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Dass ich immer viele Kinder haben wollte, war kein Geheimnis. Schon bei den ersten Treffen mit meiner Frau habe ich offen angesprochen, dass ich eine kinderreiche Familie plane. Schließlich habe ich drei Geschwister und unzählige Cousinen und Cousins. Corinna wollte aber höchstens zwei Kinder, ich dagegen eine Fußballmannschaft. Ob das klappen sollte, würde sich erst noch zeigen. Mit Corinna fand ich jedenfalls die Partnerin für mein Familienglück und wir bekamen in den folgenden Jahren zwei wunderbare Kinder.

Fast jeden Abend setzen wir uns gemeinsam auf die Couch und sprechen über den Tag, die Woche und unsere Vorstellungen vom Leben. Die Kinder entwickeln sich ganz unterschiedlich und fordern uns täglich auf’s Neue heraus. Nach zweieinhalb Jahren Elternzeit werde ich im September wieder zurück in den Job kehren und beide Kinder gehen dann in den Kindergarten. Endlich, denn die Zeit zu Hause war für uns emotional sehr anstrengend und besonders für mich sehr belastend.

Unser zweites Kind wird bald drei Jahre alt und automatisch stellen wir uns die Frage, ob unsere Familie komplett ist. Wollen wir ein weiteres Kind in unsere Familie aufnehmen? Wir haben es uns in der kleinen Wohnung wohlig eingerichtet. Jedes Kind könnte in den nächsten Jahren sein eigenes Zimmer bekommen und wir Eltern ziehen ins Wohnzimmer. Dafür bauen wir eine Hochebene ein, auf der wir dann schlafen werden. Mittlerweile spreche ich auch nicht mehr von einer Fußballmannschaft, sondern eine Volleyball-Mannschaft, also sechs Kindern.

Nun haben wir jedenfalls festgestellt, dass wir keine weiteren Kinder wollen. Mir war immer klar, dass ich in diesem Falle eine Vasektomie durchführen lassen werde. Aber woher weiß ich das und was ist, wenn ich in einigen Jahren doch noch einmal Kinder zeugen möchte? Ob du soweit bist, kannst du zum Beispiel anhand der »Green Flag« Checkliste herausfinden. Anhand von 10 Merkmalen kannst du für dich reflektieren, ob du in einer stabilen Beziehung bist. Weiter unten erkläre ich noch, wieso ich mir trotz einer möglichen Trennung für die Vasektomie entschieden habe.

„Mindestens 50.000 Männer lassen sich pro Jahr sterilisieren. Die Vasektomie gilt als einfacher chirurgischer Eingriff, bei dem nur selten Komplikationen auftreten. Die Sterilisation der Frau (Tubensterilisation) ist vergleichsweise aufwändiger und mit höheren Operationsrisiken verbunden.“

Quelle: TK.de

Bei einer Vasektomie werden in einer ambulanten Operation unter lokaler Betäubung beide Samenleiter durchtrennt. Ab dann ejakuliert der Mann zwar wie gewohnt, mit der Ausnahme, dass keine Spermien mehr in der Flüssigkeit schwimmen. Drei Monate nach dem Eingriff und vielen „Spülungen“ später können die Paare wieder ungeschützten Geschlechtsverkehr haben, ohne Risiko, schwanger zu werden.

Laut PEARL Index ist die Sterilisation des Mannes die sicherste und schonendste Verhütungsmaßnahme, die es derzeit gibt. Corinna muss keine Hormone einwerfen, die ihren Hormonhaushalt mega aus der Bahn werfen und das Risiko von Thrombosen steigert. Wie großartig ist das Bitteschön?!

Beim niedergelassenen Urologen in der Praxis

Vor einem Jahr ging ich also zu meinem Urologen und besprach mit ihm eine mögliche Vasektomie. Er untersuchte meinen Hoden, tastete nach den Samenleitern und schallte mit einem Ultraschallgerät. Das Gespräch über die Vasektomie hat länger gedauert, als die eigentliche Untersuchung. Er stellte mir Fragen über meine Beziehung, die Familiensituation und den Wunsch nach weiteren Kindern. „Weiß ihre Frau, dass Sie hier sind?“ oder „Haben Sie gemeinsam entschieden, dass die Familienplanung abgeschlossen ist?“ waren solche Fragen, die ich ehrlich beantwortete.

Er gab mir die Nummer vom örtlichen Krankenhaus, in dem die ambulanten Eingriffe durchgeführt werden. Prima für mich, denn dort arbeiten wir und es liegt nur 5 Minuten zu Fuß entfernt von zu Hause. Doch dann kam Corona und alle Pläne haben wir auf Eis gelegt. Das war gut, denn Corinna und ich konnten somit ein Jahr im Gespräch bleiben und abklären, inwieweit wir uns WIRKLICH sicher sein würden. Mit den sinkenden Corona Inzidenzwerten im neuen Jahr sank auch meine emotionale Erschöpfung. Der Entschluss blieb, dass unsere Familie komplett ist. Statt Volleyball in der Halle spielt unsere Mannschaft jetzt Volleyball am Strand.

