Patricia Cammarata – Raus aus der Mental Load Falle

Patricia Cammarata – Raus aus der Mental Load Falle

Patricia Cammarata hat nach ihrem SPIEGEL-Bestseller »Dreißig Minuten, dann ist aber Schluss!« ein weiteres Buch in diesem Jahr nachgelegt. Mit »Raus aus der Mental Load Falle« wendet sie sich nun an Familien mit traditionellen Rollenbildern, in der die alltäglichen sichtbaren und unsichtbaren Aufgaben ungleich verteilt sind. »Mental Load« beschreibt „dass alles auf einer Person lastet und dass es in der Regel ziemlich wenig Wertschätzung für diesen Job gibt.“

Das Buch beginnt mit einem sehr persönlichen Einblick in Patricias Alltag und Gedankenwelt. Sie beschreibt eine latente Müdigkeit, die sie jahrelang begleitete, ihre Kraftlosigkeit und ihr schlechtes Gewissen. Dabei müsste es ihr eigentlich gut gehen, schließlich nahm sie Elternzeit, hatte einen familienfreundlichen Job und ihr Mann half im Haushalt mit. Warum war sie nicht glücklich mit ihrem Leben? Das Buch holt mich bereits zu Beginn ab, denn ich kenne viele Frauen und Mütter, die genau diese Geschichte erzählen könnten. Und auch ich kenne dieses Gefühl der Überlastung, denn zurzeit bin ich Hausmann und in langer Elternzeit.

Bis zur Erschöpfung

Diese totale Erschöpfung, in der sich vor allem Frauen und Mütter befinden, rührt aus einem überhöhten Effizienz-Gedanken und der eigenen Sozialisationserfahrung. Patricia vergleicht ihre Rolle als Projektmanagerin im Job mit der Projektmanagerin in der Familie. Alles ist auf Effizienz getrimmt. Keine Zeit für „laissez-faire“, alles muss perfekt sein und funktionieren. Frauen und Mütter fühlen sich für alle Dinge im Haushalt und Alltag verantwortlich und delegieren. Sie überblicken die Abläufe, haben Termine im Kopf, denken an alles und jede*n und halten die Zügel fest, damit alles funktioniert. Genau so, wie es die eigenen Mütter vorgelebt haben. Patricia plädiert für einen andere Sichtweise auf all diese Aufgaben.

Anstatt mit dem Zeigefinger auf patriarchale Strukturen zu verweisen, Männer für diese toxischen Verhältnisse verantwortlich zu machen, klärt Patricia auf. Es gibt kein »Mental Load-Gen« und nicht alle Männer helfen nur im Haushalt mit. Gleichzeitig adressiert sie das individuelle Verhalten und schlägt einen Paradigmenwechsel vor. Nicht mehr alles 100-prozentig machen, nicht mehr bis zur Selbstaufgabe erledigen und auch mal „fünf“ gerade sein lassen. Gleichzeitig die eigene Arbeit nicht abwerten, sondern bewerten. Also eine Rechnung aufstellen mit harten Zahlen und einer Währung. Patricia gelingt es Mut zu machen, den eigenen Wert zu erkennen und anzunehmen. Ja, Care Arbeit, Sorgearbeit und emotionale Begleitung ist eben auch harte Arbeit.

Lösungen geben statt Probleme benennen

Der größte Teil des Buches widmet sich aber den Lösungen und wie es gelingen kann, den »Mental Load« partnerschaftlich und gleichberechtigt zu verteilen. Und genau hier liegt die Stärke des Buches. Statt zu bagatellisieren wird relativiert. Statt zu perfektionieren wird entschleunigt. Patricia appelliert an das gegenseitiges Verstehen und die Bereitschaft für Veränderung. Männer können lernen, die finanzielle Belastung abzugeben und Frauen können lernen, ihre Partner Verantwortung zu übertragen. Dabei ist es egal, wie die Familien ihren »Mental Load« verteilen und die Verantwortung schultern. Wichtig ist, dass niemand sich benachteiligt fühlt, also die Last nur auf einer Schulter wiegt.

Patricia hält sich nicht lange mit Erklärungen, Ursachen und Definitionen auf. Sie beschreibt vor allem den Wandel von einem belastenden Alltag hin zu einem gelingenden Familienalltag, in dem jede*r seinen und ihren Anteil am »Mental Load« trägt. Dass Patricia als Projektmanagerin arbeitet merke ich vor allem in der Lösungsphase. Hier beschreibt sie eine Anleitung in vier Schritten wie es gelingen kann, den »Mental Load« gleichberechtigt umzuverteilen. Es folgen weitere hilfreiche Ideen, die Mut machen, zum Nachdenken anregen und aktiv werden lassen. Aber bevor ich hier ins Detail gehe, empfehle ich dir, das Buch zu lesen! Es lohnt sich nicht nur für Frauen, sondern ganz besonders für Männer!

