5 Fehler über Hochsensibilität, die ich gemacht habe und was du daraus lernen kannst

5 Fehler über Hochsensibilität, die ich gemacht habe und was du daraus lernen kannst

Obwohl ich meine Hochsensibilität annehme und liebe, passieren mir häufig die selben 5 Fehler. Dass ich damit nicht alleine bin, erfahre ich in vielen Gesprächen und Zuschriften von hochsensiblen Menschen. Im Alltag müssen wir uns mehr als Normalsensible behaupten. Dabei geraten HSPs leicht unter die Räder der gesellschaftlichen Normen. Doch es lohnt sich daran zu arbeiten!

1. Fehler: Ich will diese Eigenschaften nicht haben!

Schon als Kind wusste ich, dass etwas mit mir nicht stimmte. Ich war schnell überreizt, hatte meine Gefühle nicht unter Kontrolle und nicht immer passten meine emotionalen Reaktionen zum erwarteten Verhalten. Ständig hatte ich das Gefühl, in die falsche Familie hinein geboren zu sein. Niemals konnten das meine Eltern sein. Kommunikation und wertschätzendes Miteinander war mir immer schon wichtig. Meine Gedanken kreisten über den Sinn des Lebens und am wohlsten fühlte ich mich, wenn jemand mit mir darüber philosophierte. Obwohl ich vermeintlich schlecht hörte, konnte ich Geräusche wahrnehmen, die andere nicht wahrnahmen. Meine Sinne liefen auf Hochbetrieb, 24 Stunden, 7 Tage die Woche. Ich war schnell erschöpft und brauchte permanent Regeneration.

Aber das habe ich mir nicht eingestanden. Natürlich wollte ich dazu gehören und konnte mir selber meine Null-Bock-Phasen nicht erklären. Es gab Tage, da konnte ich zurückgezogen sein und Tage, da ging es mir richtig gut. Doch richtige Gründe gab es dafür nicht. War halt so. Annehmen wollte ich diese „Macken“ aber nicht. Statt dass ich meine Charaktereigenschaften annahm, habe ich sie versucht zu bekämpfen. Ich wollte sie loswerden und habe sie letztendlich verdrängt. Zack, alle weg.

Fortan hatte ich immerzu Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und allgemeines Unwohlsein. Ich fühlte mich energielos und matt. Warum lebe ich eigentlich, wenn es mir so schlecht geht? Es kümmert doch eh keinen, dass ich da bin. Falsche Familie, keine Freunde, alles doof. Ich schleppte mich so durch’s Leben. Abi, Ausbildung, Arbeit. Beziehungen kamen und gingen. Ich verleugnete mich selbst und mein Ich.
Bis ich eines Tages die Reißleine zog und mir selber sagte: „Stopp. Entweder du änderst jetzt alles, oder es ändert sich nichts.“ Hochsensible haben die Fähigkeit, von heute auf morgen alles zu ändern. Für mich bedeutete das, die Wohnung und den Job zu kündigen sowie die Freundin zu verlassen. Raus aus meinem gewohnten Umfeld, in dem ich mich nicht wohl fühlte und raus in die Welt. Es lohnt sich, seine Fähigkeiten zu entdecken, seine Wahrnehmungen zu schulen und seine Gefühle zu offenbaren. Es gibt Menschen da draußen, die dich verstehen und die den Weg gemeinsam mit dir gehen wollen und können.

Vergegenwärtige dir deine Hochsensibilität. Es ist ein Geschenk, mit scharfen Sinnen sich selbst und anderen Menschen zu begegnen. Nutze dein Talent und entdecke die Möglichkeiten, sie einzusetzen. Habe den Mut, deinen Schatz zu heben. Ich habe viele Seminare zur Selbstfindung besucht, habe Yoga gemacht und mich in Kommunikationsmethoden weitergebildet.

2. Fehler: Ich will doch nur geliebt werden

Schon in der Schule wollte ich dazugehören. Das will wahrscheinlich jede*r. Es gibt die coolen Jungs, die Mitläufer und die Randgruppen. Ich gehörte, wie so viele Hochsensible, zur Randgruppe. Das laute Gebrüll der Alpha-Männchen ist nichts für sensible Ohren von HSPs. Trotzdem tat ich vieles, um cool zu sein und dazu zu gehören. Ich verbog mich für andere und griff nach jedem Strohhalm, so zu sein wie sie. Bei der kleinsten Möglichkeit hing ich mich an die Fersen, trank Alkohol, feierte bis tief in die Nacht und hörte schreckliche Musik. Alles für ein kleines bisschen Aufmerksamkeit. Ich übernahm Aufgaben und merkte nicht, wie ich ausgenommen wurde. Alles für ein kleines bisschen Anerkennung. Über meine Emotionale Abhängigkeit habe ich schon einmal einen Beitrag geschrieben.