In der urologischen Ambulanz im Krankenhaus

Vor zwei Wochen rief ich in der Urologischen Ambulanz im Krankenhaus an und vereinbarte einen Termin zur Aufklärung und direkt zwei Tage später einen für den Eingriff. Puh, das ging dann doch irgendwie ganz schnell. Urolog*innen sind in der Regel witzige und einfühlsame Ärzte*innen. Natürlich ist das ein Klischee und ja, es gibt sicherlich auch Arsch****. Wenn mir da unten aber jemand an den Eiern herumschneidet, brauche ich jemanden, der mich einfühlsam begleitet. Daher bestärke ich mich positiv, indem ich sage, Urologen sind super freundlich und einfühlsam. Außerdem hat mir der Gedanke Mut gegeben, die Vasektomie durchzuziehen.

Der Assistenzarzt bei der Aufklärung war wirklich super freundlich. Er besprach mit mir den Eingriff, dass ich in den nächsten drei Monaten drei Spermiogramme abgeben müsste, keinen ungeschützten Sex haben dürfte – ok, darf ich schon, aber dann ist das Risiko einer Schwangerschaft noch da. Kein Regressanspruch möglich, ich musste das unterschreiben. „Bitte den Hoden zur OP rasieren, am besten heute noch machen.“ Wir sprachen auch über die anstehende Geburt seines zweiten Kindes und dass es jeden Moment soweit sein könnte. Ich verriet ihm, dass wir Kollegen sind, weil ich im Sozialdienst arbeite, aber seit zwei Jahren in Elternzeit bin. Er wollte direkt wissen, wie die internen Abläufe für Elternzeit Anmeldungen sind und ob es etwas zu beachten gibt. Ich hatte ein gutes Gefühl für die OP und wünschte ihm eine schöne Geburt.

Weil an dieser Stelle oft die Frage nach den Kosten kommt, habe ich den Kostenvoranschlag mal verlinkt. Insgesamt werde ich ca. 730 EUR inkl. MwSt. zahlen. Die Rechnung kommt in den nächsten Tagen. Etwas sauer ist mir der Corona-Abstrich aufgestoßen. Für den muss ich 150 EUR (netto) zahlen und wahrscheinlich verdient hieran das Krankenhaus am besten.

„Die Vasektomie unterstreicht meine feministische Haltung, denn ich als Mann übernehme die Verantwortung bei der Verhütung!“

Am Freitagmorgen saß ich wieder im Wartebereich der urologischen Ambulanz. Die letzten 24 Stunden bin ich ruhiger gewesen als sonst und habe viel nachgedacht. An der Entscheidung habe ich nicht gezweifelt, die Entscheidung stand für mich fest. Vor Operationen werde ich immer ruhiger und in mich gekehrter. Dann stelle ich mir die Abläufe der Operation vor, überlege mir Fragen, die ich stellen möchte und plane die Zeit danach. Corinna und die Kinder warteten draußen auf dem Spielplatz und würden mich abholen, sobald der Eingriff geschafft ist.

Die Vorbereitungen am Tag des Eingriffs

Zunächst sollte ich meinen Hoden mit einem Mittel zur örtlichen Schmerzausschaltung einreiben. 30 Minuten später wurde ich von einem Pfleger in den OP gebracht und für den Eingriff vorbereitet. „Bitte unten herum frei machen, T-Shirt können Sie aber anlassen.“ Der Mann war sehr freundlich und zuvorkommend. Ich fühlte mich gleich wohl. Anschließend legte ich mich auf die Liege und der Bereich um meine Hoden wurde großräumig mit Jod desinfiziert. „Wird gleich richtig warm, nicht wundern! Sie werden schwitzen wie Sau unter dem Tuch.“ Oja, es wurde wirklich sehr warm.

In der Zwischenzeit kam der operierende Oberarzt hinzu. Obwohl er eine Maske trug, konnte ich sehen, dass er lächelte. Ein fröhlicher junger Mann mit rheinischen Akzent, der besonders freundliche Augen hat. Ich fühlte mich wieder sehr wohl und gut aufgehoben. Er fragte mich, wie ich mich fühle, wie viele Kinder Corinna und ich haben und ob ich weiß, was der Eingriff für die Familienplanung bedeutet. „Sonst wären Sie wahrscheinlich nicht hier,“ grinste er mich an. Wir lachten und die Atmosphäre war locker. Ein Assistenzarzt kam hinzu, der ebenfalls sehr freundlich war. Beide trugen eine Spiderman OP Haube und später fand ich heraus, dass sie auch in der Kinderurologie arbeiten. Perfekt! Meine Aufregung wurde weniger.