Rollenvorbilder

Am Ende des Buches interviewt Patricia übrigens vier Männer, die Einblick in ihr Familienmodell geben. Sie dienen als Rollenvorbilder und erzählen auf unmissverständlicher Weise, dass Veränderung gelingen kann und sinnvoll ist. Ja, liebe Männer, ihr müsst euch bewegen und aus eurer Komfortzone in die Lernzone begeben. Dort erwarten euch eure Frauen, mit denen ihr gemeinsam den »Mental Load« neu verteilt. Patricia beschreibt vier Familienmodelle und veranschaulicht, dass »Mental Load« kein Problem von tradierten Familienbildern ist. Richtig kommuniziert, organisiert und wertschätzend verteilt gelingt die Aufteilung auch z.B. bei zwei Vollzeit arbeitenden Eltern.

Fazit

Also, kauft dieses Buch, es ist ein Mehrwert für jede Beziehung, hebt die Verantwortlichkeit auf eine neue Ebene und schafft Freiraum für alle Familienmitglieder. Dabei ist es übrigens egal, ob du Alleinerziehend bist oder noch keine Kinder hast. Patricias Buch nimmt dich an die Hand und erzählt dir (fast) alles, was du über »Mental Load« wissen musst, um dich zu entlasten. Im Literaturverzeichnis findest du zu jedem Kapitel eine Vielzahl an Quellen zum weiterlesen und vertiefen. Super!

Verlosung

[Die Verlosung ist beendet] Wie ist es bei dir? Gelingt dir die gleichberechtigte Verteilung vom »Mental Load«? Was braucht es, damit gleichberechtigte Partnerschaft gelingen kann, ohne auszubrennen? Schreib deine Meinung in die Kommentare und mit etwas Glück gewinnst du das rezensierte Buch.*

*Teilnahmebedingung: Das Gewinnspiel endet am 8. Juli 2020 um 21 Uhr. Teilnahme ab 18 Jahren. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinnbenachrichtigung erfolgt per hinterlassener E-Mail Adresse. Versand innerhalb Deutschland. Hier gibt es weitere Informationen zur Teilnahmebedingung sowie zur Datenschutzerklärung.

Leseempfehlung: Raus aus der Mental Load Falle

Wie gerechte Arbeitsaufteilung in der Familie gelingt.

Wir haben feste Erwartungen an die Geschlechterrollen, die Jungen zu erfüllen haben. Noch immer sollen sie stark sein, ab einem gewissen Alter lieber nicht mehr weinen und keine Röcke tragen.

Kinder, Küche, Krisenmanagement. Ob sie wollen oder nicht: Immer noch erledigen Mütter einen Großteil der Familienarbeit, haben jedes noch so
kleine To-do von Kindern und Partner im Kopf. Mental Load ist das Wort für die Last im Kopf, die Frauen grenzenlos stresst. Patricia Cammarata, Psychologin und bekannte Elternbloggerin, beschreibt konkrete Auswege aus der Mental Load-Falle. Zuständigkeiten gerecht verteilen, Aufgaben loslassen, Freiräume schaffen und vor allem als Paar die Energie darauf verwenden, füreinander da zu sein – das löst langfristig den Knoten. Natürlich gibt es nicht den einen Weg aus der Dauerbelastung. Dieses Buch zeigt viele Wege, um die Arbeits- und Verantwortungslast so aufzuteilen, dass es für die eigene Familie passt. Aber fest steht: Der freie Kopf macht es möglich, endlich durchzuatmen. Geteilter Mental Load eröffnet neue Perspektiven! Ein Buch für Mütter und Väter, die endlich gleichberechtigt leben wollen.

2. Auflage 2020

Format: 13,7 x 21,5 x 2,1 cm, Klappenbroschur
Umfang: 224 Seiten
Preis: 17,95 € (D)/ 16,99 € (eBook)
ISBN: 978-3-407-86632-5
Erscheinungsdatum: 24. Juni 2020

Prinzessinnenjungs von Nils Pickert

Hinweis: Das Buch habe ich als Rezensionsexemplar vom Verlag dankenswerterweise zugeschickt bekommen.

Prinzessinnenjungs. Wie wir unsere Söhne aus der Geschlechterfalle befreien.

