Papa in Elternzeit und Mama im Job – Wie der Rollentausch uns geholfen hat, die Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse des Partners besser zu verstehen

Papa in Elternzeit und Mama im Job – Wie der Rollentausch uns geholfen hat, die Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse des Partners besser zu verstehen

Seit Juli ist meine Frau zurück im Job und ich bin als Hausmann bei den beiden Kindern. Wir haben die Rollen getauscht, denn zuvor war meine Frau anderthalb Jahre zu Hause und ich im Teilzeitjob. Dass wir in unseren neuen Rollen angekommen sind, merken wir vor allem an unserer Kommunikation. Mir sind Dinge viel wichtiger geworden, die zuvor meiner Frau wichtiger waren. Gleichzeitig haben wir ein tieferes Verständnis für den jeweils anderen.

Dieser Beitrag soll kein Vergleich sein, wer was besser macht oder wer mehr Schlaf verdient, weil eines der Kinder die Nacht zum Tag macht. Es geht mir vielmehr um die Erkenntnisse, die ich durch den Rollenwechsel vom Job hin zum Hausmann gewonnen habe. Vor 3 Jahren habe ich noch mehr als 40 Stunden pro Woche gearbeitet und war unglücklich im Job. Jetzt bin ich Hausmann und habe seitdem viel gelernt. Nie hätte ich gedacht, dass mich dieser Wandel so nachhaltig prägt und mich die Aufgaben so tief erfüllen.

Der Tag beginnt

Morgens stehen wir gemeinsam gegen 6:30 Uhr auf und starten in den Tag. Ich bereite mit den beiden Kindern das Frühstück vor, ziehe sie an und begleite die beiden auf’s Töpfchen bzw. wechsle die Stoffwindel beim Kleinen. Meine Frau bereitet sich auf die Arbeit vor, frühstückt und packt ihre Lunch Box. Unsere Aufgaben sind klar verteilt, der Tag beginnt routiniert. Meist gegen 8.30 Uhr verlasse ich mit den Kindern die Wohnung und wir machen uns mit dem Bollerwagen auf den Weg zum Kindergarten. Da ist meine Frau schon seit einer dreiviertel Stunde auf der Arbeit.

Auf dem Rückweg vom Kindergarten gehe ich einkaufen für den alltäglichen Bedarf. Die Zeit bis zum ersten Schlaf vom Kleinen muss schließlich genutzt werden. Zurück in der Wohnung lege ich ihn für anderthalb Stunden ins Bett. Durchatmen. Nun ist Zeit für den Haushalt: Putzen, Aufräumen, und Wäschewaschen. Anschließend nehme ich mir mindestens eine halbe Stunde Zeit für meinen Blog, sowie für E-Mails und um Freunden zu schreiben.

Vormittagsprogramm

Der Kleine wird wach und mein Kopf brummt jetzt schon. Natürlich habe ich nicht alles geschafft, was ich mir vorgenommen hatte. Wir spielen jetzt erst einmal für etwa eine Stunde im Wohnzimmer und schaffen Unordnung. Überall liegt wieder Spielzeug, das ich vorher weggeräumt hatte. Erfahrene Eltern werden bestimmt die Augen rollen. Mir ist es aber wichtig, eine ruhige und aufgeräumte Atmosphäre in der kinderfreien Zeit zu haben. Es gibt einen Müsli-, Obst- oder Gemüse-Snack und die Stoffwindel muss wieder gewechselt werden.

Wenn die Exklusivzeit es zulässt, geht es danach in die Küche an den Herd. Zusammen mit dem fast einjährigen Kind schäle ich Kartoffeln, Möhren und bereite das Mittagessen vor. Es ist kein Muss sondern ein Bonbon. Manchmal schaffe ich es sogar, für zwei Tage vorzukochen und die Reste einzufrieren. Oft jongliere ich mir Kind und Kelle, um überhaupt etwas leckeres zu zaubern: Nudeln mit roter Soße gehen immer. Ihr kennt das.

