Konsumkritik – Level 2: Lebensmittel retten

Irgendwann im 2. Semester kam eine Kommilitonin auf mich zu und hielt mir ein frisches Bündel Karotten unter die Nase. „Hier, wir waren Lebensmittel retten, alles frisch. Die Idioten vom Supermarkt schmeißen gute Lebensmittel weg, krass oder?“

In den folgenden Wochen und Monaten haben sich einige Kommilitonen zusammengetan und sind dann nicht mehr containern gegangen, sondern haben bei Supermärkten und Wochenmärkten nach Lebensmitteln gefragt, die nicht mehr verkauft werden könnten. Das hört sich nach Konkurrenz zur Tafel an, ist es aber nicht. Denn die Tafel darf keine abgelaufenen Lebensmittel annehmen und schaut auch bei Obst und Gemüse, was noch ,hübsch’ aussieht.

Meine Tante arbeitet bei einem Discounter im Münsterland und berichtete mir von ihrer Arbeit, was ich zuerst gar nicht glauben wollte. Ihre Aufgabe besteht nicht nur darin, Lebensmittel auszusortieren und sie in Container zu schmeißen. Sie hatte auch den Auftrag, die Lebensmittel im Container mit blauer Farbe anzusprühen, damit sie nicht geklaut werden. Das muss man sich mal vorstellen. Da werden Lebensmittel weggeworfen, die noch verwertbar sind und zum Schutze vor bösen, hungrigen Dieben, unschädlich gemacht. Wo kommen wir denn da hin, wenn Bedürftige die wertvollen Reste mitnehmen. Da vernichten wir sie lieber!

In was für einer Welt leben wir eigentlich? Ich frage mich das tatsächlich des Öfteren und blicke zurück in meine Schulzeit. Wir wurden angehalten, kritisch über Energie, Umwelt und so weiter zu diskutieren. Hatten Projekte und hielten Referate über die steigenden Umweltbelastungen und Ressourcenknappheit. Hungersnöte hier, Dürren und Krieg dort. Das alles sollte uns auf das Leben da draußen vorbereiten und uns zu kritisch denkenden Menschen machen. Und was passiert? Wir schmeißen Lebensmittel weg und sprühen sie blau an. Geht’s noch?

Seit ich meine Frau kenne, sind wir im inneren und äußeren Wandel. Wir hinterfragen nicht nur unseren Konsum, sondern auch unsere Gewohnheiten. Vor kurzem sprach sie mich auf unser Essen an, das wir wegschmeißen. „So geht das nicht. Ganz ehrlich, das muss doch auch anders möglich sein!“ Zack saß sie vorm Laptop und recherchierte. Dabei stieß sie auf foodsharing und meldetet sich direkt an. Wir haben schon oft über facebook Lebensmittel verschenkt, aber noch nicht aktiv über foodsharing. Weil uns aber das eigentliche Teilen nicht reicht, haben wir uns als „foodsafer“ angemeldet.

Foodsafer sind Menschen, die zu regelmäßigen Zeiten an bestimmten Orten (Supermärkte, Bäckereien, Wochenmärkte) Lebensmittel vor der Tonne retten. Seit ein paar Wochen gehen wir nun schon mit und sind nach 3 Probeabholungen bei unterschiedlichen Betrieben fest in der Community hier in Krefeld. Jedes Mal schütteln wir mit dem Kopf, was wir für wertvolle und leckere Lebensmittel retten. Stellt euch vor, der Wochenmarkt schließt und der Bauer weiß genau, dass er die nächsten 3 Tage seine Ware nicht verkauft bekommt. Wohin? Genau, in die Tonne. Aber damit ist jetzt, zumindest bei einigen Verkaufsstellen, Schluss!

Seither geben wir nicht nur weniger für Lebensmittel aus, wir teilen auch viele Lebensmittel mit Freunden und Bekannten. Die freuen sich über die kostenlose Lieferung und die frischen Köstlichkeiten (ja, sie sind wirklich noch frisch). Gleichzeitig lernen wir viel Obst und Gemüse kennen, das wir noch nie zubereitet hatten: Fenchel, Spitzkohl, Rettich und Mangold zum Beispiel.

Mich hat das Konzept überzeugt. Es ist nicht nur ressourcen- und umweltschonend, sondern passt auch perfekt in unser Familienmodell hinein. Ab Mittag habe ich frei und kann die Touren zu den Märkten fahren. Unsere Tochter hat eine Beschäftigung und kommt an die frische Luft – bei Wind und Wetter. Und gleichzeitig erfährt und begreift sie am eigenen Leib, was es heißt, die Umwelt zu schonen und wertschätzend mit unseren Ressourcen umzugehen. Viel besser, als irgendein Vortrag in der Schule! Heute hält meine Tochter die Karotten in der Hand, grinst mich an und ruft „Papa, da, Tatotten“!

Seit wir zu viert sind, haben wir leider viel weniger Ressourcen für Foodsharing. Zwischendurch haben wir Solidarische Landwirtschaft ausprobiert und sind letztendlich beim Wochenmarkt „hängen geblieben“. Beim Foodsharing werden zwar Lebensmittel gerettet, diese haben jedoch viel Plastik. Gleichzeitig ernähren wir uns seit fast zwei Jahren vegan, sodass wir einen Großteil der gerettet Lebensmittel nicht nutzen können.

Bei der Solidarischen Landwirtschaft waren wir knapp ein Jahr Mitglied und haben unsere Lebensmittel vom regionalen Bauern bezogen. Er hat nur für die Gemeinschaft geerntet und dafür finanzielle Sicherheit in Form eines monatlichen Beitrages erhalten. Leider passt das Konzept auch für uns nicht in den Familienalltag. Beide Modelle finden wir sehr gut und richtig, nur passen sie zurzeit nicht in unser Modell.

Daher kaufen wir unsere Lebensmittel hauptsächlich auf dem Bio-Markt direkt beim regionalen Bauern.

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Wir leben Equal Care! Zusammen mit unserer einjährigen Tochter wohnen wir in einer gemütlichen 60qm Wohnung in Krefeld. Schon bevor sie auf die Welt kam war uns klar, dass wir nicht das klassische Rollenmodell leben werden. Die ersten 14 Monate der Elternzeit haben wir daher gerecht aufgeteilt, um eine gute Beziehung zu unserer Tochter aufzubauen. Gleichzeitig sind wir Familienmenschen und setzen alles daran, dass wir auch in Zukunft die gemeinsame Qualitätszeit über die berufliche Karriere stellen.

Antworten

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    1. Danke 🙂 Zahlen reiche ich gerne nach: „Im Schnitt werfen alle Haushalte in Deutschland pro Jahr 6,7 Millionen Tonnen Lebensmittel in den Müll. Pro Person sind das jährlich 82 Kilogramm Lebensmittel im Wert von ca. 235 Euro. Die Vernichtung von Lebensmitteln ist nicht nur ein ethisches, sondern auch ein ökologisches Problem. Immerhin werden sowohl für die Erzeugung als auch für die Vernichtung von Waren Rohstoffe, Energie und Wasser benötigt. Mit jedem Lebensmittel, das unnötig im Müll landet, werden also wertvolle Umweltressourcen verschwendet.“ Quelle: Bundeszentrum für Ernährung