Prinzessinnenjungs. Wie wir unsere Söhne aus der Geschlechterfalle befreien.

Als ich 2010 zum ersten Mal ein Buch über Jungenarbeit in die Hände bekommen hatte, war der Moment des Lesens ein Augenöffner für mich. Das Buch von Dieter Schnack und Rainer Neutzling »Kleine Helden in Not. Jungen auf der Suche nach Männlichkeit« sprach mir so sehr aus der Seele, dass ich begann all meine Denkmuster zu überdenken und zu verwerfen. Zehn Jahre später erscheint das Buch »Prinzessinnenjungs« von Nils Pickert. Er schreibt über Jungen, über Männer und ihren schwierigen Weg zur eigenen Männlichkeit. Es geht um Liebe, Freundschaft, Sexualität, um Verantwortung und vor allem immer wieder um Gewalt. Ein Prinzessinnenjunge ist mehr als ein Junge, der Frauenkleider trägt oder in einer Geschlechterfalle steckt. Das Buch legt den Finger dabei in eine vermeintlich kleine Wunde, die beim Lesen jedoch Schmerzen, Wut und Tränen auslösen. Zumindest bei mir. Das Buch ist eine bittere Analyse und Appell für eine andere, gesündere Sichtweise auf männliche Sozialisation. 

Wann ist ein Mann ein Mann?

Nils Pickert schreibt, dass Männlichkeit, wie wir sie kennen, ein Verkaufsschlager sei. Und er begründet dies auf anschauliche Art und Weise, in dem er immer wieder eigene Erfahrungen einbringt und sich persönlich und privat ein gutes Stück den Lesenden offenbart. Nicht erst auf dem Schulhof, wo Jungs ihre Zugehörigkeit zur Gruppe über den binären Code »ficken oder gefickt werden« aushandeln, werden die tradierten und geschlechtsstereotypen Rollenbilder gefestigt. Auf 254 Seiten wird sehr schön herausgearbeitet, dass psychische und physische Gewalt auf Jungen und Männer ausgeübt wird und das Rollenbild geprägt und gefestigt wird. Jungs werden von ihren Gefühlen und ihrer Verantwortung getrennt, sie kreisen um sich selbst und ihnen fehlt die Fähigkeit, Gefühle zu offenbaren. Dieses System wird nicht nur von fremden ausgeübt, sondern auch von Vätern, Müttern und dem familiären Umfeld gestützt und unterstützt. Sozialisation als Geschlechterfalle, aus der es sich schwer befreien lässt. Nils Pickert fordert daher, dass wir endlich anfangen müssen, über gelingende Männlichkeit zu sprechen und aufhören uns einzureden, dass sich Männlichkeit unverändert von selbst ergibt.

Das Kapitel „Gewalt ist (k)eine Lösung“ endet mit dem Satz: „Jungen und Männer sind auch Opfer von Gewalt.“ Und würde dieser Satz an erster Stelle des Kapitels stehen, er hätte eine ganz andere Wirkung auf den Inhalt. Framing halt. Gewalt wird Männern zugeschrieben und ausgeübt. Männlichkeit unterliegt der Initiation von Brechen und Gebrochenwerden. Um also ein richtiger Mann zu werden, muss Gewalt an dir ausgeübt werden und du musst Gewalt ausüben. Wenn du dies nicht tust, bist du schwul. Du wirst gefickt und hast nicht die Macht. Du bist kein Ficker. Und schon sind wir gefangen im gesellschaftlichen Denken über Macht=Männlich und Schwäche=Weiblich. Nils Pickert zitiert eine Statistik, die besagt, dass Männer zu 18% Opfer sind und zu 80% Täter. Er benennt alltägliche Beispiele, die nahezu jeder Mann aus eigener Erfahrung berichten kann. Von nassen Handtüchern, die eingedreht zu Peitschen werden und in der Umkleide nach der Schwimmunterricht für Striemen und Schmerzen sorgten. Ja, auch das ist Gewalt und ja, sie wird nach wie vor bagatellisiert. Männer werden erniedrigt und vorgeführt, verspottet und so zu richtigen Männern geschliffen. Gehörst du nicht dazu, wirst du aussortiert, ausgegrenzt und als Schwuchtel abgestempelt.

