Ein Tag am Segelflugplatz

Ein Tag am Segelflugplatz

Heute möchte ich dich virtuell mit auf den Segelflugplatz nehmen und dir meine Welt als Segelflieger zeigen. Wie ich zum Fliegen gekommen bin und was das Ganze mit Vatersein zu tun hat,  habe ich bereits in einem anderen Beitrag geschrieben. Oft werde ich gefragt, wie so ein Tag aussieht und was wir den ganzen lieben langen Tag so machen. Nun, schauen wir uns das doch mal genauer an.

Die Flugzeuge werden ausgeräumt

Morgens gegen 9 Uhr treffen sich alle vor der Flugzeughalle und räumen die Segel- und die Motorflugzeuge, den Lepo und die Winde aus. Hier sagt man sich „Hallo“, kommt ins Gespräch und bereitet die Flugzeuge vor. Wir brauchen Batterien, Bordbücher mit allen wichtigen Unterlagen und natürlich die Fallschirme. Denn jeder Pilot muss im Segelflugzeug einen tragen. Da wir Piloten und die Flugzeuge in der Hobbyfliegerei von den Behörden ebenso penibel kontrolliert werden wie ein A340 der Lufthansa, überprüfe ich, ob alle Dokumente aktuell und vorhanden sind.

Wenn alle Maschinen ausgehallt sind und gechekt wurden, werden sie mit dem Lepo zum Start gezogen. Der Lepo ist ein ganz normaler PKW, der so heißt, weil früher Fahrzeuge von OPEL benutzt wurden. Lest OPEL einfach mal rückwärts. Die Seilwinde wird auf die gegenüberliegende Seite des Flugplatzes gefahren, von wo aus anschließend zwei fast 1.000m lange Seile ausgelegt werden. Damit werden die Segelflugzeuge später katapultartig in die Höhe gezogen.

Der Startvorgang

Doch bevor es soweit ist, findet am Start ein Feldbriefing statt. Zusammen mit meinem Fluglehrerkollegen und dem Startleiter verteilen wir zusammen die Aufgaben und lassen von den Flugschülern eine Reihenfolge festlegen. Da der Wind heute mit fast 30kt (ca. 55 km/h) seitlich über den Platz fegt und an den Bäumen für starke Verwirbelungen sorgt, haben wir uns gegen die einsitzigen Flugzeuge entschieden und starten nur doppelsitzig, also mit Fluglehrer.
Es sitzen also in der Schulmaschine zwei Personen. Ein_e Flugschüler_in auf dem vorderen Sitzplatz und ich auf dem hinteren. Alle wichtigen Instrumente und Steuerelemente befinden sich auch auf dem hinteren Platz. Kurz vorm Start gehen wir im Cockpit noch alle Eventualitäten durch und überprüfen, ob wir wirklich startklar sind. Das Windenseil wird von einem/einer Helfer_in eingeklinkt, eine Person am Flächenende hält das Segelflugzeug waagerecht, bis es aufgrund der Auftriebsverhätnisse am Flügel abhebt.

Mit dem Kommando „Seil straff, fertig!“, dass der Startleiter dem Windenfahrer per Telefon durchgibt, schießen wir von 0 auf 100 km/h in weniger als 5 Sekunden in den Himmel. Zunächst in einem flachen Bogen, ehe wir uns in 50m Höhe steil „ans Seil hängen“, um über der Winde wieder waagerecht auszuklinken.

Der eigentliche Flug

Nun sind wir vogelfrei, ohne Verbindung zum Boden. Mit 110 km/h gleiten wir durch die Luft. Wir drehen zwei Vollkreise und sind erstaunt über die Versetzung. Der starke Wind hat uns weit hinter die Flugplatzgrenze versetzt. Wir müssen uns aber gegen den Wind in den Übungsraum vorkämpfen und verlieren dabei wertvolle Höhe. Wer jetzt denkt, dass dieses Wetter doch super sei, irrt sich. Denn der Wind ist uns am Niederrhein vielmehr ein Hindernis, als Unterstützung. Wir Segelflieger nutzen die warmen aufsteigenden Aufwinde (die Thermik), die sich vom Boden ablösen und am Himmel als Schönwetterwolken sichtbar werden. Der starke Wind macht uns einen Strich durch die Rechnung, denn die Versetzung ist zurzeit noch stärker, als die Thermik.
Erst zum Spätnachmittag beruhigt sich der starke Wind und die Thermik kann ihr Potenzial entfalten. Mit 2 bis 3 m/s steigen wir in den Himmel und erreichen schon nach wenigen Minuten 1.600m Höhe. Wir bleiben in einem 10km-Radius um den Flugplatz und genießen die Aussicht und sind uns über dieses Privileg bewusst. Auch wenn ich als Fluglehrer auf dem hinteren Sitz schule und nicht alleine fliege, spüre ich wunderbare Momente des Glücks hier oben.

