Wie viel Zeit bleibt dir noch für deine Kinder?

Wie viel Zeit bleibt dir noch für deine Kinder?

Weißt du, wie viel Zeit dir noch für deine Kinder bleibt? In Vorbereitung auf meine Seminare für Väter und im Allgemeinen, setze ich immer wieder Methoden ein, die zum Nachdenken anregen sollen. Heute stelle ich dir eine Methode vor, in der es um deine Lebenszeit geht. Bereit?

Alles was du brauchst sind Grundlagen der Mathematik und ein Maßband aus dem schwedischen Möbelhaus oder einem Baumarkt deines Vertrauens. Die sind meistens 100 cm lang. Jeder Zentimeter steht dabei für ein Lebensjahr. Am besten beschreibe ich dir die Methode anhand meines Alters. Ich bin von Jahrgang 1983 und zurzeit 36 Jahre alt. Die Lebenserwartung für Männer von Jahrgang 1983 liegt bei ungefähr 71 Jahren. Neuere Berechnungen gehen von einem höheren Lebensalter aus, ich rechne aber konservativ.

Risikofaktoren beachten

Nun schauen wir uns die Risikofaktoren an, die Einfluss auf unser Alter haben. Rauchen und Alkohol gehören zu den größten Faktoren, die unsere Lebenszeit verkürzen. Ich habe in meinem Leben höchstens 5 Zigaretten geraucht und trinke keinen Alkohol. Früher habe ich hin und wieder Alkohol getrunken, aber nicht regelmäßig und allzuviel. Ich gebe mir selber 2 Jahre Lebensjahre weniger für diese Risikofaktoren.
Danach folgen Fettleibigkeit (Adipositas), Bluthochdruck und Diabetes. Bis auf leichten Bluthochdruck habe ich keinerlei Probleme oder Beschwerden mit diesen Risikofaktoren. Da Bluthochdruck Probleme mit Herz und Hirn verursachen kann, gebe ich auch hierfür 2 Lebensjahre weniger.
An fünfter Stelle folgt Bewegungsmangel. Ja, seitdem ich Kinder habe, mache ich keinen Sport mehr. Ok, wenn man das Tragen der Kinder berücksichtigt, bin ich täglich mehrere Stunden unterwegs. Aber so richtigen Ausdauersport, egal ob im Fitness-Studio oder draußen, betreibe ich nicht mehr. Das sah schon mal anderes aus und ich freue mich schon auf die Zeit, wenn ich wieder Sport machen kann. Ich vergebe mir 1 Lebensjahr weniger für Bewegungsmangel.

Drogen und anderes hartes Zeug

Die Anzahl der Joints, die ich in meinem Leben geraucht habe, sind schon oben beim Rauchen mit berücksichtigt. Mit Drogen meine ich aber viel mehr Speed, Ecstasy/MDMA und anderen Scheiß, die unter das Suchtmittelgesetz fallen. Finger weg! Hier vergebe ich 0 Lebenszeitpunkte weniger. Überlege für dich, inwieweit du zum Beispiel regelmäßig Kokain oder andere Mittel nimmst. Die Dosis macht das Gift und regelmäßig Konsum führt zu Begleiterkrankungen, die dein Leben verkürzen können!
Lebens-Maßband

Hefte raus, Klassenarbeit

Jetzt visualisieren wir das Ganze anhand des Maßbandes. Schneide die Lebensjahre ab, die du schon gelebt hast. Ich mache einen Schnitt bei 36 cm. Uiui… Den Streifen brauchst du nicht mehr, denn das Leben hast du bereits gelebt. Hart, aber wahr. Jetzt mache einen Schnitt bei deinem vermutlichen Höchstalter. Bei mir sind es 71 Jahre. Schnipp, bleibt ein Streifen von 35 cm übrig.
Nur leider müssen jetzt noch die Risikofaktoren angeschnitten werden. Shit. Minus 5 Jahre. Bleiben noch 30 Jahre übrig. OMG, WTF, F*CK. 30 Jahre? Das Maßband ist auf weniger als 1/3 geschrumpft. Damit hätte ich jetzt nicht „gerechnet“. Das Leben soll also noch vor mir liegen?
Kurze Pause, ich muss das mal eben realisieren…

Und jetzt?