Antifeminismus

Nur kurz und an wenigen Stellen geht Nils Pickert auf die Argumente der antifeministischen Männerrechtsbewegung ein. So beschriebt er das Verhalten von Männern, die sachliche Diskussionen über Geschlecht, Rollenbilder, Sozialisation stören indem sie versuchen, die Diskussion hin zu Männerthemen zu ziehen. Klassischer WHATABOUTISM, also „Männer sind auch Opfer!“ Gleichzeitig beschriebt er, dass die Maskulinisten eine Verweiblichung der Gesellschaft befürchten und »echte Männer« zu kurz kommen und die stereotypen Männlichkeitsbilder zu wenig Beachtung finden. Völlig richtig beschriebt Nils Pickert, dass es gar nicht darum geht, das Verhalten von Jungen und Mädchen umzupolen und gesellschaftlicher zu machen.

„Wir werden uns aber nur dann originäre, wirkmächtige und hilfreiche Jungen- und Männerarbeit leisten können, wenn wir einsehen, dass Frauen und Mädchen nicht unsere Feindinnen sind.“

Gegessen wird zu Hause

Männer sind Helden und werden in Geschichten als Helden gefeiert und somit reproduziert. Jungen müssen sich aber auch ständig beweisen, gehen in einen Konkurrenzkampf. Nils Pickert beschreibt anschaulich, dass ihr Repertoire an Emotionen und Gefühlen dabei verkümmert. Männer schreien verzweifelt nach Aufmerksamkeit und ihre Bedürfnisse werden nicht gehört, geschweige denn können befriedigt werden (und das nicht im sexuellen Sinne). Es geht also um Liebe, die den Jungen einprogrammiert wird: Sei ein Held. Frauen werden in dieser Konstellation zum Objekt degradiert. Mich erinnern die immer wiederkehrenden Beschreibungen über Liebe, Freundschaft und Sexualität an meine Jugend im Münsterland. Dort heißt es: „Appetit holen darfst du, gegessen wird aber zu Hause.“ Nils Pickert fordert zurecht, dass wir anfangen müssen, Männlichkeit besser zu erzählen und besser vorzuleben.

„Wir können Frauen und Mädchen nur dann vor Gewalt schützen, wenn wir anfangen, Jungen und Männer zu schützen. Nicht vor sich selbst.“

Große Bedeutung legt Nils Pickert daher auch den Vätern als Träger der Rollenbilder. Väter müssen mit Liebe antworten, präsent sein, aktiv sein und auch Zweifel zeigen. Zugewandte, sich kümmernde Väter, die auch emotional im Leben ihrer Söhne präsent sind. Dann können wir uns auch von dem Gedanken verabschieden, dass sich Homosexualität durch „weibliche Verhaltensweisen“ äußert.

Hotel Mama

In meiner Jugend haben junge Frauen noch Mitgiften gesammelt, die sie als Aussteuer in die Ehe mitbringen. Der Mann zieht also von einem Hotel zum nächsten Hotel und wird Statist im eigenen Leben. Was platt und einfallslos daher kommt, wird von Nils Pickert im Kapitel „Hotel Mama“ wunderbar dargelegt. Irgendjemand ist im Leben des Mannes für ihn da und übernimmt die Verantwortung. Gemeint sind Mutter, Ehepartnerin, Haushälterin, Grundschullehrerin, Babysitterin und viele weitere Care Berufe, in denen vor allem emotionale Arbeit geleistet wird. Irgendjemand ist immer zuständig. Nils Pickert schreibt richtig, dass Männer im Hotel Mama nur Gast sind und somit die Statisten ihres eigenen Lebens. Es wird für sie und um sie herum gesorgt. Sie fühlen sich nicht zuständig und werden nicht zuständig gemacht. Weder in ihrer Sozialisation noch später im eigenen Haus. Nur kurz wird auf »Mental Load« und die Unfähigkeit der Männer eingegangen, sich aus dieser Falle zu befreien. Wohingegen gleichzeitig auch die Ursache dargelegt wird. Es wird ihnen aufgrund der gesellschaftlichen Rollenverteilung auch nicht anders beigebracht. Folgerichtig fordert Nils Pickert, „…dass es sich lohnt, im eigenen Leben nicht nur Gast zu sein, bei den Kindern nicht bloß für Betreuungsdienste einzuspringen und im eigenen Haushalt nicht lediglich auszuhelfen.“