Mittagsprogramm

Corinna kommt gegen 14 Uhr und wird sofort gefordert. Der Kleine will an die Brust und freut sich schon sehr auf seine Mama. Wir essen gemeinsam und spielen mit dem Kleinen. Dabei quatschen wir kurz über die Arbeit  und was der Tag noch zu bieten hat. Meine Frau macht sich mit dem Rad auf zum Kindergarten, während ich aufräume und für Ordnung sorge. Sobald die Familie wieder zusammen ist, gehen wir raus auf den Spielplatz oder spazieren. Bei schlechtem Wetter treffen wir uns mit Freunden im Haus und spielen dort.

Abendprogramm

Unser Abendprogramm beginnt schon um 18 Uhr. Jeden Tag, auch am Wochenende. Routine ist nicht nur für unsere Kinder wichtig und gibt mir auch eine feste Struktur. Wir essen gemeinsam, lesen Bücher, hören Hörbuch und spielen im Wohnzimmer. Um 19 Uhr werden die Zähne geputzt und die Kinder verteilt. Die Große wünscht sich in letzter Zeit von Mama ins Bett gebracht zu werden, ich begleite den Kleinen in den Schlaf. Vor der Brust und mit der Bluetooth Box mit Ventilator-Geräusche am Ohr schläft er schnell ein. Um 20:30 Uhr treffen sich ein müder Papa und eine müde Mama im Wohnzimmer und starten das Abendprogramm. Aufräumen, Wäsche aufhängen, den nächsten Tag besprechen, Aufgaben verteilen. Hin und wieder starten wir einen Film, für den wir meist drei Abende brauchen, um ihn ganz zu sehen. Einer von uns schläft immer ein.

Nachtprogramm

Gegen 22 Uhr meldet sich der Kleine im Zwei-Stunden-Takt und Corinna legt sich zu ihm ins Familienbett. Sie ist dann schon fertig für die Nacht. Meist nehme ich mir noch ein, zwei Stunden mehr „raus“ und schaue Youtube, schreibe Blog oder lese. Diese zwei Stunden sind mir so wichtig geworden, weil ich das Gefühl habe, endlich Zeit für mich zu haben, ohne an die Bedürfnisse anderer zu denken. Nachts holt mich der Egoismus wieder ein. Dann nämlich, wenn ich mit dem Kleinen um 2 Uhr und um 5 Uhr vorm Bauch durch die Wohnung laufe, um ihn wieder in den Schlaf zu begleiten. Schließlich wird er keine anderthalb Stunden später wieder wach und der Tag beginnt von vorn.

„Der Rollenwechsel hat uns geholfen, die Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse des Partners besser zu verstehen.“

Gemeinsamer Perspektivwechsel

Ich durchlebe einen Perspektivwechsel und hätte nicht gedacht, dass mich die Rolle als Hausmann und Care-Daddy so fordern würde. Körperlich wie mental. Zwar habe ich schon vorher in Teilzeit gearbeitet und wusste, was mich erwarten würde. Doch ist es etwas anderes, nicht als Angestellter arbeiten zu gehen und stattdessen als Care Daddy zu Hause zu sein. In mir reift ein tiefes Verständnis über die erlebten Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse meiner Frau, die sie während ihrer Elternzeit immer wieder geäußert hatte. Gleichzeitig hat sie ein viel besseres Verständnis von meiner Situation, als ich noch arbeiten war. Wir können es jetzt erst wirklich begreifen, weil wir es selber erleben und erfahren.

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Mental Load: Alles im Blick behalten

Seitdem ich Hausmann bin, fallen mir viel mehr Dinge auf, die erledigt werden müssen. Hinzu kommt, dass es mir sehr wichtig geworden ist, diese Dinge dann auch zu erledigen. Egal ob Wäsche sortieren, eine aufgeräumte Wohnung (vor allem eine saubere Küche und ein sauberes Badezimmer), ein voller Kühlschrank, ein leerer Mülleimer oder wichtige Termine der Kinder. Mir ist es wichtig und ich bestehe auf klare Absprachen und Umsetzung.

