Mental Load – Die unsichtbare Arbeit im Haushalt

Mental Load – Die unsichtbare Arbeit im Haushalt

Sicherlich kennst du die Geschichte der Heinzelmännchen zu Köln. In der Grundschule mussten wir das Gedicht von August Kopisch auswendig lernen und bekamen zur Belohnung 5 DM von unserer Lehrerin. Die einzige Bedingung: wir mussten es fehlerfrei schaffen. Die Heinzelmännchen verrichteten jede Nacht, wenn alle Bürger*innen von Köln schliefen, die liegengebliebene Arbeit. Sie zimmerten Häuser, buken das Brot oder „schwefelten fein, alle Fässer ein“.  So verrichteten die Heinzelmännchen das Tagewerk unentdeckt und zur Freude der Bürger*innen. Aber was hat das jetzt mit Mental Load zu tun?

DIE UNSICHTBARE ARBEIT

Genau so unsichtbar, wie die Arbeit der Heinzelmännchen, ist Mental Load. Darunter verstehe ich in erster Linie Arbeit, die im Kopf stattfindet. Übersetzt heißt Mental Load in etwa »Denkarbeit«. Im Alltag muss an so vieles gedacht, organisiert und geplant werden. Die Wäsche wandert nicht von alleine in die Maschine und muss regelmäßig aussortiert werden, Arzttermine müssen gemacht werden und es muss jemand hingehen, der Kühlschrank füllt sich auch nicht von alleine und die Wechselsachen in der Kita muss auch jemand kontrollieren. Leider gibt es bei uns keine Heinzelmännchen, die diese Arbeit verrichten. Das bleibt an uns Eltern hängen.

Leider trägt in unserer Gesellschaft nach wie vor die Frau diese mentale Last und ist verantwortlich, dass alles läuft – trotz politischem und gesellschaftlichem Bestreben nach Gleichberechtigung! Denn während der Mann beruflich fest im Sattel sitzt und jeden Tag auf’s Neue die Welt rettet, wuppt die Frau derweil den Familienalltag – neben ihrer Teilzeittätigkeit wohlgemerkt. Sie ist verantwortlich für das Gelingen sämtlicher sichtbarer und unsichtbarer Arbeiten. Darüber hinaus übernimmt sie sogar die Verantwortung für den männlichen Anteil am Gelingen der Arbeiten. Sie denkt an seine Termine und erinnern ihn beispielsweise an den Geburtstag seiner eigenen Mutter. Er ruft von der Arbeit an und fragt zum Beispiel: „Schatz, was haben wir nächste Woche vor? ich muss auf Dienstreise.“

Natürlich kann man sagen: „Hej, wenn alle damit einverstanden sind, ist doch super!“ Ja, kann man(n) sagen und höre ich sehr häufig. Leider kenne ich mehr Frauen, die unglücklich in dieser Rolle sind und Familien, die dieses Modell trotz aller Belastungen beibehalten. Sie wünschen sich ein anderes Familienleben und können oder wollen am Status aber nichts verändern. Lieber gehen die Frauen aus dem Job raus (oder werden nach der Elternzeit gekündigt), als dass die Männer ihre Arbeitszeit reduzieren. Aus meiner Sicht muss die mentale Belastung aber gleichberechtigt verteilt sein!

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»Neue Väter« statt tradierte Rollenbilder

Der Vaterreport 2018 sagt, dass in über 75% der Familien der Mann in Vollzeit arbeitet und die Frau in Teilzeit. Nur 5% arbeiten beide maximal in Teilzeit oder die Frau ist Hauptverdienerin. Die Belastung im Familienalltag liegt also bei der Frau. Studien zeigen außerdem, dass Männer eine Stunde pro Tag mehr arbeiten, wenn sie Kinder haben. Skurril, denn 80% der Männer geben an, ihre Arbeitszeit reduzieren zu wollen und mehr Zeit mit den Kindern verbringen zu wollen, aber weniger als 25% macht es auch. Männern fällt es also schwer, etwas zu verändern. Warum ist das so?