Es sagt sich immer so leicht, wie alt wir sind und worauf wir uns freuen im Leben. Oder dass ich sehen möchte, wie meine Kinder groß werden. Aber wenn meine Kinder so alt sind, wie ich jetzt bin, könnte ich schon gar nicht mehr am Leben sein! 30 Jahre sind so schnell vergangen. Vor 30 Jahren war die Wiedervereinigung! Ey, das war quasi gestern!
Diese und andere Übungen habe ich vor Jahren selber in unterschiedlichen Situationen gemacht. Damals wurde mir klar, dass mein Leben endlich ist. Dass ich mein Leben selbstbestimmt in der Hand habe und mich nicht von anderen leiten lassen muss. Mir ist mein Leben am wichtigsten, also gestalte ich es nach meinen Wünschen!

Mit Qualitätszeit füllen

Mein Wunsch ist es, meine Kinder zu begleiten. Sie groß werden zu sehen. Mein Wunsch ist es aber auch, selbstbestimmt zu leben und eine selbsterfüllende und sinnhafte Tätigkeit auszuüben. Gearbeitet habe ich bereits, bis ich Kinder hatte. Jetzt ist Zeit für die Begleitung. Sobald sie aus dem Gröbsten raus sind, kann ich wieder beruflich weitermachen. Oder auch nicht. Meine 30 Jahre möchte ich mit Qualität füllen!
Unterschrift von Heiner
Was ist mit dir? Wo machst du die Schnitte auf deinem Lebensmaßband? Was sind deine Laster, deine Risikofaktoren? Egal, wie viel Zeit dir noch bleibt. Entscheidend ist doch, dass du sie mit dem füllst, was dir wichtig ist!

Warum ich meine Frau nicht bei der Erziehung unserer Kinder unterstütze

Warum ich meine Frau nicht bei der Erziehung unserer Kinder unterstütze

Die Geschichte der Emanzipation im Patriarchat ist Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte alt. Trotzdem oder gerade deswegen wehre ich mich dagegen, meine Frau bei der Erziehung unserer Kinder zu unterstützen. Die Gründe sowie zwei Motive möchte ich dir heute vorstellen.

Aufgewachsen bin ich in einer traditionellen Familie mit Mutter, Vater und drei jüngeren Geschwistern. In unserem 4.000 Seelen Dorf mitten im Münsterland war es üblich, dass der Mann arbeitet und die Frau sich um die Kinder kümmert. Mindestens so lange, bis die Kinder in die Schule gehen. Danach gingen viele Mütter wieder arbeiten; als Kassiererin, als Erzieherin oder als Putzfrau. In Teilzeit. Vormittags. Die Kinder kamen schließlich mittags zum Essen wieder nach Hause. Offenen Ganztags gab es damals noch nicht.

Motiv klassische Rollenverteilung

Die Aufgaben sind also klar verteilt. Der Mann bringt das Geld nach Hause, die Frau ist für den Haushalt und die Erziehung der Kinder verantwortlich. Soweit nichts Verwerfliches. Wurde schon immer so gemacht. Warum sollte der Mann auch seine Karriere unterbrechen und damit die Familie auf viel Geld verzichten? Warum sollte er die Kinder erziehen? Schließlich hat die Frau doch mehr Ahnung von Kindererziehung.
Es ergibt für die meisten Eltern keinen Sinn, dass sich der Vater um die Kinder, geschweige denn um den Haushalt kümmert. Viel einfacher ist es doch, wenn jeder seinen zugeteilten Bereich hat und ihn eigenverantwortlich ausfüllt. Außerdem möchten die Frauen nicht, dass in ihren Bereich hineingepfuscht wird. Sobald der Mann Unterstützung anbietet, bringt er eh nur Unruhe in ihren Arbeitsablauf. Gleichzeitig will der Mann in Ruhe der Arbeit nachgehen und seinen Teil der Abmachung erfüllen.

Wo bleibt die Dankbarkeit?

Die männliche Verantwortung ist also sehr groß, denn schließlich bringt der Mann das Geld nach Hause. Davon kann die Frau sich den Lebensstil leisten, die Kinder den Sportverein und die gesamte Familie den Urlaub. Ein bisschen Dankbarkeit kann der Mann dafür schon erwarten, denn ohne seinen Einsatz wäre das Leben so nicht möglich. Immerhin muss ja auch noch die Hypothek vom Haus abbezahlt werden.
Der Mann fragt sich jetzt also zurecht: „Wo soll ich jetzt noch meine Frau bei der Erziehung unserer Kinder unterstützen? Die Aufgaben sind klar verteilt. Jeder fühlt sich wohl, wir sind eine glückliche Familie!“ Immerhin sieht der Mann seine Kinder doch am Wochenende und bringt sie, wenn er es zeitlich schafft, abends ins Bett. Reicht das nicht?

Stopp! Halt! Cut!