Fazit

Mit »Prinzessinnenjungs« ist Nils Pickert ein starkes Erstlingswerk gelungen. Mit Erfahrungsberichten aus seiner Kindheit und Jugend gelingt es ihm sowohl sachlich als auch emotional die Lesenden für das Thema zu gewinnen. Doch nicht nur die Beispiele lösen Wut und Mitgefühl aus. Mich hat vor allem die Gewalt der männlichen Sozialisation schockiert, obwohl ich jedes Wort und jede Erfahrung mit meiner eigenen männlichen Sozialisation teile. Mich hat das Buch sehr bewegt und für Tage beschäftigt. Nils Pickert gelingt es, die Lesenden nicht für ihr Tun und Handeln zu verurteilen, sondern liebevoll an die Hand zu nehmen und Perspektiven und Lösungsvorschläge anzubieten. Auch ihm gelingt es nicht immer der Vater zu sein, der er gerne sein möchte. Das macht das Buch und den Autor so nahbar. Im letzten Kapitel entlässt Nils Pickert die Lesenden mit einer kleinen Handreichung zu Prinzessinnenjungs. Geschlechtsidentität muss frei ausgelebt werden können, Männlichkeit darf kein Identitätskamp sein, wir müssen eine Anwaltschaft für Jungen und Männer übernehmen, Vaterschaft muss transformiert werden, Männer müssen Verantwortung übernehmen, Scheitern ist integraler Bestandteil von Männlichkeit.

„Die tatsächliche Alternative besteht darin, Jungen und Männer zu befähigen, den Unterschied zwischen Privilegien und Freiheiten zu erkennen, um sich für das Richtige zu entscheiden.“

Dieses Zitat erinnert mich an den Film »We Want Sex«, in dem die Protagonistin zu ihrem Ehemann sagt: „Rechte sind keine Privilegien!“ Nils Pickert greift im Grunde diesen Satz auf uns appelliert an die Verantwortung des Mannes, nicht Opfer seiner Männlichkeitsvorstellung zu sein und sein Recht auf freie Entscheidung wahrzunehmen. Männer dürfen lange Elternzeit nehmen, sie dürfen weinen, sie dürfen den Job kündigen, sie sind frei in ihrem Tun und Handeln!
Zum Nachdenken hat mich dann der fünfte Punkt gebracht: Heldinnen. Nils Pickert fordert auf, den Boy´s Club aufzulösen und den Blick für Frauen zu öffnen. Wer sind meine Heldinnen? Warum sind das meine Heldinnen? Wir sollten mehr darüber reden. Tatsächlich sind mir keine Heldinnen eingefallen. Stattdessen viele Helden. Das beschäftigt mich nach wie vor. Denn es zeigt, wie perfide, gewaltvoll und latent die männliche Sozialisation funktioniert. Aber was ist denn jetzt eigentlich ein Prinzessinnenjunge? Nun, dafür musst du das Buch lesen. Es lohnt sich!

Leseempfehlung: Prinzessinnenjungs

Wie wir unsere Söhne aus der Geschlechterfalle befreien

Wir haben feste Erwartungen an die Geschlechterrollen, die Jungen zu erfüllen haben. Noch immer sollen sie stark sein, ab einem gewissen Alter lieber nicht mehr weinen und keine Röcke tragen.

Der Feminist, Journalist und Vater Nils Pickert hat ein leidenschaftliches, gedanklich präzises und berührendes Plädoyer für die Freiheit von Geschlechterrollen in der Erziehung unserer Söhne geschrieben. Er beschreibt, wo diese Männlichkeits-Normierung beim Spielzeugkauf, auf dem Schulhof oder im Gefühlsleben stattfindet und wie sehr sie Jungen in ihrer Entfaltung schadet. Der Autor zeigt, wie sehr viele Jungen Fürsorglichkeit und Puppen lieben – und brauchen. Es gibt eine unendliche Vielfalt an Wegen, vom Jungen zum Mann zu werden. Wie Eltern ihre Söhne dabei unterstützen können, schildert Nils Pickert mit vielen Hinweisen und Beispielen.

Format: 13,6 x 21,5 x 1,83 cm, Klappenbroschur
Umfang: 254 Seiten

Preis: 18,95 € (D)/ 17,99 € (eBook)
ISBN: 978-3-407-86587-8
Erscheinungsdatum: 11. März 2020

Prinzessinnenjungs von Nils Pickert

Hinweis: Das Buch habe ich selber gekauft und nicht vom Verlag zugeschickt bekommen.

Papipedia. Alles, was Väter und ihre Kinder brauchen.

Papipedia. Alles, was Väter und ihre Kinder brauchen.