Der Eingriff beginnt

Sie begannen mit der linken Seite und erklärten mir jeden Schritt. Zuerst tastete der Oberarzt nach meinem Samenleiter, was gar nicht so einfach war. Er massierte ihn vorsichtig nach oben, was nicht schmerzhaft war. Trotzdem ein seltsames Gefühl, wenn dich jemand im Intimbereich berührt, der nicht dein* Partner*in ist. Unwohl fühlte ich mich nicht, ich versuchte mir die Situation als Außenstehender vorzustellen. Hin und wieder zog es leicht in der Leiste und in den Bauch hinein, was auszuhalten war. Mit einer Spritze, die er Mücke nannte, spritzte er das lokale Betäubungsmittel in den Hoden. Der Einstich tat nicht weh, vielleicht ähnlich der Spritze beim Zahnarzt ins Zahnfleisch. Ok, jeder Mensch hat ein anderes Schmerzempfinden, für mich war es schmerzfrei.

Anschließend wurde der Bereich mit einer Spitzzange festgehalten und der etwa 1 cm kurze Schnitt gesetzt. Mit zwei Ringklemmen wird der Samenleiter gehalten und dann durchtrennt. Beide Seiten wurden verödet und mit einem Bändchen abgeschnürt. Anschließend wurden Sie entgegengesetzt wieder in das Hodengewebe gelegt. Bei meinem linken Hoden hat der Eingriff etwa 45 Minuten gedauert und beim rechten Hoden 15 Minuten. Ich war ein bisschen irritiert und erzählte von einem Bekannten, bei dem es nur 20 Minuten für beide Seiten gedauert hätte. „Lieber sanft und sorgfältig, wir haben Zeit,“ grinste er mich an. Das gefiel mir, denn auf Schmerzen hatte ich keine Lust.

In der Zwischenzeit erklärte er mir, dass die Vasektomie reversibel sei und ich das sicherlich schon gehört hätte. In Düsseldorf gäbe es einen sehr guten Arzt, der sich darauf spezialisiert hätte und jeden Tag nichts anderes macht, als Samenleiter zusammen zustecken. Aber das würde mich bestimmt nicht interessieren, sonst wäre ich ja nicht im OP. Wir lachten wieder und ich erzählte ihm, dass ich nicht vorhabe, meinen Samenleiter wieder zusammen setzen zu lassen. Selbst wenn ich eine neue Beziehung eingehen sollte, habe ich ja noch zwei Kinder, für die ich verantwortlich sein würde. Das Thema war damit vom Tisch.

Nach einer Stunde war also alles vorbei. Der zweite Schnitt wurde zugenäht und ich konnte mich endlich entspannen. Nach insgesamt einer Stunde wurde ich von meiner Familie nach Hause begleitet. Zu Hause habe ich den ganzen Tag auf der Couch verbracht und mich von meinen Liebsten verwöhnen lassen. Corinna musste noch bis 14 Uhr arbeiten und kam mit vier Eisbechern nach Hause. „Wir müssen doch unsere Tradition beibehalten!“ Nach jedem Krankenhausaufenthalt, egal ob stationär oder ambulant, gibt es bei uns Eis. Denn Eis hilft bei der Heilung! Weiß doch jede*r!

Schmerzen?

Nun sitze ich also an diesem Text am ersten Tag nach dem Eingriff und kühle meine Hoden mit Kühlpacks. Die gute Nachricht: Ich habe keine Schmerzen! Wirklich KEINE. Hin und wieder zieht es in der linken Leiste, aber auf einer Schmerzskala von 0 bis 10 befinde ich mich dann höchstens bei einer 1-2. Am Abend werde ich duschen und die Pflaster entfernen. Jetzt darf ich zwei Wochen keinen Sport machen oder Fahrradfahren. Sobald die drei Spermiogramme keine Spermien mehr nachweisen, war die Vasektomie erfolgreich!

Alles in allem würde ich es jederzeit wieder so machen! Die Schmerzen sind dank der örtlichen Betäubung absolut aushaltbar und nicht jeder Eingriff dauert so lange, wie meiner. Jeder Mensch ist unterschiedlich und so kann es auch sein, dass du nach einer halben Stunde schon wieder entlassen wirst. Solltest du über eine Vasektomie nachdenken, besprich dich auf jeden Fall mit deiner Partnerin und tausche dich mit anderen Männern aus. Du wirst überrascht sein, wie viele Männer bereits sterilisiert sind.

Ist eure Familienplanung soweit abgeschlossen? Kannst du dir vorstellen, eine Vasektomie durchführen zu lassen? Schreib es in die Kommentare, ich bin gespannt auf deine Erfahrungen.

Linkliste

Es gibt weitere Erfahrungsberichte von Männern, die über ihre Vasektomie berichten. Hier findet ihr eine spannende Auswahl. Die Liste wird fortlaufend ergänzt!

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Hi, ich bin Heiner, verheiratet und Vater von zwei Kindern. Als Coach und Familienberater begleite ich Väter auf ihrem Weg zu einer Aktiven Vaterschaft, damit Vereinbarkeit von Familie & Beruf besser gelingen kann. Im Moment befinde ich mich in Elternzeit und kehre im September 2021 in meinen Teilzeitjob als Sozialarbeiter zurück. Wenn du mehr über meine Arbeit lesen möchtest, schau dich gerne um.

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