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Papa in Elternzeit und Mama im Job – Wie der Rollentausch uns geholfen hat, die Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse des Partners besser zu verstehen

Papa in Elternzeit und Mama im Job – Wie der Rollentausch uns geholfen hat, die Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse des Partners besser zu verstehen

Seit Juli ist meine Frau zurück im Job und ich bin als Hausmann bei den beiden Kindern. Wir haben die Rollen getauscht, denn zuvor war meine Frau anderthalb Jahre zu Hause und ich im Teilzeitjob. Dass wir in unseren neuen Rollen angekommen sind, merken wir vor allem an unserer Kommunikation. Mir sind Dinge viel wichtiger geworden, die zuvor meiner Frau wichtiger waren. Gleichzeitig haben wir ein tieferes Verständnis für den jeweils anderen.

Dieser Beitrag soll kein Vergleich sein, wer was besser macht oder wer mehr Schlaf verdient, weil eines der Kinder die Nacht zum Tag macht. Es geht mir vielmehr um die Erkenntnisse, die ich durch den Rollenwechsel vom Job hin zum Hausmann gewonnen habe. Vor 3 Jahren habe ich noch mehr als 40 Stunden pro Woche gearbeitet und war unglücklich im Job. Jetzt bin ich Hausmann und habe seitdem viel gelernt. Nie hätte ich gedacht, dass mich dieser Wandel so nachhaltig prägt und mich die Aufgaben so tief erfüllen.

Der Tag beginnt

Morgens stehen wir gemeinsam gegen 6:30 Uhr auf und starten in den Tag. Ich bereite mit den beiden Kindern das Frühstück vor, ziehe sie an und begleite die beiden auf’s Töpfchen bzw. wechsle die Stoffwindel beim Kleinen. Meine Frau bereitet sich auf die Arbeit vor, frühstückt und packt ihre Lunch Box. Unsere Aufgaben sind klar verteilt, der Tag beginnt routiniert. Meist gegen 8.30 Uhr verlasse ich mit den Kindern die Wohnung und wir machen uns mit dem Bollerwagen auf den Weg zum Kindergarten. Da ist meine Frau schon seit einer dreiviertel Stunde auf der Arbeit.

Auf dem Rückweg vom Kindergarten gehe ich einkaufen für den alltäglichen Bedarf. Die Zeit bis zum ersten Schlaf vom Kleinen muss schließlich genutzt werden. Zurück in der Wohnung lege ich ihn für anderthalb Stunden ins Bett. Durchatmen. Nun ist Zeit für den Haushalt: Putzen, Aufräumen, und Wäschewaschen. Anschließend nehme ich mir mindestens eine halbe Stunde Zeit für meinen Blog, sowie für E-Mails und um Freunden zu schreiben.

Vormittagsprogramm

Der Kleine wird wach und mein Kopf brummt jetzt schon. Natürlich habe ich nicht alles geschafft, was ich mir vorgenommen hatte. Wir spielen jetzt erst einmal für etwa eine Stunde im Wohnzimmer und schaffen Unordnung. Überall liegt wieder Spielzeug, das ich vorher weggeräumt hatte. Erfahrene Eltern werden bestimmt die Augen rollen. Mir ist es aber wichtig, eine ruhige und aufgeräumte Atmosphäre in der kinderfreien Zeit zu haben. Es gibt einen Müsli-, Obst- oder Gemüse-Snack und die Stoffwindel muss wieder gewechselt werden.

Wenn die Exklusivzeit es zulässt, geht es danach in die Küche an den Herd. Zusammen mit dem fast einjährigen Kind schäle ich Kartoffeln, Möhren und bereite das Mittagessen vor. Es ist kein Muss sondern ein Bonbon. Manchmal schaffe ich es sogar, für zwei Tage vorzukochen und die Reste einzufrieren. Oft jongliere ich mir Kind und Kelle, um überhaupt etwas leckeres zu zaubern: Nudeln mit roter Soße gehen immer. Ihr kennt das.

Mittagsprogramm

Corinna kommt gegen 14 Uhr und wird sofort gefordert. Der Kleine will an die Brust und freut sich schon sehr auf seine Mama. Wir essen gemeinsam und spielen mit dem Kleinen. Dabei quatschen wir kurz über die Arbeit  und was der Tag noch zu bieten hat. Meine Frau macht sich mit dem Rad auf zum Kindergarten, während ich aufräume und für Ordnung sorge. Sobald die Familie wieder zusammen ist, gehen wir raus auf den Spielplatz oder spazieren. Bei schlechtem Wetter treffen wir uns mit Freunden im Haus und spielen dort.