In dem Wort Erziehung steckt das Verb „ziehen“. Für mich bedeutet es so viel wie „ich ziehe mein Kind dahin, wohin ich es haben will“. Mir geht es als Vater nicht um das „Ziehen“ in eine Richtung, sondern um das Begleiten meiner Kinder. Dabei orientiere ich mich an Jesper Juul und unterscheide zwischen Wünschen und Bedürfnissen. Wünsche können erfüllt werden, Bedürfnisse sollten erfüllt werden.
Bedürfnisse sind wie ein Gericht in einem Schnellkochtopf. Steht es auf dem Herd und wird erhitzt, baut sich Druck auf, der nicht entweichen kann. Dem Bedürfnis des Wasserdampfes zu entweichen sollte nachgegeben werden, sonst explodiert der Topf.
Wünsche sind hingegen wie Bitten. Sie sind nicht überlebenswichtig. Vielmehr sind sie die Kirsche auf der Sahnetorte. Kann, muss aber nicht. Um herauszufinden, ob es sich um Bedürfnisse oder Wünsche handelt, muss ich im ständigen Kontakt mit mir selber und meinem Umfeld sein.

Motiv neue Vaterrolle

In der Überschrift des Beitrages versteckt sich auch eine Haltung: „Meine Frau braucht Unterstützung.“ Unser Familienmodell basiert aber auf einer anderen Vaterrolle. Ganz bewusst haben wir uns für ein paritätisches Modell entschieden, indem sich beide Elternteile verantwortlich und zuständig fühlen. Meine Frau arbeitet in Teilzeit und verdient Geld für die Familie, genau wie ich es tue. Ich schmeiße den Haushalt und kümmere mich um die Kinder, genau wie sie es tut.
Weder sie noch ich benötigen die Unterstützung des jeweils anderen. Weil wir im ständigem Austausch und Kontakt sind, haben wir mehr Zeit für unsere Kinder und die Paarbeziehung. Die Beziehung zu meinen Kindern und mir als Vater ist genauso eng und innig, wie zu meiner Frau, ohne dass wir uns gleichen. Dafür verzichte ich gerne auf Geld und erlebe mehr Qualitätszeit mit meiner Familie. Was auf der Strecke bleibt, ist die Zeit mich mich und für alte Freunde.

Mehr Achtsamkeit in der Familie

Eigentlich wollte ich einen Beitrag über Achtsamkeit schreiben. Doch irgendwie bin ich bei diesem Thema gelandet. Seit fast zehn Jahren löse ich mich nun schon bewusst von dem oben beschriebenen traditionellen Familienmodell. Leider klappt die Transformation nicht immer so, wie ich sie mir wünsche. Dann denke und rede ich, wie mein Vater es getan hat.
Glücklicherweise habe ich eine selbstbestimmte Frau, die mich auf meinem Weg hin zu einem liebevollen und verständnisvollen Vater unterstützt. Zwinkersmilie.

Wie sind deine Gedanken zum traditionellen und modernen Familienbild? Welche Erfahrungen machst du oder hast du als Vater gemacht? Bist du vielleicht ein Vater, der sich mehr Zufriedenheit und Gelassenheit in der Familie wünscht? Hilf mir zu verstehen, was es dafür braucht! Beantworte fünf Fragen in der Umfrage zu »Gesund Vater Sein«.

Wie ich den Weg vom traditionellen Rollenbild zum aktiven Vater geschafft habe

Wie ich den Weg vom traditionellen Rollenbild zum aktiven Vater geschafft habe

Vom traditionellen Rollenbild des Vaters und Mannes musste ich mich erst lösen, bevor ich in die neue Rolle des aktiven Vaters schlüpfen konnte. Die Elternzeit ist eine Gelegenheit, sich selber und sein Rollenvorbild zu überdenken. Aber auch hier gibt es immer neue Herausforderungen zu meistern und Wege zu gehen. Dass ich jetzt meine Elternzeit verlängert habe, ist der konsequente Schritt einer langen Entwicklung.

Zum Vatertag wurde ich von Ulrike Schuster von der Bild am Sonntag zu meiner Vaterrolle interviewt. Eigentlich sollte das Gespräch nicht lange dauern, einiges konnten wir bereits vorab per Mail besprechen. Doch nach 1,5 Stunden habe ich das Gespräch abgebrochen, weil die Kinder so langsam ihren Papa wieder zurück haben wollten. Bis dahin habe ich meine Geschichte erzählt und am anderen Ende der Leitung freute sich eine staunende Redakteurin. Die letzte Frage hat mich dann aber doch zum Nachdenken gebracht: „Heiner, was ist die Konsequenz aus der zweiten Elternzeitreise?“ Über vieles mache ich mir Gedanken, aber nicht über Konsequenzen aus der Reise. Wie meinte sie das überhaupt?