Denn das musst du dir nicht antun. Sei unabhängig und selbständig. Das hast du nicht nötig. Dein Talent und deine Energie gehören dir und sollte nicht für jeden kleinen Preis offenbart werden. Du hast so viel mehr verdient, als ein wenig Aufmerksamkeit. Du hast so viel mehr verdient, als dich mit deiner Abhängigkeit lustig zu machen. Du bist wertvoll, als dass du dich in Abhängigkeit zu anderen begeben musst.

3. Fehler: Entschuldigung, das tut mir Leid, ehrlich!

Dir fällt es schwer, eine Partnerin zu finden und dich lange zu binden? Dann bist du nicht alleine. Denn hochsensible Menschen brauchen Freiheit und Selbstbestimmtheit. Doch häufig ist genau das Gegenteil der Fall. Sie begeben sich in eine emotionale Abhängigkeit und wollen gefallen. Dafür tun sie alles. Sobald die Partnerin sich an dem Verhalten stört, entschuldigst du dich und merkst gar nicht, wie sehr du dich weiter und tiefer in die Abhängigkeit beförderst. Dein erwartetes Verhalten passt immer weniger zu deinem gewünschten Verhalten. Deine Partnerin fragt dich „WARUM hast du _______ (fülle irgendwas ein) getan?“ Und du hast keine Antwort auf diese Frage. Stattdessen entschuldigst du dich. Immer und immer wieder und wirst immer unfreier.

Sei frei und selbstbestimmt. Sprich offen und ehrlich über deine Wünsche und Befürchtungen. Mir hat es sehr geholfen, ab dem ersten Tag mit meiner Frau mit offenen Karten zu spielen. Mir hat es geholfen, offen und ehrlich über meine Hochsensibilität zu sprechen. Ist sie interessiert an dir und deinen „Macken“, finden sehr schnell wertschätzende Gespräche statt. Wenn sie dann noch Verständnis zeigt, ist das Fundament für eine stabile und wertschätzende Partnerschaft gelegt. Wenn nicht, war sie nicht die richtige für dich!

4. Fehler: Das war ich nicht, das war schon so!

Du machst ständig andere für deine Fehler verantwortlich und suchst Ausreden für dein Verhalten? Herzlichen Glückwunsch, dann übernimmst du keine Verantwortung für dich. Alle sind gegen dich und nur weil jemand anderes etwas getan oder nicht getan hat, bist du jetzt in dieser schlechten Situation. Du fällst durch Prüfungen, weil der Lehrer/Dozent keine Ahnung hat? Oder fällst du durch Prüfungen, weil du Schwierigkeiten beim Lernen hattest und es dir nicht eingestanden hast? Statt offen über deine Schwierigkeiten zu sprechen und sie dir selber einzugestehen, findest du keinen Antrieb und machst andere dafür verantwortlich.

Gib dir Selbstliebe. Nimm dich mit all deinen Fehlern und Macken an und verdrehe dich nicht. Bewerte die Dinge positiv und suche immer einen Sinn dahinter. „Vielleicht sollte das so sein!“ Nimm die Erfahrung an und gestehe dir ein, dass dieser Weg so nicht weiter gehen kann. Ändere deinen Kurs und horch in dich hinein, was du möchtest. Sicherlich ist Selbstmitleid nicht der Weg, den du gehen möchtest.

5. Fehler: Ja natürlich, immer gern, ehrlich, kein Problem

Zu guter letzt können hochsensible Menschen sehr schlecht „Nein“ sagen. Sie können es vielleicht schon, doch sagen es nicht aus Überzeugung. Es entsteht eine Diskrepanz zwischen dem gesagten und dem gefühlten. Aus den oben genannten Gründen wollen hochsensible Menschen nicht Nein sagen, bzw. sie können es nicht. Sie wollen geliebt werden und haben Angst vor Ausgrenzung. Selbst wenn sie darauf angesprochen werden, sagen sie nicht „Nein“. Lieber ergeben sie sich der Situation und machen das Beste draus, als dass sie „Nein“ sagen. Sie haben Angst, jemandem durch eine vermeintliche Ablehnung weh zu tun. Immerhin steht viel auf dem Spiel.

