Papipedia. Alles, was Väter und ihre Kinder brauchen.

Papipedia. Alles, was Väter und ihre Kinder brauchen.

Seit Ingeborg Stadelmann im Jahr 1994 ihr Standardwerk „Die Hebammensprechstunde“ veröffentlichte, sind unzählige Eltern-Ratgeber veröffentlicht worden. Auch wir haben uns mit diesem Klassiker auf die anstehende Geburt unserer beiden Kinder vorbereitet. Hatten wir in der Schwangerschaft unseres ersten Kindes noch zahlreiche weitere Ratgeber gekauft und sogar gelesen (!), war es beim zweiten Kind nur der Klassiker von Ingeborg Stadelmann. Meine große Enttäuschung war das Buch „Oje, ich wachse!“ von Hetty van de Rijt, Frans X. Plooij und Jan Jutte. Vielleicht, weil es mir von zu vielen Menschen als „das beste Buch zur Vorbereitung“ empfohlen wurde, oder weil es vielleicht zu wenig den Papa im Fokus hatte. Ich weiß es nicht mehr.

Aber darum soll es in dieser Rezension nicht gehen. Denn Christian Gaca hat im Oktober 2019 mit PAPIPEDIA ein „Lösungsbuch für fast alle alltäglichen Papa-Probleme“ herausgebracht. Das im Gräfe und Unzer Verlag erschienene Buch hat 208 Seiten und eine Größe von fast DIN A5. Das Papier hat eine sehr gute Haptik und die Serifen-Schrift liest sich sehr angenehm. Das Buch teilt sich grob in 4 Bereiche auf: Vorwort, Hauptteil, Glossar und Service.

Aus dem Inhaltsverzeichnis

Dem Vorwort schließt sich der Hauptteil des Buches an, der noch einmal in vier Kapitel unterteilt ist. „Schwangerschaft“, „Geburt“, „Das Wochenbett“ sowie „Das erste Babyjahr als Vater“. Dem schließt sich auf 20 Seiten das Glossar an, wo Begriffe erklärt werden und auf entsprechende Stellen im Buch verwiesen wird. Wer dann noch weitere Informationen über das Buch hinaus benötigt findet im Kapitel „Service“ neben Büchern zu Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett, Babys und Kinder sowie Vaterschaft auch Adressen zu Informations- und Beratungsstellen sowie Blogs. Dieser ist nicht dabei, schade.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Die Schwangerschaft
Kinderwunsch und Schwangerschaft

Kinder kriegen, in dieser Welt?
Der positive Test – und nun?
Kinderwunsch und Wunschkinder
Was macht eine Schwangerschaft, was ändert sich?

Erstes Trimester: Phase der Anpassung

Meine Frau, das plötzlich unbekannte Wesen
Wer begleitet euch durch die Schwangerschaft?
Hebamme, Frauenarzt … und was Frau noch braucht
Vorsorge: Zwischen Mutterpass und Übervorsorge
Das erste Bild vom eigenen Kind
Wo und wie soll das Kind auf die Welt kommen?
Welche Betreuung ist nach der Geburt sinnvoll?

Zweites Trimester: Phase des Wohlbefindens

Im Kaufrausch: Babyausstattung – was braucht man wirklich?
Der kleine Trageberater
Auch Schieben ist lieben
Lange Wege von A nach B – im Alltag und in den Ferien
Wie viel Platz braucht ein Kind?
Geburtsvorbereitungskurs: Vergesst das Klischee vom »Hechelkurs«

Drittes Trimester: Phase der Anstrengung

Die Geburt rückt näher
Kind und Karriere: Väter in Elternzeit
Der liebe Nestbautrieb
Das Wochenbett vorbereiten
Papierkrieger: Wichtige Organisation im Vorfeld
Warten aufs Baby und die Geburt
Was genau sagt eigentlich der ET?
Angst vor der Geburt, ums Baby und die Partnerin
Welcher Vater will ich werden?

Geburt

Die Aufgaben des Vaters
Das Baby kommt

Wann geht es los?
Der Ablauf einer Geburt
Geburtswege: Wenn es anders kommt

Das Baby ist endlich geboren

Die erste Bindung zu Mutter und Vater

Das Wochenbett
Die ersten Tage in der Klinik oder zu Hause

Ein neuer Lebensabschnitt beginnt
Babys Ernährung nach der Geburt

Zurück in den (Job)-Alltag

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Das erste Babyjahr als Vater
Das Leben mit Baby

Die Last der Verantwortung
Wer schläft wo? Und wenn ja, wie lange?
Wickeln, Windeln, windelfrei?
Tragen und Schieben
Essen mit Babys: Beikost und Stillen
Spielen mit dem Baby
Chaos im Wohnzimmer – und nicht nur dort Wenn das Baby untröstlich weint

Der Elternalltag spielt sich ein

Eine gerechte Aufgabenverteilung Eltern werden – Paar bleiben
Das Leben der anderen
Und ich?! Mission Selbstfürsorge
Was war, was ist, was sein wird
Endlich Experte!

Glossar

Service

Bücher, die weiterhelfen
Adressen, die weiterhelfen
Impressum, Leserservice, Garantie

Über das Buch

PAPIPEDIA liest sich leicht von der Hand und versorgt den Leser mit den wichtigsten Informationen von Schwangerschaft über Geburt bis ins erste Lebensjahr. Dabei schafft es der Autor sehr elegant, kein weiteres „und das passiert im Körper der Frau“ Buch zu schreiben. Stattdessen beschreibt er jeweils zu Beginn eines Kapitels auf wenigen Seiten nur die wesentlichen Eckdaten, um im jeweiligen Unterkapitel den Fokus auf die psycho-emotionalen Gefühlslagen der Väter zu setzen. Vele Unterkapitel werden mit der eigenen Erfahrung des Autors oder anderer Väter abgeschlossen. In „So war es bei mir: Fehlgeburt und der Umgang damit“ beschreibt Gaca zum Beispiel seine Erfahrungen über den Verlust des Fetus in der Schwangerschaft. Er stellt treffend dar, dass sich bei ihm zwar körperlich nichts verändert, aber das Gedankenkarussel sofort los dreht (S. 33f).