Gefangen im traditionellen Rollenbild

Nach der ersten Elternzeit war ich noch weitere vier Monate mit K1 zu Hause, während meine Frau zurück in ihren Teilzeit-Job gegangen ist. Damals war ich froh um diese Auszeit vom Job. Überwerfungen, Enttäuschungen und falsche Erwartungen führten zu Unwohlsein und Rückzug. Gleichzeitig hat mir die Arbeit aber auch Spaß gemacht. Doch beim Gedanken an die Rückkehr in den Job bekam ich Bauchweh und Stresspickel. Im Dezember 2016 konnte meine Frau das Elend nicht mehr weiter ansehen und meinte: „Heiner, es ist ok wenn du kündigst, wir schaffen das auch mit einem Gehalt!

Wir gehen beide arbeiten und bringen ein stabiles Einkommen nach Hause. Monatlich konnte ich etwa 1.000 EUR zur Seite legen, um damit mein BaföG und den Studienkredit zurückzuzahlen. Mehr als 40 Stunden arbeitete ich und hatte viele Überstunden auf meinem Gleitzeitkonto, die ich in Freizeit tauschen konnte. Das war mir immer lieber, als einen Ausgleichsbetrag ausgezahlt zu bekommen. Dennoch tat ich mich schwer, auf Geld zu verzichten. Selbst in Teilzeit mit der halben Stundenzahl würde ich bei schlechter Steuerklasse ca. 1.000 EUR Lohn erhalten. Eine Zäsur in meinem Berufsleben.

„Im Verlauf des gemeinsamen Lebens führen Zäsuren wie die Geburt eines Kindes oder ein Karrieresprung des Mannes oft dazu, dass die gleichgestellte Vision, die sie vorher (teilweise) schon realisiert hatten, oft schlagartig in ein traditionelles Rollenbild kipp – nicht weil dies das von beiden gewollte und verabredete Lebensmodell ist, sonder aus rationalen, ökonomischen Erwägungen aufgrund äußerer Anreizstrukturen.“
Karsten Wippermann (2014): Jungen und Männer im Spagat: Zwischen Rollenbildern und Alltagspraxis, Berlin, S. 10

Erschrocken über mich, wie sehr mich das klassische Rollenbild gefangen hat, begab ich mich auf die Suche nach einer Lösung. Schließlich wollten ich es doch immer anders machen. Der Mann als Ernährer, der das Geld nach Hause bringt, der nur am Wochenende mit den Kindern Zeit verbringen kann, der die Kinder morgens zur Schule fährt und es gerade so schafft, ihnen abends eine Gute Nacht Geschichte vorzulesen. So ein Vater wollte ich nie werden und war doch auf dem besten Weg dorthin. Zurück ins traditionelle Rollenbild. Mit der Elternzeit hatte ich die Chance, es anders zu machen; so, wie ich es schon immer machen wollte.

Erste Schritte zur neuen Vaterrolle

Im Dezember 2016 habe ich meinen unbefristeten Vollzeit-Job gekündigt und mich auf die bevorstehende Elternzeit als Hausmann eingestellt. Mein Arbeitgeber konnte mir keine Teilzeitstelle anbieten und war dazu auch nicht verpflichtet. Die damalige Elternzeit war dementsprechend eine Zäsur für uns als Familie. Wie es mir damit erging, habe ich hier aufgeschrieben. Einige Monate später sind wir umgezogen, haben unser Auto verkauft und machten mit beim foodsharing. Nun haben wir einen Spielplatz vor der Haustür und beide nur 5 Minuten zu Fuß zur Arbeit. Beide? Ja, denn durch eine glückliche Fügung konnte ich im örtlichen Krankenhaus als Sozialarbeiter anfangen. In Teilzeit für 20 Stunden. Perfekt für unsere Familie. Vormittags war meine Frau zu Hause bei K1, nachmittags ich. Gelebte Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Auch das Thema Einkommen hatte sich eingespielt. Wir haben die Steuerklassen gewechselt und beteiligen uns am Familienhaushalt in Relation unseres Einkommens. Meine Frau steuert den größeren Betrag zu, ich den kleineren. So bleiben ihr und mir ca. 700 EUR, die wir für unser persönliches Konto „über“ haben. Meine Schulden aus dem Studium hatte ich, auch dank eines Familiendarlehns, abgegolten. Nun füllte sich Monat für Monat das Tagesgeldkonto. Gleichzeitig hatte ich mich vom teuren Flugverein passiv gemeldet und spare so ca. 500 EUR pro Jahr. Wir verzichten auf teure (Streaming-, Musik-, App-) Abos, kaufen viel gebraucht und müssen trotzdem nicht aufs Reisen verzichten. Kleinere Ausflüge oder längere Urlaube sind ebenso „drin“ wie vorher.