Jetzt wird gelandet

Glücklicherweise hat der Wind nachgelassen, sodass die Turbolenzen an der Baumreihe nicht so stark sind. Denn überall dort, wo Wind gegen ein Hindernis strömt, will er um dieses Hindernis herum. Der Effekt ist vergleichbar mit einem Bachlauf, in dem das Wasser um die Steine fließt. Hinter den Steinen entstehen Wasserwirbel. Durch diese Wirbel müssen wir „eintauchen“. Bei der Landung benutzen wir Bremsklappen zur Unterstützung. Sie werden manuell aus den Flächen herausgefahren. Mit ihnen steuern wir den Gleitweg. Also ganz raus = wir landen vorm Flugplatz, ganz rein, wir landen hinterm Flugplatz. Die Flugschüler_innen müssen also das genaue Maß erlernen. Kurz vor dem Boden reduzieren wir den Anflugwinkel und gleiten bei vollausgezogenen Bremsklappen in wenigen cm über der Grasnarbe. Die Geschwindigkeit reduziert sich, bis das Flugzeug sanft aufsetzt.

Mit dem Lepo werden die Segelflugzeuge wieder zurück an den Start gezogen. Bei uns am Flugplatz gibt es noch zusätzlich einen alten Trecker, den wir u.a. auch fürs Mähen benutzen. Denn so ein Flugplatz muss schön kurzgehalten sein, damit sich bei Start oder Landung das Flächenende nicht im Gras verfängt. Andernfalls kann das Flugzeug Schaden nehmen. Die Flugschüler_innen begleiten das Segelflugzeug am Flächenende zurück zum Start. Anders als die meisten anderen Flugzeuge haben Segelflugzeuge meist nur ein Hauptfahrwerk, auf dem stehen. Der Luftwiderstand und das Gewicht wären sonst zu hoch.

Ende des Flugbetriebes

Gegen 18 Uhr neigt sich der Flugbetrieb dem Ende entgegen. In den Sommermonaten fliegen wir meist länger, hängt aber auch vom Wetter ab. Die Flugzeuge werden gewaschen, ausgeräumt und bekommen ihre Schlafanzüge an. Die empfindliche Oberfläche wird mit Flächenbezügen vor Staub und Vogelkacke geschützt. Die Batterien kommen wieder ans Ladegerät und die Fallschirme in den Spind zurück. Nach etwa einer Stunde sitzen vielen von uns noch auf der Terrasse des Vereinsheims und quatschen über den Tag. Wir tauschen Eindrücke und Erfahrungen aus oder berichten von interessanten Begegnungen während der Flüge.
Wer jetzt weiter reinschnuppern möchte, kann sich beim LSV Grenzland e.V. informieren oder mal auf den Blog von Torsten Beyer schauen. Ansonsten schreibt gerne Fragen, Wünsche und Anregungen in die Kommentare. Warum Segelfliegen eine sinnvolle Freizeit ist und wie die Menschen dahinter ticken, zeige ich euch in einer der nächsten Beiträge.

 
 

Das erste Mal Papa werden – wie Fliegen (nur anders)

Das erste Mal Papa werden – wie Fliegen (nur anders)

Damals war ich erst 13 Jahre alt, im Sommerlager 1997 auf dem Flugplatz in Stadtlohn-Vreden. Mein Fluglehrer stieg nach einem Checkflug nicht wieder ein. „So Heiner, das machst du dann jetzt allein. Keine Sorge, du kannst das. Einfach dran denken, oben geblieben ist noch keiner,“ grinste er mich an. Viele Jahre später nehme ich an einem Geburtsvorbereitungskurs teil und fühle mich irgendwie an das erste Mal zurück erinnert. Ich bin jetzt 32 Jahre alt und werde bald das erste Mal Papa. Liebevoll gibt uns die Hebamme die warmen Worte mit auf den Weg: „Keine Angst liebe Männer. Egal, was passiert. Es ist noch kein Baby drin geblieben.“