Sag Nein. Gib deinem Impuls nach und lehne auch mal etwas ab. Spüre in dich hinein und frage dich, ob du dich wirklich verbiegen willst. Bevor du eine Entscheidung triffst, zähle innerlich bis 5 und bitte um Bedenkzeit. Entscheidungen bei hochsensiblen Menschen brauchen lange, sind dann aber gut durchdacht. Triff keine vorschnellen Entscheidungen, sondern lass es noch mal reifen. Nimm dir die Zeit, die du brauchst, sollten 5 Sekunden nicht reichen.

Mir hat es unter anderem geholfen, immer mal wieder mein Leben aufzuschreiben. Meine Ziele, meine Wünsche und meine Stärken. Vergegenwärtige sie dir und verfasse ein persönliches Manifest. Das hängst du gut sichtbar in deine Wohnung, sodass du jeden Tag deine Ziele und Werte vor Augen hast!

Bist du dir unsicher, ob du hochsensibel bist? Dann mache doch einen Test, zum Beispiel auf zartbesaitet.de

Wie ist es bei dir? Treffen die Punkte auf dich zu? Oder nur ein bestimmter Punkt? Wo liegen deine Baustellen oder hast du vielleicht schon deine Baustellen bearbeitet? Schreib mir in die Kommentare, was dich zurzeit beschäftigt oder schreibe mir eine Mail. Ich freue mich von dir zu hören!

Lass dich nicht gehen, geh selbst!

Lass dich nicht gehen, geh selbst!

Nur noch ein paar Wochen, dann beginnt der zweite Abschnitt meiner Elternzeit 2.0 – Eine Gelegenheit um zurück- und vorauszuschauen. Wie lief die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei Kind 1 und wie entwickelt es sich bei Kind 2?

Elternzeit 1.0 – 2015/2016

Einige Wochen vor der Geburt von K1 überrasche ich meinen damaligen Chef kurz vor Weihnachten mit der Nachricht, Elternzeit zu nehmen. Dass er nicht erfreut sein würde, hatte ich schon geahnt. Schließlich habe ich insgesamt sieben Monate angemeldet. Einen Monat ab Geburt und nach sieben Monaten die restlich verbleibenden sechs der insgesamt 14 Elternzeit-Monate. Mittlerweile mussten Arbeitnehmer*innen keine Elternzeit mehr beantragen sondern nur noch anmelden. Das wusste mein Chef anscheinend nicht und verweigerte mir die Zeit. Ich blieb hartnäckig und verwies auf die entsprechenden Gesetze. Von da an war nicht nur die berufliche sondern auch die private Ebene schwierig.
Die Arbeit fiel mir immer schwerer, was vor allem am kollegialen Klima lag. Inhaltlich war ich voller Tatendrang und wollte zusammen mit den ehrenamtlichen Jugendlichen viel bewegen. Ich arbeitete als Jugendbildungsreferent in einem Sportverband auf Landesebene. Ein Wechsel an der Spitze des Jugendverbandes stand bevor und ich hatte richtig Lust auf die kommenden Jahre. Sogar eine Vertreterin hatte ich für mein halbes Jahr Auszeit organisiert und sie musste nicht groß eingearbeitet werden. Denn eine Kollegin aus dem Team stockte einfach auf eine Vollzeitstelle auf. Die restlichen inhaltlichen Aufgaben übertrug ich an die Jugendlichen.