Wenn ich mit unseren Kindern zum Arzt gehe, werde ich gefragt, ob die Mama noch kommt. Mir wird unterstellt, ich kenne das Gewicht meiner Kinder nicht, sodass lieber noch mal gewogen wird. Bei meinem ersten Kind wurde mir die Rückkehr in Teilzeit von meinem Arbeitgeber verwehrt, sodass ich gekündigt habe. Gleichzeitig werde ich von fremden Menschen gefeiert, dass ich Zeit mit meinem Kind verbringe. Vormittags auf dem Spielplatz. Bisher hat niemand meine Frau dafür gefeiert!

Auch ich wuchs auf mit dem Anspruch auf, Karriere machen zu können und zu müssen. Bin ja schließlich ein Mann. Dass ich mit Ende 20 noch einmal komplett von vorne anfing, gehörte nicht ins Drehbuch und passte nicht zur Vorstellung meiner Sozialisation. Ich stand mir selber im Weg und war Teil des Mental Load-Problems in meinen Beziehungen. Groß geworden im Patriarchat habe ich erst spät verstanden, worauf es in der Partnerschaft und in der Familie ankommt. Es braucht »Neue Väter«! Aus meiner Sicht muss sich auf zwei Ebenen etwas ändern.

Verhalten und Verhältnisse

Zum einen dürfen Männer sich die Erlaubnis geben, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Dafür müssen sie ihre Einstellung, ihre Glaubenssätze und ihr Verhalten überprüfen und verändern. Sie dürfen das, weil es um ihre Kinder, ihre Partnerin und ihre Familie geht. Was sind schon 3, 4 oder 5 Jahre in Teilzeit gesehen auf’s ganze Leben? Es gibt übrigens bisher keine Studie die belegen kann, dass es zu einem Karriere-Knick kommt, wenn der Papa lange Elternzeit nimmt! Wenn ich schreibe, dass es »Neue Väter« braucht, dann bracht es auch »Neue Mütter«. Frauen müssen ebenfalls lernen, Verantwortung abzugeben und akzeptieren, dass Männer Gefühlsarbeit, Sorgearbeit und Denkarbeit anders machen.

Der Gesetzgeber hat vor über 10 Jahren die Verhältnisse verändert, indem er die Elternzeit reformiert und das Elterngeld eingeführt hat. Seitdem bekommen auch Väter Geld, wenn sie eine Zeit lang zu Hause bleiben. Leider ist der Lenkungseffekt nicht ganz aufgegangen, denn Väter nehmen meistens nur die 2 Monate Bonus. Das Elterngeld wird zudem voll auf andere Sozialleistungen angerechnet, sodass bestimmte Gruppen diskriminiert werden. Zwar haben Frauen bessere Karrierechancen und steigen schneller wieder in den Job zurück. Doch fehlt es an Männern, die nach der Elternzeit ihre Arbeitszeit in Teilzeit reduzieren. Das führt zwangsläufig zu einem Betreuungsproblem, das der Gesetzgeber mit dem Gute-Kita-Gesetz löst: Den Ausbau von U3-Kindertagespflege-Plätzen.

Ein Ausblick

Liebe Papas, nehmt Elternzeit und reduziert eure Arbeitszeit. Es lohnt sich, denn die Zeit mit euren Kindern gibt euch niemand zurück. Gleichzeitig stärkst du die Paarbeziehung zu deiner Frau und wirst merken, dass du viel entspannter aber auch selbstsicherer wirst. Auch wenn du nun den Anteil am Mental Load deutlich erhöhst, entlastest du deine Frau und verbringst gleichzeitig mehr Zeit mit der Familie. Ja, Kinder fordern und fördern dich! Väter dürfen auch über die 2 Monate Elternzeit hinaus zu Hause bleiben. Sie müssen es nur wollen! In Familien, die es (finanziell) können, sollte es Väter geben, die es wollen. Während die Mutter also wieder in Teilzeit in den Job zurückkehrt, bleibt der Vater zu Hause und schmeißt den Laden. Das ist für mich gelebte Gleichberechtigung! Dann klappt es auch mit Mental Load.