Die zweite Elternzeitreise sollte tatsächlich eine weitere Veränderung bringen. Während der Schwangerschaft von K2 haben wir versucht, alle Fehler über Vereinbarkeit von Familie und Beruf kein zweites Mal zu machen. Also habe ich rechtzeitig das Gespräch mit meiner Chefin gesucht und ihr offen heraus unsere Pläne erzählt. Da sie und meine Kolleg*innen Vollblut-Eltern sind und die Personalabteilung erfahren ist, lief alles problemlos. Die Elternzeitreise sollte dieses Mal allerdings länger und nach Slowenien verlaufen. Wir würden uns drei Monate Zeit nehmen und uns von der Sonne treiben lassen. Dass es anders kam, kannst du hier nachlesen. In den Wochen nach der Reise sprachen meine Frau und ich viel über die nächsten Schritte. K1 kommt in den Kindergarten, meine Frau geht im Juli wieder arbeiten und ich bin ab Januar 2020 wieder zurück im Job. Doch irgendwie fühlte sich das nicht richtig an.

Bedürfnisorientierte Vaterschaft

Wieder einmal stehe ich vor einer Entscheidung, die sich wie eine Weggabelung eines Wanderweges anfühlt. Gehe ich rechts oder links entlang? Bleibe ich sitzen oder kehre ich um? Richtig oder falsch? Ich erinnerte mich an die Frage von Ulrike Schuster, die wie Treibstoff im Gedankenkarussel meines Kopfes wirkt. Was, wenn ich zu Hause bleibe, bis K2 in den Kindergarten geht? Was, wenn meine Frau die Vollverdienerin sein wird? Was, wenn wir das gegenwärtige gesellschaftliche Rollenmodell auf den Kopf stellen? ,Nur Mut, es ist ok‘, denke ich mir. Erwartungsgemäß musste ich meine Frau nicht überzeugen, denn sie strahlte mich an und war sofort begeistert. Trotzdem musste ich noch mal kurz nachrechnen, bevor es sich „richtig“ und „gut“ anfühlte.

Zwar verzichte ich auf 1.000 EUR Einkommen, doch wer aufmerksam gelesen hat wird feststellen, dass wir immer noch deutlich im Plus raus kommen – obwohl meine Frau „nur“ 30 Stunden arbeitet. Wir haben den charmanten Vorteil, dass wir zur Miete wohnen und keine monatliche Kreditbelastung (für z.B. Immobilie, Möbel, Auto, Smartphone, Computer) haben. Wir gehen zu Fuß einkaufen, reisen mit unserem Fiete VW Bus und verzichten auf teure Urlaube. Anderer Schnick Schnack, wie neue Smartphones, riesige Fernseher und Playstation Spiele fehlen bei uns ebenso, wie teure Hobbys. Lieber verbringen wir gemeinsame Familienzeit oder treffen Freunde zur Qualitätszeit. Geld ist uns nicht wichtig. Ja, ich bleibe zu Hause!

Raus aus der Komfortzone

Es sollte mehr Väter geben, die sich für eine aktive Vaterrolle entscheiden. Vielleicht braucht es Mut oder Zuversicht, als Papa zu Hause zu bleiben. Sicherlich braucht es auch eine finanzielle Grundlage, regelmäßiges Einkommen durch Elterngeld oder Lohnarbeit des Partners. Für mich sind dies jedoch vorgeschobene Gründe. Vielmehr müssen Väter mehr noch als Mütter den Anreizen widerstehen, die ihnen der Job bringt. Das Bequeme überwinden, raus aus der Komfort-Zone! Das Überwinden der im oberen Zitat beschriebenen ökonomischen Erwägungen sind die gegenwärtige Herausforderungen. Also weniger rational denken, sondern mehr emotional handeln. Wer jetzt mit „ja, aber das Geld…“ argumentiert, muss sich von seinen Denkmustern lösen!

Die nächsten Schritte sind schnell erzählt. Gespräch mit meiner Chefin, Antrag beim Arbeitgeber auf Verlängerung der Elternzeit und alle Formalitäten überarbeiten, sobald die Bestätigung im Briefkasten liegt. Glücklicherweise hat meine Vertretung Lust, mich bis September 2021 zu vertreten. Ulrike Schuster sollte Recht behalten mit ihrer Annahme, dass jede Elternzeitreise eine einschneidende Veränderung für die Familie mit sich bringt.