„Ich hatte die Tendenz, das Thema sofort abhaken zu wollen. Doch so einfach ist das nicht. Eine Fehlgeburt hat Auswirkungen auf die gesamte Familie und vielleicht auch auf noch folgende Babyzeiten. Die Zukunft die ich mir ausgemalt hatte, sie war weg. »Einfach« so. Und über eine Fehlgeburt redet man nicht. Männer noch weniger als Frauen. Mir war zum Heulen zumute, aber ich »musste« den Zusammenbruch von Anja irgendwie auffangen und abfedern. […] Man muss da durch. Man muss anfangen, darüber zu reden. Mit sich und anderen. Der offensive und offene Umgang hat mir geholfen. Er hat uns geholfen.“

Gaca gelingt mit PAPIPEDIA einen Ratgeber zu schreiben, der unaufdringlich und ohne erhobenem Zeigefinger auskommt. Selbst bei schwierigen Themen, wie Elternzeit oder Zurück in den (Job-)Alltag bekommt der Leser nicht das Gefühl, in eine Richtung gedrängt zu werden. Vaterschaft ist so vielfältig und Gaca macht die richtigen Angebote. Er zeigt sämtliche Felder von elterschaftlichen Aufgaben auf, die im besten Falle gleichberechtigt verteilt werden sollen. Sämtliche Herausforderungen, wie Spielen mit dem Kind, wenn das Baby schreit oder Wickeln, Windeln, windelfrei?; Gaca wägt ab, gibt Pro und Contra und verweist immer wieder auf wissenschaftliche Erkenntnisse, ohne dabei die Entscheidung abzunehmen. Vielmehr nimmt er den Leser an die Hand und ist wie ein guter Freund, der sagt „Egal, wie du wickelst – mach es »slow« (S. 134).

„Beim Wickeln und abhalten, beim Baden und Anziehen kannst du als Vater eure Bindung prima vertiefen. Mac alles, was du tust, langsam und bleibt (sic!) mit deiner Aufmerksamkeit beim Kind. Vermeide jede Hektik. Keiner mag es, wenn er hastig und nebenbei »abgefertigt« wird. Nimm dir also Zeit.“

Das Buch will kein Ratgeber sein, sondern begleitet den werdenden Vater durch die Schwangerschaft und zeigt nahezu alles auf, mit dem er konfrontiert wird. Brauchen wir einen Kinderwagen, brauchen wir ein größeres Auto und was ist mit Elternzeit? Gaca gelingt es, diese Themen gleichberechtigt und unaufdringlich zu beantworten und gibt hier und da eine Entscheidungshilfe. Alles kann, nichts muss. Jede Familie tickt anders und das beherzigt Gaca von der ersten bis zur letzten Seite. Die anstehenden Veränderungen betreffen die ganze Familie, sodass auch das Thema »Mental Load« nicht ausgespart wird. Ein wichtiger Punkt, der in der gegenwärtigen Diskussion stark weiblich besetzt ist. Hier bietet Gaca eine, wenn auch knappe, Sicht auf die mentalen Belastungen rund um Familie, Kind und Partnerschaft aus männlicher Sicht.

Fazit

Nahezu jedes Feld von Kinder kriegen bis zur Entscheidung über weitere Kinder wird in diesem Ratgeber besprochen. Gaca nimmt die Väter mit auf eine Reise und ist wie ein guter Freund, der den Überblick behält, wie der Beipackzettel mit den Sicherheitshinweisen für eine gelingende Vaterschaft. Er gibt Antworten auf Fragen, die nur wenige Väter stellen. Ist dabei weder wertend noch verurteilend, sondern Begleiter, Ideengeber und Mutmacher. Gaca bestärkt den Leser, sich selber und seinen Job nicht so wichtig zu nehmen und nimmt ihm die Ängste und Sorgen für die neue Rolle als Vater. Er macht Mut, sich aktiv für seine Familie einzusetzen, Elternzeit zu nehmen und eine gleichberechtigte Rolle in der Partnerschaft einzunehmen. Dabei macht er stets Angebote, die wie ein »du darfst das« wirken und weniger wie ein »du musst aber«.

Beim Lesen hatte ich nur einen kleinen Kritikpunkt. Der Bereich »Mental Load« kam mir persönlich zu kurz. Wenige Männer sind bereit, sich gleichberechtigt am Haushalt und bei der Erziehung zu beteiligen. Ihre Rolle ist die des Familienernährers, der nicht weiß, welche Kleidergröße seine Kinder haben oder wann die nächste Vorsorgeuntersuchung ist. Die Gründe sind so vielfältig und die Herausforderung so groß, sodass ich mir hier eine detailliertere Perspektive gewünscht hätte. Das tut dem Buch aber keinen Abbruch und ist wahrscheinlich meiner selektiven Wahrnehmung geschuldet. Gut, dass»Mental Load« angesprochen wird, damit werdenden Väter zumindest davon gelesen haben.

Das Buch hat mir außerordentlich gut gefallen, weil es eben kein Ratgeber im klassischen Sinne ist, sondern mehr ein Mutmach- und Lösungsbuch ist. Auch wenn für mich das Thema»Mental Load« ein wenig zu kurz vorkam denke ich, dass es genau richtig ist. PAPIPEDIA überfordert nicht beim Lesen sondern lädt ein, mehr zu erfahren. Es kann jederzeit zur Seite gelegt und an anderer Stelle begonnen werden. Das Buch werde ich mit absoluter Sicherheit werdenden Vätern in meinem Umfeld schenken (ja, so übergriffig bin ich!) und freue mich auf deren Reaktionen. Der erste Schritt ist getan, das Buch ist da. Jetzt muss es nur noch gelesen werden. Oder vielmehr: jetzt darf es gelesen werden.

Leseempfehlung: PAPIPEDIA

Alles, was Väter und ihre Kinder brauchen.

Humorvoll, pointiert und klar: der ultimative Vater-Ratgeber für alle alltäglichen Papa-
Probleme

Endlich ein Buch, das den Männern all die Dinge beibringt, die sie wirklich über die Vaterschaft
 wissen müssen. Vollgepackt mit hilfreichen Ratschlägen, Anekdoten, detaillierten Anleitungen
 und mit einem schrägen Sinn für Humor ist Papipedia der ultimative Leitfaden für schlaflose,
 mit Apfelmus bedeckte Väter überall auf der Welt. Echte Tipps zum Überleben!
 Mit Augenzwinkern und viel Humor schreibt Christian Gaca aus eigener Erfahrung über alle
 Fettnäpfchen und unvergesslich schönen Momente. Vom Babywickeln unter erschwerten
Bedingungen bis hin zu Überlebenstipps als übernächtigter Vater im Job. Wie geht man als
 Vater richtig mit dem Zahnwechsel um? Papipedia erzählt nur eines – die absolute Wahrheit
über das Vatersein!


