 50 Stunden Job raus und rein in die Elternzeit. Einen Monat nehmen wir uns gemeinsam Zeit fürs Kennenlernen nach der Geburt, anschließend nimmt meine Frau sechs weitere Monate, ehe ich die restlichen sechs Monate nehme. Für uns die perfekte Kombination. Neun Monate nach der Geburt (meine Frau hat ihren Jahresurlaub und Überstunden hinten dran gehängt) ist sie wieder 30 Stunden arbeiten gegangen. Konnten auch viele Menschen nicht verstehen. „Was, du arbeitest wieder? Und wo lässt du dein Kind?“ – „Die Kleine ist bei meinem Mann zu Hause, er hat Elternzeit.“ – „WAS? Bei deinem Mann? Naja, muss ja jeder selber wissen.“ Das war so das Krasseste, was wir zu hören bekommen haben. Die 60er haben angerufen, sie wollen ihre konservativen Werte zurück. Oh man.

Ja, es gibt Väter, die sich liebevoll um ihr Baby kümmern. Die Mama geht 30 Stunden pro Woche arbeiten und Papa wickelt, gibt die Flasche und spielt mit dem Wurm. Du baust eine enge Bindung zu deinem Kind auf und deine Frau kann zurück in ihren Job, perfekt. Ok, das klingt jetzt nicht für jeden Vater verlockend. Mann verzichtet auf Einkommen und natürlich Karriere. „WHAAAAAT“, bekomme ich dann zu hören oder „naja, wenn ihr es euch leisten könnt“. Womit wir beim nächsten Punkt angelangt wären.

2. Teilzeit statt Vollzeit

Der neue Job ist ganz bewusst nur eine Teilzeitstelle. Karriere im Job? Das dürfen gerne andere machen, wenn ich dafür Zeit mit meiner Familie verbringen darf! Vormittags arbeitet ich und nachmittags betreue ich die Kleine. Meine Frau betreut vormittags die Kleine und arbeitet nachmittags. Zusammen kommen wir so auf ganz viel gemeinsame Care-Arbeit, 50 Stunden Wochenarbeit und bringen ein Gehalt nach Hause, von dem wir gut leben können. Ok, große Sprünge sind da jetzt nicht drin, aber wir sehen beide unser Kind, verbringen viel Zeit miteinander und kennen jeden Entwicklungsschritt – und sei er noch so klein.

Kinder bekommen, damit ich sie mit einem Jahr in die KiTa gebe und wieder beide arbeiten gehen, das ist nicht mein Bild von Familie. Auch nicht, dass die Frau zu Hause bei den Kindern bleibt. Es gibt Konstellationen, da geht es nicht anders. Allerdings bin ich fest davon überzeugt, dass viele Männer nicht reduzieren wollen. Ok, ich hatte auch Sorge um meine berufliche Laufbahn. Aber der Stress und die Unzufriedenheit auf der Arbeit haben mir gezeigt, wie wichtig die Familie ist. Dann hat meine Karriere als Sozialarbeiter gerne einen Knick. Na und? Ich lebe nur einmal und möchte mitbekommen, wie meine Kinder groß werden. Ach, eins noch: Ja, wir können uns das leisten, weil wir es uns leisten wollen!

3. Familienbett

Wir schlafen mit der ganzen Familie in einem Bett. Vorweg sei gesagt: Nein, unser Liebesleben leidet nicht darunter. Jedenfalls nicht mehr als bei anderen Eltern auch. Keine Ahnung wie es dazu kam, dass wir entschieden haben, ein Familienbett zu bauen. Es war jedenfalls eine gemeinsame Entscheidung und ist ein schönes Gefühl. Einfach zu wissen, dass meine Frau genau den selben Impuls verspürte, als es um die „Bett-Frage“ ging und wir beiden sagten „Na dann ein Familienbett“. Mittlerweile schlafen wir im Familienbett 2.0. Es misst 3x2m und besteht aus einer 1,40m und 1,60m breiten Matratze.