Was denkst du über die neuen Väter? Bist du ein aktiver Vater oder möchtest du einer sein? Oder gehörst du zum Team Traditionelles Rollenbild und kannst damit gar nichts anfangen? Ich bin gespannt auf deine Kommentare und Erfahrungsberichte!

Photo by Natalya Zaritskaya on Unsplash

Kinderwunsch schon als Jugendlicher

Kinderwunsch schon als Jugendlicher

Wertschätzung, Selbstbestimmtheit und Beziehung sind wichtige Werte in meinem Leben. Klingt wahrscheinlich erst mal merkwürdig und ist sicherlich irritierend. Denn ich mache mir und habe mir nichts aus Karriere, Autos oder Partys gemacht. Ich war schon immer anders. Ich wollte schon immer Kinder haben.

Groß geworden bin ich in einem familiären Umfeld mit zwei Eltern, drei Geschwistern, zwei Omas und ganz vielen Cousinen und Cousins. Das ist so, weil meine Eltern zusammengerechnet neun Geschwister haben, die durchschnittlich 3,9 Kinder bekommen haben. Ja, ich habe irgendwas mit 35 Cousinen und Cousins. Habe irgendwann aufgehört zu zählen. Dass ich immer schon anders war, als alle anderen in meinem Alter, habe ich vor allem bei den Familienbesuchen gemerkt. Raufen, Fußball spielen, Kräfte messen und Blödsinn machen wollte ich nicht. Lieber Ruhe und quatschen, tiefergehende Gespräche führen und „sein“ anstatt „haben“. Ich war das komische Kind in der Familie, der Seltsame, der Unangepasste.

Aufgewachsen in einem Dorf war ich keiner, der sich den typischen Cliquen anschloss oder sich abends zum Saufen traf. Dabei wurde ich gerne von anderen als Schwul tituliert, wahrscheinlich, um in deren Weltbild zu passen. „Der ist anders, der ist bestimmt schwul!“. Vielmehr haben mich Fragen interessiert über das Leben und was das Leben lebenswert macht. Warum bin ich hier auf der Erde und was ist meine Aufgabe? Die Unangepasstheit an das dörfliche Leben hat mich daher immer weggezogen, am liebsten ganz weit weg. Neue Horizonte erkunden, mein Ding machen und das Unangepasste leben.

Gleichzeitig war da der unendliche Wunsch, eigene Kinder zu haben. Ich wollte früh Vater sein und diese Rolle anders ausleben. Denn immer, wenn ich Kindern begegnet bin, war sofort eine besondere Ebene vorhanden. Ok, nicht immer, aber gerade mit den sensiblen Kindern, die viel Aufmerksamkeit benötigt haben, konnte ich gut. Vielleicht, weil ich mir Zeit genommen habe oder weil ich mich einfach mit ihnen beschäftigt habe. Vielleicht aber auch, weil ich als Hochsensibler feine Antennen für Gefühle und Emotionen habe. Ich weiß es nicht. Meine Schwester hat jedenfalls damals schon zu mir gesagt „Du wirst bestimmt mal Erzieher“ und „Mach auf jeden Fall etwas mit Kindern!“.

Dass ich also jetzt in einem sozialen Beruf gelandet bin und nur in Teilzeit arbeite, war irgendwie schon damals klar. Nur musste ich erst meinen Platz in dieser »Ich-mache-Karriere-und-werde-reich-Welt« finden. Jetzt bin ich Familienvater und stehe mit beiden Beinen fest im Leben. Die besondere Ebene zu Kindern ist geblieben und ich vergesse auch schon mal die Zeit, wenn ich mit ihnen spiele. Alles in allem steht Familie für mich im Mittelpunkt und mein Tochter – und ganz bald auch Kind 2 – sind zusammen mit meiner Frau die wichtigsten Menschen!

5 Dinge mit denen ich bei anderen anecke

5 Dinge mit denen ich bei anderen anecke

In meinen Seminaren zum Thema Burnout geht es sehr häufig um Lebensziele, Lebenseinstellungen und Denkweisen. Zwischen gesunden und krankmachenden Verhaltensweisen liegen sehr oft große Distanzen. „Mach das, was dich glücklich macht“, hat meine Mutter immer gesagt. Aber wie geht das? Das zu tun, was mich glücklich macht, ist gerade in meiner Vaterrolle nicht immer einfach. Anscheinend mache ich viele Dinge anders, als sie von mir erwartet werden.