Christian Gaca ist gelernter Tageszeitungsredakteur, hat einen Magisterabschluss im Fach
 Wirtschaftskommunikation und arbeitete viele Jahre als Kulturredakteur. Derzeit ist er hauptberuflich
für den Deutschen Hebammenverband im Marketing tätig. Zusammen mit seiner Frau Anja Constance
 Gaca hat er vier Kinder und betreibt seit 2013 den Blog „Von guten Eltern“. Außerdem schreibt er für
 andere Medien über Familienthemen.

Format: 13,5 x 21,0 cm, Klappenbroschur
Preis: 16,99 € (D)/ 17,50 € (A)/ 23,90 sFr
ISBN: 978-3-8338-7134-4
Erscheinungsdatum: Oktober 2019

Hinweis: Das Buch habe ich als Rezensionsexemplar vom Verlag zugeschickt bekommen. Herzlichen Dank.

Eigentlich bin ich glücklich, irgendwie aber nicht, trotzdem mache ich so weiter – Wie Glaubenssätze dein Leben bestimmen

Eigentlich bin ich glücklich, irgendwie aber nicht, trotzdem mache ich so weiter – Wie Glaubenssätze dein Leben bestimmen

Für viele Männer dreht sich das eigene Leben mit der Geburt der eigenen Kinder schlagartig um 180 Grad. Die körperliche und emotionale Nähe zur Partnerin geht dabei oft verloren oder reduzieren sich dramatisch. Deine Frau ist gereizt, du bist gestresst, das Baby weint ständig und hängt nur an der Brust. So hast du dir Vaterschaft nicht vorgestellt. Dabei möchtest du alles richtig machen. Stattdessen arbeitest du lange und schaffst es immer weniger, Zeit mit deiner Familie zu verbringen. Vielleicht liegt das an deinen Glaubenssätzen, die deinen inneren Kompass beeinflussen.

Als klar wurde, dass ich Vater werde, hat sich mein Leben schlagartig verändert. Gemeinsam mit Corinna habe ich mir schon vor der Geburt Gedanken über die Zeit mit Kind gemacht. Wer kümmert sich wie um’s Kind, wer geht wie lange und wann arbeiten? Auf jeden Fall Elternzeit, nur wie lange und welches Modell? Überhaupt das ganze Leben musste neu verhandelt und geplant werden. Dabei bin ich immer wieder auf innere Widerstände gestoßen. Auf einer vierwöchigen Reise einige Monate vor der Geburt war ich innerlich so zerrissen, dass ich die ersten drei Wochen gar nicht genießen konnte.

Zurück im Alltag wusste ich, dass eine Veränderung her musste. Der Vollzeitjob als Bildungsreferent, bei dem ich viel an Wochenenden und spät abends arbeiten musste, passte nicht in meine Familienplanung. Er war überhaupt nicht Kompatibel zum Familienleben. Inhaltlich hat mir der Job viel Freude bereitet, aber nicht zu diesen Bedingungen. Es sollte trotzdem noch ein Jahr vergehen, ehe ich einen Entschluss fällen konnte. Ich stand mir selber im Weg und schleppte mich unmotiviert zur Arbeit.

„Du musst einen 40 Stunden Job haben, um deine Familie zu ernähren.“

Was Glaubenssätze mit uns machen

Glaubenssätze sind tief verankerte Überzeugungen über uns selbst und die Welt. Sie beeinflussen unser Denken und Handeln sowie unsere Wahrnehmung der Realität. Vor allem durch die Erziehung unserer Eltern wurde jede Information unbedacht aufgenommen. Schließlich sind sie unsere engsten Vertrauten. Daraus haben wir unterbewusst Wirkmechanismen abgeleitet; also eine innere Wahrheit abgespeichert. Im Grunde beeinflussen sie unseren inneren Kompass und leiten uns in dem, was wir machen und wie wir denken und sprechen.

Das Problem dabei: Glaubenssätze sind unsichtbar, sie lassen sich nicht greifen und sind daher auch schwer zu „begreifen“. Sie befinden sich in unserem Unterbewusstsein. Erst wenn wir uns hinterfragen, kommen wir den Glaubenssätzen auf die Spur. Dabei wird zwischen offensichtlichen und nicht offensichtlichen Glaubenssätzen unterschieden. Zu den offensichtlichen gehören Sätze, die wir laut sagen oder laut denken. Die nicht offensichtlichen sind vor allem innere Überzeugungen und Einstellungen, die unser Verhalten steuern.

Wie du deine Glaubenssätze verändern kannst

Die Schwierigkeit besteht jetzt darin, dass wir unser Bewusstsein aktiv und permanent ansprechen müssen, um bewusst unsere Denkweisen zu verändern. Zum anderen sprechen wir unser Unterbewusstsein an, um unser Handeln zu verändern. Das ist verdammt schwer, denn wir sind Experten unseres bisherigen Lebens. Jetzt sollen wir auf einmal unser Denken und Handeln aktiv verändern?

„Es ist in Ordnung, wenn du deinen Job kündigst, du darfst das!“

Obwohl ich seit fast zehn Jahren mein Leben nach neuen Glaubenssätzen ausrichte, ertappe ich mich hin und wieder, wie ich in alte Muster zurück rutsche. Dann nämlich, wenn meine Erfahrungen aus der Kindheit mich einholen.

Damit also Veränderung gelingt, folgen nun 4 Schritte, die mir geholfen haben, meine hinderlichen Glaubenssätze zu finden und in positive zu verändern. Die Veränderung findet vor allem im Kopf statt.

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SCHRITT 1: Negative Glaubenssätze erkennen

Das Aufspüren der eigenen Glaubenssätze ist sicherlich der schwierigste Teil der Veränderung. Versuche über dich in der dritten Person zu reden, als wenn du neben dir stehen würdest. Stelle dich vor einen Spiegel und stelle Vermutungen an, welche Glaubenssätze dein Denken und Handeln bestimmen. Du könntest auch dein*e Partner*in fragen, was sie über dich denkt.