LEARNING: Auf der Arbeit habe ich mir wenig Gedanken über diese Dinge gemacht, sie waren nicht sichtbar. Erst die tägliche Notwendigkeit und Routine machen die Arbeit sichtbar. Mit jedem Tag werde ich kompetenter und beständiger in der Umsetzung. Weder Corinna noch ich denken aber, dass der jeweils andere vor dem Rollentausch mehr Mental Load hatte. Nur die Verteilung der Aufgaben ist jetzt anders.

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Absprachen und Ungeduld

Um 14 Uhr erwarte ich Corinna, wie abgesprochen, zum Mittagessen. Sollte etwas dazwischen kommen, meldet sie sich. In den ersten Tagen hat sie pünktlich das Haus verlassen und war auch rechtzeitig zum Mittag zu Hause. Doch je länger sie wieder im Job ist, desto ungenauer sind die Zeiten, in denen sie heim kommt. Eine Teambesprechung hier, schwierige Patientenfälle da. Dokumentation dauert auch mal länger. Absolut verständlich, kenne ich schließlich auch. Ab 14 Uhr werde ich trotzdem nervös, denn mir ist auf einmal wichtig, gemeinsam pünktlich zu essen. Im Idealfall ist das Essen noch heiß. Außerdem möchte ich rechtzeitig informiert werden, damit ich eventuell später das Essen fertig habe.

LEARNING: Als ich noch arbeiten war, ist es mir auch nicht immer gelungen, pünktlich um 12 Uhr Feierabend zu machen. Emotional belastende Gespräche lassen sich nicht abrupt beenden mit dem Hinweis, dass ich jetzt nach Hause gehe und zu Mittag esse. Gleichzeitig nahm ich immer einen Vorwurf wahr, mich nicht an Absprachen zu halten. Es ist einfach nicht möglich – weder für Corinna, noch für mich. Wir erkennen die Situation als gegeben an. Corinna versteht jetzt viel besser meine damalige Situation und ich viel besser ihre.

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Akkus sind schneller leer

Meine Toleranzgrenze bezogen auf Lärm und Geschrei ist derbe gesunken. Hochsensible Menschen haben es eh schon schwer, ihre leeren Akkus über Nacht aufzuladen. Meine Akkus starten morgens bei nur 75% und sind im Mittag schon fast leer. Zum Glück weiß Corinna das und hält mir in solchen Momenten den Rücken zum „aufladen“ frei. Dann ziehe ich mich zurück und habe anschließend wieder Energie für weitere Aktivitäten mit der Familie und im Haushalt.

LEARNING: Auf der Arbeit bin ich weniger fremdbestimmt, als durch die Bedürfnisse meiner Familie zu Hause. Pausen kann ich flexibler gestalten und auch mal über belangloses Reden. Zu Hause geht das mit den Kindern nicht. Das kostet Energie und Nerven. Ich kann verstehen, dass Corinna Zeit für sich eingefordert hatte, als ich noch arbeiten war. Das habe ich zwar immer schon verstanden, erlebe es nur jetzt am eigenen Leib.

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Experte sein

Obwohl ich als Vater bisher nur in Teilzeit gearbeitet hatte, sah ich mich trotzdem immer als einen engagierten und kompetenten Vater. Aber erst seitdem ich als Hausmann „arbeite“, bin ich wirklich ein kompetenter und aktiver Vater. Egal ob morgens beim fertig machen, bei der Vorsorgeuntersuchung, im Verstehen der Bedürfnisse und Wünsche meiner Kinder, beim Trösten und Spielen oder beim zu Bett gehen: ich bin Experte! Das liegt vor allem an der gesamten Tageszeit, die ich mit den Kindern verbringe.