Übrigens war ich damals in der Grundschule sehr enttäuscht und frustriert. Ich habe es nicht geschafft, das Gedicht auswendig und fehlerfrei vorzutragen. 25 Jahre später haben wir die Geschichte in einer wunderschönen Illustration von Eve Tharlet geschenkt bekommen. Seitdem lese ich meinen Kindern sehr gerne die Geschichte der kleinen Hauselfen vor. Mittlerweile kann ich die Geschichte sogar auswendig vortragen. Die 5 EUR kommen dann ins Sparschein der Kinder!

Leseempfehlung: Die Heinzelmännchen von Köln Mini-Bilderbuch

»…und eh’ ein Faulpelz noch erwacht’, war all sein Tagwerk bereits gemacht!« So bequem war es in Köln vordem. Bis des Schneiders neugieriges Weib Erbsen ausstreut eines Nachts. Fort war der märchenhafte Zauber. Jeder musste wieder fleißig sein.

Das bekannte Gedicht von August Kopisch, liebevoll illustriert von Eve Tharlet.

Durchgehend farbig illustriert.
€ D 7,00 / € A 7,20 / CHF 9.90
Mini-Bilderbuch / 14,8 x 14.1,cm
32 Seiten / ab 4 Jahren
ISBN: 978-3-314-10081-9

Hinweis: Das Buch haben wir geschenkt bekommen. Alle Bildrechte liegen beim Nord-Süd Verlag. Keine beauftragte Werbung. Die Leseempfehlung steht in keinem Zusammenhang zum Verlag.

Warum ich meine Frau nicht bei der Erziehung unserer Kinder unterstütze

Warum ich meine Frau nicht bei der Erziehung unserer Kinder unterstütze

Die Geschichte der Emanzipation im Patriarchat ist Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte alt. Trotzdem oder gerade deswegen wehre ich mich dagegen, meine Frau bei der Erziehung unserer Kinder zu unterstützen. Die Gründe sowie zwei Motive möchte ich dir heute vorstellen.

Aufgewachsen bin ich in einer traditionellen Familie mit Mutter, Vater und drei jüngeren Geschwistern. In unserem 4.000 Seelen Dorf mitten im Münsterland war es üblich, dass der Mann arbeitet und die Frau sich um die Kinder kümmert. Mindestens so lange, bis die Kinder in die Schule gehen. Danach gingen viele Mütter wieder arbeiten; als Kassiererin, als Erzieherin oder als Putzfrau. In Teilzeit. Vormittags. Die Kinder kamen schließlich mittags zum Essen wieder nach Hause. Offenen Ganztags gab es damals noch nicht.

Motiv klassische Rollenverteilung

Die Aufgaben sind also klar verteilt. Der Mann bringt das Geld nach Hause, die Frau ist für den Haushalt und die Erziehung der Kinder verantwortlich. Soweit nichts Verwerfliches. Wurde schon immer so gemacht. Warum sollte der Mann auch seine Karriere unterbrechen und damit die Familie auf viel Geld verzichten? Warum sollte er die Kinder erziehen? Schließlich hat die Frau doch mehr Ahnung von Kindererziehung.
Es ergibt für die meisten Eltern keinen Sinn, dass sich der Vater um die Kinder, geschweige denn um den Haushalt kümmert. Viel einfacher ist es doch, wenn jeder seinen zugeteilten Bereich hat und ihn eigenverantwortlich ausfüllt. Außerdem möchten die Frauen nicht, dass in ihren Bereich hineingepfuscht wird. Sobald der Mann Unterstützung anbietet, bringt er eh nur Unruhe in ihren Arbeitsablauf. Gleichzeitig will der Mann in Ruhe der Arbeit nachgehen und seinen Teil der Abmachung erfüllen.

Wo bleibt die Dankbarkeit?