Beantworte dir Fragen zu verschiedenen Themen. Was denkt der Mann vor mir über Geld, Liebe, Beruf, Arbeit, Familie, Kinder, Hobby?

Als Antworten könntest du zum Beispiel folgende Aussagen feststellen (klick auf die Liste).

Liste von negativen Glaubenssätzen

  • Erfolg im Beruf muss für einen Mann das zentrale Ziel im Leben sein.
  • Ein Mann sollte dazu bereit sein, viel Zeit in seinen Beruf zu stecken.
  • Lange Arbeitszeiten sollten für Männer eine Selbstverständlichkeit sein.
  • Männer sollten Vollzeit arbeiten.
  • Ein Mann sollte sich auf den beruflichen Aufstieg konzentrieren.
  • Mit beruflichen Führungsaufgaben kommen Frauen nicht gut zurecht.
  • Der Beruf ist ein zentraler Bestandteil im Leben eines Mannes.
  • Eine Frau sollte dazu bereit sein, viel Zeit in ihre Familie zu stecken.
  • Es ist nicht gut, wenn ein Mann zu Hause bleibt und die Kinder versorgt.
  • Ich würde einen Mann nicht respektieren, der sich entscheidet, zu Hause zu bleiben, um sich um die Kinder zu kümmern.
  • Kindererziehung ist keine Männersache.
  • Ein Mann kann die Bedürfnisse eines Kindes nur schwer erkennen.
  • Von kleinen Kindern verstehen Männer in der Regel nichts.
  • Die wichtigste Aufgabe einer Frau ist es, sich um die Kinder zu kümmern.
  • Eine Frau sollte in der Kindererziehung die meisten Aufgaben übernehmen.
  • Eine Frau sollte die hauptsächliche Bezugsperson der Kinder sein.
  • Frauen sind am glücklichsten, wenn sie sich zu Hause um die Kinder kümmern.
  • Die tägliche Anwesenheit einer Mutter ist für das Wohlbefinden der Kinder zentral.
  • Ein Kind, das noch nicht zur Schule geht, wird wahrscheinlich darunter leiden, wenn seine Mutter berufstätig ist.
  • Frauen, die sich besonders stark in ihrem Beruf engagieren, können nicht gleichzeitig noch gute Mütter sein.
  • Mütter von kleinen Kindern, die ganztags ihrer Berufstätigkeit nachgehen, tun dies auf Kosten der Entwicklung ihrer Kinder.
  • Eine Mutter ist in den ersten Lebensjahren eines Kindes durch niemanden zu ersetzen.
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SCHRITT 2: Glaubenssätze hinterfragen

Jetzt darfst du deine Glaubenssätze hinterfragen. Stimmen sie wirklich? Sind sie noch aktuell oder schon längst überholt? Hast du wirklich diese Erfahrungen gemacht oder wurden sie dir nur vorgelebt. Vielleicht hast du schon immer Widerstand gespürt und wolltest es anders machen, hast dich aber nie getraut. Trotzdem haben sich die negativen Glaubenssätze eingeprägt.

Beispiel: „Kindererziehung ist keine Männersache.“ – Als Kind habe ich mir immer einen aktiven Vater gewünscht. Trotzdem wurde es mir anders vorgelebt. Heute weiß ich, dass Väter einen wichtigen Teil in der Entwicklung von Kindern übernehmen!

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SCHRITT 3: Negative Glaubenssätze widerlegen

Sicherlich stellst du schnell fest, dass deine negativen Glaubenssätze völlig unbegründet sind. Ganz bestimmt weißt du das auch, es fällt dir nur schwer, dein Verhalten zu verändern. Versuche deine Glaubenssätze zu widerlegen. Du kannst ein guter und liebevoller Vater sein, denn es gibt viele andere Väter, die das auch sind. Und auch wenn deine Biographie etwas anderes sagt, hast du jederzeit die Chance, es anders zu machen. Du musst es nur wollen. Informiere dich im Netz oder in Gesprächen mit anderen Männern und widerlege deine Glaubenssätze. Du wirst sehen, dass es sich lohnt!

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SCHRITT 4: Glaubenssätze richtig formulieren

Nun bist du soweit, deine negativen Glaubenssätze in positive umzuformulieren. Wörter wie „nicht“, „kein“ oder „nie“ werden aus dem Satz eliminiert oder in das Gegenteil umformuliert. Aus den oben genannten Sätzen wird dann beispielsweise: „Kindererziehung ist auch Männersache.“ Wichtig ist hier, dass die Sätze positiv formuliert werden müssen. Je kürzer und prägnanter die Sätze sind, umso eher bringen sie die Aussage auf den Punkt. Klingt zunächst radikal, doch je öfter du dir den Glaubenssatz wiederholst, verfestigt er sich und wird „normal“.

„Glaubenssätze sind unsere innere Wahrheit. Sie zu verändern braucht viel Kraft und Zeit.“

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Pro Tipp

Nimm den Glaubenssatz immer mit. Schreib ihn auf und leg den Zettel in dein Portemonnaie. Du kannst ihn auch gut sichtbar in dein Büro hängen, als Notiz auf deinen Desktop packen oder dir eine regelmäßige Erinnerung von deinem Smartphone geben. Egal was du machst, lass deinen Glaubenssatz sichtbar werden. Durch regelmäßige Wiederholungen verinnerlichst du ihn. Mach ihn zu deiner persönlichen Challenge. Du wirst erstaunt sein, wie schnell sich dein Denken und Handeln verändert.

Ist das jetzt die beste Methode? Bestimmt nicht. Wichtig ist doch vielmehr, dass du deine hinderlichen Glaubenssätze erkennst und den Mut hast, sie zu verändern. Veränderung braucht Zeit und kostet oft viel Kraft. Hab den Mut, diese Herausforderung anzugehen und du wirst schnell Erfolge feststellen. Im Kleinen wie im Großen. Wichtig ist mir dabei zu sagen, dass du immer positiv denken sollst. Wie oben beschrieben gelingt es mir zwar auch nicht immer, meine Glaubenssätze zu leben, aber dafür bleibe ich immer positiv. Denn auch wenn es mal nicht so klappt, wie ich es mir vorgestellt habe, liebe und respektiere ich mich, wie ich bin!

