Welcher Mann hat sich in deiner Kindheit um dich gekümmert?

Welcher Mann hat sich in deiner Kindheit um dich gekümmert?

Vor einigen Jahren habe ich in Hamburg ein Männerseminar besucht. Es ging in erster Linie um Stressprävention und hat mich in anderer Weise nachhaltig geprägt. Als Partner, als Vater und als Mensch.

Damals kam ich gerade aus einer unglücklichen Beziehung und war noch dabei, alles aufzuarbeiten. Den Streit, warum ich mich getrennt hatte und was das alles mit meiner Vergangenheit zu tun hatte. Das Seminar tat mir richtig gut. Es war eine Überprüfung meiner Werte, meiner Haltung und Sichtweise auf mein bisheriges und auf mein zukünftiges Leben. Jederzeit würde ich das Seminar wieder besuchen, obschon ich nun selber solche Seminare gebe. Ich weiß um die reinigende Kraft von selbsterfahrenden Männer-Seminaren. Als Ivo drüben auf Instagram vor einiger Zeit eine interessante Frage stellte, kamen die Erinnerungen an das Seminar wieder hoch. Es ging um Vorbilder.

Welcher Mann hat sich in deiner Kindheit um dich gekümmert?

Diese einfache Frage lies mich lange nachdenken. Mein Vater war es nicht, oder doch? Er müsste es eigentlich gewesen sein. War er denn in meiner Kindheit da? War er präsent? Nicht so wirklich. War er denn ein aktiver Vater? Hat er sich eigentlich für mich interessiert? Oder galt seine Aufmerksamkeit dem traditionellen Rollenbild und der patriarchalischen Lebensweise? Ich denke letzteres war der Fall. Die Eltern meiner Ex-Freundin sagten mal beim Essen, dass es ihnen leid tue, aber mein Vater sei ein richtiges Arschloch. Kann so jemand ein Vorbild sein?

Der eigene Vater als Vorbild

Jedes Kind braucht Vorbilder. Dies sind in erster Linie die Eltern oder die primären Bezugspersonen. Im traditionellen Rollenbild sind das Vater und Mutter. Da ich in einem solchem Modell aufgewachsen bin, kann ich nur aus dieser Sichtweise berichten. Trotzdem sehe ich meinem Vater nicht als Vorbild. Vielmehr hatte ich in meiner Kindheit und Jugend viele andere Vorbilder, denen ich nachgeeifert hatte. Mein Vater spielte in dem Team nur eine untergeordnete Rolle, denn ich war emotional abhängig von ihm.

Meine gesamte Kindheit war weiblich geprägt. Zeitlebens war meine Mutter Hausfrau und hat sich um mich und später um meine drei Geschwister gekümmert. Mit vier Jahren kam ich in den Kindergarten und wurde zusammen mit vielen anderen Kindern von Erzieherinnen betreut. Mit sechs Jahren wechselte ich auf die Grundschule und wurde von Lehrerinnen unterrichtet. Erst in der weiterführenden Schule hatte ich einen Klassenlehrer und verschiedene Fachlehrer. Es hat sich kein Mann in meiner Kindheit um mich gekümmert, obwohl es einen Vater gehabt hätte. Meine Sozialisation war weiblich.

Der passive Vater

Mein Vater war selbständig, arbeitete bis spät in die Nacht und war viel unterwegs. Vor ein paar Jahren sagte er mal, dass er nach der Geburt meiner zwei Jahre jüngeren Schwester Burnout gehabt hätte und kürzer treten musste. Tat er aber nicht. Auch erinnere ich mich an einen Bandscheibenvorfall mit anschließendem Krankenhausaufenthalt. Er hätte wieder kürzer treten müssen. Tat er aber nicht. Als wir ihn im Krankenhaus besuchten, saß er zwischen Akten und Laptop und arbeitet. Später, als ich etwa 10 Jahre alt war, richtete er sich zu Hause ein Büro ein, um nicht mehr so viel unterwegs zu sein.