LEARNING: Auf der Arbeit habe ich den Vormittag mit den Kindern verpasst. Ich wusste nicht, wie ihr Einstieg in den Tag war und was sie beschäftigt hat. Das über den Nachmittag herauszufinden, war kaum möglich. Indem ich sie von morgens bis abends begleite, bin ich immer an ihrer Seite. Ich begleite sie emotional durch Höhen und Tiefen des Tages, tröste sie bei Schmerzen und freue mich mit ihnen.

„Care Arbeit gibt mir viel mehr Selbstvertrauen und Selbstsicherheit, als es Lohnarbeit jemals getan hat.“

Überholspur Care-Arbeit

Ich kenne jetzt also die verschiedenen Modelle mit ihren Konsequenzen:

1. Vollzeit Job mit 40 Stunden Lohnarbeit und ich sehe meine Kinder kaum
2. Teilzeit Job mit 20 Stunden Lohnarbeit und ich fühle mich meinen Kindern gegenüber kompetent
3. Vollzeit Hausmann in Elternzeit mit Experten Status 

Willkommen im Mindfuck! Niemals hätte ich gedacht, dass mein Lebenskonzept so auf den Kopf gestellt wird. Im positiven natürlich. Bisher wurde ich nicht enttäuscht, auch weil der „Übergang vom Vollzeit Job“ kontinuierlich verlief und irgendwie geplant war und doch irgendwie alles zufällig passierte. Es fühlt sich gut an. Der Rollentausch hebt nicht nur die Beziehung zu meiner Frau auf eine neue Ebene, sondern auch die Beziehung zu meinen Kindern. Sie nehmen mich als präsenten und zuverlässigen Vater wahr, der genau so für sie da sein kann, wie es die Mama war und ist.

Warum ich meine Frau nicht bei der Erziehung unserer Kinder unterstütze

Warum ich meine Frau nicht bei der Erziehung unserer Kinder unterstütze

Die Geschichte der Emanzipation im Patriarchat ist Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte alt. Trotzdem oder gerade deswegen wehre ich mich dagegen, meine Frau bei der Erziehung unserer Kinder zu unterstützen. Die Gründe sowie zwei Motive möchte ich dir heute vorstellen.

Aufgewachsen bin ich in einer traditionellen Familie mit Mutter, Vater und drei jüngeren Geschwistern. In unserem 4.000 Seelen Dorf mitten im Münsterland war es üblich, dass der Mann arbeitet und die Frau sich um die Kinder kümmert. Mindestens so lange, bis die Kinder in die Schule gehen. Danach gingen viele Mütter wieder arbeiten; als Kassiererin, als Erzieherin oder als Putzfrau. In Teilzeit. Vormittags. Die Kinder kamen schließlich mittags zum Essen wieder nach Hause. Offenen Ganztags gab es damals noch nicht.

Motiv klassische Rollenverteilung

Die Aufgaben sind also klar verteilt. Der Mann bringt das Geld nach Hause, die Frau ist für den Haushalt und die Erziehung der Kinder verantwortlich. Soweit nichts Verwerfliches. Wurde schon immer so gemacht. Warum sollte der Mann auch seine Karriere unterbrechen und damit die Familie auf viel Geld verzichten? Warum sollte er die Kinder erziehen? Schließlich hat die Frau doch mehr Ahnung von Kindererziehung.
Es ergibt für die meisten Eltern keinen Sinn, dass sich der Vater um die Kinder, geschweige denn um den Haushalt kümmert. Viel einfacher ist es doch, wenn jeder seinen zugeteilten Bereich hat und ihn eigenverantwortlich ausfüllt. Außerdem möchten die Frauen nicht, dass in ihren Bereich hineingepfuscht wird. Sobald der Mann Unterstützung anbietet, bringt er eh nur Unruhe in ihren Arbeitsablauf. Gleichzeitig will der Mann in Ruhe der Arbeit nachgehen und seinen Teil der Abmachung erfüllen.