Das erste Mal im Flugzeug

Endlich, ja endlich ist es soweit. Was für ein großartiger Moment. Doch jetzt heißt es Konzentration. So viel habe ich in den letzten Tagen gelernt und immer wieder geübt. Es beginnt beim Startcheck, alle Ruder werden überprüft und die Instrumente gecheckt. Die Wetterverhältnisse, der Luftraum und natürlich meine körperliche Verfassung. Alle Sicherheitsgeräte dabei? Fallschirm angezogen und fest angeschnallt. Die Verfahren bei einer Startunterbrechung sind mir bekannt. Abhängig von der Höhe und den Wetterverhältnissen geradeaus landen oder eine verkürzte Platzrunde fliegen. Ich gebe dem Starthelfer das Kommando: „Startklar, es kann eingeklingt werden!“ Mein Puls steigt.
Das Seil wird eingeklingt und im nächten Moment von der Winde angezogen, bis es stramm ist. „Seil straff, fertig“ teilt die Person am Telefon dem Windenfahrer auf der gegenüberliegenden Flugplatzseite mit. Kurze Stille. Doch plötzlich reißt mich das dünne Stahlseil ruckartig in den Himmel. Wow, was für ein Gefühl. Das Flugzeug hebt wie ein Ballon vom Boden ab und steigt auf 400 m Höhe. Nach etwa einigen Sekunden löst sich das Seil automatisch. Die Verbindung zum sicheren Boden ist gelöst. Jetzt bin ich wirklich frei.

Das erste Mal im Kreissaal

Februar 2016 um 4 Uhr nachts. Unsere Kleine hat entschieden, dass ich an diesem Montag nicht zur Arbeit fahren muss. Schnell sind die Sachen gepackt, wie wir es im Vorbereitungskurs gelernt haben. Alles dabei? Im Kopf gehe ich noch einmal die wichtigsten Punkte des Geburtsvorberitungskurses durch. Klamotten: check. Wickeltasche: check. Frau: check. Mit dem Auto fahren wir die kurze Strecke zur Klinik. Wir gehen noch mal alles durch. Nach kurzem Überlegen stelle ich fest, dass nicht viel vom Geburtsvorbereitungskurs hängen geblieben ist. Wir Männer haben uns damals hauptsächlich über unsere Frauen unterhalten. Thema: „Gegenwärtige Herausforderungen beim Netzbau-Trieb und was das mit der Beziehung macht.“ Egal, wird schon. Klingeln am Eingang zum Kreissaal, Aufnahme, Wehenschreiber, Pressen, Kind da. Ganz einfach.
Die Startvorbereitungen sind soweit abgeschlossen. Wenn etwas schief gehen sollte, wissen wir, dass direkt nebenan die Kinderambulanz ist mit Vollversorgung. Das beruhigt. Es fehlt nur noch das Kommando vom Baby. Das lässt aber einige Stunden auf sich warten. Erst kurz nach 20 Uhr ist es dann endlich soweit, „Seil straff, fertig.“ Die Fruchtblase platzt, es geht los. Für einen kurzen Moment schießen mir Freudentränen in die Augen. Doch meine Frau spürt die Wehen jetzt noch schmerzhafter. Schlechter Zeitpunkt für Emotionen, jetzt muss ich supporten. Unter der liebevollen Anleitung der Hebamme kommt unsere Kleine schließlich nach einigen Stunden zur Welt. Ich trenne die sichere Verbindung zwischen Baby und Mutter. Jetzt bist du wirklich da. Willkommen Kleine Maus.

Alle Male sind besondere Male

Das erste Mal Sex, das erste Mal Autofahren, das erste Mal einen Job beginnen oder das erste Mal Papa werden. Jedes dieser ersten Male war und ist etwas besonderes. Bisher habe ich auf die Frage, was mich emotional am stärksten berührt hat, geantwortet: Das erste Mal alleine Fliegen. Seit der Geburt meiner Tochter hat sich das geändert. Und dabei ist es doch egal, ob es die erste Geburt oder die zweite Geburt ist. Es ist immer irgendwie das erste Mal.

Ein Ritual, das zusammen führt

Es ist eine lang gehegte Tradition im Luftsport, dass die „Freiflieger“ nach der dritten Landung einen Blumenstrauß überreicht bekommen. Bei uns am Flugplatz werden die Flugschüler noch zusätzlich in die Niers geworfen. Wie das aussieht und warum das so ist, steht hier im Blog des Vereins. Die Blumen beim so genannten „Freiflug“ pieksen und zwicken, denn er besteht hauptsächlich aus Disteln. Das soll Symbol für eine feinfühlige Hand am Steuerknüppel sein. Zur Geburt kamen auch viele Menschen und überreichten uns Blumen, allerdings ohne Disteln. Das ist auch Tradition. Als Ritual wurde das Baby herumgereicht. Oma, Opas, Onkeln und Tanten. Herzlich willkommen in deiner Familie.

Wie war dein erstes Mal als Papa? Wie siehst du das? Nicht immer geht alles glatt, auch das ist ein erstes Mal. Hat sich deine Perspektive verändert? Ich bin gespannt auf deine Erfahrungen.

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