„Boah krass, dann werden ja immer alle wach, wenn einer schreit“. Ja, das kommt vor und nein, das ist nicht die Regel. Unser Kind ist immer bei uns, wir können kuscheln und müssen nicht aufstehen, um das Kind aus seinem Bett zu holen. Wir können lange schlafen, weil das Kind schon da ist und wenn doch mal jemand schreit, dann wechseln wir uns eben ab. Wenn es gar nicht geht, gibt es noch die Schlafcouch. Das ist so selten, dass wir die Nächte an einer Hand abzählen können. Wie die Nächte allerdings mit einem Säugling und einem Kleinkind sein werden, wissen wir noch nicht. Wir sehen aber nur die Vorteile. Enge Bindung und ein starkes Familiengefühl.

Eine Sorge hatte ich nie. Dass die Kinder immer in unserem Bett bleiben wollen und nicht in ihr eigenes Bett gehen. Wir haben nicht das Ziel, unsere Kinder schnell in ihr eigenes Bett zu „verlegen“. Für uns stellt sich die Frage erst gar nicht. Es ist doch schließlich ein Familienbett. Und wenn die Kinder irgendwann in einem eigenen Bett schlafen wollen, dann ist das auch in Ordnung. Es wird trotzdem ein Familienbett bleiben.

4. Attachment Parenting

Ok, jetzt kommt ein Hammer Begriff, der immer wieder für Streit und Shitstorms sorgt. Ich halte mich auch nicht an dem Begriff fest und definiere ihn teilweise anders. Das versteht nicht jede_r und will vielleicht auch nicht jede_r verstehen. Shitstorm eben. Mir ist die Beziehung und die Bindung zu meinem Kind und zu meiner Frau einfach wichtiger, als zu allem anderen. Wir schlafen im Familienbett, verbringen viel Zeit zusammen und begleiten unser Kind in der Entwicklung. Am Körper tragen anstatt im Kinderwagen schieben. Nähe statt Distanz. Wärme statt Kälte. Hinzu kommt, dass ich mich aufgrund meiner Hochsensibilität anders in die Gefühlslage meiner Tochter hineinversetzen kann.

Jetzt mögen andere sagen, dass die Kinder uns auf der Nase herumtanzen. Das bedeutet Attachment Parenting nicht. Vielmehr ist es der Grundstein für eine sichere Bindung und einem liebevollem Aufwachsen, in einem geborgenen Umfeld. An dieser Stelle sei der Blog von Susanne Mierau empfohlen. Eine Welt voller liebevollen Momenten ab der Schwangerschaft. Auch für Männer lesenswert!

5. Vaterrolle

Hin und wieder bekomme ich einen Spruch gedrückt. „Ach guck an, der Super Papa.“ Oder „Ah. Ganz toll. Ich arbeite auch Teilzeit. Von acht bis acht!“. Meine Vaterrolle wird von Frauen gelobt und dem Großteil der Vätern belächelt. Ich weiß nicht, was genau hinter den Sprüchen steckt. Es ist komisch und manchmal auch anstrengend, sich gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen zu behaupten, denn unser Familienmodel ist äußerst selten. Janni Orfanidis von ichbindeinvater.de hat in der Deutschlandfunk Sendung „Lebenszeit“ vom 24.03.2017 die Ergebnisse aus dem Sozialbericht für Deutschland dargestellt.

Paarfamilien nach Vollzeit-/Teilzeittätigkeit der Partner 2014 — in Prozent. Quelle: Datenreport 2016: Sozialbericht für Deutschland, Kapitel 2: Familie, Lebensformen und Kinder

Demnach gehören wir zu den wenigen 3% der Paarfamilien, in denen beide Elternteile in Teilzeit arbeiten. Soziologisch zählen wir also zur Randgruppe der Familien-Gesellschaft. Mehrheitlich geht der Vater in Vollzeit arbeiten und die Mutter in Teilzeit (75%). Die anderen Werte könnt ihr aus der Grafik oben ablesen.

Mein Fazit

Ich fühle mich wohl in dieser Nische und kann mir kein besseres Familienmodell vorstellen. Auch wenn hin und wieder die Kommentare nerven, so bleiben wir uns treu und ziehen unser Ding durch. „Ich möchte Zeit mit meiner Familie verbringen“ antworte ich dann. Doch das wird leider oft falsch verstanden. Spiegel vorhalten und so. Dabei ist das nicht meine Absicht. Ich erzähle aus meiner Perspektive. Jede Familie muss ihren eigenen „richtigen“ und sinnvollen Weg finden. Die Frage ist doch, gehe ich wertschätzend mit den Entscheidungen anderer Menschen um. Bleibe ich bei mir und erzähle ich aus der Ich-Perspektive ohne zu verurteilen und anzugreifen.