In meinem Bauch rumorte es jedoch gewaltig. Denn schon als Jugendlicher wollte ich Papa sein und für meine Kinder da sein. Das ging aber nicht in einem ehrenamtlich organisierten Sportverband. Zu oft gab es Sitzungen nach 18 Uhr bis weit in den Abend und Veranstaltungen von Freitagmorgen bis Sonntagabend. Also absolut nicht kompatibel mit Familienleben. Schließlich arbeitete meine Frau zu der Zeit 30 Stunden von Montag bis Freitag und alle paar Wochen für ein paar Stunden am Wochenende. Dass meine Frau Stunden reduzieren sollte, nur damit ich weiterhin arbeiten gehen kann, kam für mich nie in Frage.
Dass ich einigen mit dieser Ankündigung dermaßen vor den Kopf stoßen würde, hätte ich nicht gedacht. Mir kam es vor, als würde ich den Vätern, mit denen ich zusammen arbeitete, durch meine Ankündigung den Spiegel vorhalten. Dass dies nicht meine Absicht war, konnte ich nie wirklich auflösen. Zu festgefahren waren die zwischenmenschlichen Konflikte. Vielleicht fühlte sich mein Chef hintergangen oder von mir getäuscht, als wir über meine bevorstehende Vaterschaft sprachen. Ich wusste, wie er seine Vaterrolle ausfüllt, er wusste nicht, wie ich meine ausfüllen werde. Meine Erwartungen an Vaterschaft deckten sich jedenfalls nicht mit seinen. Er ist ein anderer Vater als ich es sein wollte. Das habe ich ihm so aber nie gesagt. Vielleicht aus Angst.
Somit war es auch nicht überraschend, dass ich gerne nach der Elternzeit von 40 Stunden auf 20 Stunden reduzieren wollte. Dies musste genehmigt werden und natürlich ein Ersatz gefunden werden. Die Genehmigung blieb aus. In einem ehrenamtlich geführten Sportverband sei es nicht möglich, halbtags Bildungsarbeit zu machen, wenn viele Sitzungen abends und Veranstaltungen über das Wochenende stattfinden. Wann sollte ich dann im Büro sein und arbeiten? Mit dieser Ankündigung ging ich schließlich im September 2017 in Elternzeit. Begleitet von Bauchschmerzen, Schlafstörungen und Kopfschmerzen.
Letztendlich und zum Glück konnte ich auf der Elternzeitreise doch sehr gut abschalten und hatte es sogar geschafft, ein paar Eindrücke zu verbloggen. Die Idee zu Vaterwelten entstand auf einem Campingplatz in Ronda, Spanien. Bis dahin dachte ich noch ganz fest daran, dass ich in meinen alten Job zurückkehren werde, da mit meine Arbeit mit den Jugendlichen sehr viel Spaß gemacht hatte. Und irgendwie würden wir auch für die Betreuung der Kleinen eine Lösung finden. Haben schließlich andere Eltern auch geschafft. Doch je mehr ich mich auf die Suche nach meinem inneren Vatersein machte, je mehr Gespräche ich mit meiner Frau über Elternsein führte, umso mehr wuchs in mir der Wunsch, nicht mehr zurückzukehren.
Kurz nachdem wir aus Spanien zurückgekehrt waren, kam meine Frau auf mich zu und sagte: „Du darfst kündigen. Es ist okay. Wir schaffen das gemeinsam. Du hast jedes Recht dazu, glücklich zu sein.“ – Wow, bäm. Das saß! Darüber musste ich erst eine Nacht schlafen und am nächsten Morgen wachte ich mit der inneren Überzeugung auf zu kündigen. Es fühlte sich verdammt gut an und alle meine Sorgen über das Geld, die Karriere, die falschen Glaubenssätze waren verflogen. In mir wuchs die Freude über die gewonnene Freiheit. Freiheit in meinem Kopf und die Selbstbestimmtheit, die ich so sehr für mich einfordere.