Wo bleibt die Dankbarkeit?

Die männliche Verantwortung ist also sehr groß, denn schließlich bringt der Mann das Geld nach Hause. Davon kann die Frau sich den Lebensstil leisten, die Kinder den Sportverein und die gesamte Familie den Urlaub. Ein bisschen Dankbarkeit kann der Mann dafür schon erwarten, denn ohne seinen Einsatz wäre das Leben so nicht möglich. Immerhin muss ja auch noch die Hypothek vom Haus abbezahlt werden.
Der Mann fragt sich jetzt also zurecht: „Wo soll ich jetzt noch meine Frau bei der Erziehung unserer Kinder unterstützen? Die Aufgaben sind klar verteilt. Jeder fühlt sich wohl, wir sind eine glückliche Familie!“ Immerhin sieht der Mann seine Kinder doch am Wochenende und bringt sie, wenn er es zeitlich schafft, abends ins Bett. Reicht das nicht?

Stopp! Halt! Cut!

In dem Wort Erziehung steckt das Verb „ziehen“. Für mich bedeutet es so viel wie „ich ziehe mein Kind dahin, wohin ich es haben will“. Mir geht es als Vater nicht um das „Ziehen“ in eine Richtung, sondern um das Begleiten meiner Kinder. Dabei orientiere ich mich an Jesper Juul und unterscheide zwischen Wünschen und Bedürfnissen. Wünsche können erfüllt werden, Bedürfnisse sollten erfüllt werden.
Bedürfnisse sind wie ein Gericht in einem Schnellkochtopf. Steht es auf dem Herd und wird erhitzt, baut sich Druck auf, der nicht entweichen kann. Dem Bedürfnis des Wasserdampfes zu entweichen sollte nachgegeben werden, sonst explodiert der Topf.
Wünsche sind hingegen wie Bitten. Sie sind nicht überlebenswichtig. Vielmehr sind sie die Kirsche auf der Sahnetorte. Kann, muss aber nicht. Um herauszufinden, ob es sich um Bedürfnisse oder Wünsche handelt, muss ich im ständigen Kontakt mit mir selber und meinem Umfeld sein.

Motiv neue Vaterrolle

In der Überschrift des Beitrages versteckt sich auch eine Haltung: „Meine Frau braucht Unterstützung.“ Unser Familienmodell basiert aber auf einer anderen Vaterrolle. Ganz bewusst haben wir uns für ein paritätisches Modell entschieden, indem sich beide Elternteile verantwortlich und zuständig fühlen. Meine Frau arbeitet in Teilzeit und verdient Geld für die Familie, genau wie ich es tue. Ich schmeiße den Haushalt und kümmere mich um die Kinder, genau wie sie es tut.
Weder sie noch ich benötigen die Unterstützung des jeweils anderen. Weil wir im ständigem Austausch und Kontakt sind, haben wir mehr Zeit für unsere Kinder und die Paarbeziehung. Die Beziehung zu meinen Kindern und mir als Vater ist genauso eng und innig, wie zu meiner Frau, ohne dass wir uns gleichen. Dafür verzichte ich gerne auf Geld und erlebe mehr Qualitätszeit mit meiner Familie. Was auf der Strecke bleibt, ist die Zeit mich mich und für alte Freunde.

Mehr Achtsamkeit in der Familie

Eigentlich wollte ich einen Beitrag über Achtsamkeit schreiben. Doch irgendwie bin ich bei diesem Thema gelandet. Seit fast zehn Jahren löse ich mich nun schon bewusst von dem oben beschriebenen traditionellen Familienmodell. Leider klappt die Transformation nicht immer so, wie ich sie mir wünsche. Dann denke und rede ich, wie mein Vater es getan hat.
Glücklicherweise habe ich eine selbstbestimmte Frau, die mich auf meinem Weg hin zu einem liebevollen und verständnisvollen Vater unterstützt. Zwinkersmilie.