Das versuche ich und es gelingt mir auch nicht immer. Also, das sind meine Gedanken und meine Sichtweisen. Vielleicht hast du eine andere, vielleicht aber auch eine ähnliche. Ich bin gespannt und freue mich auf Kommentare. Letztendlich aber haben Mamas doch immer recht. „Mach das, was dich glücklich macht“, hat sie immer gesagt. Das werde ich. Ich denke an dich und winke dir zu, wie du auf deiner Wolke sitzt und uns von oben beobachtest. Hab dich lieb und danke!

Mein 2017 – Eine Überprüfung meiner Vorsätze

Mein 2017 – Eine Überprüfung meiner Vorsätze

Vor einem Jahr an Silvester saßen wir auf der Couch und haben über unsere Vorsätze für das kommende Jahr 2017 gesprochen. Ich hatte gerade meinen Job gekündigt und war noch für einige Monate in Elternzeit. 365 Tage sind seither vergangen und es wird Zeit, eine Bilanz zu ziehen.

Damals hatte ich einen langen Text in einer E-Mail verfasst, die automatisch ein Jahr später, am 31.12.2017 um 1 Uhr nachts  zugestellt werden sollte. Einige Auszüge und Gedanken möchte ich euch daraus teilen und für mich überprüfen, was davon im vergangenen Jahr umgesetzt wurde und was nicht. Eingeteilt habe ich die Vorsätze (was ein abgenudeltes Wort) in drei Bereiche: Beziehung & Familie, Gesundheit und Beruf.

Vorsatz 2017: Beziehung & Familie

Die Beziehung zu meiner 10 Monate alten Tochter ist richtig toll. Der Tag beginnt mit Kuscheln im Bett, dem Wickeln, ein wenig Spielen und dann natürlich einem schönen Frühstück. Sie kommuniziert mit mir und ich verstehe sie. Wenn sie Hunger hat oder etwas trinken will, dann sagt sie es mir. Sogar wenn ihre Windeln voll sind, dann bekomme ich das mit. Natürlich kann sie es mir noch nicht sagen, aber sie zeigt es mir, indem sie z.B. zum Wickeltisch krabbelt. Wenn sie ihre Zeiten zum Schlafen hat, dann hört sie mit dem Spielen auf und krabbelt auf mich zu. Ich frage sie dann, ob sie müde ist und wenn sie sich die Augen reibt, sind die Signale eindeutig. Diese Verbindung möchte ich beibehalten, sie intensivieren und auch in der Zeit nach meiner Elternzeit nicht mehr missen. Natürlich weiß ich, dass es im Job nicht mehr vollumfänglich möglich ist, aber mit reduzierten Stunden bestimmt teilweise.

Die Beziehung zu Corinna ist auf einem guten Weg zurück zur Normalität, bzw. dahin, wo sie mal war. Entspannt, leicht, fröhlich, gelassen. Das stimmt mich positiv für 2017 und da ist auf jeden Fall noch Luft nach oben. Wahnsinn, wie sehr mich die Situation auf der Arbeit mitgenommen hat. Das möchte ich nie mehr haben. Toi toi toi. Jetzt heißt es für 2017 wieder den innigen Kontakt zu Corinna herstellen, den wir mal hatten.

Wie sieht es 365 Tage später aus?
Die Beziehung zu meinen beiden Lieblingen ist intensiver als zuvor, was sicherlich auch mit dem beruflichen Wechsel zu tun hat, denn nun habe ich viel mehr Zeit für die Familie. Aufgrund des Wechselschichtmodells fällt leider das morgendliche Kuscheln und das ausgeprägte Frühstück weg. Dafür verbringe ich ab Mittag eine intensive und erfüllende Zeit mit meiner Tochter. Gegen 17:30 Uhr sind wir dann wieder zu dritt und können gemeinsam den Tag ausklingen lassen. Und das jeden Tag, was mich sehr glücklich macht.