Abendprogramm

Unser Abendprogramm beginnt schon um 18 Uhr. Jeden Tag, auch am Wochenende. Routine ist nicht nur für unsere Kinder wichtig und gibt mir auch eine feste Struktur. Wir essen gemeinsam, lesen Bücher, hören Hörbuch und spielen im Wohnzimmer. Um 19 Uhr werden die Zähne geputzt und die Kinder verteilt. Die Große wünscht sich in letzter Zeit von Mama ins Bett gebracht zu werden, ich begleite den Kleinen in den Schlaf. Vor der Brust und mit der Bluetooth Box mit Ventilator-Geräusche am Ohr schläft er schnell ein. Um 20:30 Uhr treffen sich ein müder Papa und eine müde Mama im Wohnzimmer und starten das Abendprogramm. Aufräumen, Wäsche aufhängen, den nächsten Tag besprechen, Aufgaben verteilen. Hin und wieder starten wir einen Film, für den wir meist drei Abende brauchen, um ihn ganz zu sehen. Einer von uns schläft immer ein.

Nachtprogramm

Gegen 22 Uhr meldet sich der Kleine im Zwei-Stunden-Takt und Corinna legt sich zu ihm ins Familienbett. Sie ist dann schon fertig für die Nacht. Meist nehme ich mir noch ein, zwei Stunden mehr „raus“ und schaue Youtube, schreibe Blog oder lese. Diese zwei Stunden sind mir so wichtig geworden, weil ich das Gefühl habe, endlich Zeit für mich zu haben, ohne an die Bedürfnisse anderer zu denken. Nachts holt mich der Egoismus wieder ein. Dann nämlich, wenn ich mit dem Kleinen um 2 Uhr und um 5 Uhr vorm Bauch durch die Wohnung laufe, um ihn wieder in den Schlaf zu begleiten. Schließlich wird er keine anderthalb Stunden später wieder wach und der Tag beginnt von vorn.

„Der Rollenwechsel hat uns geholfen, die Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse des Partners besser zu verstehen.“

Gemeinsamer Perspektivwechsel

Ich durchlebe einen Perspektivwechsel und hätte nicht gedacht, dass mich die Rolle als Hausmann und Care-Daddy so fordern würde. Körperlich wie mental. Zwar habe ich schon vorher in Teilzeit gearbeitet und wusste, was mich erwarten würde. Doch ist es etwas anderes, nicht als Angestellter arbeiten zu gehen und stattdessen als Care Daddy zu Hause zu sein. In mir reift ein tiefes Verständnis über die erlebten Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse meiner Frau, die sie während ihrer Elternzeit immer wieder geäußert hatte. Gleichzeitig hat sie ein viel besseres Verständnis von meiner Situation, als ich noch arbeiten war. Wir können es jetzt erst wirklich begreifen, weil wir es selber erleben und erfahren.

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Mental Load: Alles im Blick behalten

Seitdem ich Hausmann bin, fallen mir viel mehr Dinge auf, die erledigt werden müssen. Hinzu kommt, dass es mir sehr wichtig geworden ist, diese Dinge dann auch zu erledigen. Egal ob Wäsche sortieren, eine aufgeräumte Wohnung (vor allem eine saubere Küche und ein sauberes Badezimmer), ein voller Kühlschrank, ein leerer Mülleimer oder wichtige Termine der Kinder. Mir ist es wichtig und ich bestehe auf klare Absprachen und Umsetzung.

LEARNING: Auf der Arbeit habe ich mir wenig Gedanken über diese Dinge gemacht, sie waren nicht sichtbar. Erst die tägliche Notwendigkeit und Routine machen die Arbeit sichtbar. Mit jedem Tag werde ich kompetenter und beständiger in der Umsetzung. Weder Corinna noch ich denken aber, dass der jeweils andere vor dem Rollentausch mehr Mental Load hatte. Nur die Verteilung der Aufgaben ist jetzt anders.

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Absprachen und Ungeduld

Um 14 Uhr erwarte ich Corinna, wie abgesprochen, zum Mittagessen. Sollte etwas dazwischen kommen, meldet sie sich. In den ersten Tagen hat sie pünktlich das Haus verlassen und war auch rechtzeitig zum Mittag zu Hause. Doch je länger sie wieder im Job ist, desto ungenauer sind die Zeiten, in denen sie heim kommt. Eine Teambesprechung hier, schwierige Patientenfälle da. Dokumentation dauert auch mal länger. Absolut verständlich, kenne ich schließlich auch. Ab 14 Uhr werde ich trotzdem nervös, denn mir ist auf einmal wichtig, gemeinsam pünktlich zu essen. Im Idealfall ist das Essen noch heiß. Außerdem möchte ich rechtzeitig informiert werden, damit ich eventuell später das Essen fertig habe.