Wie sind deine Gedanken zum traditionellen und modernen Familienbild? Welche Erfahrungen machst du oder hast du als Vater gemacht? Bist du vielleicht ein Vater, der sich mehr Zufriedenheit und Gelassenheit in der Familie wünscht? Hilf mir zu verstehen, was es dafür braucht! Beantworte fünf Fragen in der Umfrage zu »Gesund Vater Sein«.

Wie ich den Weg vom traditionellen Rollenbild zum aktiven Vater geschafft habe

Wie ich den Weg vom traditionellen Rollenbild zum aktiven Vater geschafft habe

Vom traditionellen Rollenbild des Vaters und Mannes musste ich mich erst lösen, bevor ich in die neue Rolle des aktiven Vaters schlüpfen konnte. Die Elternzeit ist eine Gelegenheit, sich selber und sein Rollenvorbild zu überdenken. Aber auch hier gibt es immer neue Herausforderungen zu meistern und Wege zu gehen. Dass ich jetzt meine Elternzeit verlängert habe, ist der konsequente Schritt einer langen Entwicklung.

Zum Vatertag wurde ich von Ulrike Schuster von der Bild am Sonntag zu meiner Vaterrolle interviewt. Eigentlich sollte das Gespräch nicht lange dauern, einiges konnten wir bereits vorab per Mail besprechen. Doch nach 1,5 Stunden habe ich das Gespräch abgebrochen, weil die Kinder so langsam ihren Papa wieder zurück haben wollten. Bis dahin habe ich meine Geschichte erzählt und am anderen Ende der Leitung freute sich eine staunende Redakteurin. Die letzte Frage hat mich dann aber doch zum Nachdenken gebracht: „Heiner, was ist die Konsequenz aus der zweiten Elternzeitreise?“ Über vieles mache ich mir Gedanken, aber nicht über Konsequenzen aus der Reise. Wie meinte sie das überhaupt?

Gefangen im traditionellen Rollenbild

Nach der ersten Elternzeit war ich noch weitere vier Monate mit K1 zu Hause, während meine Frau zurück in ihren Teilzeit-Job gegangen ist. Damals war ich froh um diese Auszeit vom Job. Überwerfungen, Enttäuschungen und falsche Erwartungen führten zu Unwohlsein und Rückzug. Gleichzeitig hat mir die Arbeit aber auch Spaß gemacht. Doch beim Gedanken an die Rückkehr in den Job bekam ich Bauchweh und Stresspickel. Im Dezember 2016 konnte meine Frau das Elend nicht mehr weiter ansehen und meinte: „Heiner, es ist ok wenn du kündigst, wir schaffen das auch mit einem Gehalt!

Wir gehen beide arbeiten und bringen ein stabiles Einkommen nach Hause. Monatlich konnte ich etwa 1.000 EUR zur Seite legen, um damit mein BaföG und den Studienkredit zurückzuzahlen. Mehr als 40 Stunden arbeitete ich und hatte viele Überstunden auf meinem Gleitzeitkonto, die ich in Freizeit tauschen konnte. Das war mir immer lieber, als einen Ausgleichsbetrag ausgezahlt zu bekommen. Dennoch tat ich mich schwer, auf Geld zu verzichten. Selbst in Teilzeit mit der halben Stundenzahl würde ich bei schlechter Steuerklasse ca. 1.000 EUR Lohn erhalten. Eine Zäsur in meinem Berufsleben.