Vorsatz 2017: Gesundheit

Für das neue Jahr möchte ich wieder Sport machen. Jaja, das hört sich so doof und pauschal an, sagt ja jeder. Ne, aber ich meine das wirklich so. Zuletzt habe ich 2014 Sport gemacht. Und mit Sport meine ich hauptsächlich das Laufen. Dazu werde ich mir neue Schuhe kaufen und mich beraten lassen. Mal sehen, was das wird. Stichwort: Mehr Achtsamkeit im Alltag. Das wird bestimmt das Modewort 2017, aber für mich soll es das wirklich werden. Ich möchte achtsamer mit mir und meinem Körper umgehen. Denn seitdem ich weiß, dass ich ein HSP bin, muss und will ich das auch akzeptieren. Dazu muss ich die Signale meines Körpers nicht nur wahrnehmen, sondern auch annehmen und entsprechend reagieren. Das ist eine große Herausforderung, denn bisher habe ich das nicht oder nie gemacht. Und ich bin schon 33 Jahre alt. Mal sehen…

Wie sieht es 365 Tage später aus?
Mittlerweile bin ich 34 Jahre alt und habe natürlich keinen Sport gemacht. Das lag unter anderem daran, dass wir umgezogen sind und auch ein bisschen daran, dass ich nach dem Sturz auf den Steiß während der Elternzeitreise immer wieder Schmerzen beim Laufen habe. Zwar habe ich eine Laufanalyse gemacht und mir Schuhe ausgesucht, aber die neuen Schuhe habe ich mir nicht gekauft. Der Orthopäde meinte, ich sollte lieber Fahrrad fahren und Schwimmen gehen. Also 2018, du hast es gehört, das wird mein sportliches Jahr! Jetzt aber wirklich!

Mehr Achtsamkeit habe ich dann doch geschafft. Die halben Arbeitstage bedeuten leider auch halbes Gehalt, was sich sehr bemerkbar macht, gerade weil ich als Sozialarbeiter im Gesundheitssektor beschäftigt bin. Wir haben Foodsharing für uns entdeckt und leben zunehmend bewusster. Abgesehen vom geretteten Bio-Obst und Bio-Gemüse kommen unsere weiteren Lebensmittel aus dem Bioladen. Wir verzichten immer mehr auf Plastik, auf Fleisch und immer mehr auch auf Fisch. Die restlichen Alkoholflaschen der letzten Jahre, die im Schrank zustauben, werden in ein paar Tagen verschenkt und statt Kuh-Milch trinke ich seit ein paar Monaten Hafer-Milch.
Die Achtsamkeit im Alltag wird weiter ausgebaut, denn wir haben noch zu viele Plastik-Produkte im Haushalt, die ersetzt werden müssen. Als nächstes sind unsere Pfannen dran. Die Teflon-Beschichtung löst sich so langsam ab und vergiftet das Essen. Auch die Shampoos im Badezimmer haben oftmals Mikroplastik als Zusatz. Hier gibt es natürliche und umweltschonende Alternativen.

Vorsatz 2017: Beruf

Beruflich stehe ich vor einer neuen Herausforderung. Im April 2017 endet meine Elternzeit und ich möchte den Wechsel in die Gesundheitsbranche wagen. Mit Bacherlor, Master und einer systemischen Weiterbildung in der Tasche fühle ich mich gut gerüstet für diesen Schritt. Bis dahin möchte ich mir Zeit nehmen, vermehrt in die Bücher zu schauen, mich beim Arbeitsamt zu erkundigen und natürlich mich zu bewerben. Bei der AOK habe ich mich für eine Trainee Stelle beworben, die sehr passend klingt. Sollte das alles nicht klappen, also keine Jobs, die mir guttun und die im Gesundheitsbereich sind, dann bleibe ich erst mal zu Hause.

Jobs, die ich ungern machen möchte:

  • Sozialarbeiter bei einer Stadt
  • Bildungsreferent in einem Verband
Jobs, die ich gerne machen möchte:

  • Klinischer Sozialarbeiter
  • Systemischer Berater

Kommentar 365 Tage später
Die Bewerbung als Trainee bei der AOK war erfolglos. Rückblickend bin ich auch ganz froh, dass es so gekommen ist. Denn dann würde ich jetzt nach Düsseldorf oder Neuss pendeln und wäre sicherlich wieder in irgendeiner stressigen Spirale, aus der ich nicht rauskomme. Als ich gekündigt habe war mir klar, dass ich nicht wieder in die Situation kommen möchte, niemandem mehr gerecht werden zu können, schon gar nicht meiner Familie und mir. Daher war es gut so, wie es dann gekommen ist.