Seit dieser Zeit habe ich meinen Vater zwar häufiger gesehen, aber viel hat er mit uns nicht gemacht. In Erinnerung blieb er nur, weil er zum Mittag- und Abendessen am Tisch saß oder wenn er wütend und verärgert ins Wohnzimmer kam und sich über die Lautstärke beim Spielen beschwerte. An den Wochenenden haben wir hin und wieder eine einstündige Fahrradtour durch die Bauernschaften gemacht. Mein Vater fuhr vor und wir kamen nicht hinterher. Er war da, aber präsent war er nicht. Doch halt. Immer wenn er von einer Geschäftsreise zurück kam, hatte er Spielzeug für uns dabei. Yay!

Es hat uns finanziell an nichts gefehlt. Es gab jeden Tag eine warme Mahlzeit, wir hatten ein eigenes Haus mit großem Garten und zwei Autos. Wir hatten sehr früh für jedes Kind einen Computer und einmal im Jahr kam mein Vater mit einer großen Tasche Disketten aus den USA von einer Computer-Messe zurück. Die neusten Spiele und Programme. Auch durfte ich verschiedene Sportarten in unterschiedlichen Vereinen ausprobieren. So habe ich lange Volleyball und Fußball gespielt und war einige Zeit Leistungsschwimmer. Mit 14 Jahren durfte ich Segelfliegen lernen und musste erst ab 18 Jahren die Beiträge selber zahlen. Also warum die Grübelei? 

Weil mein Vater einfach nicht präsent war. Weder er noch meine Mutter haben mich bei Wettkämpfen oder Turnieren begleitet oder unterstützt. Sie haben keine Erfolge mit mir gefeiert und auch keine Niederlagen emotional aufgefangen. Bei Hausaufgaben hat nur meine Mutter geholfen und wenn es schlechte Noten gab, musste ich mir von meinem Vater was anhören. Er war immer der Bad Cop. Geholfen hat er mir bei den Hausaufgaben nie. In mir hat sich ein negatives Bild verankert. Schon früh wusste ich, dass ich es einmal anders machen wollte. Nein, nicht nur anders, sondern besser!

Es geht auch anders

Inspiriert und empowert haben mich daher Menschen, die selbstbestimmt und ohne Konventionen leben. Väter, die ihre Kinder liebevoll und fürsorglich in ihrer Entwicklung begleitet haben. Männer, die trotz ihrer Stärke auch schwache Momente haben und von Grund auf ehrlich zu sich und anderen Menschen sind. Wertschätzende Kommunikation, ein Menschenbild, das von einem liebevollen Miteinander ausgeht und Aufrichtigkeit sind vorbildliche Werte, die ich gesucht habe.

Diese Menschen gibt es. Diese Männer gibt es. Diese Väter gibt es. Ich habe sie gesucht, gefunden und mir zum Vorbild gemacht. Sie wissen es nicht, aber ich bin ihnen unendlich dankbar, dass es sie gibt. Sie haben mir den Glauben gegeben, dass es ein wertschätzendes Miteinander geben kann. Sie haben mir Impulse, Kraft und Mut für mein selbstbestimmtes Leben gegeben. Hin und wieder treffe ich den einen oder anderen, gleiche meine Vorstellungen ab und nehme immer ein bisschen Kraft mit nach Hause. 

Niemand ist in seiner Rolle perfekt. Mein Vater konnte es nicht besser. Er wird seine Gründe gehabt haben. Ich will es aber auch, weil es an Männern in der Sozialisation fehlt. Familie, Kindergarten, Grundschule. Ich will meinen Kindern ein gutes Vorbild sein. Ein aktiver und präsenter Vater. Statt finanziellem Wohlstand, Reichtum und ein gutes Auskommen möchte ich ihre Grundbedürfnisse stillen: Liebe, Nähe und Zärtlichkeit. Jungs brauchen genau so viel davon, wie Mädchen. Wir sollten einfühlsam auf unsere Kinder zugehen und ihnen wertschätzend begegnen. Dann müssen sie sich auch keine anderen Vorbilder suchen.