1. Sieben Monate Elternzeit nehmen

Von Anfang an war mir klar, dass ich Zeit mit meiner Familie verbringen möchte. Ich möchte ein Daddy sein, der mehr als 2 Monate Elternzeit nimmt. Aus meinem 50 Stunden Job raus und rein in die Elternzeit. Einen Monat nehmen wir uns gemeinsam Zeit fürs Kennenlernen nach der Geburt, anschließend nimmt meine Frau sechs weitere Monate, ehe ich die restlichen sechs Monate nehme. Für uns die perfekte Kombination. Neun Monate nach der Geburt (meine Frau hat ihren Jahresurlaub und Überstunden hinten dran gehängt) ist sie wieder 30 Stunden arbeiten gegangen. Konnten auch viele Menschen nicht verstehen. „Was, du arbeitest wieder? Und wo lässt du dein Kind?“ – „Die Kleine ist bei meinem Mann zu Hause, er hat Elternzeit.“ – „WAS? Bei deinem Mann? Naja, muss ja jeder selber wissen.“ Das war so das Krasseste, was wir zu hören bekommen haben. Die 60er haben angerufen, sie wollen ihre konservativen Werte zurück. Oh man.

Ja, es gibt Väter, die sich liebevoll um ihr Baby kümmern. Die Mama geht 30 Stunden pro Woche arbeiten und Papa wickelt, gibt die Flasche und spielt mit dem Wurm. Du baust eine enge Bindung zu deinem Kind auf und deine Frau kann zurück in ihren Job, perfekt. Ok, das klingt jetzt nicht für jeden Vater verlockend. Mann verzichtet auf Einkommen und natürlich Karriere. „WHAAAAAT“, bekomme ich dann zu hören oder „naja, wenn ihr es euch leisten könnt“. Womit wir beim nächsten Punkt angelangt wären.

2. Teilzeit statt Vollzeit

Der neue Job ist ganz bewusst nur eine Teilzeitstelle. Karriere im Job? Das dürfen gerne andere machen, wenn ich dafür Zeit mit meiner Familie verbringen darf! Vormittags arbeitet ich und nachmittags betreue ich die Kleine. Meine Frau betreut vormittags die Kleine und arbeitet nachmittags. Zusammen kommen wir so auf ganz viel gemeinsame Care-Arbeit, 50 Stunden Wochenarbeit und bringen ein Gehalt nach Hause, von dem wir gut leben können. Ok, große Sprünge sind da jetzt nicht drin, aber wir sehen beide unser Kind, verbringen viel Zeit miteinander und kennen jeden Entwicklungsschritt – und sei er noch so klein.

Kinder bekommen, damit ich sie mit einem Jahr in die KiTa gebe und wieder beide arbeiten gehen, das ist nicht mein Bild von Familie. Auch nicht, dass die Frau zu Hause bei den Kindern bleibt. Es gibt Konstellationen, da geht es nicht anders. Allerdings bin ich fest davon überzeugt, dass viele Männer nicht reduzieren wollen. Ok, ich hatte auch Sorge um meine berufliche Laufbahn. Aber der Stress und die Unzufriedenheit auf der Arbeit haben mir gezeigt, wie wichtig die Familie ist. Dann hat meine Karriere als Sozialarbeiter gerne einen Knick. Na und? Ich lebe nur einmal und möchte mitbekommen, wie meine Kinder groß werden. Ach, eins noch: Ja, wir können uns das leisten, weil wir es uns leisten wollen!

3. Familienbett

Wir schlafen mit der ganzen Familie in einem Bett. Vorweg sei gesagt: Nein, unser Liebesleben leidet nicht darunter. Jedenfalls nicht mehr als bei anderen Eltern auch. Keine Ahnung wie es dazu kam, dass wir entschieden haben, ein Familienbett zu bauen. Es war jedenfalls eine gemeinsame Entscheidung und ist ein schönes Gefühl. Einfach zu wissen, dass meine Frau genau den selben Impuls verspürte, als es um die „Bett-Frage“ ging und wir beiden sagten „Na dann ein Familienbett“. Mittlerweile schlafen wir im Familienbett 2.0. Es misst 3x2m und besteht aus einer 1,40m und 1,60m breiten Matratze.

„Boah krass, dann werden ja immer alle wach, wenn einer schreit“. Ja, das kommt vor und nein, das ist nicht die Regel. Unser Kind ist immer bei uns, wir können kuscheln und müssen nicht aufstehen, um das Kind aus seinem Bett zu holen. Wir können lange schlafen, weil das Kind schon da ist und wenn doch mal jemand schreit, dann wechseln wir uns eben ab. Wenn es gar nicht geht, gibt es noch die Schlafcouch. Das ist so selten, dass wir die Nächte an einer Hand abzählen können. Wie die Nächte allerdings mit einem Säugling und einem Kleinkind sein werden, wissen wir noch nicht. Wir sehen aber nur die Vorteile. Enge Bindung und ein starkes Familiengefühl.