Es lohnt sich! 

Liste von weiteren Glaubenssätzen

  • Ich muss arbeiten, um Geld zu verdienen.
  • Geld ist wichtig, um zu überleben.
  • Ich bin nur zum Geld verdienen gut genug.
  • Man darf keine Gefühle zeigen.
  • Das Denken soll man den Pferden überlassen, die haben die größeren Köpfe.
  • Ich muss stark sein und durchhalten.
  • Ich muss meinen Kindern etwas bieten.
  • Ohne Fleiß keinen Preis
  • Ich darf nicht nein sagen
  • Man kann nicht einfach machen, was man will.
  • Die Welt ist ungerecht
  • Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.
  • Ich muss hart arbeiten.
  • So lange du deine Füße unter meinem Tisch hast…
  • Ein Indianer kennt keinen Schmerz.
  • Lehrjahre sind keine Herrenjahre.
  • Ordnung ist das halbe Leben.
  • Beiß nicht in die Hand, die dich füttert.
  • Frauen sind Zicken.
  • Das Leben ist schwer.
  • Mit dem, was Spaß macht, kann man kein Geld verdienen.
  • Strafe muss sein.
  • Einen Klaps auf den Po hat noch keinen geschadet.
  • Eine gute Frau muss gut kochen können.
  • Wenn ich nicht arbeite, bin ich auch nichts wert.
  • Wer Gefühle zeigt, ist schwach.
Papa in Elternzeit und Mama im Job – Wie der Rollentausch uns geholfen hat, die Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse des Partners besser zu verstehen

Papa in Elternzeit und Mama im Job – Wie der Rollentausch uns geholfen hat, die Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse des Partners besser zu verstehen

Seit Juli ist meine Frau zurück im Job und ich bin als Hausmann bei den beiden Kindern. Wir haben die Rollen getauscht, denn zuvor war meine Frau anderthalb Jahre zu Hause und ich im Teilzeitjob. Dass wir in unseren neuen Rollen angekommen sind, merken wir vor allem an unserer Kommunikation. Mir sind Dinge viel wichtiger geworden, die zuvor meiner Frau wichtiger waren. Gleichzeitig haben wir ein tieferes Verständnis für den jeweils anderen.

Dieser Beitrag soll kein Vergleich sein, wer was besser macht oder wer mehr Schlaf verdient, weil eines der Kinder die Nacht zum Tag macht. Es geht mir vielmehr um die Erkenntnisse, die ich durch den Rollenwechsel vom Job hin zum Hausmann gewonnen habe. Vor 3 Jahren habe ich noch mehr als 40 Stunden pro Woche gearbeitet und war unglücklich im Job. Jetzt bin ich Hausmann und habe seitdem viel gelernt. Nie hätte ich gedacht, dass mich dieser Wandel so nachhaltig prägt und mich die Aufgaben so tief erfüllen.

Der Tag beginnt

Morgens stehen wir gemeinsam gegen 6:30 Uhr auf und starten in den Tag. Ich bereite mit den beiden Kindern das Frühstück vor, ziehe sie an und begleite die beiden auf’s Töpfchen bzw. wechsle die Stoffwindel beim Kleinen. Meine Frau bereitet sich auf die Arbeit vor, frühstückt und packt ihre Lunch Box. Unsere Aufgaben sind klar verteilt, der Tag beginnt routiniert. Meist gegen 8.30 Uhr verlasse ich mit den Kindern die Wohnung und wir machen uns mit dem Bollerwagen auf den Weg zum Kindergarten. Da ist meine Frau schon seit einer dreiviertel Stunde auf der Arbeit.

Auf dem Rückweg vom Kindergarten gehe ich einkaufen für den alltäglichen Bedarf. Die Zeit bis zum ersten Schlaf vom Kleinen muss schließlich genutzt werden. Zurück in der Wohnung lege ich ihn für anderthalb Stunden ins Bett. Durchatmen. Nun ist Zeit für den Haushalt: Putzen, Aufräumen, und Wäschewaschen. Anschließend nehme ich mir mindestens eine halbe Stunde Zeit für meinen Blog, sowie für E-Mails und um Freunden zu schreiben.

Vormittagsprogramm

Der Kleine wird wach und mein Kopf brummt jetzt schon. Natürlich habe ich nicht alles geschafft, was ich mir vorgenommen hatte. Wir spielen jetzt erst einmal für etwa eine Stunde im Wohnzimmer und schaffen Unordnung. Überall liegt wieder Spielzeug, das ich vorher weggeräumt hatte. Erfahrene Eltern werden bestimmt die Augen rollen. Mir ist es aber wichtig, eine ruhige und aufgeräumte Atmosphäre in der kinderfreien Zeit zu haben. Es gibt einen Müsli-, Obst- oder Gemüse-Snack und die Stoffwindel muss wieder gewechselt werden.

Wenn die Exklusivzeit es zulässt, geht es danach in die Küche an den Herd. Zusammen mit dem fast einjährigen Kind schäle ich Kartoffeln, Möhren und bereite das Mittagessen vor. Es ist kein Muss sondern ein Bonbon. Manchmal schaffe ich es sogar, für zwei Tage vorzukochen und die Reste einzufrieren. Oft jongliere ich mir Kind und Kelle, um überhaupt etwas leckeres zu zaubern: Nudeln mit roter Soße gehen immer. Ihr kennt das.

Mittagsprogramm

Corinna kommt gegen 14 Uhr und wird sofort gefordert. Der Kleine will an die Brust und freut sich schon sehr auf seine Mama. Wir essen gemeinsam und spielen mit dem Kleinen. Dabei quatschen wir kurz über die Arbeit  und was der Tag noch zu bieten hat. Meine Frau macht sich mit dem Rad auf zum Kindergarten, während ich aufräume und für Ordnung sorge. Sobald die Familie wieder zusammen ist, gehen wir raus auf den Spielplatz oder spazieren. Bei schlechtem Wetter treffen wir uns mit Freunden im Haus und spielen dort.