Seit Ingeborg Stadelmann im Jahr 1994 ihr Standardwerk „Die Hebammensprechstunde“ veröffentlichte, sind unzählige Eltern-Ratgeber veröffentlicht worden. Auch wir haben uns mit diesem Klassiker auf die anstehende Geburt unserer beiden Kinder vorbereitet. Hatten wir in der Schwangerschaft unseres ersten Kindes noch zahlreiche weitere Ratgeber gekauft und sogar gelesen (!), war es beim zweiten Kind nur der Klassiker von Ingeborg Stadelmann. Meine große Enttäuschung war das Buch „Oje, ich wachse!“ von Hetty van de Rijt, Frans X. Plooij und Jan Jutte. Vielleicht, weil es mir von zu vielen Menschen als „das beste Buch zur Vorbereitung“ empfohlen wurde, oder weil es vielleicht zu wenig den Papa im Fokus hatte. Ich weiß es nicht mehr.

Aber darum soll es in dieser Rezension nicht gehen. Denn Christian Gaca hat im Oktober 2019 mit PAPIPEDIA ein „Lösungsbuch für fast alle alltäglichen Papa-Probleme“ herausgebracht. Das im Gräfe und Unzer Verlag erschienene Buch hat 208 Seiten und eine Größe von fast DIN A5. Das Papier hat eine sehr gute Haptik und die Serifen-Schrift liest sich sehr angenehm. Das Buch teilt sich grob in 4 Bereiche auf: Vorwort, Hauptteil, Glossar und Service.

Aus dem Inhaltsverzeichnis

Dem Vorwort schließt sich der Hauptteil des Buches an, der noch einmal in vier Kapitel unterteilt ist. „Schwangerschaft“, „Geburt“, „Das Wochenbett“ sowie „Das erste Babyjahr als Vater“. Dem schließt sich auf 20 Seiten das Glossar an, wo Begriffe erklärt werden und auf entsprechende Stellen im Buch verwiesen wird. Wer dann noch weitere Informationen über das Buch hinaus benötigt findet im Kapitel „Service“ neben Büchern zu Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett, Babys und Kinder sowie Vaterschaft auch Adressen zu Informations- und Beratungsstellen sowie Blogs. Dieser ist nicht dabei, schade.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Die Schwangerschaft
Kinderwunsch und Schwangerschaft

Kinder kriegen, in dieser Welt?
Der positive Test – und nun?
Kinderwunsch und Wunschkinder
Was macht eine Schwangerschaft, was ändert sich?

Erstes Trimester: Phase der Anpassung

Meine Frau, das plötzlich unbekannte Wesen
Wer begleitet euch durch die Schwangerschaft?
Hebamme, Frauenarzt … und was Frau noch braucht
Vorsorge: Zwischen Mutterpass und Übervorsorge
Das erste Bild vom eigenen Kind
Wo und wie soll das Kind auf die Welt kommen?
Welche Betreuung ist nach der Geburt sinnvoll?

Zweites Trimester: Phase des Wohlbefindens

Im Kaufrausch: Babyausstattung – was braucht man wirklich?
Der kleine Trageberater
Auch Schieben ist lieben
Lange Wege von A nach B – im Alltag und in den Ferien
Wie viel Platz braucht ein Kind?
Geburtsvorbereitungskurs: Vergesst das Klischee vom »Hechelkurs«

Drittes Trimester: Phase der Anstrengung

Die Geburt rückt näher
Kind und Karriere: Väter in Elternzeit
Der liebe Nestbautrieb
Das Wochenbett vorbereiten
Papierkrieger: Wichtige Organisation im Vorfeld
Warten aufs Baby und die Geburt
Was genau sagt eigentlich der ET?
Angst vor der Geburt, ums Baby und die Partnerin
Welcher Vater will ich werden?

Geburt

Die Aufgaben des Vaters
Das Baby kommt

Wann geht es los?
Der Ablauf einer Geburt
Geburtswege: Wenn es anders kommt

Das Baby ist endlich geboren

Die erste Bindung zu Mutter und Vater

Das Wochenbett
Die ersten Tage in der Klinik oder zu Hause

Ein neuer Lebensabschnitt beginnt
Babys Ernährung nach der Geburt

Zurück in den (Job)-Alltag

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Das erste Babyjahr als Vater
Das Leben mit Baby

Die Last der Verantwortung
Wer schläft wo? Und wenn ja, wie lange?
Wickeln, Windeln, windelfrei?
Tragen und Schieben
Essen mit Babys: Beikost und Stillen
Spielen mit dem Baby
Chaos im Wohnzimmer – und nicht nur dort Wenn das Baby untröstlich weint

Der Elternalltag spielt sich ein

Eine gerechte Aufgabenverteilung Eltern werden – Paar bleiben
Das Leben der anderen
Und ich?! Mission Selbstfürsorge
Was war, was ist, was sein wird
Endlich Experte!