Die männliche Verantwortung ist also sehr groß, denn schließlich bringt der Mann das Geld nach Hause. Davon kann die Frau sich den Lebensstil leisten, die Kinder den Sportverein und die gesamte Familie den Urlaub. Ein bisschen Dankbarkeit kann der Mann dafür schon erwarten, denn ohne seinen Einsatz wäre das Leben so nicht möglich. Immerhin muss ja auch noch die Hypothek vom Haus abbezahlt werden.
Der Mann fragt sich jetzt also zurecht: „Wo soll ich jetzt noch meine Frau bei der Erziehung unserer Kinder unterstützen? Die Aufgaben sind klar verteilt. Jeder fühlt sich wohl, wir sind eine glückliche Familie!“ Immerhin sieht der Mann seine Kinder doch am Wochenende und bringt sie, wenn er es zeitlich schafft, abends ins Bett. Reicht das nicht?

Stopp! Halt! Cut!

In dem Wort Erziehung steckt das Verb „ziehen“. Für mich bedeutet es so viel wie „ich ziehe mein Kind dahin, wohin ich es haben will“. Mir geht es als Vater nicht um das „Ziehen“ in eine Richtung, sondern um das Begleiten meiner Kinder. Dabei orientiere ich mich an Jesper Juul und unterscheide zwischen Wünschen und Bedürfnissen. Wünsche können erfüllt werden, Bedürfnisse sollten erfüllt werden.
Bedürfnisse sind wie ein Gericht in einem Schnellkochtopf. Steht es auf dem Herd und wird erhitzt, baut sich Druck auf, der nicht entweichen kann. Dem Bedürfnis des Wasserdampfes zu entweichen sollte nachgegeben werden, sonst explodiert der Topf.
Wünsche sind hingegen wie Bitten. Sie sind nicht überlebenswichtig. Vielmehr sind sie die Kirsche auf der Sahnetorte. Kann, muss aber nicht. Um herauszufinden, ob es sich um Bedürfnisse oder Wünsche handelt, muss ich im ständigen Kontakt mit mir selber und meinem Umfeld sein.

Motiv neue Vaterrolle

In der Überschrift des Beitrages versteckt sich auch eine Haltung: „Meine Frau braucht Unterstützung.“ Unser Familienmodell basiert aber auf einer anderen Vaterrolle. Ganz bewusst haben wir uns für ein paritätisches Modell entschieden, indem sich beide Elternteile verantwortlich und zuständig fühlen. Meine Frau arbeitet in Teilzeit und verdient Geld für die Familie, genau wie ich es tue. Ich schmeiße den Haushalt und kümmere mich um die Kinder, genau wie sie es tut.
Weder sie noch ich benötigen die Unterstützung des jeweils anderen. Weil wir im ständigem Austausch und Kontakt sind, haben wir mehr Zeit für unsere Kinder und die Paarbeziehung. Die Beziehung zu meinen Kindern und mir als Vater ist genauso eng und innig, wie zu meiner Frau, ohne dass wir uns gleichen. Dafür verzichte ich gerne auf Geld und erlebe mehr Qualitätszeit mit meiner Familie. Was auf der Strecke bleibt, ist die Zeit mich mich und für alte Freunde.

Mehr Achtsamkeit in der Familie

Eigentlich wollte ich einen Beitrag über Achtsamkeit schreiben. Doch irgendwie bin ich bei diesem Thema gelandet. Seit fast zehn Jahren löse ich mich nun schon bewusst von dem oben beschriebenen traditionellen Familienmodell. Leider klappt die Transformation nicht immer so, wie ich sie mir wünsche. Dann denke und rede ich, wie mein Vater es getan hat.
Glücklicherweise habe ich eine selbstbestimmte Frau, die mich auf meinem Weg hin zu einem liebevollen und verständnisvollen Vater unterstützt. Zwinkersmilie.

Wie sind deine Gedanken zum traditionellen und modernen Familienbild? Welche Erfahrungen machst du oder hast du als Vater gemacht? Bist du vielleicht ein Vater, der sich mehr Zufriedenheit und Gelassenheit in der Familie wünscht? Hilf mir zu verstehen, was es dafür braucht! Beantworte fünf Fragen in der Umfrage zu »Gesund Vater Sein«.