Abendprogramm

Unser Abendprogramm beginnt schon um 18 Uhr. Jeden Tag, auch am Wochenende. Routine ist nicht nur für unsere Kinder wichtig und gibt mir auch eine feste Struktur. Wir essen gemeinsam, lesen Bücher, hören Hörbuch und spielen im Wohnzimmer. Um 19 Uhr werden die Zähne geputzt und die Kinder verteilt. Die Große wünscht sich in letzter Zeit von Mama ins Bett gebracht zu werden, ich begleite den Kleinen in den Schlaf. Vor der Brust und mit der Bluetooth Box mit Ventilator-Geräusche am Ohr schläft er schnell ein. Um 20:30 Uhr treffen sich ein müder Papa und eine müde Mama im Wohnzimmer und starten das Abendprogramm. Aufräumen, Wäsche aufhängen, den nächsten Tag besprechen, Aufgaben verteilen. Hin und wieder starten wir einen Film, für den wir meist drei Abende brauchen, um ihn ganz zu sehen. Einer von uns schläft immer ein.

Nachtprogramm

Gegen 22 Uhr meldet sich der Kleine im Zwei-Stunden-Takt und Corinna legt sich zu ihm ins Familienbett. Sie ist dann schon fertig für die Nacht. Meist nehme ich mir noch ein, zwei Stunden mehr „raus“ und schaue Youtube, schreibe Blog oder lese. Diese zwei Stunden sind mir so wichtig geworden, weil ich das Gefühl habe, endlich Zeit für mich zu haben, ohne an die Bedürfnisse anderer zu denken. Nachts holt mich der Egoismus wieder ein. Dann nämlich, wenn ich mit dem Kleinen um 2 Uhr und um 5 Uhr vorm Bauch durch die Wohnung laufe, um ihn wieder in den Schlaf zu begleiten. Schließlich wird er keine anderthalb Stunden später wieder wach und der Tag beginnt von vorn.

„Der Rollenwechsel hat uns geholfen, die Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse des Partners besser zu verstehen.“

Gemeinsamer Perspektivwechsel

Ich durchlebe einen Perspektivwechsel und hätte nicht gedacht, dass mich die Rolle als Hausmann und Care-Daddy so fordern würde. Körperlich wie mental. Zwar habe ich schon vorher in Teilzeit gearbeitet und wusste, was mich erwarten würde. Doch ist es etwas anderes, nicht als Angestellter arbeiten zu gehen und stattdessen als Care Daddy zu Hause zu sein. In mir reift ein tiefes Verständnis über die erlebten Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse meiner Frau, die sie während ihrer Elternzeit immer wieder geäußert hatte. Gleichzeitig hat sie ein viel besseres Verständnis von meiner Situation, als ich noch arbeiten war. Wir können es jetzt erst wirklich begreifen, weil wir es selber erleben und erfahren.

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Mental Load: Alles im Blick behalten

Seitdem ich Hausmann bin, fallen mir viel mehr Dinge auf, die erledigt werden müssen. Hinzu kommt, dass es mir sehr wichtig geworden ist, diese Dinge dann auch zu erledigen. Egal ob Wäsche sortieren, eine aufgeräumte Wohnung (vor allem eine saubere Küche und ein sauberes Badezimmer), ein voller Kühlschrank, ein leerer Mülleimer oder wichtige Termine der Kinder. Mir ist es wichtig und ich bestehe auf klare Absprachen und Umsetzung.

LEARNING: Auf der Arbeit habe ich mir wenig Gedanken über diese Dinge gemacht, sie waren nicht sichtbar. Erst die tägliche Notwendigkeit und Routine machen die Arbeit sichtbar. Mit jedem Tag werde ich kompetenter und beständiger in der Umsetzung. Weder Corinna noch ich denken aber, dass der jeweils andere vor dem Rollentausch mehr Mental Load hatte. Nur die Verteilung der Aufgaben ist jetzt anders.

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Absprachen und Ungeduld

Um 14 Uhr erwarte ich Corinna, wie abgesprochen, zum Mittagessen. Sollte etwas dazwischen kommen, meldet sie sich. In den ersten Tagen hat sie pünktlich das Haus verlassen und war auch rechtzeitig zum Mittag zu Hause. Doch je länger sie wieder im Job ist, desto ungenauer sind die Zeiten, in denen sie heim kommt. Eine Teambesprechung hier, schwierige Patientenfälle da. Dokumentation dauert auch mal länger. Absolut verständlich, kenne ich schließlich auch. Ab 14 Uhr werde ich trotzdem nervös, denn mir ist auf einmal wichtig, gemeinsam pünktlich zu essen. Im Idealfall ist das Essen noch heiß. Außerdem möchte ich rechtzeitig informiert werden, damit ich eventuell später das Essen fertig habe.

LEARNING: Als ich noch arbeiten war, ist es mir auch nicht immer gelungen, pünktlich um 12 Uhr Feierabend zu machen. Emotional belastende Gespräche lassen sich nicht abrupt beenden mit dem Hinweis, dass ich jetzt nach Hause gehe und zu Mittag esse. Gleichzeitig nahm ich immer einen Vorwurf wahr, mich nicht an Absprachen zu halten. Es ist einfach nicht möglich – weder für Corinna, noch für mich. Wir erkennen die Situation als gegeben an. Corinna versteht jetzt viel besser meine damalige Situation und ich viel besser ihre.

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Akkus sind schneller leer

Meine Toleranzgrenze bezogen auf Lärm und Geschrei ist derbe gesunken. Hochsensible Menschen haben es eh schon schwer, ihre leeren Akkus über Nacht aufzuladen. Meine Akkus starten morgens bei nur 75% und sind im Mittag schon fast leer. Zum Glück weiß Corinna das und hält mir in solchen Momenten den Rücken zum „aufladen“ frei. Dann ziehe ich mich zurück und habe anschließend wieder Energie für weitere Aktivitäten mit der Familie und im Haushalt.

LEARNING: Auf der Arbeit bin ich weniger fremdbestimmt, als durch die Bedürfnisse meiner Familie zu Hause. Pausen kann ich flexibler gestalten und auch mal über belangloses Reden. Zu Hause geht das mit den Kindern nicht. Das kostet Energie und Nerven. Ich kann verstehen, dass Corinna Zeit für sich eingefordert hatte, als ich noch arbeiten war. Das habe ich zwar immer schon verstanden, erlebe es nur jetzt am eigenen Leib.