Wir sind in die Nähe unseres „Klinikums“ gezogen und wohnen seit September nur 5 Minuten zu Fuß vom Job entfernt. Seit April bin ich halbtags für 19,25 Stunden als Klinischer Sozialarbeiter angestellt und mega zufrieden und glücklich. Mein Team hat mich mit offenen Armen empfangen und mich sehr gut eingearbeitet. Ich lerne nicht nur das Handwerkszeug, sondern auch, was Ironie ist. Damit habe ich als HSPler meine Schwächen. Bei meinen Kolleginnen und Kollegen gehe ich durch eine harte Schule! Das interdisziplinäre Arbeiten ist wundervoll, zumal ich relativ frei meine Arbeit einteilen kann. Ein Glücksgriff!

Fazit für 2017

In den vergangenen 365 Tagen habe ich die Familie wieder in den Mittelpunkt meines Lebens gerückt. Drumherum hat sich dann alles zusammengesetzt. Der Job musste zu unserem Familienmodell passen, genau wie die Achtsamkeit und Selbstfürsorge. Wir haben unser Auto verkauft und erledigen alles mit dem Fahrrad oder zu Fuß. Natürlich unternehmen wir noch Reisen mit Fiete, dennoch achten wir mehr auf unseren Fußabdruck und versuchen nachhaltiger zu leben. Im Dezember wurde mein Vertrag entfristet, sodass wir langfristig mit diesem Familienmodell planen können. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis von bewussten Entscheidungen.

Gibt es noch etwas Negatives in 2017? Ja, vielleicht diese kräftezehrenden Begegnungen und Diskussionen, wenn ich so begeistert über unser Familienmodell berichte, mich dafür aber rechtfertigen muss. Weil ich den Mainstream und den Konsum kritisch hinterfrage. Weil ich es anders mache und dafür Abstriche mache, beim Geld, bei der Karriere und bei Statussymbolen. Anderen Menschen begegne ich immer wertschätzend und offen. Doch in solchen Momenten mag ich gar nicht mehr erzählen und denke mir, dass jede Aussage des Gegenübers auch eine Selbstoffenbarung ist. Davon bitte weniger.

Das waren die Vorsätze für 2017 und eine Überprüfung. Ich bin positiv überrascht und mehr als zufrieden, was das vergangene Jahr gebracht hat. Für 2018 gibt es natürlich wieder eine Mail, die ich mir am 31.12.2018 zukommen lasse. Ich bin jetzt schon gespannt!

Wie war dein Jahr 2017 und was hast du dir für 2018 vorgenommen? Schreib mir in die Kommentare, ich bin gespannt auf deine Vorsätze!

Meine Hochsensibilität, Teil 2 – Ich weine!

Meine Hochsensibilität, Teil 2 – Ich weine!

Sicherlich hast du schon von hochsensiblen Personen (HSP) gehört und weißt noch nicht so richtig, was das „Besondere“ oder das „Ungewöhnliche“ an ihnen ist. Mit dieser Serie möchte ich dich einladen, einen tieferen Blick in mein Inneres zu werfen, das Innere eines HSPs. Die Serie nennt sich „Meine Hochsensibilität“. Einen kurzen Einblick habe ich bereits an anderer Stelle gewährt und sicherlich wird sich einiges auch überschneiden.