Umfrage: Gesund Vater Sein – Wie ticken Väter 2019

Umfrage: Gesund Vater Sein – Wie ticken Väter 2019

Weißt du eigentlich, wie Väter so ticken? Nicht erst seit meiner Elternzeit beschäftigt mich diese Frage. Klar, vollkommen unterschiedlich natürlich! Aber mal ehrlich, weißt du, WIE unterschiedlich sie ticken? Das möchte ich herausfinden und brauche deine Papa-Hilfe!

Ich möchte dich einladen fünf Fragen zu deiner Vaterschaft zu beantworten. Ich möchte wissen, wie du tickst und wie du deine Vaterrolle gestaltest. Mich interessieren deine Wünsche, deine Befürchtungen und deine Träume. Wo liegen die Konflikte in der Vereinbarkeit von Familie & Beruf und wo soll die Reise hingehen? Solltest du eine Mama sein, bist du herzlich eingeladen, deinen Mann auf die Fragen hinzuweisen.

Mein Dankeschön an dich

Als Dankeschön für deinen Einblick in deine Denkweise erhältst du von mir den Vaterschaft-Veränderungs-Fahrplan. Mit diesem Arbeitsblatt kannst du überprüfen, in welcher Phase der Veränderung du dich befindest, was du noch benötigst und wie die nächsten Schritte aussehen. Ein Veränderungs-Schema zeigt dir, welche Ressourcen benötigt werden, damit der Veränderungsprozess zu einer besseren Vereinbarkeit von Familie & Beruf gelingt!
Die Ergebnisse aller Einsendungen werden nach einer Zeit hier auf vaterwelten.de veröffentlicht. Wenn du darüber informiert werden möchtest, trag dich in den Newsletter ein. Nun aber genug geredet!

Beste Grüße,

E2W4: Bis ans Mittelmeer und zurück

E2W4: Bis ans Mittelmeer und zurück

Wir sind auf Elternzeitreise. Papa, Mama mit K1 (3 Jahre) und K2 (8 Monate). Ich nehme mir von meinem Teilzeit-Job eine zehnmonatige Auszeit. Ab August geht meine Frau zurück in den Job. In der Zwischenzeit wollen wir erneut mit Fiete verreisen. Bei K1 waren wir in Spanien. Unser jetziges Ziel: Slowenien. Ich knüpfe direkt an die Erlebnisse der ersten, der zweiten Woche und der dritten Woche an.

Überraschung: Wir sind wieder zu Hause! Nach insgesamt vier Wochen und 3.000 km schlafen wir wieder in unserer gewohnten Umgebung. Obwohl Fiete auch zu einer gewohnten Umgebung geworden ist, fühlt sich das heimische Bett, die Wohnung und die Freunde nach „zu Hause“ an. Obwohl die Reise eine überraschende Wendung nahm, sind wir ebenso happy, wieder hier zu sein.
Wie ich letzte Woche bereits beschrieben haben, hat uns der Campingplatz an den drei Flüssen sehr verzaubert. K1 hatte ihr Trampolin, wenige andere Camper waren auf dem großen Areal mitten im Wald, sodass wir uns fast allein fühlten. Ein Kater leistete uns seit ein paar Tagen Gesellschaft, niemand war krank und alles war perfekt. Sogar das Wetter hat sich von seiner schönsten Seite gezeigt – über 30 Grad, Sonne pur. Vergessen die regnerischen Tage und Wochen bis hierher.