Wer bin ich und wer möchte ich sein? Eine Überprüfung

Wer bin ich und wer möchte ich sein? Eine Überprüfung

Mittlerweile bin ich 33 Jahre alt, verheiratet und Vater einer 11 Monate jungen Tochter. Angetriggert duch einen Beitrag auf dem Blog von Leen und einem inspirierenden Interview mit dem bekannten Hirnforscher Gerald Hüther ist es an der Zeit, das bisherige (kinderlose) Leben einmal zu überprüfen. Immerhin sind nun gut 1/3 des Lebens verlebt. Will ich die nächsten Jahre so weiterleben, wie bisher?

Ein Blick zurück

Meine Kindheit und Jugend war vom klassischen Stil der 90er Jahre geprägt. Bloß nicht auffallen, schön mitlaufen, funktionieren und natürlich Karriere machen. Dann passiert dir schon nichts. Irgendwie durch die Schule kommen, Lehre machen, Haus, Frau, Kind, Hund und Auto. Aha. Anders sein war nicht erlaubt. Danke, dass ich auch gefragt werde. Wurde ich vielleicht auch, doch viele äußere Umstände und mein „nicht wissen, wer ich überhaupt bin“ standen mir im Weg. Dass ich hochsensibel bin, wusste ich schon, wollte es nur nicht akzeptieren. Dass ich eine Familie gründen wollte und Vater sein wollte, das wusste ich ebenfalls schon sehr früh.
Es hat lange gedauert, bis ich mich auf den langen Weg zu mir selbst gemacht habe. Selbstbestimmt durchs Leben gehen und den gesellschaftlichen Anreizen und Verlockungen widerstehen. Gleichzeitig mein Leben leben. Doch welche Ideale und welche Ziele, ja Visionen und Werte habe ich überhaupt? Und kann ich mich so akzeptieren, wie ich bin? Ohne anderen nachzulaufen oder selbst Trendsetter sein zu wollen?

Start in Südtirol

Gefangen im Hamsterrad, habe ich lange Zeit gedacht, dass ich eine Karriereleiter hinaufsteigen müsse. In einem mittelständischen Unternehmen habe ich eine Ausbildung begonnen und sollte anschließend im Vertrieb arbeiten. Wie sich an meinen damaligen Mitstreitern zeigt, stand mir eine steile Karriere bevor. Erst ein tragisches Ereignis in meiner Familie hat mich dazu bewogen, einmal aus dem Hamsterrad auszusteigen und eine Auszeit zu nehmen. Das war bis zu diesem Zeitpunkt die wohl beste Entscheidung in meinem Leben. Auf dem Bergbauernhof in Südtirol habe ich 3 Monate als Erntehelfer gearbeitet und mich auf den Weg zu mir selbst gemacht. Überschrift: „Auf der Suche nach dem unglaublichen Ich.“

Bei Luis Thaler auf dem leiterhof in Südtirol habe ich 3 Monate als Erntehelfer gearbeitet.

Mein Leben war immer bestimmt durch andere. Schlechten Vorbildern und Leitfiguren bin ich meist unreflektiert gefolgt. „Die haben bestimmt das, was ich brauche: Liebe und Anerkennung.“ Leider nein, leider gar nicht! Erst im Studium habe ich allen Mut zusammen genommen und im Grunde meine Jugend nachgeholt. Neue Freunde, neue Erfahrungen, neue Ziele und Visionen. Hier kennt mich ja keiner, ich kann von vorne anfangen! Auf den Bachelor folgte der Master sowie ein Weiterbildungsstudium. Mir wurde nicht langweilig. Ich fühlte mich, wie Mitte 20, war allerdings schon Anfang 30. Es folgte ein verlockendes Angebot aus NRW, dem ich nicht widerstehen konnte.

Zurück zu den Wurzeln, fast

Nach 7 Jahren im Norden, ganz weit weg von der Heimat, zog es mich also wieder dorthin zurück. Zwar ist das Ruhrgebiet und nun der Niederrhein nicht das heimatliche Münsterland, doch die Familie ist schnell zu erreichen. Aber irgendwie habe ich stark gezweifelt. Zurück ist doch immer ein Rückschritt, oder?