Lass dich nicht gehen, geh selbst!
Magda Bentrup

Zwei Wochen vor Weihnachten habe ich dann meinem Chef die Nachricht in einem persönlichen Gespräch überbracht. Mit starken Bauchschmerzen fuhr ich ins Büro. Herzrasen hatte ich bei dem Gedanken, die Kollegen zu sehen und ihnen wieder mit dem Spiegel zu begegnen. Es gab in der Geschäftsführung einen Wechsel, sodass ich mich dem neuen Chef nur kurz vorgestellt hatte, weil ich ja eh nicht wieder kommen würde. Er nahm die Kündigung entgegen und hätte gern mit mir weitergearbeitet. Der Rückweg nach Hause war pure Erleichterung. So sehr, dass ich im Auto weinen musste, weil eine große Belastung von meinen Schulter fiel. Mein Bauch entspannte sich und mein Kopf war plötzlich frei.

Elternzeit 2.0 – 2018/2019

Nach nicht einmal acht Wochen bewarb ich mich initiativ in einem Akutkrankenhaus als Klinischer Sozialarbeiter. Tatsächlich wurde ich eingeladen und für ein Jahr mit 20 Stunden Teilzeit befristet eingestellt. Meine Frau arbeitet ebenfalls dort und so konnten wir die Arbeitszeit untereinander aufteilen. Morgens arbeitete ich bis 12 Uhr und anschließend arbeitete sie bis 18 Uhr. Die Übergabe der Kleinen haben wir dann auf der Arbeit gemacht. Mein Vertrag wurde Ende 2017 entfristet und bereits Anfang 2018 waren wir wieder schwanger. Perfektes Timing. Jetzt wollte ich mit der Anmeldung der Elternzeit alles richtig machen. Die letzte Erfahrung bei K1 hatte mich schon ein wenig desillusioniert.
Also habe ich meine Chefin etwa ein halbes Jahr vor Entbindungstermin eingeweiht, dass ich eine lange Elternzeit plane und ihr bereits erste zeitliche Pläne vorgestellt. Zu meiner Überraschung reagierte sie positiv auf die Ankündigung und freute sich für mich. Im Spaß sagte sie zwar, dass sie extra einen Mann eingestellt hätte, um das zu vermeiden, warf mir aber gleich einen Zwinker zu und ich verstand sofort. In meinem Team haben alle Kinder und jeweils Zeit zu Hause verbracht. Teilweise Jahre oder haben in Teilzeit weitergearbeitet. Mein Anliegen stieß also auf große Begeisterung. Ein Mann bleibt freiwillig zu Hause. Keine Stimme war mir offen unwohl gesonnen. Vielmehr begegnete mir Lob und Anerkennung.
Getragen von diesen positiven Erlebnissen habe ich einen Monat ab Geburt Elternzeit genommen und werde ab Juni 2019 für weitere sieben Monate Elternzeit nehmen. Da ich noch sehr viele Überstunden und Urlaubstage habe, verabschiede ich mich bereits Ende März in Elternzeit. Die Stelle ist seit Januar ausgeschrieben und das Bewerbungsverfahren läuft bereits. Meine Kolleg*innen stehen hinter mir und unterstützen mich, wo sie können. Falls ich mal früher gehen muss oder später komme, halten sie mir den Rücken frei. Falls eines der Kinder krank ist, bleibe ich zu Hause.
Ich gehe gerne zur Arbeit und gehe noch lieber wieder nach Hause. Meine Kinder und meine Frau kennen mein Team und begegnen sich hin und wieder. Dabei fühlt sich die Arbeit im Krankenhaus an, wie eine große Familie. Wir sind Teil davon und ich fühle mich angekommen. Zumal der Job, den ich jetzt mache, haargenau mein Profil im Bachelor- und Masterstudium war. Deckel und Topf und so, ihr wisst was ich meine! Ich bin einfach nur dankbar und glücklich!
Diese kleine Geschichte zeigt mir nachhaltig, dass wir es selber in der Hand haben, glücklich zu sein. Wie Magda Bentrup sagt, müssen wir selber gehen. Die Selbstbestimmtheit über mein Leben, mein Glück und mein Denken und Handeln möchte ich stets bei mir wissen. Die Konsequenz meiner Kündigung zeigt mir, dass es richtig und wichtig war, diesen Schritt zu gehen. Zum Wohl meiner Familie und zum Wohl meines Selbstwertgefühls.
Danke! Es ist nicht selbstverständlich!

Photo by Caleb Jones on Unsplash

#familyfirst – It's all about expenses

#familyfirst – It's all about expenses

Neulich beim Friseur spreche ich mal wieder über meine Themen. Care-Arbeit, Familie, Beruf und Geld. Miro hat selber Kinder und kennt sich mit Vorurteilen und Stereotypen bestens aus. Es entwickelt sich ein Gespräch über die Rolle als Vater und was das Können mit dem Wollen zu tun hat.

Miro mag ich sehr. Er ist ein liebevoller Typ, bodenständig und hat immer einen guten Spruch parat. Ne ehrliche Haut. Die Gespräche gehen mal in die Tiefe, mal über Fußball und sehr oft über unsere Kinder. Wir sprechen auch über unsere Rolle als Vater, Geschlechterstereotypen und die gesellschaftlichen Normen und Werte. Er kennt unser Modell mit Familienbett, meiner 20 Stunden-Stelle und die Begleitung meiner Kinder. In diesem Zusammenhang sprechen wir heute auch über den einen Satz, der mich immer wieder triggert. Miro muss schmunzeln, er kennt ihn nur zu gut.

„Das ist ja alles schön und gut, aber muss man sich auch leisten können!“

Dieser Satz geht mir mittlerweile richtig auf den Keks. Meistens kommt er im Gespräch über meine bewusst reduzierte Tätigkeit im Beruf und dass meine Frau ebenfalls nur in Teilzeit arbeitet. Welche Aussage steckt in diesem Satz?

  • Ein Appell, ich solle mehr arbeiten gehen?
  • Ein Beziehungsaspekt, jemand macht sich Sorgen, ich könne mir diese Lebenseinstellung nicht leisten?
  • Ein Sachaspekt, dass jemand tatsächlich Bescheid weiß über meine Finanzen?
  • Oder doch eine Selbstoffenbarung, dass man sich selber diesen Lebensstil nicht leisten will?