Und doch müssen wir abreisen, denn der Platz wird für eine Hochzeit am Wochenende gebraucht. Mit einem weinenden Auge und einem lachenden Auge planen wir die Route. Soll es doch über Italien nach Slowenien gehen? Wollen wir eine Rundreise um Frankreich machen oder bleiben wir in der Provence? Der Familienrat bespricht das weitere Vorgehen am Spielplatz, am Fluss, beim Essen und immer dann, wenn wir Zeit dafür finden. Es liegt also eine Entscheidung in der Luft. K1 meldet sich zunächst leise und dann immer lauter zu Wort: „Ich will aber nach Hause zu Oma und Opa!“ – Uff, damit hat niemand gerechnet.
Oma und Opa sind fester Bestandteil unseres Alltages. Gleichzeitig sehen sich K1 und die Großeltern vielleicht ein-/zweimal pro Woche. Hin und wieder darf sie dort übernachten. Eine tägliche Betreuung für mehrere Stunden, wie eine Camperin vermutete, findet nicht statt. Also auch kein zurück in den Alltag. Wir begegnen dem Wunsch und reden viel miteinander. K1 telefoniert hin und wieder mit den Großeltern, wir reden viel über die gemeinsamen Erlebnisse und freuen uns auf die Zeit nach unserer Reise. Wir spielen „Gassi gehen“ mit den Hunden der Großeltern und K1 imitiert die Gesten, den Habitus und die Sprache von Oma und Opa.

Heimweh

„Ich will aber nach Hause!“ – Der Wunsch wird immer deutlicher und wir fragen uns, ob es sich um einen Wunsch oder um ein Bedürfnis handelt. Gleichzeitig ist in mir der große Wunsch ans Mittelmeer zu fahren. In einem Hörspiel, dass K1 seit Beginn der Reise immer wieder hört, geht es auch um eine Reise ans Meer – allerdings mit den Großeltern. Ich setze mich im Familienrat durch und wir setzen unsere Reise fort – an die Côte d’Azure. Ein Fehler? Die Autofahrt soll ca. 3 Stunden dauern und auf zwei Etappen aufgeteilt werden. Die Leichtigkeit verfliegt, als wir gerade ein paar Kilometer unterwegs sind. K1 fiebert hoch.

Auf dem Campingplatz angekommen liegt K1 auf der Rückbank und schläft. Sie ist heiß und hat Bauchweh. Ich baue das Vorzelt auf, räume im Bus hin und her, während Corinna mit K2 den Platz erkundet. K1 weint, wimmert und hat Bauchweh. Sie fiebert immer noch. Ein Zäpfchen wird nur kurz abgewehrt. Sie schläft den Spätnachmittag im Hochdach für ein paar Stunden. Gleichzeitig sagt sie immerzu, dass sie nach Hause will. Corinna und ich entscheiden, dass wir die Reise am Mittelmeer abbrechen werden. Es geht in ein paar Tagen nach Hause. Auf dem direkten Weg. Aus dem Wunsch ist ein Bedürfnis geworden.
Wir wollen immer die Bedürfnisse der Familienmitglieder in den Mittelpunkt setzen. Dabei richten wir uns nach der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg. Kurz gesprochen wird zwischen Wünsch und Bedürfnissen unterschieden. Wünschen dürfen mit einem Nein beantwortet werden. Bedürfnisse hingegen sollte man nachgehen, sie sollten erfüllt werden. Schließlich handelt es sich um eine innere Sinnhaftigkeit. Wie bei einem Schnellkochtopf, der auf dem eingeschalteten Herd steht. Wird der Deckel nicht irgendwann abgedreht, wird der Druck zu hoch. Wir nehmen K1 den Druck und haben gemeinsam entschieden, zurück nach Hause zu fahren.

Die Reise endet an der Côte d’Azure

Es kommt auch alles zusammen. Der Campingplatz ist sehr eng, hellhörig und wuselig. Ständig werden wir mit einem „Hallo, Guten Tag oder N’Abend“ begrüßt. Reisegefühle kommen hier nicht auf. Zudem werden wir höflich darauf hingewiesen, dass wir unsere Wäsche bitte nicht zum Trocknen zwischen den Bäumen aufhängen sollten. Mit Kind sei das zwar schwierig, aber so könnten die freien Plätze rechts und links von uns schlechter vergeben werden. Aha, so läuft das hier also. Zum Glück lernen wir eine fröhliche Familie aus Erfurt kennen, die wir direkt ins Herz geschlossen haben. Abends treffen wir uns zum Plausch unter unserer Markise und plaudern. Wir lachen viel, wir stellen viele Parallelen fest und bleiben in Kontakt.
Montags brechen wir die Zelte ab, räumen alles ein vorletztes Mal zusammen und fahren in die Ardèche-Region. Corinna hat von unterwegs herausgefunden, dass der Platz ein großes Trampolin hat. Genau wie auf unserem Lieblingsplatz mit den drei Flüssen: Jackpot. Das schafft uns ein klein wenig Abwechslung von den Strapazen, die wir bisher erlebt haben. K1 freut sich über das tolle Spielgerät und wir campen direkt in Sichtweite, sodass wir den Rückreise planen können. Also alles für die 1.004 km Rückreise, die wir zwei Tage später antreten werden. Am Tag der Rückreise fahren wir in 3 Etappen nach Hause, jeweils zu den Schlafenszeiten von K2.