Eine Sorge hatte ich nie. Dass die Kinder immer in unserem Bett bleiben wollen und nicht in ihr eigenes Bett gehen. Wir haben nicht das Ziel, unsere Kinder schnell in ihr eigenes Bett zu „verlegen“. Für uns stellt sich die Frage erst gar nicht. Es ist doch schließlich ein Familienbett. Und wenn die Kinder irgendwann in einem eigenen Bett schlafen wollen, dann ist das auch in Ordnung. Es wird trotzdem ein Familienbett bleiben.

4. Attachment Parenting

Ok, jetzt kommt ein Hammer Begriff, der immer wieder für Streit und Shitstorms sorgt. Ich halte mich auch nicht an dem Begriff fest und definiere ihn teilweise anders. Das versteht nicht jede_r und will vielleicht auch nicht jede_r verstehen. Shitstorm eben. Mir ist die Beziehung und die Bindung zu meinem Kind und zu meiner Frau einfach wichtiger, als zu allem anderen. Wir schlafen im Familienbett, verbringen viel Zeit zusammen und begleiten unser Kind in der Entwicklung. Am Körper tragen anstatt im Kinderwagen schieben. Nähe statt Distanz. Wärme statt Kälte. Hinzu kommt, dass ich mich aufgrund meiner Hochsensibilität anders in die Gefühlslage meiner Tochter hineinversetzen kann.

Jetzt mögen andere sagen, dass die Kinder uns auf der Nase herumtanzen. Das bedeutet Attachment Parenting nicht. Vielmehr ist es der Grundstein für eine sichere Bindung und einem liebevollem Aufwachsen, in einem geborgenen Umfeld. An dieser Stelle sei der Blog von Susanne Mierau empfohlen. Eine Welt voller liebevollen Momenten ab der Schwangerschaft. Auch für Männer lesenswert!

5. Vaterrolle

Hin und wieder bekomme ich einen Spruch gedrückt. „Ach guck an, der Super Papa.“ Oder „Ah. Ganz toll. Ich arbeite auch Teilzeit. Von acht bis acht!“. Meine Vaterrolle wird von Frauen gelobt und dem Großteil der Vätern belächelt. Ich weiß nicht, was genau hinter den Sprüchen steckt. Es ist komisch und manchmal auch anstrengend, sich gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen zu behaupten, denn unser Familienmodel ist äußerst selten. Janni Orfanidis von ichbindeinvater.de hat in der Deutschlandfunk Sendung „Lebenszeit“ vom 24.03.2017 die Ergebnisse aus dem Sozialbericht für Deutschland dargestellt.

Paarfamilien nach Vollzeit-/Teilzeittätigkeit der Partner 2014 — in Prozent. Quelle: Datenreport 2016: Sozialbericht für Deutschland, Kapitel 2: Familie, Lebensformen und Kinder

Demnach gehören wir zu den wenigen 3% der Paarfamilien, in denen beide Elternteile in Teilzeit arbeiten. Soziologisch zählen wir also zur Randgruppe der Familien-Gesellschaft. Mehrheitlich geht der Vater in Vollzeit arbeiten und die Mutter in Teilzeit (75%). Die anderen Werte könnt ihr aus der Grafik oben ablesen.

Mein Fazit

Ich fühle mich wohl in dieser Nische und kann mir kein besseres Familienmodell vorstellen. Auch wenn hin und wieder die Kommentare nerven, so bleiben wir uns treu und ziehen unser Ding durch. „Ich möchte Zeit mit meiner Familie verbringen“ antworte ich dann. Doch das wird leider oft falsch verstanden. Spiegel vorhalten und so. Dabei ist das nicht meine Absicht. Ich erzähle aus meiner Perspektive. Jede Familie muss ihren eigenen „richtigen“ und sinnvollen Weg finden. Die Frage ist doch, gehe ich wertschätzend mit den Entscheidungen anderer Menschen um. Bleibe ich bei mir und erzähle ich aus der Ich-Perspektive ohne zu verurteilen und anzugreifen.

Das versuche ich und es gelingt mir auch nicht immer. Also, das sind meine Gedanken und meine Sichtweisen. Vielleicht hast du eine andere, vielleicht aber auch eine ähnliche. Ich bin gespannt und freue mich auf Kommentare. Letztendlich aber haben Mamas doch immer recht. „Mach das, was dich glücklich macht“, hat sie immer gesagt. Das werde ich. Ich denke an dich und winke dir zu, wie du auf deiner Wolke sitzt und uns von oben beobachtest. Hab dich lieb und danke!

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