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Experte sein

Obwohl ich als Vater bisher nur in Teilzeit gearbeitet hatte, sah ich mich trotzdem immer als einen engagierten und kompetenten Vater. Aber erst seitdem ich als Hausmann „arbeite“, bin ich wirklich ein kompetenter und aktiver Vater. Egal ob morgens beim fertig machen, bei der Vorsorgeuntersuchung, im Verstehen der Bedürfnisse und Wünsche meiner Kinder, beim Trösten und Spielen oder beim zu Bett gehen: ich bin Experte! Das liegt vor allem an der gesamten Tageszeit, die ich mit den Kindern verbringe.

LEARNING: Auf der Arbeit habe ich den Vormittag mit den Kindern verpasst. Ich wusste nicht, wie ihr Einstieg in den Tag war und was sie beschäftigt hat. Das über den Nachmittag herauszufinden, war kaum möglich. Indem ich sie von morgens bis abends begleite, bin ich immer an ihrer Seite. Ich begleite sie emotional durch Höhen und Tiefen des Tages, tröste sie bei Schmerzen und freue mich mit ihnen.

„Care Arbeit gibt mir viel mehr Selbstvertrauen und Selbstsicherheit, als es Lohnarbeit jemals getan hat.“

Überholspur Care-Arbeit

Ich kenne jetzt also die verschiedenen Modelle mit ihren Konsequenzen:

1. Vollzeit Job mit 40 Stunden Lohnarbeit und ich sehe meine Kinder kaum
2. Teilzeit Job mit 20 Stunden Lohnarbeit und ich fühle mich meinen Kindern gegenüber kompetent
3. Vollzeit Hausmann in Elternzeit mit Experten Status 

Willkommen im Mindfuck! Niemals hätte ich gedacht, dass mein Lebenskonzept so auf den Kopf gestellt wird. Im positiven natürlich. Bisher wurde ich nicht enttäuscht, auch weil der „Übergang vom Vollzeit Job“ kontinuierlich verlief und irgendwie geplant war und doch irgendwie alles zufällig passierte. Es fühlt sich gut an. Der Rollentausch hebt nicht nur die Beziehung zu meiner Frau auf eine neue Ebene, sondern auch die Beziehung zu meinen Kindern. Sie nehmen mich als präsenten und zuverlässigen Vater wahr, der genau so für sie da sein kann, wie es die Mama war und ist.

Erfahrungsbericht Attachment Parenting aus Vatersicht: Ein Interview mit Leoni

Erfahrungsbericht Attachment Parenting aus Vatersicht: Ein Interview mit Leoni

Vor einigen Tagen schrieb mich Leoni aus Wiesbaden an und stellte mir viele Fragen zum Thema Beziehung, Attachment Parenting und Elternzeit. Sie war besonders an der Vater-Perspektive interessiert. Es entstand eine kleine Korrespondent, die ich hier gerne sortiert und geordnet wiedergeben möchte.

Wir möchten auch eine lange Vater-Elternzeit. Und um die Aufgaben wirklich gerecht abzuwechseln, würde ich in der Zeit das Einkommen bestreiten. Leider kann ich nicht Homeoffice arbeiten. Wie haben du und deine Frau die Elternzeiten jeweils aufgeteilt? Ab wann ist sie nach der Geburt wieder arbeiten gegangen und wie viel?
Leoni

Meine Frau und ich haben die Elternzeit gleichwertig zu je 7 Monaten aufgeteilt. Seit Bekanntwerden der Schwangerschaft befand sich meine Frau im Beschäftigungsverbot, da sie auf Intensivstation mit Keimen und gefährlichen Sachen in Berührung kommen könnte. Unsere Tochter wurde im Februar 2016 geboren und eigentlich hätte meine Frau Mitte September 2016 wieder arbeiten müssen. Da sie aber den ganzen Jahresurlaub von 2015 noch vor sich gehabt hätte, dieser aber aufgrund der Schwangerschaft nicht verfallen darf, musste sie also zwangsläufig den Jahresurlaub plus Überstunden von September bis Ende November 2017 nehmen.
Sie war also 1,5 Jahre aus dem Job raus und meine Elternzeit überschnitt sich für einige Wochen mit ihrer. Wir sind dann mit unserem VW Bus durch Europa gereist und haben es uns in Spanien gut gehen lassen. Seit Dezember 2016 arbeitet meine Frau wieder und ich war bis Ende März 2017 mit der Kleinen zu Hause. Während dieser Zeit habe ich auch meinen alten Job gekündigt, weil ich als Sozialpädagoge in einem ehrenamtlichen Sportverband viel abends und am Wochenende arbeiten musste. Das passte nicht zu einer Bindungsorientierten Familienbeziehung. Der Zufall wollte es aber, dass ich ein Angebot ab April 2017 für 20 Stunden erhalte, das ich nicht ablehnen konnte. Seitdem arbeiten wir beide in Teilzeit; meine Frau 30 Std, ich 20 Std. im selben Krankenhaus jeweils vormittags und nachmittags. Das klappt richtig gut und sogar an einem Tag in der Woche springen die Großeltern ein, damit wir einen Nachmittag gemeinsame Zeit verbringen können. Dann arbeiten wir beide nämlich vormittags und haben nachmittags frei.

Wie hat dein Kind den Betreuungspersonen-Wechsel akzeptiert (z.B. das wegfallende Stillen)? Wie lange am Stück konnte sie von eurem Kind getrennt sein? Ging das „trotzdem“ mit dem Hauptperson-Bezugswechsel in Ordnung?
Leoni