Unterwegs machen wir Rast an den toll ausgebauten und preislich echt günstigen französischen Raststätten entlang der Route. Hier gibt es für 22 EUR Pizza und Nudeln inklusive Getränke und Nachspeisen. Zum Vergleich: Auf einem Campingplatz hat eine Pizza schon 12 EUR gekostet – und die war nicht riesig! Um 23 Uhr sind wir zu Hause angekommen und bringen die Kinder ins Bett. Haha, war nur Spaß! K1 ist eine Stunde vor Ende der Reise wach geworden und wollte nicht mehr schlafen. Kaum hatten wir den Motor abgestellt, wurde K2 wach. Gegen 2:30 Uhr waren dann alle im Bett.
Wir lassen die Momente noch sacken, die Erlebnisse werden noch verarbeitet. Ob wir traurig sind, dass die Reise vorbei ist? Nein. Denn wir leben nach den Bedürfnissen aller Familienmitgliedern! Egal, ob 8 Monate alt oder 35 Jahre. Ob wir solch eine Reise noch einmal machen werden? Ganz bestimmt, dann aber mit älteren Kindern und längeren Stopps. Vielleicht auch nur im „Urlaub-Modus“: also Hinfahrt, am Urlaubsort verbleiben, Rückfahrt. Lesson learned.

PS: Wie letzte Woche angekündigt, wurde ich zum Vatertag von der Bild am Sonntag interviewt. Hier der Link zum Artikel (Achtung, Bezahlschranke) und ein Foto aus der Zeitung!

E2W3 – Frankreich Provence

E2W3 – Frankreich Provence

Wir sind auf Elternzeitreise. Papa, Mama mit K1 (3 Jahre) und K2 (8 Monate). Ich nehme mir von meinem Teilzeit-Job eine zehnmonatige Auszeit. Ab August geht meine Frau zurück in den Job. In der Zwischenzeit wollen wir erneut mit Fiete verreisen. Bei K1 waren wir in Spanien. Unser jetziges Ziel: Slowenien. Ich knüpfe direkt an die Erlebnisse der ersten und zweiten Woche an.

Die Tage vergehen schneller, als uns lieb ist. Das immer gleiche Spiel: Morgens aufstehen und frühstücken, dann Spielplatz und K2 ins Bett bringen, Mittagessen und Spielplatz, K2 in Bett bringen und Abendbrot, anschließend Geschichte lesen und in den Schlaf begleiteten. Wir sind in unserer Camping-Routine angekommen, Abwaschen, Putzen, Auf- und Abbau gehen entspannt von der Hand. Wir sind an der frischen Luft und haben immer einen Platz zum Spielen.

Châteauneuf-de-Galaure

Der Bändchen-Campingplatz erweist sich als Glücksgriff, denn außer uns gibt es nur 12 andere Camper auf dem gesamten Gelände. Unsere Routine wird nur durch das Animationsprogramm gestört, nein, erweitert. Morgens um 10.30 Uhr im Kids-Club Zelt Basteln, Malen und Schnitzel-Jagd. Wir nehmen alles mit. K1 hat auch prompt eine Lieblings-Animateurin.