„Kann ich nicht gibt’s nicht!“

Das geht natürlich nur, wenn ich mir über meine Einnahmen und Ausgaben Gedanken mache. Ich kann nicht mehr ausgeben, als ich zur Verfügung habe. Wenn am Ende vom Geld noch viel Monat übrig ist, dann habe ich etwas falsch gemacht! Mehrmals im Monat setze ich mich hin und habe unsere Ein- und Ausgaben im Blick. In einer Excel-Tabelle führe ich Buch, eine Pivot-Tabelle zeigt mir die Defizite auf. Die werden dann regelmäßig korrigiert. Wenn mir jemand sagt „…muss man sich auch leisten können…“ dann steckt da in meinen Augen eine andere Botschaft hinter. „Ich möchte meinen Lebensstil nicht verändern.“ Oder anders ausgedrückt. Die Person hat es sich in ihrer Komfortzone so bequem gemacht, dass jede Veränderung viel Arbeit bedeutet.

Von dem Geld dass wir nicht haben, kaufen wir Dinge, die wir nicht brauchen, um Leuten zu imponieren, die wir nicht mögen.
aus dem Film »Fight Club«

Der Lebensstil, wie ihn die Gesellschaft ihn propagiert – also Konsum, Wohlstand, Reichtum – kostet Geld. Wenn wir dieses Geld nicht haben, dann leihen wir es uns bei der Bank. Dann nehmen wir eine Hypothek oder einen Kredit auf. Genau so gut können wir aber auch die Ausgaben reduzieren, weniger Arbeiten und mehr Zeit für die Familie verbringen. Diese Transformation habe ich 2010 durchgemacht. Ein sicherer und gut bezahlter Job, regelmäßiges Gehalt, hohe Ausgaben für Dinge, die mir das Gefühl geben sollten, etwas Wert zu sein. Ich habe von der Hand in den Mund gelebt und kenne den Lebensstil, mehr haben zu wollen, weil ich es mir irgendwie leisten kann. Weniger zu arbeiten kam für mich damals nicht in Frage. Ging auch gar nicht, ich war auf das Einkommen angewiesen. Meine Ausgaben waren zu hoch.

Leben um zu arbeiten?

Natürlich ist mir die gegenwärtige Situation in Deutschland bekannt. Geringe Löhne, wenig Investitionen und gerade prekär Beschäftigte müssen sehen, wo die Kohle bleibt. Da bleibt in Sachen Rücklagen nicht viel übrig. Versteht mich nicht falsch, es geht mir hier mehr um Konsumkritik. Vor allem kritisiere ich Vätern, die zu viel arbeiten, sich aus der Care-Verantwortung stehlen und denen es wichtiger ist, dass die Frau wieder arbeiten geht, als Zeit mit dem Kind zu verbringen. Oh je, jetzt fahre ich richtig hoch. Es sind immer noch zu wenige Väter bereit, Stunden zu reduzieren bei gleichzeitiger Rückkehr der Frauen in den Beruf. Das geht doch so nicht.

Wie können wir uns das denn leisten? It’s all about expenses und halten die Ausgaben so gering wie möglich! Wir leisten wir uns keine teuren Autos, gehen viel zu Fuß, haben keine teuren Abos (Fitnessstudio, Netflix, Spotify, Prime o.ä.), keine neuen Smartphones und arbeiten, um zu leben. Anfang des Jahres habe ich meine Mitgliedschaft im Sportverein in den Status »passiv« setzen lassen. So spare ich einige hundert Euro im Jahr (Luftsport ist teuer!). Mit unserem VW-Bus Fiete fahren wir nur in den (seltenen) Urlaub: Campingplatz, Nebensaison. Mit dem Bollerwagen gehen wir einkaufen. Wir sind extra in die Nähe der Arbeit umgezogen, sodass wir sie zu Fuß erreichen können. Wir müssen uns das nicht leisten, aber wir wollen es uns leisten!

„Will ich nicht liegt auf dem Friedhof!“

Es geht um Konsum. Für mich der zentrale Punkt, um den es sich in der Frage um Care-Arbeit dreht. Bin ich als Vater bereit, Care-Arbeit zu übernehmen? Im Bewusstsein, weniger Geld zu verdienen? Ich denke, dass viele Väter das nicht wollen und sich hinter dem Pseudo-Argument „…muss man sich ja auch leisten können…“ verstecken. Eigentlich sagen sie nämlich „…ich will es mir nicht leisten…“. Warum? Weil sie ihren gesellschaftlich hart erarbeiteten Lebensstil nicht aufgeben wollen. Sie stehen in Konkurrenz zu anderen Vätern. Weil es gesellschaftlich von einem Mann erwartet wird, in Vollzeit zu arbeiten! Weil Care-Arbeit in den Augen der Männer immer noch Aufgabe der Frauen ist!