Glossar

Service

Bücher, die weiterhelfen
Adressen, die weiterhelfen
Impressum, Leserservice, Garantie

Über das Buch

PAPIPEDIA liest sich leicht von der Hand und versorgt den Leser mit den wichtigsten Informationen von Schwangerschaft über Geburt bis ins erste Lebensjahr. Dabei schafft es der Autor sehr elegant, kein weiteres „und das passiert im Körper der Frau“ Buch zu schreiben. Stattdessen beschreibt er jeweils zu Beginn eines Kapitels auf wenigen Seiten nur die wesentlichen Eckdaten, um im jeweiligen Unterkapitel den Fokus auf die psycho-emotionalen Gefühlslagen der Väter zu setzen. Vele Unterkapitel werden mit der eigenen Erfahrung des Autors oder anderer Väter abgeschlossen. In „So war es bei mir: Fehlgeburt und der Umgang damit“ beschreibt Gaca zum Beispiel seine Erfahrungen über den Verlust des Fetus in der Schwangerschaft. Er stellt treffend dar, dass sich bei ihm zwar körperlich nichts verändert, aber das Gedankenkarussel sofort los dreht (S. 33f).

„Ich hatte die Tendenz, das Thema sofort abhaken zu wollen. Doch so einfach ist das nicht. Eine Fehlgeburt hat Auswirkungen auf die gesamte Familie und vielleicht auch auf noch folgende Babyzeiten. Die Zukunft die ich mir ausgemalt hatte, sie war weg. »Einfach« so. Und über eine Fehlgeburt redet man nicht. Männer noch weniger als Frauen. Mir war zum Heulen zumute, aber ich »musste« den Zusammenbruch von Anja irgendwie auffangen und abfedern. […] Man muss da durch. Man muss anfangen, darüber zu reden. Mit sich und anderen. Der offensive und offene Umgang hat mir geholfen. Er hat uns geholfen.“

Gaca gelingt mit PAPIPEDIA einen Ratgeber zu schreiben, der unaufdringlich und ohne erhobenem Zeigefinger auskommt. Selbst bei schwierigen Themen, wie Elternzeit oder Zurück in den (Job-)Alltag bekommt der Leser nicht das Gefühl, in eine Richtung gedrängt zu werden. Vaterschaft ist so vielfältig und Gaca macht die richtigen Angebote. Er zeigt sämtliche Felder von elterschaftlichen Aufgaben auf, die im besten Falle gleichberechtigt verteilt werden sollen. Sämtliche Herausforderungen, wie Spielen mit dem Kind, wenn das Baby schreit oder Wickeln, Windeln, windelfrei?; Gaca wägt ab, gibt Pro und Contra und verweist immer wieder auf wissenschaftliche Erkenntnisse, ohne dabei die Entscheidung abzunehmen. Vielmehr nimmt er den Leser an die Hand und ist wie ein guter Freund, der sagt „Egal, wie du wickelst – mach es »slow« (S. 134).

„Beim Wickeln und abhalten, beim Baden und Anziehen kannst du als Vater eure Bindung prima vertiefen. Mac alles, was du tust, langsam und bleibt (sic!) mit deiner Aufmerksamkeit beim Kind. Vermeide jede Hektik. Keiner mag es, wenn er hastig und nebenbei »abgefertigt« wird. Nimm dir also Zeit.“

Das Buch will kein Ratgeber sein, sondern begleitet den werdenden Vater durch die Schwangerschaft und zeigt nahezu alles auf, mit dem er konfrontiert wird. Brauchen wir einen Kinderwagen, brauchen wir ein größeres Auto und was ist mit Elternzeit? Gaca gelingt es, diese Themen gleichberechtigt und unaufdringlich zu beantworten und gibt hier und da eine Entscheidungshilfe. Alles kann, nichts muss. Jede Familie tickt anders und das beherzigt Gaca von der ersten bis zur letzten Seite. Die anstehenden Veränderungen betreffen die ganze Familie, sodass auch das Thema »Mental Load« nicht ausgespart wird. Ein wichtiger Punkt, der in der gegenwärtigen Diskussion stark weiblich besetzt ist. Hier bietet Gaca eine, wenn auch knappe, Sicht auf die mentalen Belastungen rund um Familie, Kind und Partnerschaft aus männlicher Sicht.