Abends um 18.30 Uhr gibt es Mini-Disco vor der großen Bühne. Wir sind drei Mal dabei und tanzen an einem Abend sogar alleine. Vier Animateure und zwei Kinder. Herrlich. K1 ist leicht überfordert, weil sie so sehr im Mittelpunkt steht. Sie sabbert an ihrer Jacke und erst zurück im Zelt wacht sie auf. Dann tanzt sie und sagt, dass sie jetzt Silke sei, ihre Lieblings-Animateurin.
Die Tage ziehen dahin wie die Wolken am Himmel. Hin und wieder regnet es ergiebig und wir wissen mittlerweile auch, dass es sich um eine ausgesprochen feuchte Wetterlage in ganz Europa handelt. Wir halten am Plan fest, weiter nach Süden zu fahren. Der Indoor-Spielbereich hat uns im Regen gerettet obwohl hier alles so schön nah ist, brauchen wir Sonne, Wärme und alles ein bisschen natürlicher.

Nach fünf Tagen packen wir also alles zusammen, K1 verabschiedet sich von Silke, die eine sehr gute Karriere als Kinder-Animateurin vor sich hat und machen uns auf den Weg Richtung Marseille. Das Wetter verspricht aufzuklaren und wärmer zu werden. Allerdings nur am Zielort und nicht da, wo wir gerade sind. Wir nehmen uns für diese Etappe allerdings nur 156 km vor, denn der ausdrückliche Wunsch aller ist, kürzer zu treten.
Naja, fast aller. Wenn es nach mir ginge, wäre ich schon längst am Meer. Aber hier geht es nicht nach mir, sondern es wir Familien demokratisch entschieden. Also fahren wir weiter in den Süden, in die Region Provence-Alpes-Côte d’Azur auf einen naturnahen Campingplatz am Fuße des Mont Ventoux. Na, ob das Wetter hier besser wird?

Entrecheaux

Es wird! Und wie! Wir lesen in den Nachrichten, dass Sturmtief Axel über Deutschland gerauscht ist und seine Ausläufer bis weiter nach Südfrankreich spürbar sind. Gleichzeitig sitzen wir hier bei 30° C und verbringen eine schöne Zeit auf dem Spielplatz. In kurzer Hose und T-Shirt. Im Allgäu und Österreich, wo wir jetzt theoretisch wären, gab es viele Überschwemmungen. Hier in der Region nahe des Mittelmeeres auf 300m Höhe ist eine andere Welt.

Der Platz ist wunderschön gelegen. Mitten im Pinienwald, eingerahmt von zwei Flüssen die zu einem großen zusammen fließen. An einem Tag haben K1 und ich uns Wasserschuhe angezogen und sind durch das flache Wasser gewatet. Es war so eiskalt und hat riesen Spaß gemacht. Anschließend sind wir ein Stück gewandert. Sie überraschte mir jeden Tag!

Denn am Vortag wollten wir eigentlich die Gegend erkundigen, doch daraus wurde nichts. Denn mit zwei nöhlenden Kindern macht uns allen das keinen Spaß. Nach 1 km drehen wir um und hüpfen lieber auf dem Trampolin. Daher bin ich so derbe überrascht und auch ein bisschen stolz, dass K1 nicht nur durchs kalte Wasser gewatet ist, sondern anschließend einen ca. 2 km langen Spaziergang gemacht hat. Freiwillig!

Dieser Platz hier ist der perfekte Ort zum länger verweilen. Die Menschen hier sind so freundlich und hilfsbereit und haben immer ein Lächeln auf den Lippen. Unter den wenigen Campern sind wir mit Abstand die jüngsten und bei allen bekannt. Leider ist am Wochenende hier eine Veranstaltung, sodass wir am Samstag schon wieder weiterreisen müssen. Mal schauen, wohin es geht. Denn so wirklich weiter zieht es uns nicht.

Und dann war da noch…

… ein langes Telefoninterview für eine große Deutsche Sonntagszeitung. Nach anderthalb Stunden war ich ganz schön fertig, denn das Gespräch war sehr intensiv, bzw. die Fragen waren sehr direkt, sodass ich teilweise echt überlegen musste. Zum Vatertag wird es ein Special über Väter geben, an dem ich mit meiner Geschichte teilnehmen darf. Ich bin gespannt und auch ein bisschen nervös.

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