Als ich mich so richtig in Rage geredet hatte und Miro nur noch grinsend zuhören konnte, kam seine Kollegin vorbei, legte die Werkzeuge bei Seite und umarmte mich mit den Worten „Hab alles mitbekommen! Komm mal her Papa, richtig schön, dass es junge Väter gibt, die so denken wie du und die Familie in den Mittelpunkt stellen!“ – Huch, was war das denn? Ich habe die Kollegin schon ein paar Mal gesehen und auch nett gegrüßt, aber mehr auch nicht. Ich war sehr perplex, habe mich aber im nächsten Moment riesig gefreut und bestärkt gefühlt. Vielleicht gibt es da draußen ja eine schweigende Masse, die ähnlich tickt, sich aber bisher kein Gehör verschafft hat.

Spontanität ist das, was einem auf dem Nach-Hause-Weg einfällt. War ich zu fordernd? War ich zu direkt? Habe ich womöglich jemanden verletzt? Diese und weitere Gedanken schießen mir in den Kopf. Ich mache mir Sorgen, will niemanden verletzen und auch nicht arrogant rüber kommen. Denn das wird mir oft unterstellt. Dabei will ich für neue Rollenmodelle kämpfen, mich für Väterrechte einsetzen und – natürlich auch – Vätern den Spiegel vorhalten. Letztendlich habe ich meine Meinung gesagt. Die Frage ist jetzt, was die Väter draus machen.

Für weitere Diskussionen und Gespräch wünsche ich mir mehr Ehrlichkeit und Akzeptanz. Statt zu sagen „Muss man sich auch leisten können“ sagt doch bitte „Das kann ich mir nicht vorstellen und möchte ich mir nicht leisten“. Liebe Männer, aber dann möchte ich auch keine Beschwerden hören, dass ihr zu wenig Zeit mit euren Kindern verbringt. Mir ist natürlich klar, dass es Situationen, Familienmodelle und Menschen gibt, die es sich nicht leisten können. Das respektiere ich. Meine Kritik bezieht sich auf die Väter, die es sich leisten könnten, aber nicht wollen und sich hinter solchen Pseudo-Argumente verstecken.

Und wenn ich wieder ins Grübeln komme, dann denke ich an die wichtigste Kommunikationsregel: „Der Empfänger entscheidet, wie eine Botschaft ankommt.“

Kinderwunsch schon als Jugendlicher

Kinderwunsch schon als Jugendlicher

Wertschätzung, Selbstbestimmtheit und Beziehung sind wichtige Werte in meinem Leben. Klingt wahrscheinlich erst mal merkwürdig und ist sicherlich irritierend. Denn ich mache mir und habe mir nichts aus Karriere, Autos oder Partys gemacht. Ich war schon immer anders. Ich wollte schon immer Kinder haben.

Groß geworden bin ich in einem familiären Umfeld mit zwei Eltern, drei Geschwistern, zwei Omas und ganz vielen Cousinen und Cousins. Das ist so, weil meine Eltern zusammengerechnet neun Geschwister haben, die durchschnittlich 3,9 Kinder bekommen haben. Ja, ich habe irgendwas mit 35 Cousinen und Cousins. Habe irgendwann aufgehört zu zählen. Dass ich immer schon anders war, als alle anderen in meinem Alter, habe ich vor allem bei den Familienbesuchen gemerkt. Raufen, Fußball spielen, Kräfte messen und Blödsinn machen wollte ich nicht. Lieber Ruhe und quatschen, tiefergehende Gespräche führen und „sein“ anstatt „haben“. Ich war das komische Kind in der Familie, der Seltsame, der Unangepasste.

Aufgewachsen in einem Dorf war ich keiner, der sich den typischen Cliquen anschloss oder sich abends zum Saufen traf. Dabei wurde ich gerne von anderen als Schwul tituliert, wahrscheinlich, um in deren Weltbild zu passen. „Der ist anders, der ist bestimmt schwul!“. Vielmehr haben mich Fragen interessiert über das Leben und was das Leben lebenswert macht. Warum bin ich hier auf der Erde und was ist meine Aufgabe? Die Unangepasstheit an das dörfliche Leben hat mich daher immer weggezogen, am liebsten ganz weit weg. Neue Horizonte erkunden, mein Ding machen und das Unangepasste leben.