Was ich für nichts auf der Welt tauschen möchte

Bei mir als HSP geht es immer um Emotionen, um Wahrnehmung und um Eindrücke, die auf besondere Art und Weise verarbeitet werden. Traurige wie Schöne. HSPs nehmen auf vielen Kanälen wahr und reagieren auf eben solchen Kanälen sensibel und stark. Neulich habe ich im Krankenhaus eine Krebsberatung bei einem Patienten durchgeführt. Es ging um seine soziale und finanzielle Absicherung, Rehabilitationsmaßnahmen, Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen. Wir sprachen über sein Leben und über die Ängste, die ihn begleiteten. Nach mehr als einer halben Stunde fasste ich das Gespräch noch einmal zusammen und fragte ihn, ob er noch Fragen hätte: „Nein, aber ich möchte mich bei Ihnen bedanken. Danke für das schöne Gespräch und die Informationen, die Sie mir gegeben haben. Endlich jemand, der mir richtig zuhört und mir weiterhilft.“

Wow, da war ich baff. Meine dritte Krebsberatung und dann diese Antwort. Zwar blieb ich stets professionell und wiegelte ab „sehr gerne, dafür bin ich da“, doch innerlich rührte mich diese Aussage zu Tränen, die dann auch direkt aus den Augen schossen. Ja, da war sie wieder, diese Situation, die ich nicht kontrollieren kann. Sobald mich Menschen berühren, Schicksale ergreifen oder Emotionen durchrütteln kommen sie, die Tränen. Dabei macht mein Körper keinen Unterschied, ob es sich um positive oder negative Emotionen handelt. Sobald meine Seele berührt wird, ist es um mich geschehen und ich beginne zu weinen. Kein Schluchzen, kein Jaulen, kein Stöhnen, einfach nur Weinen.

Auch nach klärenden Gesprächen, die mich emotional so sehr aufgewühlt haben, weine ich anschließend wie ein Wasserfall. Diese Situationen kommen nicht oft vor, doch wenn sie vorkommen, fühle ich mich ausgeliefert. Es ist, als wenn mein inneres Kind tief getroffen und verletzt daliegt und sich vor Schmerzen krümmt. Gleichzeitig ist das Weinen eine innere Reinigung vom Schmerz und eine Erleichterung. Meine innere Stimme ballt dann die Faust und schreit „YAY“, geschafft. Das Gefühl lässt sich mit einem tiefen Durchatmen nach einer Stunde Joggen beschreiben, das ganz tief in den Bauch geht und lösend wirkt. Das ist mein Moment, meine Stärke und mein Ich. Da bin ich ganz bei mir, emotional und körperlich.

Als ich das Patientenzimmer verlasse, kneife ich nur kurz die Augen zusammen und lächle dabei. Mittlerweile ist es mir egal, ob ich verweint aussehe, wenn mich jemand sieht. Das bin ich und dazu stehe ich. Lange Zeit hatte ich versucht, das Weinen zu unterdrücken und zu verbergen. Es sei nicht professionell, habe ich mir gesagt. Erst als meine Geschwister wie selbstverständlich meinten, dass dieser Charakterzug zu mir gehörte, habe ich verstanden. Das Weinen gehört zu mir und zeichnet mich aus. Es ist die ehrlichste Emotion, die ich zulassen darf, ich muss mir nur die Erlaubnis geben. Es lebt sich so viel leichter damit, denn was auf den ersten Blick als Schwäche ausgelegt werden kann, ist in Wirklichkeit eine Stärke: Wahre Emotionen zeigen, denn Professionalität lebt von Authentizität!

Das sind meine persönlichen Einblicke in die Welt eines HSP. Wie sieht es bei dir aus? Was denkst du darüber? Findest du dich darin wieder, oder kannst du mit den Gedanken gar nichts anfangen. Ich bin gespannt auf deine Kommentare!

Emotionale Abhängigkeit: Der größte Fehler überhaupt!

Emotionale Abhängigkeit: Der größte Fehler überhaupt!

Damals dachte ich noch, ich müsste Karriere machen. Als medienaffiner Teenager, der von seinem Vater schon mit 12 Jahren einen Macintosh Performa 5200 sein Eigen nennen durfte, habe ich sehr schnell gelernt, mich in der digitalen Welt zurecht zu finden. Mein Vater, der frühe Held.

Die Beziehung zu meinem Vater war nicht immer einfach. Früher war er viel unterwegs und obwohl er irgendwann sein Büro zu Hause hatte, sah ich ihn oft erst spät abends und am Wochenende. War damals so. Als junger Stöpsel habe ich allerdings eine Identitätsperson gebraucht. Lange wusste ich nicht, wer ich bin und was ich vom Leben erwarten sollte. Ich war ständig und permanent auf der Suche nach Akzeptanz und Anerkennung. Bekommen habe ich das primär von meiner Mutter, doch gebraucht hätte ich es von meinem Vater. Aber keine Angst, das soll kein Vater bashing werden!