LEARNING: Als ich noch arbeiten war, ist es mir auch nicht immer gelungen, pünktlich um 12 Uhr Feierabend zu machen. Emotional belastende Gespräche lassen sich nicht abrupt beenden mit dem Hinweis, dass ich jetzt nach Hause gehe und zu Mittag esse. Gleichzeitig nahm ich immer einen Vorwurf wahr, mich nicht an Absprachen zu halten. Es ist einfach nicht möglich – weder für Corinna, noch für mich. Wir erkennen die Situation als gegeben an. Corinna versteht jetzt viel besser meine damalige Situation und ich viel besser ihre.

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Akkus sind schneller leer

Meine Toleranzgrenze bezogen auf Lärm und Geschrei ist derbe gesunken. Hochsensible Menschen haben es eh schon schwer, ihre leeren Akkus über Nacht aufzuladen. Meine Akkus starten morgens bei nur 75% und sind im Mittag schon fast leer. Zum Glück weiß Corinna das und hält mir in solchen Momenten den Rücken zum „aufladen“ frei. Dann ziehe ich mich zurück und habe anschließend wieder Energie für weitere Aktivitäten mit der Familie und im Haushalt.

LEARNING: Auf der Arbeit bin ich weniger fremdbestimmt, als durch die Bedürfnisse meiner Familie zu Hause. Pausen kann ich flexibler gestalten und auch mal über belangloses Reden. Zu Hause geht das mit den Kindern nicht. Das kostet Energie und Nerven. Ich kann verstehen, dass Corinna Zeit für sich eingefordert hatte, als ich noch arbeiten war. Das habe ich zwar immer schon verstanden, erlebe es nur jetzt am eigenen Leib.

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Experte sein

Obwohl ich als Vater bisher nur in Teilzeit gearbeitet hatte, sah ich mich trotzdem immer als einen engagierten und kompetenten Vater. Aber erst seitdem ich als Hausmann „arbeite“, bin ich wirklich ein kompetenter und aktiver Vater. Egal ob morgens beim fertig machen, bei der Vorsorgeuntersuchung, im Verstehen der Bedürfnisse und Wünsche meiner Kinder, beim Trösten und Spielen oder beim zu Bett gehen: ich bin Experte! Das liegt vor allem an der gesamten Tageszeit, die ich mit den Kindern verbringe.

LEARNING: Auf der Arbeit habe ich den Vormittag mit den Kindern verpasst. Ich wusste nicht, wie ihr Einstieg in den Tag war und was sie beschäftigt hat. Das über den Nachmittag herauszufinden, war kaum möglich. Indem ich sie von morgens bis abends begleite, bin ich immer an ihrer Seite. Ich begleite sie emotional durch Höhen und Tiefen des Tages, tröste sie bei Schmerzen und freue mich mit ihnen.

„Care Arbeit gibt mir viel mehr Selbstvertrauen und Selbstsicherheit, als es Lohnarbeit jemals getan hat.“

Überholspur Care-Arbeit

Ich kenne jetzt also die verschiedenen Modelle mit ihren Konsequenzen:

1. Vollzeit Job mit 40 Stunden Lohnarbeit und ich sehe meine Kinder kaum
2. Teilzeit Job mit 20 Stunden Lohnarbeit und ich fühle mich meinen Kindern gegenüber kompetent
3. Vollzeit Hausmann in Elternzeit mit Experten Status 

Willkommen im Mindfuck! Niemals hätte ich gedacht, dass mein Lebenskonzept so auf den Kopf gestellt wird. Im positiven natürlich. Bisher wurde ich nicht enttäuscht, auch weil der „Übergang vom Vollzeit Job“ kontinuierlich verlief und irgendwie geplant war und doch irgendwie alles zufällig passierte. Es fühlt sich gut an. Der Rollentausch hebt nicht nur die Beziehung zu meiner Frau auf eine neue Ebene, sondern auch die Beziehung zu meinen Kindern. Sie nehmen mich als präsenten und zuverlässigen Vater wahr, der genau so für sie da sein kann, wie es die Mama war und ist.

Über den Autor

Heiner

Hi, ich bin Heiner, 36 Jahre alt und zeige dir, wie du deine Vereinbarkeit von Familie & Beruf gelingender gestalten kannst. Vor einigen Jahren habe ich mein Leben umgekrempelt, meinen Job gekündigt und habe noch mal von vorne angefangen. Meine Erlebnisse und Erfahrungen möchte ich mit dir teilen und dich in deinem Veränderungsprozess begleiten! Zurzeit befinde ich mich in einer langen Elternzeit bis 08/2021.Schau dich ruhig um, es gibt viel zu entdecken!

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