„Im Verlauf des gemeinsamen Lebens führen Zäsuren wie die Geburt eines Kindes oder ein Karrieresprung des Mannes oft dazu, dass die gleichgestellte Vision, die sie vorher (teilweise) schon realisiert hatten, oft schlagartig in ein traditionelles Rollenbild kipp – nicht weil dies das von beiden gewollte und verabredete Lebensmodell ist, sonder aus rationalen, ökonomischen Erwägungen aufgrund äußerer Anreizstrukturen.“
Karsten Wippermann (2014): Jungen und Männer im Spagat: Zwischen Rollenbildern und Alltagspraxis, Berlin, S. 10

Erschrocken über mich, wie sehr mich das klassische Rollenbild gefangen hat, begab ich mich auf die Suche nach einer Lösung. Schließlich wollten ich es doch immer anders machen. Der Mann als Ernährer, der das Geld nach Hause bringt, der nur am Wochenende mit den Kindern Zeit verbringen kann, der die Kinder morgens zur Schule fährt und es gerade so schafft, ihnen abends eine Gute Nacht Geschichte vorzulesen. So ein Vater wollte ich nie werden und war doch auf dem besten Weg dorthin. Zurück ins traditionelle Rollenbild. Mit der Elternzeit hatte ich die Chance, es anders zu machen; so, wie ich es schon immer machen wollte.

Erste Schritte zur neuen Vaterrolle

Im Dezember 2016 habe ich meinen unbefristeten Vollzeit-Job gekündigt und mich auf die bevorstehende Elternzeit als Hausmann eingestellt. Mein Arbeitgeber konnte mir keine Teilzeitstelle anbieten und war dazu auch nicht verpflichtet. Die damalige Elternzeit war dementsprechend eine Zäsur für uns als Familie. Wie es mir damit erging, habe ich hier aufgeschrieben. Einige Monate später sind wir umgezogen, haben unser Auto verkauft und machten mit beim foodsharing. Nun haben wir einen Spielplatz vor der Haustür und beide nur 5 Minuten zu Fuß zur Arbeit. Beide? Ja, denn durch eine glückliche Fügung konnte ich im örtlichen Krankenhaus als Sozialarbeiter anfangen. In Teilzeit für 20 Stunden. Perfekt für unsere Familie. Vormittags war meine Frau zu Hause bei K1, nachmittags ich. Gelebte Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Auch das Thema Einkommen hatte sich eingespielt. Wir haben die Steuerklassen gewechselt und beteiligen uns am Familienhaushalt in Relation unseres Einkommens. Meine Frau steuert den größeren Betrag zu, ich den kleineren. So bleiben ihr und mir ca. 700 EUR, die wir für unser persönliches Konto „über“ haben. Meine Schulden aus dem Studium hatte ich, auch dank eines Familiendarlehns, abgegolten. Nun füllte sich Monat für Monat das Tagesgeldkonto. Gleichzeitig hatte ich mich vom teuren Flugverein passiv gemeldet und spare so ca. 500 EUR pro Jahr. Wir verzichten auf teure (Streaming-, Musik-, App-) Abos, kaufen viel gebraucht und müssen trotzdem nicht aufs Reisen verzichten. Kleinere Ausflüge oder längere Urlaube sind ebenso „drin“ wie vorher.

Die zweite Elternzeitreise sollte tatsächlich eine weitere Veränderung bringen. Während der Schwangerschaft von K2 haben wir versucht, alle Fehler über Vereinbarkeit von Familie und Beruf kein zweites Mal zu machen. Also habe ich rechtzeitig das Gespräch mit meiner Chefin gesucht und ihr offen heraus unsere Pläne erzählt. Da sie und meine Kolleg*innen Vollblut-Eltern sind und die Personalabteilung erfahren ist, lief alles problemlos. Die Elternzeitreise sollte dieses Mal allerdings länger und nach Slowenien verlaufen. Wir würden uns drei Monate Zeit nehmen und uns von der Sonne treiben lassen. Dass es anders kam, kannst du hier nachlesen. In den Wochen nach der Reise sprachen meine Frau und ich viel über die nächsten Schritte. K1 kommt in den Kindergarten, meine Frau geht im Juli wieder arbeiten und ich bin ab Januar 2020 wieder zurück im Job. Doch irgendwie fühlte sich das nicht richtig an.