Emotionale Abhängigkeit und Vorbilder

Mein Vater arbeitete damals als Wirtschaftsprüfer und Controller in einer großen Fullservice Werbeagentur, glaube ich jedenfalls. Da ich damals nicht wusste, wohin sich mein Leben beruflich einmal entwickeln sollte, nutze ich die Möglichkeit, das Schulpraktikum dort zu absolvieren. Wenig Aufwand und viel Spaß. Als Kind lag Düsseldorf am anderen Ende der Welt und war entsprechend mega spannend für mich. Das Kind vom Dorf in der Großstadt. Für mich tat sich eine völlig neue Welt auf, überall standen die neusten Macs und riesige Digitaldrucker und die Mitarbeiter waren die coolsten Menschen, die ich bis dahin kennengelernt hatte. Ein Paradies. Ich durfte sogar mein bescheidenes Können in Photoshop unter Beweis stellen und habe ein Autoradio in ein neues Bildmotiv hinein retuschiert. Yay, ich war infiziert von dieser Welt.

Die mahnenden Worte des angestellten Produktioners habe ich noch in den Ohren: „Mach alles, aber geh 1. nicht in die Werbung und werde 2. kein Produktioner.“ Mein neues Vorbild war gefunden. Bei mir kam nämlich nur an: „Geh‘ in die Werbung und werde Produktioner!“

Nach Abitur und Bundeswehr ging ich also mit Anfang 20 nach Hamburg und heuerte bei einer Produktionsagentur an: Ich wurde Produktioner. Im schnellen Sportwagen fuhr ich damals hin und wieder die 500km nach Hause zu meiner Familie. Dabei trug ich natürlich die besten Klamotten und teure Schuhe. Ich wollte vor allem meinem Vater zeigen, was ich erreicht hatte. Schau her, sieh mich an und sag mir, dass du stolz auf mich bist. Mein inneres Kind schrie förmlich danach. Ich war emotional abhängig. Ein emotional verarmtes Kind, gefangen im Körper eines Erwachsenen. Doch jetzt sollte sich das endlich ändern! Immerhin arbeite ich mit Macs, bin in einer Werbeagentur und arbeite als Produktioner. Voll im Karrieremodus:

„Hej Papa, bist du stolz auf mich?“

Der größte Fehler überhaupt

Emotionale Abhängigkeit nennt man dieses Phänomen, das ich gerade beschreibe. Es ist tatsächlich so passiert und ich glaube, es ergeht vielen Erwachsenen so. Liebe & Anerkennung ist das, was wir uns von der Ur-Familie wünschen, was wir brauchen, um zu wachsen und selbstständige starke Menschen zu werden. Ich war emotional abhängig von ihm und konnte mich nicht lösen. Ständig war ich auf der Suche nach Gelegenheiten, um Zuneigung und Anerkennung zu erhaschen. Nie hat er mir gesagt: „Ich bin stolz auf dich!“ In den Arm genommen, hat er mich auch nie. Mich hat das damals innerlich aufgefressen. Als HSP ist das eine besondere Qual, es hat mich ständig aufgewühlt und beschäftigt.

Erst als ich nicht mehr konnte und aus dem Job ausbrechen musste, habe ich gelernt, mit meiner emotionalen Abhängigkeit umzugehen. Das ist leider ein Prozess, der lange dauert. Die Früchte der Erkenntnis reifen langsam und schmecken zunächst bitter. Dafür braucht es nämlich immer wieder Situationen, die weh tun und schmerzen. Nach der Zeit in Hamburg bin ich für 3 Monate nach Südtirol auf einen Bergbauernhof gegangen und habe mich dort „wiedergefunden“. Auch dort war ich in einer emotionalen Abhängigkeit, aber zu einer richtig tollen und liebenswerten Familie. Von meinem Bergbauern Luis sollte ich wieder geerdet werden und die Schönheit und Faszination des Lebens lernen. Ab jetzt arbeite ich mit Vorbildern und nicht mehr mit emotional Abhängigen.