Fazit

Nahezu jedes Feld von Kinder kriegen bis zur Entscheidung über weitere Kinder wird in diesem Ratgeber besprochen. Gaca nimmt die Väter mit auf eine Reise und ist wie ein guter Freund, der den Überblick behält, wie der Beipackzettel mit den Sicherheitshinweisen für eine gelingende Vaterschaft. Er gibt Antworten auf Fragen, die nur wenige Väter stellen. Ist dabei weder wertend noch verurteilend, sondern Begleiter, Ideengeber und Mutmacher. Gaca bestärkt den Leser, sich selber und seinen Job nicht so wichtig zu nehmen und nimmt ihm die Ängste und Sorgen für die neue Rolle als Vater. Er macht Mut, sich aktiv für seine Familie einzusetzen, Elternzeit zu nehmen und eine gleichberechtigte Rolle in der Partnerschaft einzunehmen. Dabei macht er stets Angebote, die wie ein »du darfst das« wirken und weniger wie ein »du musst aber«.

Beim Lesen hatte ich nur einen kleinen Kritikpunkt. Der Bereich »Mental Load« kam mir persönlich zu kurz. Wenige Männer sind bereit, sich gleichberechtigt am Haushalt und bei der Erziehung zu beteiligen. Ihre Rolle ist die des Familienernährers, der nicht weiß, welche Kleidergröße seine Kinder haben oder wann die nächste Vorsorgeuntersuchung ist. Die Gründe sind so vielfältig und die Herausforderung so groß, sodass ich mir hier eine detailliertere Perspektive gewünscht hätte. Das tut dem Buch aber keinen Abbruch und ist wahrscheinlich meiner selektiven Wahrnehmung geschuldet. Gut, dass»Mental Load« angesprochen wird, damit werdenden Väter zumindest davon gelesen haben.

Das Buch hat mir außerordentlich gut gefallen, weil es eben kein Ratgeber im klassischen Sinne ist, sondern mehr ein Mutmach- und Lösungsbuch ist. Auch wenn für mich das Thema»Mental Load« ein wenig zu kurz vorkam denke ich, dass es genau richtig ist. PAPIPEDIA überfordert nicht beim Lesen sondern lädt ein, mehr zu erfahren. Es kann jederzeit zur Seite gelegt und an anderer Stelle begonnen werden. Das Buch werde ich mit absoluter Sicherheit werdenden Vätern in meinem Umfeld schenken (ja, so übergriffig bin ich!) und freue mich auf deren Reaktionen. Der erste Schritt ist getan, das Buch ist da. Jetzt muss es nur noch gelesen werden. Oder vielmehr: jetzt darf es gelesen werden.

Leseempfehlung: PAPIPEDIA

Alles, was Väter und ihre Kinder brauchen.

Humorvoll, pointiert und klar: der ultimative Vater-Ratgeber für alle alltäglichen Papa-
Probleme

Endlich ein Buch, das den Männern all die Dinge beibringt, die sie wirklich über die Vaterschaft
 wissen müssen. Vollgepackt mit hilfreichen Ratschlägen, Anekdoten, detaillierten Anleitungen
 und mit einem schrägen Sinn für Humor ist Papipedia der ultimative Leitfaden für schlaflose,
 mit Apfelmus bedeckte Väter überall auf der Welt. Echte Tipps zum Überleben!
 Mit Augenzwinkern und viel Humor schreibt Christian Gaca aus eigener Erfahrung über alle
 Fettnäpfchen und unvergesslich schönen Momente. Vom Babywickeln unter erschwerten
Bedingungen bis hin zu Überlebenstipps als übernächtigter Vater im Job. Wie geht man als
 Vater richtig mit dem Zahnwechsel um? Papipedia erzählt nur eines – die absolute Wahrheit
über das Vatersein!


Christian Gaca ist gelernter Tageszeitungsredakteur, hat einen Magisterabschluss im Fach
 Wirtschaftskommunikation und arbeitete viele Jahre als Kulturredakteur. Derzeit ist er hauptberuflich
für den Deutschen Hebammenverband im Marketing tätig. Zusammen mit seiner Frau Anja Constance
 Gaca hat er vier Kinder und betreibt seit 2013 den Blog „Von guten Eltern“. Außerdem schreibt er für
 andere Medien über Familienthemen.

Format: 13,5 x 21,0 cm, Klappenbroschur
Preis: 16,99 € (D)/ 17,50 € (A)/ 23,90 sFr
ISBN: 978-3-8338-7134-4
Erscheinungsdatum: Oktober 2019

Hinweis: Das Buch habe ich als Rezensionsexemplar vom Verlag zugeschickt bekommen. Herzlichen Dank.

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