Gleichzeitig war da der unendliche Wunsch, eigene Kinder zu haben. Ich wollte früh Vater sein und diese Rolle anders ausleben. Denn immer, wenn ich Kindern begegnet bin, war sofort eine besondere Ebene vorhanden. Ok, nicht immer, aber gerade mit den sensiblen Kindern, die viel Aufmerksamkeit benötigt haben, konnte ich gut. Vielleicht, weil ich mir Zeit genommen habe oder weil ich mich einfach mit ihnen beschäftigt habe. Vielleicht aber auch, weil ich als Hochsensibler feine Antennen für Gefühle und Emotionen habe. Ich weiß es nicht. Meine Schwester hat jedenfalls damals schon zu mir gesagt „Du wirst bestimmt mal Erzieher“ und „Mach auf jeden Fall etwas mit Kindern!“.

Dass ich also jetzt in einem sozialen Beruf gelandet bin und nur in Teilzeit arbeite, war irgendwie schon damals klar. Nur musste ich erst meinen Platz in dieser »Ich-mache-Karriere-und-werde-reich-Welt« finden. Jetzt bin ich Familienvater und stehe mit beiden Beinen fest im Leben. Die besondere Ebene zu Kindern ist geblieben und ich vergesse auch schon mal die Zeit, wenn ich mit ihnen spiele. Alles in allem steht Familie für mich im Mittelpunkt und mein Tochter – und ganz bald auch Kind 2 – sind zusammen mit meiner Frau die wichtigsten Menschen!

Cytomegalie in der Schwangerschaft – Die erste Infusion

Cytomegalie in der Schwangerschaft – Die erste Infusion

Vor ein paar Tagen habe ich über die Cytomegalie-Infektion meiner Frau in der aktuellen Schwangerschaft geschrieben. Ein großer Schock für uns. Um zu verhindern, dass das Virus auf den Fetus überspringt, hoffen wir auf eine Immunglobulintherapie im Pränatalzentrum.

Insgesamt ist bisher viel Zeit vergangen, was ungewöhnlich ist bei der Diagnose. Eine Woche nach unserem Urlaub kam endlich von der Krankenkasse der Hinweis, dass der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) eine Therapie ablehnt. Im Gespräch mit der zuständigen Mitarbeiterin der Krankenkasse hat sie uns zugesagt, dass die Kosten trotzdem übernommen werden. Wir sind erleichtert. Alternativ hätten wir auch ohne Zusage starten können und bei Absage Widerspruch einlegen können. Wir sind froh, dass es nicht soweit gekommen ist.
Das gesamte MDK Gutachten (286 Downloads) kannst du übrigens hier herunterladen.
Bis kurz vor dem nächsten Termin im Pränatalzentrum haben wir weiter recherchiert. Es gibt eine Meta-Studie, die sagt, dass es knapp nichtsignifikante Ergebnisse gibt, jedoch eher davon auszugehen ist, dass die Gabe von Cytotect hilft. Ende Mai 2018 endet zudem eine große Studie, die weitere Ergebnisse liefern wird. So lange können wir aber nicht warten. Wir haben uns nach langem Hin und Her für eine Cytotect-Therapie entschieden. Im Pränatalzentrum hat sich meine Frau schließlich ambulant die Infusion geben lassen. Die Ultraschall-Untersuchung vor der Gabe war übrigens unauffällig. Dem Baby geht es gut. Die Infusion dauerte ca. eine Dreiviertelstunde und wurde gut vertragen.
Die Tage nach der Infusion verstärkte sich bei mir immer mehr das Gefühl: „Wir bekommen ein gesundes Kind!“ Die Aussagen über mögliche Folgen der Diagnose haben mich schon irritiert. Doch viele Gespräche, eine gemeinsame Haltung und die innere Zuversicht schieben alle Irritationen und Grübeleien beiseite. Sie sind nahezu ganz verschwunden. Diese positive Energie wird sich auch auf das Würmchen übertragen. Hier wartet eine tolle Familie auf dich, die dich lieben und annehmen wird, so wie du bist und so wie du sein magst. Ich freue mich auf dich!
Wir halten nicht hinterm Berg mit der Infektion und gehen offen damit um. Genau so, wie wir auch die Schwangerschaft ganz offen angesprochen haben, als sie gerade erst bekannt war. Jedes Leben ist es wert, erzählt zu werden. Egal, ob 6 Wochen alt im Bauch der Mama oder frisch geschlüpft. Dazu gehört für uns auch die Wahrscheinlichkeit einer Behinderung. Wir gehen davon aus, dass alles gut wird. Wir denken positiv!

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