Meine Frau ist morgens um 7:45 Uhr aus dem Haus gegangen und kam um 14:15 Uhr wieder zurück. Diese Zeit war kein Problem, war aber schon gut, als sie wieder da war. Mittagsschlaf war auch kein Thema, denn ich habe mich immer zu der Kleinen ins Bett gelegt und ihr die Muttermilch aus einer Flasche gegeben, hab leise und monoton gesungen und hatte auch mal 1-2 Std. Zeit für mich. Aber: jedes Kind ist anders. Die Tochter meine Schwester schläft öfters und länger, heute noch. Unsere Tochter macht mittlerweile keinen Mittagsschlaf mehr, also kann man das schwer pauschal beantworten. Man(n) muss sich bewusst drauf einlassen und sich keine Termine machen. Ganz wichtig, sonst hat man immer das Gefühl, etwas zu verpassen oder los zu müssen oder oder oder. Das merken die kleinen Würmer und dann ist das Theater groß! Also sich selbst nach ganz hinten stellen und das Kind nach vorne, anders läuft „bedürfnisorientiert“ nicht! Wenn das Kind versorgt ist, kann man sich um die Beziehung kümmern und ganz zum Schluss um sich selbst.
Den Betreuungswechsel hat unsere Kleine von Anfang an akzeptiert. Das lag auch daran, weil wir im Grunde einige Wochen zusammen eine tolle Zeit hatten. Es war aber schon ein wenig anstrengend, weil ich ja keine Brüste habe und wir wenig mit Flasche füttern wollten. Mussten wir dann aber, was auch so lala geklappt hat. Je nachdem, wie dein Kind tickt und welchen Charakter es hat, braucht Mann dabei schon starke Nerven. Aber alles gut gegangen, war bei uns ja eine bewusste Entscheidung; also ich wusste, worauf ich mich einlasse. Und sobald meine Frau wieder da war, wurde gestillt… und es wird immer noch gestillt, unsere Kleine ist jetzt 1,5 Jahre alt! Klappt nach wie vor super!

Mein Mann ist ein äußerst fantastischer, einfallsreicher, liebevoller Vater und wir waren uns schon lange einig, Elternzeit und „Carearbeit“ sowie Erwerbsarbeit paritätisch zu teilen. Eben um uns beide als starke Bezugspersonen zu etablieren, zu ermöglichen, dass jeder die Lebenswelt des anderen nachvollziehen kann, für Gleichberechtigung in beiden Richtungen. Wir hätten es unfair gefunden, den Vater einfach außer Hauses in die (Über-)Vollzeitarbeit zu verbannen, auch wenn die gesellschaftliche Anerkennung dieses favorisiert.
Leoni

Da stimme ich dir absolut zu! Rüdiger von mannpluskind.de würde antworten: „Männer können alles, außer Stillen!“ Dadurch, dass wir beide immer bei unserer Tochter waren und sind, erkennt sie uns beide als gleichwertige Bezugspersonen an. Sie hatte mich auch oft Mama genannt, weil Mama einfacher zu sprechen war, als Papa, jedenfalls für sie. Sie war und ist gleich gerne bei mir und macht keinen Unterschied. Wir machen auch fast alles zusammen und gewährleisten so, dass wirklich immer einer von uns beiden Bezugspersonen für sie da ist. Wir erklären alles und beziehen sie in Entscheidungsprozesse mit ein, daher versteht sie auch, dass Mama jetzt arbeiten geht oder Papa jetzt den Abend nicht zu Hause ist und Mama sie ins Bett bringt. Alles ohne Weinen und Trösten, eben weil sie weiß, dass wir zurückkommen und mindestens einer von uns bei ihr ist.

Du schreibst, ihr seid auch Bedürfnisorientiert als Eltern, was ich super finde und gerade bei dieser Einstellung leider selten eine Vaterperspektive zu hören ist. Kannst Du mir dazu Tipps geben? Ab wieviel Monaten funktioniert das? Da wir auch sparsam leben, wollen wir wirklich nach dem Wohl des Kindes und der Partnerschaft entscheiden und nicht primär nach dem Geld.
Leoni

Tipps? Mmmh, also auf jeden Fall auf die Bedürfnisse des Kindes hören und sich nicht drüber stellen, also nicht bagatellisieren. Vor der Geburt bist du als Individuum dir selber die wichtigste Person. Dann kommt deine Beziehung und dann irgendwer anders. Sobald du ein Kind hast, wechselt diese Wichtigkeit schlagartig. Das Kind steht ganz oben auf der Liste, dann kommt lange nichts und dann die Beziehung! Erst an dritter Stelle kommt man selber mit seinen Bedürfnissen und Sorgen und Wünschen und so weiter. Ich glaube, dass Männer – verallgemeinert und überspitzt gesprochen – den Fehler machen, dass sie sich noch immer zu wichtig nehmen, die Frau aber das Kind an erster Stelle setzt. Das erzeugt Konflikte. Also der heiße Tipp von mir: erst das Kind, dann die Beziehung, da du selber. Ist manchmal gar nicht so einfach, die eigenen Eitelkeiten beiseite zu räumen! Aber sprechenden Menschen kann geholfen werden. Der Austausch mit der Partnerin/dem Partner ist wichtig und sollte regelmäßig stattfinden!
Die eigenen Werte nach der Zeit zu bemessen, ist wichtiger, als sie nach dem Geld zu bemessen. Unser Credo ist, dass wir die wenige Zeit die wir haben, lieber mit Qualität füllen wollen, als sie für sinnfreie Arbeit zu vergeuden. Wir wollen sehen, wie unsere Tochter aufwächst und am Leben teil nimmt. Das geht nur, wenn wir die Priorität auf das Leben legen und nicht auf die Arbeit. Ich denke, ihr macht es genau richtig und deine Fragen sind der erste Schritt dahin, es so zu tun, wie du es für richtig hältst. Denn letztendlich kann dir niemand deine Bedürfnisse abstreiten oder klein reden. Wenn du einen Mann gefunden hast, der mit dir dieses Modell leben will, dann zögere nicht und gestaltet aktiv ein tolles Leben als Familie. Dieser Wert ist tausendmal größer, als alles Geld, das man verdienen kann!

Tausend Dank für Deinen schön gestalteten Blog und dafür, dass Du engagierten, aktiven Vätern eine Stimme gibst! Besonders angesprochen hat mich dabei auch, wie Ihr das „Zeit statt Geld“ – Konzept lebt. Besonders den „Verzicht“ auf Auto, Fernreisen etc. – gerade bei jungen Eltern ist es nicht selbstverständlich, die Lösung im Fahrrad, in der Region und im eigenen Einfallsreichtum zu suchen.
 
Ich denke jedoch auch, dass Kinder mehr von einem präsenten Papa als von einem schicken Haus profitieren und wollte euch daher zu eurem Weg gratulieren und viel Kraft und alles Gute wünschen!
Leoni

Sehr gerne, vielen lieben Dank und alles Gute für dich und deine Familie!

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