Bedürfnisorientierte Vaterschaft

Wieder einmal stehe ich vor einer Entscheidung, die sich wie eine Weggabelung eines Wanderweges anfühlt. Gehe ich rechts oder links entlang? Bleibe ich sitzen oder kehre ich um? Richtig oder falsch? Ich erinnerte mich an die Frage von Ulrike Schuster, die wie Treibstoff im Gedankenkarussel meines Kopfes wirkt. Was, wenn ich zu Hause bleibe, bis K2 in den Kindergarten geht? Was, wenn meine Frau die Vollverdienerin sein wird? Was, wenn wir das gegenwärtige gesellschaftliche Rollenmodell auf den Kopf stellen? ,Nur Mut, es ist ok‘, denke ich mir. Erwartungsgemäß musste ich meine Frau nicht überzeugen, denn sie strahlte mich an und war sofort begeistert. Trotzdem musste ich noch mal kurz nachrechnen, bevor es sich „richtig“ und „gut“ anfühlte.

Zwar verzichte ich auf 1.000 EUR Einkommen, doch wer aufmerksam gelesen hat wird feststellen, dass wir immer noch deutlich im Plus raus kommen – obwohl meine Frau „nur“ 30 Stunden arbeitet. Wir haben den charmanten Vorteil, dass wir zur Miete wohnen und keine monatliche Kreditbelastung (für z.B. Immobilie, Möbel, Auto, Smartphone, Computer) haben. Wir gehen zu Fuß einkaufen, reisen mit unserem Fiete VW Bus und verzichten auf teure Urlaube. Anderer Schnick Schnack, wie neue Smartphones, riesige Fernseher und Playstation Spiele fehlen bei uns ebenso, wie teure Hobbys. Lieber verbringen wir gemeinsame Familienzeit oder treffen Freunde zur Qualitätszeit. Geld ist uns nicht wichtig. Ja, ich bleibe zu Hause!

Raus aus der Komfortzone

Es sollte mehr Väter geben, die sich für eine aktive Vaterrolle entscheiden. Vielleicht braucht es Mut oder Zuversicht, als Papa zu Hause zu bleiben. Sicherlich braucht es auch eine finanzielle Grundlage, regelmäßiges Einkommen durch Elterngeld oder Lohnarbeit des Partners. Für mich sind dies jedoch vorgeschobene Gründe. Vielmehr müssen Väter mehr noch als Mütter den Anreizen widerstehen, die ihnen der Job bringt. Das Bequeme überwinden, raus aus der Komfort-Zone! Das Überwinden der im oberen Zitat beschriebenen ökonomischen Erwägungen sind die gegenwärtige Herausforderungen. Also weniger rational denken, sondern mehr emotional handeln. Wer jetzt mit „ja, aber das Geld…“ argumentiert, muss sich von seinen Denkmustern lösen!

Die nächsten Schritte sind schnell erzählt. Gespräch mit meiner Chefin, Antrag beim Arbeitgeber auf Verlängerung der Elternzeit und alle Formalitäten überarbeiten, sobald die Bestätigung im Briefkasten liegt. Glücklicherweise hat meine Vertretung Lust, mich bis September 2021 zu vertreten. Ulrike Schuster sollte Recht behalten mit ihrer Annahme, dass jede Elternzeitreise eine einschneidende Veränderung für die Familie mit sich bringt.



Was denkst du über die neuen Väter? Bist du ein aktiver Vater oder möchtest du einer sein? Oder gehörst du zum Team Traditionelles Rollenbild und kannst damit gar nichts anfangen? Ich bin gespannt auf deine Kommentare und Erfahrungsberichte!

Photo by Natalya Zaritskaya on Unsplash

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