„Hej, sieh es doch als Chance. Du hast dich verändert, hast dich weiterentwickelt. Und vielleicht triffst du ja deine Traumfrau, bekommst Kinder, ihr heiratet, das wär doch was! Nur Mut!“

Danke, liebe Sandra, für deine tollen Worte, die mir so viel Energie und Zuversicht gegeben haben, das Richtige zu tun. Dafür bin ich dir unendlich dankbar!

Werte, die mir wichtig sind

Meine Schatzkiste an positiven Erfahrungen ist reich gefüllt. Liebe, Wertschätzung und Anerkennung sind auch dabei. Ständig überprüfe ich mein Tun und Handeln, frage mich, ob das jetzt der richtige Weg ist und was diese oder jene Entscheidung mit mir und meinem Leben macht. Ich bin ein Bauchmensch, ein Gefühlsmensch und ein Atmosphärentyp. Meine persönlichen Top 10 an Werten, die mir in meinem Leben zurzeit wichtig sind, lauten:
[su_row]
[su_column size=“1/2″] [su_list icon=“icon: arrow-circle-right“ icon_color=“#155500″]

  • Familie
  • Selbstbestimmung
  • Entdecken
  • Ehrgeiz
  • Natur

[/su_list] [/su_column]
[su_column size=“1/2″] [su_list icon=“icon: arrow-circle-right“ icon_color=“#155500″]

  • Freiheit
  • Entwicklung
  • Kreativität
  • Rebellion
  • Ausgeglichenheit

[/su_list] [/su_column]
[/su_row]

Elternzeit als besondere Reflexionszeit

Werte, die mir wichtig sind, müssen verteidigt werden. Droht also Gefahr von außen oder innen, dann werde ich krank. Als hochsensibler Mensch ist meine Reizschwelle schnell erreicht, denn mein Wahrnehmungsfilter ist sehr sensibel. Und ja, was soll ich sagen. Mein Leben hat so rasant an Fahrt aufgenommen, dass ich wieder in diesen Strudel geraten wäre. Meine Werte waren bedroht, meine innere Mitte lag im Ungleichgewicht. Eine Entscheidung musste her! Eine Entscheidung für meine Werte, für mich, für meine Familie.
Als erstes habe ich also meinen Job gekündigt, um Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Und weil ich ein HSP bin, hat der Prozess über ein Jahr gedauert (warum das so ist, werde ich noch mal näher beschreiben). Aber diese Entscheidung, diese Erkenntnis hat mich wieder zu meiner Selbstbestimmung gebracht. Gleichzeitig entdecke ich jeden Tag etwas Neues und bin nach wie vor ehrgeizig auf dem Weg zu mir selbst. Dafür brauche ich Familie, Natur und Freiheit, die mir erst die Entwicklung ermöglichen. Kreativität kann ich erst durch Rebellion entwicklen. Das „Anders sein“ leben und immer mit einem kritischen Blick reflektieren. Das alles macht mich erst ausgeglichen. Angekommen bin ich noch nicht. Aber auf einem guten Weg.

Auf zu neuen Abenteuern

Die letzten Jahre haben mich geeicht. Meine Grenzen sind justiert, ich weiß, bis wohin ich gehen kann. Jetzt heißt es, neues Land zu entdecken und neue Abenteuer zu bestreiten. Die Elternzeit ist, denke ich, eine tolle Möglichkeit dazu. Unsere Kleine krabbelt und wird bald das Laufen lernen. Der Frühling steht vor der Tür und die nächsten Urlaube sind in Aussicht. Jetzt bin ich Papa und genieße die Zeit mit meiner Tochter, mit meiner Frau und mit mir.
Was ist mit dir? In Anlehnung an Richard David Precht: Wer bist du und wenn ja, wie viele?

Hier noch das Video „Die sanfte (R)evolution – Veit Lindau im Gespräch mit Gerald Hüther

Pin It on Pinterest