Marlene Hellene – Zu groß für die Babyklappe

Eigentlich hätte ich in diesem Jahr zusammen mit Marlene Hellene und Patricia Cammarata im Rahmen der Session »Neue Väter braucht das Land: Über die neuen Rollen sog. moderner Väter und Mental Load« auf der re:publica 2020 gesprochen. Fabian Soethof hatte uns eingeladen, über Familienarbeit, Vereinbarkeit und Vaterschaft zu diskutieren. Anders als bei Fabian und mir, haben Marlene und Patricia schon Bestseller veröffentlicht. Das folgende Buch könnte wieder dazugehören.

Wie du sicherlich weißt, verstehe ich keine Ironie. Also gar nicht. Mir muss Ironie immer erklärt werden, sonst wird’s peinlich. Für mich. Wobei ich das ja nicht merke und dann ist es eigentlich auch egal. Und obwohl ich keine Ironie verstehe, mag ich die Texte von Marlene sehr. Allein der Titel »Zu groß für die Babyklappe – Geschichten aus dem Müttergenesungswerk« verspricht ein ironisches Feuerwerk. Da ich Marlene schon seit längerer Zeit auf Twitter und Instagram folge, weiß ich ungefähr, worauf ich mich einlasse.

Lebenswelt orientierter Ansatz

Marlene ist jetzt eine Schulkindmama und sieht sich mit alten Ängsten und neuen Sorgen konfrontiert. Einschulung, Hausaufgaben, Schulfotograf und nicht zuletzt: andere Eltern. Habe mir sagen lassen, bloß nicht in Whats-App-Gruppen aufgenommen zu werden und zum Elternvertreter gewählt zu werden. Lieber beobachten, andere machen lassen und immer ein Bier dabei haben. Marlene sagt das auch. Wäre ich tatsächlich Elternvertreter im Kindergarten geworden, wäre das eine schlechte Wahl. Für alle. Denn unsere gefühlsstarke Tochter hat es nur 5 Monate im Kindergarten ausgehalten und verweigert ihn seither. Sie will endlich in die Schule (sie ist 4. Hurra! Nicht!). Bitte lass wenigstens den Schulfotografen cool sein.

Nach der erheiternden Einführung in ihre derzeitige Lebenswelt wird es dann ernster. Mein Belohnungssystem droht mit Dopaminausschüttung. Es wird politisch. Marlene ist wütend. So wütend, dass sie manchmal in GROSSBUCHSTABEN schreibt. Ihr Mann begleitet das gemeinsame drei Wochen alte Kind zum Kinderarzt. Dort sagte die Arzthelferin fassungslos, dass man(n) so ein kleines Baby doch nicht alleine lassen könne. Was ist, wenn es Hunger bekäme? Da wäre nicht nur ihrem Mann die Hutschnur geplatzt. Auch ich kenne diese Erfahrungen sehr gut. Ein Sharing, das mich gebannt weiterlesen lässt. Die Wut überträgt sich.

Das Märchen von Super-Muttis und Super-Vatis

Marlene ist Feministin. Natürlich ist sie das, sie ist eine Frau, mag der wütende Leser meinen. Doch warum sie diesen Aspekt so betont, stellt sie im weiteren klar. Sie schreibt über Ungleichheit, Ungerechtigkeit und die gesellschaftlichen Glaubenssätze über Eltern, die von Generation zu Generation weiter getragen werden. Müttern wird viel aufgelastet und abverlangt. Sie sind Superhelden, weil sie alles scheinbar mühelos wuppen: den Haushalt, die Kinder, den Beruf, die Beziehung, die Freunde, das Hobby, alles Sichtbare und Unsichtbare. Väter ziehen sich zurück, picken sich die Kirschen von der Torte und sind aber auch ganz dolle Superhelden. Weil sie am Wochenende mit den Kindern einkaufen gehen oder Windeln wechseln. Der helfende Mann im Haushalt. IHRE WUT IST IMMER NOCH DA UND MACHT DIESES BUCH SO GUUUUUT. Oh, ‚tschuldigung.

Doch anstatt die Schuldigen für den ungleichen »Mental Load« zu suchen, beschreibt sie die vielen Merkmale der unsichtbaren und sichtbaren Arbeit. Sie ist Christkind, Nikolaus, Osterhase, Zahnfee, Sorgenfresser und Mutter. Sie ist müde und schafft, was eigentlich nicht zu schaffen ist. Die emotionale Arbeit macht müde. Ihre kleinen Geschichten tun richtig gut, auch wenn sie mich sehr an meinen Alltag als Hausmann erinnern. Oder gerade deswegen? Zu wissen, dass es anderen Eltern ähnlich geht, entlastet. Zu wissen, dass andere Eltern auch wütend sind, gibt mir Kraft, weiter aufzuklären und am Patriarchat zu rütteln.

Nachdem der Höhepunkt zum »Mental Load« erreicht ist, lockert uns Marlene mit weiteren schönen Anekdoten und Geschichten, unter anderem über Penis, Hoden, Vagina, Vulva und Scheide, wieder auf. Lachen entspannt und ich brauche doch keine Kopfschmerztabletten. Ein Glück. Aber je näher es dem Ende zugeht, desto mehr habe ich den Eindruck, Marlenes Hände packen verzweifelt den Oberkörper der Leserin und warnen eindringlich davor, nicht SO ZU WERDEN WIE GISELA! LASS DEINEN SOHN ZIEHEN, GISELA, HÖRST DU?! ER IST… oh, sorry, die Wut… Er ist erwachsen und kann selber seine Wäsche waschen und für sich sorgen! Marlene kriegt noch die Kurve und empfiehlt stattdessen Banden zu knüpfen, soziale Kontakte zu pflegen, Hilfe anzubieten und auch Hilfe anzunehmen. Weniger Haben und mehr Sein. Denn im echten Leben gilt immer noch die ungeschminkte Wahrheit. „Um Kinder großzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“

Fazit

Ich gebe es zu. Permanent war da ein Spannungsbogen, der mich hat warten lassen, wann die »Genesung« im Müttergenesungswerk endlich beginnt, wohin sie fährt (Ostsee soll toll sein) und wie lange die Kur dauert. Dass es in dem Buch aber gar nicht um Babyklappen geht und es sich nicht um Geschichten aus dem Müttergenesungswerk handelt, habe ich erst am Ende des Buches gecheckt *fügen Sie hier einen Trommel-da-döm-Tusch ein*. Heiner und Ironie, das ist eine andere Geschichte.

Die Lebenswelt von Eltern besteht aus permanenter Anspannung und wenig Entspannung. Das gelingt ihr in diesem Buch hervorragend gut, weil anders. Ich denke im Verhältnis 1:2. Marlene gibt heitere Anekdoten aus ihrem Leben mit auf den Weg, appelliert an Mütter und Väter, Frauen und Männer, das Abenteuer Familie gemeinsam zu bewältigen. Das Buch ist eine angenehme Sommerlektüre, die Lust auf eine Fortsetzung macht. Und wer weiß, vielleicht dann mit echten Geschichten aus einer Mutter-Kind-Kur.

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