Emotionale Abhängigkeit und Privat und Beruf

Aber auch in Paarbeziehungen habe ich immer wieder in emotionalen Abhängigkeiten festgesteckt. So war ich mit einer Frau zusammen, die mich energetisch ausgesaugt hat. Nach 3 Jahren habe ich mich getrennt – die wahrscheinlich beste Entscheidung meines Lebens, denn es war eine pure Befreiung. Mir wurde oft gesagt, dass ich mit meiner eigenen Mutter zusammen gewesen sei, was auch irgendwie gestimmt hat, also im übertragenen Sinne. Die Befreiung aus dieser Beziehung war auch eine Befreiung von meiner Mutter. Den Konflikt, den wir vor ihrem Tod ausgetragen hatten, konnten wir nie lösen. Dafür sollte diese Beziehung herhalten, aber das ist eine andere Geschichte.

Das System Familie und Beziehung war geklärt. Das System Beruf und Job noch nicht. Auch im Beruf gibt es diese emotionalen Abhängigkeiten. Hier hatte ich Vorbilder, die mich gefördert und protegiert haben. Lob und Anerkennung waren wichtige Bestandteile, die ich eingefordert habe und die mir zugesprochen wurden. Kreativität und Motivation waren mein Antrieb, doch als HSP ist das ein Teufelskreis. Mehr Lob steigerte meine Motivation, was wieder mehr Lob einforderte. Gleichzeitig sollte ich es so machen, wie meine Vorbilder. Sobald ich meine Vorstellung vom Leben Ausdruck verliehen hatte, ist die Beziehung zusammengebrochen. Aufgrund der emotionalen Abhängigkeit spürte ich Enttäuschung und Distanz, was mich innerlich aufgewühlt, verletzt und sehr beschäftigt hat.

Der Wandel

Vor drei Jahren konnte ich nun endlich meinem Vater in die Augen sehen und ihm ohne Groll oder Vorwürfe sagen, dass ich die emotionale Abhängigkeit zu ihm nicht mehr benötige. Wir haben ein sehr langes und ausgiebiges Gespräch geführt, sind spazieren gegangen und haben den Tag genossen, ein Eis gegessen und mussten uns vor dem Regen in Sicherheit bringen. Ein schöner Tag, an dessen Ende die absolute Befreiung stand. Ein glücklicher und befreiender Moment in meinem Leben. Nun war ein großes Hindernis aus dem Weg geräumt und der Weg frei für neue Beziehungen und neue Erkenntnisse. Schon kurz danach sollte ich meine jetzige Frau kennen- und lieben lernen.

Als ich nun vor einem Jahr Vater wurde und konsequent meine Vorstellung vom Leben umsetze, entfernte ich mich mehr und mehr von meinen alten Vorbildern. Ja, sie haben es anders gemacht und ja, ich mache es anders als sie. Nur die emotionale Abhängigkeit war noch da und sollte eine große Hürde werden, an dessen Ende die Kündigung stand. Im beruflichen System war es nicht mehr möglich, die Unterschiede zu überwinden. Genau wie damals in der Produktionsagentur musste ich auch hier selber kündigen, um mich aus der emotionalen Abhängigkeit zu befreien. Nur brauche ich jetzt keinen Bergbauernhof mehr, um bei mir zu sein. Meine Familie, die vielen Gespräche und letztendlich die Loslösung von den Vorbildern haben mich befreit.

Jetzt darf ich Vorbild sein: für meine Kinder.

Nun darf ich die Früchte ernten, sowohl im Privaten mit meiner Familie, als auch im Beruflichen. Die Fühler sind so fein eingestellt, dass ich hoffe und mir wünsche, nie wieder in eine emotionale Abhängigkeit zu rutschen. Meinen Kindern möchte ich eine bedürfnisorientierte Entwicklung ermöglichen, die nicht von Abhängigkeiten lebt. Sie sollen bestärkt aber nicht überbehütet groß werden und dennoch zu starken Menschen heranwachsen. Mit stark meine ich hier, dass sie sich stets bewusst sind, wer sie sind, woher sie kommen und wohin sie gehen. Ich möchte meinen Kindern eine Orientierung geben, dass sie selbständig sind und glücklich ihr Leben leben.

Was sind deine Gedanken zum Thema emotionale Abhängigkeit? Kennst du das selber von dir? Schreibe mir in den Kommentaren, was du darüber denkst.

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